Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 26 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 26:- in der Provinz, darunter auch Temesvar, in denen die Rabbinerstelle derzeit unbesetzt ist, die Aufforderung gerichtet, diese Stellen innerhalb sechs Monaten zu besetzen, widrigenfalls sie ihren Charakter als Muttergemeinden verlieren. Budapest. Eine Deputation der Vorstehung und des Vertretungsksrpers der Pester autonomen orthodoxen israelitischen Religionsgemeinde unter der Führung des Präsidenten Moses Freudiger, Vizepräsidenten Dr. Jakob Schächter und Oberrabbiner Koppel Reich erschien vor einigen Tagen beim Bürgermeister Dr. Stefan B a r c z y, dem der Sprecher der Deputation, Dr. Jakob Schächter, eine Denkschrift überreichte, in welcher die Gemeinde initteilr, daß sie in der Kazincy-ucza eine neue Synagoge, eine Rabbinerwohnung und ein Gemeindegebäude, sowie ein Elemenrar- und Bürgerjchnlgebände zu errichten beabsichtige. Die Bauten beanspruchen etwa eine Million Kronen. Da die Religionsgemeinde nicht in der Lage ist, diese große Summe aus Eigenem zu decken, richtet sie an die Hauptstadt die Bitte um einen Beitrag von 200.000 Kronen. Oberrabbiuer Koppel Reich richtete sodann an den Bürgermeister eine gehaltvolle Ansprache, in welcher er dessen Tätigkeit in schwungvollen Worten würdigte und ihm sodann den Segen erteilte. Der Bürgermeister erklärte, die Bitte der Religionsgemeinde mit der größten Freude zu unterstützen; sei es doch Pflicht der Haiiptstadt, alle kulturellen Bestrebungen zu fördern. London (Ein jüdischer Erfinder.) Vor kurzem fand im königlichen Palast zu London in Gegenwart des Königs Eduard VII. die Demonstration einer interesianten Erfindung eines aus Rußland eingewanderreu Juden statt. Der Erfinder Sigmund Kutnow denionstrierte eine ganz neuartige Uhr, die eine Revolution auf dem Gebiete der Uhrenfabrikation herbeizuführen bestimmt ist. Die neuartige Uhr schlägt nicht und lickt nicht, verhält sich immer ruhig, wodurch sie sich besonders für Krankenzimmer eignet und hat den Vorzug, tausend Tage ohne aufgezogen zu werden, zu gehen. König Eduard, sowie eine Anzahl hervorragender Fachleute zollten dem Erfinder große Anerkennung. Feuilleton. Eine geöildete Krau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Gundel war immer ein hochbegabtes, sehr fleißiges Kind gewesen, der Liebling ihrer Eltern und Lehrer, sowohl aller wohlwollenden Kinderfrennde ihrer Vaterstadt. . Nach jeder Schulprüfung, welche regelmäßig zweimal des Jahres abgehalten wurde, wobei sie gewöhnlich den ersten Preis erhielt, gab ihr der würdige Ortsdechant noch extra eine große Silbermünze zur Belohnung und kleinere Geldstücke von anderen Schulfreunden verschmähte das arme Küsterstöchterchen auch nicht als Belohnung anzunehmen. Ja, als sie bei Gelegenheit der Schulvisttation des Vikarius die Bewillkommnungsansprache gehalten, gab ihr dieser beim Abschiede einen goldenen Dukaten. Sie hütete sich wohl, ein Stück dieser geschenkten Münzen, woran sich so schöne Erinnerungen knüpften, für sich zu verausgaben und die Eltern waren trotz ihrer drückenden Verhältnisse doch zu gewissenhaft, um ihr einen Teil ihres sorgfältig gehüteten Schatzes abzufordern. Sie sparte, sparte für ihren Jugendfreund, den Rudolph." Hier machte Frau Rösl eine kleine Pause, während der junge Doktor einige Male schweigend im Zimmer auf und ab schritt. Nachdem der junge Mann wieder Platz genommen, fuhr Rösl fort: „Der alte Dechant, ein Menschenfreund in des Wortes schönster Bedeutung, nahm sich der braven, talentierten Kleinen an, unterrichtete sie privat in allem Notwendigen, las mit ihr die heiligen Schriften des alten und neuen Testamentes, ferner der Reihe nach die meisten deutschen Klassiker und andere belehrende Werke. Seine verwitwete Schwester, welche ihm den Haushalt führte, war in ihrer Jugend Jndustrielehrerin gewesen. Dieselbe brachte dem lernbegierigen Mädchen die notwendige Fertigkeit in weiblichen Handarbeiten bei. Eine an der städtischen Mädchenschule angestellte Lehrerin hatte unverhofft eine glänzende Partie gemacht und. weit' weg geheiratet. Küsters Gundel bekam die freigewordene Stelle, wohl nur provisorisch, aber mit einem Gehalte, der ihre kühnsten Erwartungen überstieg. Da sie nebenbei noch Privatunterricht in Handarbeiten erteilte, so brachte sie es zuwege, nicht nur ihre Eltern, deren mehr als frugale Lebensweise sie auch fernerhin ohne Murren teilte, zu unterstützen, sondern auch monatliche Beiträge durch Vermittlung seines Vatersan Rudolf zu senden, ohne ihre Sparbüchse antasten zu müssen. Eintönig und freudlos verging dem guten Kinde das Leben. Arbeiten, sorgen und sparen, das war der Inhalt ihres Daseins. Ihre ganze Hoffnung auf eine glückliche Zukunft setzte sie auf Rudolf, trotzdem er nur selten einen Versuch machte, sie zu erfreuen. Seine Briefe an sie enthielten kaum etwas anderes, als Beschreibuugen von Studentenkneipereien, wüsten Gelagen und nächtlichen Orgien, trotzdem er doch wissen mußte, wie sehr ein derartiges Thema ihr sanftes, keusches Gemüt verletzen müsse. Vom Fortgange seiner Studien, endlicher Ablegung seiner Prüfungen war in seinen Briefen trotz ihrer mehrmaligen Aufforderung niemals die Rede gewesen. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen. Der Lehrkörper der Mädchenschule zu P., dem Gundel nun definitiv einverleibt war, unternahm einen Ausflug nach einer, einige Bahnstationen entfernten Burgruine, von deren noch ziemlich gut erhaltenem Turme sich eiue weite Fernsicht darbot. Gundel hatte vor kurzem ihr Lehrerinnen» Examen nach anhaltendem privatem Studium mit ausgezeichnetem Erfolge abgelegt. Ans diesem Anlasse mußte sie einige Tage in der Hauptstadt verweilen, wo Rudolf seinen Studien oblag. Alles Leid war vergessen, und stolz blickte die Lehrerin um sich, wenn sie auf der Straße an der Seite des bildhübschen Studenten einherging. Welche holden Znknnftspläne halten die beiden glücklichen Menschenkinder während der kurzen Zeit ihres Beisammenseins ausgeheckt! Doch allzubald war der Reif der Enttäuschung auf Gundels junges Glück gefallen und hatte die zarte, solch' köstliche Früchte verheißende Blüte mit seinem verderblichen Hauche gestreift. Gundel hatte Vormittags ihre letzte Prüfung auf glänzende Weise bestanden und packte eben ihren Koffer, um Abends die Heimreise anzutreteu. Da kam Rudolf ins Zimmer, sie verabredetermaßen zu einem letzten gemeinsamen Spaziergange abzuholen. Er mußte die Nacht durchschwärmt und seinen Rausch noch nicht ausgeschlafen haben; denn er trat, ohne seine keck aufs Ohr gestülpte Kappe abznnehmen, ins Zimmer, ging geradewegs auf Gundel zu und machte den Versuch, sie zu umarmen und zu küssen. Das erschrockene Mädchen schleuderte den Zudringlichen mit voller Kraft von sich, so daß er bis zur Türe taumelte. „Altjüngferliche Prüderie!" rief er grollend ans. Gundel war todesbleich geworden. Also eine alte Jungfer war sie ihm jetzt. Der einzige Reiz, den sie je besessen, der. Jugendreiz, war schon verflüchtet und nichts geblieben, als ihre Häßlichkeit, und nichts für sie zu hoffen, als entsagungsvolle Ergebenheit in ihr Schicksal als Verlassene, Verschmähte.... Von da an lebte Gundel noch zurückgezogener als vorher. Aus mehreren Gründen hätte sie es gerne vermieden, an der Pfingstfahrt teilzunehmen, schon aus Sparsamkeitsrücksichten. Denn die letzte Silbermünze, ja sogar der glänzende Dukaten war dem nimmersatten Moloch von Rudolfs Genußsucht zum Opfer gefallen. Mit diesem Gefühl hatte sie gänzlich abgeschlossen, seit sie sogar den Briefwechsel mit Rudolf aufgegeben. Dem dringenden Zureden ihrer Kollegen und Kolleginnen gelang es trotzdem, das verbitterte Mädchen zur Teilnahme zu bewegen. Am Bestimmungsorte angelangt, zog sich Gundel unbemerkbar von der heiteren Gesellschaft zurück und erklomm die wacklige, baufällige Wendeltreppe, welche von dem mit Gerölle bedeckten Burghofe hinauf zur Spitze des Turmes führte, um dort in einem Winkelchen allein und vergessen ihren Gedanken nachzuhängen, bevor die andere Gesellschaft sich ausgeruht hatte. Wer beschreibt ihr Entsetzen, als sie müde und schweratmend oben angelangt, auf dem Gesimse des Turmes eine Männergestalt sitzen sah und in derselben Rudolf Hilber erkannte. Schreien oder auch nur Rufen durfte sie nicht, um den Waghalsigen "in seiner gefährlichen Stellung nicht zu erschrecken, auch hätte sie keinen Laut aus ihrer Kehle hervorzubringen vermocht. Sie hob mit rührendem Ausdrucke die Hände bittend zu ihm empor, und alle ihre Liebe zu ihm, ihre Äugst um sein in Gefahr schwebendes Leben konzentrierte sich in dieser Geberde. (Fortsetzung folgt.)