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Die Wahrheit · 1909-07-02 · Heft 26 (2.7.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 26 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrchsit Redaktion und Administration:! Wien, H/i Novaragasse 27 | Telephon der Druckerei 1530-2. K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 1000.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Aeikschrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Areitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig.K 14 — j! Halbjährig.K 7.—! Für Kultusbeamte: j Ganzjährig.K 10.— Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Ilv. 26 Wieu. 2. 3uli 1909. Inhalt: Austritte. — I. I. David. — Wie die aus dem Judentume Ausgetretenen markiert werden sollten. — Das Studium des Talmuds und der Kabbalah im sechzehnten Jahrhundert. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Schiraus Z’wi. — Austritte aus dem Jndentnm. Abonnements -Einladung. Aie geehrten Kerren Iöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Köonnements für das am t. Juli 1909 begonnene 3. Kuartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Blattes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Kanzjährig Kr. 14.— Katvjährig Kr. 7.—, Hnerteljährig Kr. 3.50. K. k. Poftfparkafseir-Korito 1VV.S18. m Probenummern gratis zur Verfügung. — Austritte.*) Bon Ben Arjeh. II. Die Auflösung ist schon da! Der Organismus wird mit jedem Tage weniger widerstandsfähig, er scheidet zuviel ans, kräftigende Zufuhr ist nicht vorhanden, die alten Zellen werden vor Ansteckung nicht bewahrt, bald wird auch das Knochengerüst angegriffen werden, schon vermögen die Osteoklasten den Osteoblasten nicht mehr die Wage zu halten, — im Blut haben die Mikrocyten über die Lenkocyten längst die Oberhand gewonnen . . . Die Krise ist groß mrd gefährlich. Gefährlicher ist sie, da man von ihr nichts merken lassen will. Man fürchtet sich, etwas zu vergeben, wenn man auf den Schaden aufmerksam macken würde — oder fürchtet man, die Glieder zu bewegen, weil man nicht mehr ganz sicher ist, ob sie den Dienst nicht etwa versagen werden? Und dann zeigte sich unsere Ohnmacht in Hellem Lichte, und unsere hoffnungslose Krankheit träte klar zu Tage? O, über die falschen Propheten, wehe, Ihr klngen, gescheiten Rechner! Die Rechnung stimmt nicht, das Defizit ist schon da! Ihr falschen Propheten, ihr seid bereits zuschanden geworden. Aber ihre Heuchelei ist leider noch nicht ganz enthüllt. Was nützt es, Gesundheit zur Schau zu tragen, wenn man krank ist? Was nützt es, den siechen Körper mit Vorsicht anfasfen, wenn er schon zu zerfallen beginnt? Ich erhebe meine schwache Stimme, nicht als Rufer im Streite, sondern als Bittender, Flehender, beinahe Verzweifelnder : Tut etwas! Das Herz weint und jammert, es tut wehe, — der Kopf will es nicht glauben, beschwichtigt es mit faulen Ausreden, läßt nicht zu, die richtige Diagnose zu stellen. Die Krise ist eine moralische, die Krise ist eine religiöse, sie ist eine moralische, weil sie eine religiöse ist. Ein ganzes Jahrhundert lebten wir in sorgloser Finsternis, und da soll man sich wundern, wenn das Auge stumpf geworden, das Licht als schmerzhaft empfunden wird! Man sah dem Abfall einzelner ruhig zu, ohne in sich zu gehen, ohne die Ursachen zu untersuchen — und da haben wir den Austritt als Massenpsychose, und, o, Schimpf und Schande, der abfallende, meineidige Jude ist zum Typus geworden. Die Einheit hat einen Riß bekommen, bald werden wir zwei getrennte Lager bilden. Will man ruhig zuwarten, bis jene, die noch wankenden, unsicheren, sich noch duckenden, sich noch kleinmütig herumdrückenden Abgesallenen zum Angriff übergehen, gegen uns Sturmbock laufen werden — bis sie uns höhnisch zurnfen werden: Ihr habt keine Existenzberechtigung mehr, wollt Ihr Euch noch halten, wo Ihr stündlich dezimiert werdet, wie lange könnt Ihr, wollt Ihr trotzen? . . . Noch ist es nicht so weit gekommen, aber wie lange wird es weiter so gehen können, noch ist es Zeit zur Abwehr, aber wie soll die geschehen? Klug wie die Schlangen, sanft wie die Tauben, so muß zu Werke geschritten werden. Schon lassen sich Stimmen hören, welche zum Boykott der Täuflinge auffordern. Ist die Krankheit wirklich schon so weit gediehen, daß das Bewußtsein getrübt wird? Man hüte sich, gegen sich selbst zu wüten, plan- und ziellos herumzufnchteln. Wen soll man boykottieren, wie soll man denn den Gegner fassen, kann man denn gegen das eigene Fleisch und Blut zu Felde ziehen? Soll man es? Und täte man es, würde es nützen? Der alte „Oberem“ in moderner Form geübt! Aber selbst die mächtige römischkatholische Kirche operiert heute nicht mehr mit solch verrosteten, abgelegten Waffen. Die Täuflinge. — ja, wenn sie unseren Boykott scheuen würden, wenn ihnen irgendwie an uns gelegen wäre, sie würden uns ja nickt verlassen, uns unsere ..Minderwertigkeit" durch ihre Massenflucht nicht fühlen lassen! Und übrigens, seit wann denn werden mit wirtschaftlichen Kampfesmitteln ethisch-religiöse Kämpfe ansgetragen? Der Schaden wäre viel größer als der Nutzen, die Verwirrung groß, die Lage noch unhaltbarer denn je zuvor. Man halte sich nicht an die Symptome, suche nicht an diesen herumzupfuschen. Von Grund aus muß das Uebel angepackt werden. Und dieses liegt in uns selbst, liegt in unseren *) Siehe Nr. 18 der „Wahrheit" vom 18. Juni.

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