Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 26 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Die Wadrhett Zelte 5. allgemeinen und einer für jüdische Blätter ganz besonders, hat wenig Zeit und Gelegenheit, sich mit seinem Thema gründlich vertraut zu machen." Richter zu seinen Beisitzern: „Wie Sie sehen, ein circulus vitiosus; einer schiebt dem andern die Verantwortung zu." Ankläger: „Meine Herren Richter! Es liegt hier ein besonders verabscheuuugswürdiger Fall vor. Ein Blatt, welches sich ,Ost und West' nennt, die Interessen russischer und deutscher Juden im Auge haben will, führt seine Leser irre, erregt Interesse für einen Abtrünnigen, erweckt Mitleid und Mitgefühl mit einem unglücklichen Dichter, erzählt, daß er unter einem Brückenbogen des Wiener Donankanals sein Nachtquartier aufgeschlagen, daß er gehungert und gedarbt habe, daß er zufolge dieser Entbehrungen halb blind und taub in frühem Alter sterben mußte, daß er. weil er jonrnalistische Taglöhnerei zu betreiben gezwungen war, nicht zur Vollreife gelangen konnte nnd doch auf dem Gebiete der Heimatsknnst künstlerisch Hervorragendes geschaffen. Meine Herren! Sehen wir uns die Proben dieser Knust einmal genauer an. Die Bauern seiner mährischen Heimat, die Bewohner der geld- und humusreichen Hanna sind es, Stesko und Janko, der Maler Petersilka ist es, von denen er j uns mit verliebtem Griffel und Pinsel Schilderungen liefert, aber kein Wörtchen von seiner eigentlichen Heimat, dem Judentum, dem jüdischen Vaterhause. Meine Herren! Herr Schacherl hat in seinem Aufsatz erwähnt, der Dichter war ein Pessimist, durch all seine Naturschilderungen gehe ein schwermütiger Zug, wehe eine weltschmerzlerische, melancholische Stimmung. Mir erscheint das sehr natürlich und ich gebe zu, daß er ein unglücklicher Mensch war. Ist das aber ein wahrhafter Dichter, der an der geschichtlichen Größe des Stammes, dem er entsprossen, deshalb kühl vorübergeht, weil die Uebermacht des harten Lebens, mit dem er selbst zu kämpfen hat, ihn niederdrückt, ihn blind und taub macht für die Poesie des Judentums? Nein und tausendmal nein. Goethe sagt: Hebt er sich auswärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsicheren Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde. Das ist es, die Erkenntnis, sich selbst entwurzelt zu haben und ein Spiel tückischer Gewalten geworden zu sein, sich nicht zu voller Höhe entwickeln zu können, stimmen David so traurig. Der bekannte Literaturhistoriker Bartels behauptet und alle Antisemiten sagen es ihm natürlich nach, daß nur ein Germane germanisches Volksleben verstehe, es nachsühlen und nachzugestalten vermöge, schon der Halbjude Heyse sei unvermögend dazu. Das ist freilich der barste Unsinn und Leo Berg persistiert dies treffend in folgender Weise: ,So schickte mir einst eine Dame eine Novelle in der bestimmten Erwartung, daß ich sie entdecken und verkünden werde, denn sie sei auch eine Westpreußin und die Westpreußen müßten für einander einstehen. Soviel hatte sie von der modernen Kritik schon weg. Kritik aus Westprenßentum! Heiliger Bartels, das fehlte noch! Ich schrieb ihr, wenn sie was könnte, dürfte sie sogar in Ostpreußen geboren sein; und wenn sie nichts könnte, dürfte sie erst recht in Ostpreußen geboren sein. Dies mein Patriotismus.' Meine Herren, das ist keine Abschweifung, es gehört zur Sache. Niemand ist es eingefallen, David diesen Mangel vorzuwerfen. Man läßt ihn als Erzähler slavischer Bauerngeschichten gelten. So trefflich wußte er seine Rolle zu spielen. Ein mir bekannter Doktor H. erzählte mir vor zwei Jahren, David habe ihm gesagt, er sei aus voller Ueberzeugung zum Christentum übertreten. Meine Herren, gibt es das? Wer, der wahrhaft religiös ist, findet in unserer jüdischen Religion nicht Befriedigung und Genüge? Der Arme hatte auf materielle Förderung gerechnet und als er sich getäuscht sah, spielte er seine Rolle mit Todesverachtung weiter, statt mit Rousseau'scher Offenheit den Irrtum einzugestehen; der Mann war ein Heuchler, ein Betrüger, ein betrogener Betrüger, ich will zugestehen, ein unglücklicher Mensch, aber beileibe kein großer Mensch, kein großer Dichter. Und diesen beiden Herren, die jedes minutiöse Detail aus diesem Leben anfzutischen wissen, um auf die Tränendrüsen zu wirken, sollte die Tanfe Davids unbekannt geblieben sein, das glaube ihnen ein anderer, sie sollten nicht gelesen haben, daß der Wiener Gemeinderat beschlossen hat, seine Asche in einem Ehrengrab unterbringen zu lassen, statt auskömmlicheti Brotes während des Lebens einen Stein auf das Grab? Glauben Sie, Lueger und Bielohlawek hätten zngestimmt, wenn David je nur eine einzige Zeile zugunsten des verleugneten Judentums geschrieben? Haben die beiden Angeklagten David durchaus ins Blatt hinein bekommen wollen, so Hütten sie dies meinetwegen immerhin tun können, aber die Taufe durste nicht verheimlicht werden. Welche Motive die Angeklagten hiebei leiteten, ist gleichgiltig und kommt weniger in Betracht; auf jeden Fall ist es verbrecherisch, irgend einen armen östlichen Juden, den das Pogrom bei Leib und Leben gelassen, dazu zu animieren, seine sauer ersparten paar Rubel gegen die Novellen über Petersilka einzutauscheu, einen „Acher" seiner Bibliothek eluznreihen und obendrein seine Augen damit zu verderben. Ich beantrage die höchste zulässige Strafe." Advokat: „Meine Herren Richter! Das ganze Plädoyer des Staatsanwaltes ist von so rückständiger Gesinnung, ja von! Fanatismus dnrchlränkt. daß icb, um wohltätig von ihm abzuftechen, mich sehr viel kürzer fassen kann. Diese reaktionäre Anschauung zu kennzeichnen, genügt es, wenn ich darauf Hinweise, daß es schlecht um uns stünde, wenn wir z. B. Heine! nnd Börne aus unserer Gemeinschaft weisen wollten, wett sie getansl waren. Sie sind im Gegenteil unser größter Stolz.! Wenn diese beiden Größen von den Antisemiten nicht anerkannt werden, so muß es uns doppelt mit Genugtuung erfüllen, daß wir nun jemand aufznweisen haben, den sogar die Judenfeinde i ehren. Er ist dann doppelt unser, oder vielmehr er bildet gej in einsames Gut. Und dann, meine Herren, wenn es wirklich so wäre, wie der Staatsanwalt behauptet, wie es aber noch keineswegs feststeht, wenn David, dieser .hohe Geist in einer engen Brust,' dieser gebrochene, zarte, sensitive Mensch drüben im anderen Lager Zuflucht und Schutz gesucht hätte! Schlagen wir uns nur an die Brust! Wieviel Äbiveisungen mag er in seinem Kampf, sich durchzusetzen, bei den Juden erfahren haben. Ter Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, manch eine r wüßte ein Lied davon zu singen. Hätten wir Juden nicht die Psticht, ringende Talente zn fördern und sie nicht untergehen zu lassen? Speidel sagte in einem Feuilleton über Börne einmal, es sei ein Verbrechen gegen den heiligen Geist, hervorragenden geistigen Qualitäten die Anerkennung zu versagen. Fühlen wir uns in diesem Falle von Schuld frei? Wenn Sie sich die Frage gewissenhaft beantworten werden, so bin ich des gewiß, daß die von Gehässigkeit und Bornirtheit strotzenden Ausführungen des Staatsanwaltes keine Gewalt über Sie haben werden, und daß der Angeklagte frei ausgeht. Replik des Staatsanwaltes: „Ohne auf die gehässigen, persönlichen Ausfälle des Anwalts zn reagieren, beschränke ich mich daraus zu erklären, wie die Berufung auf Heine und Börne eine ungeschickte Hand, eine unklare Logik bekundet. Diese beiden Herren haben in ihren Schriften unzählige Stellen, wo sie für das Judentum mannhaft eintreten, in denen sich unverhüllte Reue über ihren Fehltritt offenbart. Auch bedarf es eines Davids nicht, um in der Literatur ein gemeinsames Objekt der Verehrung und Liebe für Jud und Christ zu finden. Berthold Auerbach, dem jüngst die Bauern eines Dorfes im Schwarzwald ein Denkmal errichteten, den gekrönte Häupter und Fürstlichkeiten ihrer Freundschaft würdigten, ist ein solcher gemeinsamer Berührungspunkt. Er war Deutscher nnd Jude und blieb Jude. Von ihm haben wir aber auch die bedeutende Spinozabiographie und Uebersetzungen dieses Philosophen. Uebrigens sitzen wir hier nicht zu Gerichte über I. I. David, für den ich ja selbst Milderungsgründe vorbrachte, sondern über jene, die ihn unbefugterweise dorthin einschmnggeln wollten, wohin er nicht gehört und von wo er sich selbst ausgeschlossen. Seine Asche ruhe übrigens sanft in dem Ehrengrabe, das ihm die Christlich-Sozialen verliehen. Ich beharre auf meinem Anträge strengster Bestrafung."