Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 26 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 6. Die Wahrheit Der Gerichtshof, dessen Vorsitzender nach der Vereinbarung der geehrte Leser selbst ist. zieht sich zur Beratung zurück, ihm bleibe das Urteil überlassen. 8. Yineta. Wie die ans dem Indrntnm Ansgetretenen markiert werden soUten. „Schreien Hilst nichts, Tatsachen müssen sprechen." So lautet ein bei uns landläufiges Volkssprichwvrt. Und wahrlich, wenn man allwöchentlich die in den Wiener jüdischen Blättern enthaltenen „Listen" der „Ausgetretenen" lieft, da bemächtigt sich unser satt instinktiv der Gedanke, daß es schon hoch an der Zeit sei, ein neues Sprichwort zu ergründen und in Umlauf zu setzen. „Schreiben hilft nichts, Tatsachen müssen spreche n." So ungefähr hätte das neue jüdische Volkswort zu lauten. Oberflächlich beurteilt scheint die Veröffentlichung dieser „Liste" nur administrativen und amtlichen Zwecken dienlich zu sein, um vor so manchem Mißbrauch Schutz zu bieten, der sonst im jüdischen Gemeinde- oder Familienleben sich eingeschlichen hätte. Faßt mau aber den Gesamtzweck dieser offiziellen „Liste" näher ins Auge, so kommt man unstreitig auf den Gedanken., daß dieselbe auch noch einen praktischen Hintergrund besitzt. Sie hält nämlich Zahl und Namen der „Ueberläufer" stets am Laufenden, sie markiert dieselben und stellt sie gleichsam an den moralischen Pranger. Allerdings in unserer voll Renegatentum und Assimilationsmanie angekränkelten Zeit ein nicht zu unterschätzendes Abschreck- und Warnungsmittel, das aber, um durchzugreifen, in einem wesentlich erweiterten Maße angewendet werden sollte. Was nütz: es, daß die „schwarze Liste" regelmäßig in den jüdischen Blättern in ständiger Rubrik erscheint, wenn gerade diese Blätter leider nur von einem minimalen Perzentsatz der jüdischen Bevölkerung gelesen und auch da nur selten ihres ganzen Inhaltes gewürdigt werden! Wie peinlich ist es anzusehen, wenn in einem öffentlichen Lokale mitunter ein jüdischer Leser, der" sonst den Ruf eines sogenannten Zeitungsmarders genießt,' gerade das jüdische Blatt so stiefmütterlich behandelt, es geradezu nur durchstiegt, just nur die Ansschriften fixiert und mustert, so mancher wichtigen aktuellen Frage aber, die darin aufgerollt, erörtert und gelöst wird, keine Beachtung schenkt und das Blatt gerade so interesselos wie er es in die Hand genommen, wieder beiseite legt! Was fruchtet die publizierte „Liste" mit ihren fetten, ins Auge fallenden Lettern, wenn sie zumeist nur gedankenlos überblickt wird, ja, wenn sich selbst diejenigen, die es angeht, und deren. Namen in der Liste stehen, aus dem Gründe, weil die Liste eben nur von Wenigen gelesen wird, davon nicht im entferntesten getroffen und tangiert fühlen. „Schreiben hilft da nichts, Tatsachen müßten da sprechen." Wie nun die Tatsachen beschaffen sein sollten, die da sprechen und wirken sollten? Ganz einfach. Man gehe nach biblischem Muster, nach der Methode des Altertums vor. Wie oft lesen wir die Fälle in unserer Bibel, wo Verbrecher, gleichviel ob physische oder moralische Verbrecher, teils zur Sühne, teils zum warnenden Beispiel an den Pranger gestellt und öffentlich in Acht und Bann gelegt wurden, und dies alles nur btnw bsi -r® pTr *ik*v‘ ■pöttr. auf daß ganz Israel es höre, in Furcht versetzt werde und niemals mehr den Weg des Frevels betrete. Die „Liste" sollte nicht bloß am Papier stehen, sie sollte nicht bloß als toter Buchstabe figurieren, nein, sie sollte konkrete Formen annehmen, sie sollte durch die Kraft der Sprache, durch laute, weithin vernehmbare Benennung eines jeden Namens der großen Oeffentlichkeit bekannt gemacht werden. Es sollten nämlich allüberall Vereine gegründet werden zur Abwehr gegen das Renegatentum, vorläufig aber sollten öffentliche Versammlungen in allen Wiener Bezirken abgehoben werden, woselbst der so überhandnehmende, verwerfliche und verabscheuungswürdige „Austritt" moralisch gegeißelt und gebrandmarkt, in erster Linie aber jene „Ueberläufer" namhaft gemacht werden sollten, die aus purem Realismus den Glauben abgeschüttelt, aus schnöder Pietätlosigkeit ihrer Abkunft hohngesprochen und den Fehdehandschuh hingeworsen haben. m-. 2lv on n-;»m btniEr sagen unsere Weisen, Das israelitische Volk, das Judentum besitzt vom Urbeginn an die Tugenden, weichherzig und mitleidig, schamhaft und seiusühlend zu sein, rc-iirn ,i»i2 nbnj. Wieheilsam ist die öffentliche Rüge und Brandmarkung, denn sie erwirkt häufig Umkehr und Buße. Wir haben allerdings an jenen,' die bereits den verderblichen Schrnt gemacht, nichts verloren, denn der Jude, wie überhaupt der Mensch, der des Geldes, der Stellung oder der Liebe willen seinen Glauben von sich wirft, der verdient überhaupt nicht mehr, daß man sich mit ihm beschäftigt, geschweige denn seilten „Altstritt" bedauert, aber um jene noch unschuldigen und naiven. Wesen, um die zarte Jugend soll es uns zu tun sein. Sie gegen Prüfungen und Versuchungen stark zu erhalten, sie vor schrecklichen Tältschungen utld Illusionen zu schützen, mit eitlem Wort, sie vor dem moralischen Untergang zu retten, das, j a d a s soll unser Denken, Sinnen lind Streben, das soll unsere heilige Ausgabe seilt. Daniel S k u t e z k y, Religwuslehrer. Das Stndinm des Talmuds und der Kabbalah in der Türkei im sechzehnte» Jahrhundert. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) In Lissabon wurde durch Reubenis Erscheinen, der schon als Christ geboren, von der Natur mit körperlicher Schönheit und geistigeil Fähigkeiten reich ausgestattete Jüngling Salomo Molcho (Diego Pires) so sehr ergriffen, daß er, obwohl er als Neuchrist ein einträgliches und angesehenes Staatsamt bekleidete, heimlich zum Jndentume zurückkehrte. Er führte, gleich Reubeni. eine streng aszetische Lebensweise und lvidmete den größten Teil seiner Zeit dem Studium der Kabbalah. Durch das viele Fasten, wie überhaupt durch die mannigfachen Kasteittngen, die er sich auferlegte, wurde sein Körper so schwach, daß er, der ohuedies eine überaus lebhafte Phantasie hatte, von Visionen und furchtbaren Träumen stets behelligt wurde. Er verließ Portugal und ging nach der Türkei. In Adrianopel lernte er Josef Karo kennen, den er für das Stltdillin der Kabbalah einnahm. Er verweilte eine zeitlang in Palästina, namentlich in dem von Kabbalisten stark bewohnten Saset, wo er allsabbatlich Vorträge hielt, die von einem zahlreichen Auditorium mit gespanntester Aufmerksamkeit angehört und bewundert wurden. Später ging er nach Italien, verweilte einige Zeit in Rom, wo Papst Clemens VII. und andere Kardinäle freundschaftlich mit ihm verkehrten. Jedoch der Leibarzt des Papstes, Jakob Manituo, erkannte ihn bald als einen Schwärmer und Abenteurer und verfolgte ihn so sehr, daß er dem Jnquisitionsgerichte in die Hand fiel, dieses aber mußte ihn auf Anordnung des Papstes, der sich seiner annahm, wieder freilassen. In Rom kam er wieder mit Reubeni zusammen. Beide Schwärmer faßten den Entschluß, sich nach Regensburg, wo damals der Reichstag versammelt war, zu verfügen und dem Kaiser Carl vorzustellen. Sie erhielten auch tatsächlich beim Kaiser Audienz. Einer nicht ganz verbürgten Nachricht zufolge, sollen sie den Versuch gemacht haben, den Kaiser zur Annahme des Judentums anzuregen. Die Folge dieser Audienz war, daß sie beide in Fesseln gegeschlagen wurden. Molcho ließ der Kaiser nach Mantua bringen, wo er 1532 von einem Glaubensgerichte zum Feuertode verurteilt wurde, während Reubeni nach Spanien gebracht wurde, wo er im Kerker starb. Der Geschichtsschreiber R. Josef Hakohen berichtet in seinem „Enrek Habacha" Ausführliches über die beiden Abenteurer. Wir wollen hier bloß das, was er über Molcho erzählt, reproduzieren: „Es ging hervor ein Reis aus Portugal, namens Salomo Molcho, aus dem Stamme der Israeliten, welcher dort seit den Tagen der gewaltsamen Bekehrungen zerstreut lebte. Seine Jugend verlebte er in jener Zeit unter den königlichen Schreibern. Als er jedoch jenen David sah, berührte Gott sein Herz, er wendete sich wiederum dem Herrn, dem Gotte unserer