Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 26 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26 Seelen, liegt in unserem Geiste als Juden, besser als Nicht- Juden. Ja. ist man es noch? Sind wir es noch, wie wir es sein sollten? Man srage sich ernstlich, gehe mit sich ins Gewissen, und da wird man finden, daß wir Modernen das Gotteskinddewußrsein verloren haben. Wie soll es ein Judentum ohne den lebendigen Glauben an Gott und Thora vom Sinai geben? Wie soll es ein Judentum geben ohne göttliche Ge- und Verbote? Und wie soll es ein Judentum ohne messianischen Glauben, ohne Erlösungsglanben, Erlösung der Körper und Seelen geben? Wenn wir das alles, sei es bewußt oder schuldlos, über den Haufen geworfen haben, wie sollen wir da noch bestehen können? Wir sahen zu, wie man uns die Bibel, zersetzt und zerfleischt, in Stücke riß — und taten nichts dagegen. Wir sahen zu, wie man gegen Gott und Offenbarung, Wunder und Weissagung. Lehre und Tradition, Moses und die Propheten zu Felde zog — und schwiegen. Wir sahen den Geist des Unglaubens in unser Lager eindringeu — und. entartete, verkommene Inden, halsen wir tatkräftig das alte Gebäude abtragen, um alles mögliche Heidentum au dessen Stelle zu setzen, wollten ein Volk ohne Gott. Judentum ohne Judentum sein. Die Früchte dieses Gebahrens heimst die gegenwärtige Generation ein — und wenn wir wollen, wir können ruhig weiter schlafen. . . Einst war es anders. Einst waren wir das Volk des Heiles und der Verheißung, das Volk Gottes — und wir wollten es sein und bleiben. Israel war das auserwählte Volk — freute sich besten und war stolz darauf. Nicht umsonst, durch Zufall allein wollte es diesen Namen verdienen, es kam dem Rufe der göttlichen Gnade kindlich-freudig, bereitwillig entgegen. Wunderbar, göttlich war bis vor einem Jahrhundert noch seine Geschichte, an seinem felsenfesten Glauben und Gottvertranen prallten alle äußeren Anstöße zurück, wurden alle inneren Zuckungen und Konvulsionen stets siegreich und in kurzer Zeit überwunden. Groß waren die vergangenen Geschlechter, groß deren Führer — und heute? Die gewaltige, grauenerregende Flucht aus dem jüdischen Lager zeigt, wie es um die Sache des Judentums bestellt ist. Wohin soll das alles führen? Will Israel den göttlichen Erlösnngsplau durchkreuzen, itm verderben, vernichten? Tun wir nichts, um das „Untertauchen" durch Stärkung der Fundamente der Religion, durch Stärkung des Glaubens, Stärkung der Seelen und Körper zu verhindern, dann treiben wir einer Katastrophe entgegen, die nicht nur für uns, sondern für die ganze Menschheit verhängnisvoll werden muß. Nicht ohne Strafe lehnt man sich gegen den göttlichen Willen auf, nicht umsonst wirft man von sich das göttliche Gebot, das uns anbefohlen, das Priestervolk der Menschheit zu sein, und schwer, unendlich schwer ist die Verantwortlichkeit für den physischen und moralischen Selbstmord dort, wo es sich um die höchsten Güter des Kosmos und der Geschichte handelt, die, ob wir wollen oder nicht, der Erlösung zugeführt werden müssen. Aushalten könnt Ihr sie, verhindern nicht. Welten werden neu erschaffen werden, Völker werden neu erstehen, der einmal gefaßte göttliche Ratschluß, die Welterlösuug durch ein Volk und einen Erlöser zu vollbringen, kann nicht rückgängig gemacht werden. Gott ist kein Mensch, daß Er sich anders überlege, kein Mensch, daß es Ihn reue. Israel muß sich fügen und fügt es sich nicht — umso schlimmer . .. Bedenket, was Ihr tut, wenn Ihr Euerer Mission untreu werdet! Bedenket, welch Unheil Ihr über Euch und die Welt herausbeschwört! Aber ach, meine Stimme ist schwach, meine Kraft gering, mein Wille ohnmächtig. Ich will meine Stimme erheben und mahnen und rufen und zetern und schreien, aus daß es nicht heißt, wir seien von der Flut der Ereignisse überrascht, überrumpelt worden. Traurig meine Rolle, deren Nichterfüllung vielleicht in der Stunde der Abrechnung vor dem Tribunal Gottes und der Geschichte einen Milderungsgrund bilden, vor der Verdammnis vielleicht noch retten würde. Aber, ach. Gott helfe mir, ich kann nicht anders — denn ich hoffe noch, verspreche mir noch etwas. — daß die große Tat der Anfraffung noch geschehen wird. Wie, woher, wann, das müssen die Großen in Israel bestimmen, ah, wenn sie nur wollten! Elffte Bedingung: ablassen vom Hochmut, der sich die Schiväche, die Krankheit nicht eingestehen will, um sie nicht vor anderen bekennen zu müssen. Der Hochmut war und wird noch unser Unglück sein. Man knirscht lieber heimlich mit den Zähnen, als daß man sich unglücklich und schwach wegen der Verluste, der wöchentlichen Aderlässe sühleu sollte, man läßt das Schifflein gehen in Wind und Sturm, Wetter und Hagel, und gibt vor, sich dabei wohl zu fühlen, froh, daß mau es selbst nicht umstürzt. Also vogue la galere! ohne Hoffnung ans Sonnenschein, wohin, ziel- und planlos in ein endloses Chaos, das man nicht sieht, weil mau vor ihm die Augen verschließt. Man ist krank, groß ist der Zwang, unerträglich die Not, mau kann nicht leben, man kann nicht sterben und will .von dem einen großen göttlichen Arzte nichts wissen, da doch die irdischen, menschlichen Aerzte den Kranken verlassen haben. Wird er sich erheben? Der Arzt klopft an seiner Türe, guckt durch die Spalten, winkt ihm verzweiflungsvoll milde ziz: „Du ans der einsamen Felsenspalte eingezwüngtes Täubchen, lasse dich retten!" Haben wir noch die Kraft dazu? Werden wir unser Grnndübel, das unsere Tempel zerstört, das unser Volk abgeschlachtet, das uns alles, alles genommen hat, den wahnsinnigen, pharisäischen Hochmut abschütteln, werden wir die Kraft haben, da wir röchelnd zu Boden liegen, ihm zu entsagen? Werden wir das? I. I> David. Widerstrebend greise ich heute zur Feder. Ja. wenns gegen das „Deutsche Volksblatt" ginge, oder die „Reichswehr." Es hätte nichts zu sagen, wenn ich meine Angriffe gegen eines der Judenblätter „Neue Freie," „Tagblatt"?c. richtete, (daß sie das zum großen Teile sind, darüber sind Freimd und Feind ja so ziemlich derselben Ansicht), aber ein jüdisches Blatt, das ist ganz was anderes! Ich sehe schon im Geiste das mißmutige, bedenkliche Gesicht des geehrten Redakteurs dieses Blattes, ich höre seine Einwände, Pflicht der Schonung eines Blattes derselben Richtung, außerdem schiefes Licht, in das mau bei Hintansetzung dieser Pflicht gerät und dergleichen. Also ich werde mich gehörig dafür einsetzen müssen, damit die folgenden Zeilen nicht abgelehnt werden, doch ich weiß, der auszusechteude Strauß wird kein gar zu harter sein, wenn ich darauf Hinweisen werde, daß der noble an Zola gemahnende Titel dieser Zeitschrift: „Wahrheit," denn doch zur unerschrockenen Verkündung derselben obligiere; diesem härtesten Beschwörungszwang wird er sich nicht entziehen können. Doch zur Sache! Und die ist in Kürze die, daß in „Ost und West" neulich eine liebevolle, eingehende Besprechung der Werke und des Lebens des dahingeschiedenen Dichters I. I. David, gleichwie dessen Porträt erschienen, und daß der Autor dieses Nachrufes, Herr Max Schacherl, es nicht als notwendig erachtet hat, das wichtige Faktum des Sichtaufenlassens, oder Getauftwordenseins seines traurigen oder traurigmacheudeu Helden zu erwähnen. Welch lächerliche Maus hat doch der kreißende Berg geboren! So höre ich schon manchen der geehrten Leser ansrnfen. Und deshalb die neugierig machende, gewaltig umschweifige Einleitung? Wäre diese Unterlassung ein so großes Verbrechen? Nun, das ist so eine eigene Sache. Der Ankläger sieht alles vergrößert, der Verteidiger verkleinert. Wie, wenn ich mich bemühte, beides in einer Person zu sein, nacheinander konkave uitd konvexe Brillen anszusetzen. Es ist dies freilich viel schwieriger als nur Advokat, oder um; Staatsanwalt zu sein, aber wozu schreibt man denn? Goethe sagt: „Dichter gleichen Bären, die immer an eigenen Pfoten zehren." Dir, geehrter Leser, fällt in diesem imaginären Prozesse also die Rolle des Richters zu. Richter zum angeklagten Redakteur: „Warum haben Sie die Taufe Davids verschwiegen und für seine nachgelassenen Werke Propaganda gemacht?" Redakteur: „Unser Blatt erscheint in Deutschland, wenig sind wir mit den Ereignissen in Oesterreich vertraut, wir verließen uns auf den Referenten." Richter zu Herrn Max Schacherl: „Wie Sie sehen, trifft Sie die ganze Wucht der Verantwortung." Schachert: „Auch ich muß geltend'machen, daß mir die Taufe Davids eine res incognita war. Ein Journalist im-