Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 25 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063494--06136-3073114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 8. Die Wavrdeu Nr. 25. Was nun den Sederabend selbst betrifft, so müssen wir erwähnen, daß nicht bloß jedem Tischgenossen sondern auch dem Propheten Eliah ein Kelch, gefüllt mit dem edlen Rebensäfte kredenzt wurde, daß ferner der Hausvater an diesem Abende, ehe er sich anschickte, als Funktionär dieses häuslichen Gottesdienstes zu fungieren, die Sterbekleider „Kittel und Kittelhäubel" anlegte und daß man endlich den vierten Becher leerte, die Tür öffnete, ehe man den fechsten Vers der 49 Psalmen sprach. Am Abende des letzten Tages dieses Festes pflegten die jungen Leute im „Ghetto" zur Belustigung der Ghettobewohner einen Popanz, den mau „Ckomeziger Borchu" nannte, anzufertigen und herumzutragen. Die Zeit zwischen dem Peffach und Schebnothfeste wurde als eine Trauerzeit betrachtet, weil vor ungefähr achtzehnhundert Jahren um jeue Zeit eine furchtbar grassierende Epidemie zahlreiche Schüler des Märtyrers R. Akiba hiuweggerafft haben soll. Es mußten daher vom zweiten Jjar bis zum ersten Siwan — mit Ausnahme des dreiuuddreißigsten Omertages „Lag boaumer", weil an diesem die Epidemie abgenommen haben soll — alle Festlichkeiten und Unterhaltungen unterbleiben. Es dürfte unseres Dafürhaltens der Umstand, daß die deutschen Juden im Mittelalter während der Kreuzzüge gerade in den Sestrahtageu ein schreckliches Martyrium durchwachen mußten, dazu beigetragen haben, daß bis vor ungefähr 60 Jahren auf die „Sefirahlrauer" bezug habenden Vorschriften beobachtet halten. Jene Vorgänge mögen hier in Kürze geschildert werden: Als Peter von Amiens sich bei seiner Anwesenheit in Jerusalem von den Mißhandlungen, denen die Pilger dort ansgesetzt waren, überzeugt hatte, eilte er sofort nach Europa zurück und forderte die Völker und ihre Fürsten auf, die den Christen widerfahrene Schmach ritterlich mit den Waffen an den Türken zu rächen. Barfuß und mit entblößtem Haupte ritt er auf einem Esel von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt und predigte den Kreuzzug. In der Kircheuversammlnug zu Clermont in Frankreich schilderte Peter in Gegenwart tausender und abermals tausender von Menschen iu sehr ergreifender Weise das Elend der Christen im heiligen Laude. _ (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Wie verlautet, sind die Verhandlungen zwischen der Gemeinde Wien und der Kultnsgemeinde, betreffend die Grnndtransaktion in der Seitenstettengaffe zu Zwecken des Tempels, aus Schwierigkeiten gestoßen. Im Einvernehmen mir der Zentralkommission zur Erhaltung historischer Baudenkmäler will die Gemeinde für den neuen Tempel bloß eine Baühöhe von 15 Metern konzedieren. Die Kultusgemeinde erklärt sich damit nicht einverstanden. Wien. (Talmud Thor a-T e m p e l IL, Malzgasse 16.) Samstag, den 26. Juni 1909, nachmittags 3 Uhr, findet im Speisesaale der Talmud Thora-Schule ein Vortrag des Rabbinatskandidaten Bela Fischer statt. Thema: „Die Zahl vier, sieben in der Bibel und im Talmud". Wien. („L i w i a s Chen" 3X, Stefanie st r. 2.) Samstag, den 26. Juni 1909 findet im Bethanse ein Vortrag des Herrn I. R o s n e r statt. Thema: „Sprüche der Väter". Beginn: 5 Uhr nachmittags. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle XX., Othmargasse 46.) Vortrags-Zyklus über „Ethik im Talmud" mit spezieller Berücksichtigung der Gnomologie der thanaitischen Periode. Rabbinatskaudidat B4la Fischer. Vortrag H.: Samstag, den 26. Juni 1909. Beginn: 5 Uhr nachmittags. Wie» Der kommerzielle Direktor der Donau-Dampfschiffahrts- Gesellschaft, Elias Eskenasy, ist auf einer Reise von Auffee nach Wien plötzlich gestorben. Er übernahm nach dem Rücktritt des Direktors Hofrates Müller die kommerzielle Leitung der Gesellschaft, die er kaum ein Jahr lang innehatte. Direktor Eskenasy stand ini 47. Lebensjahre und erfreute sich wegen seiner anerkannten Tüchtigkeit in weiten kaufmännischen Kreisen der größten Wertschätzung. Wie«. (Reise durch Deutschland nach Holland und an die Nordsee.) Die Sektion Ottakring des Wiener Volksbildungsvereines sendet reich illustrierte Einladungen zu ihrer diesjährigen Vereinsreise vom 17. bis 31. Juli aus. In das Reiseprogramm sind ausgenommen: Chiemsee und das bayrische Königsschloß Herrenchiemsee, München, Starnberger See (Dampferrundfahrt), Augsburg, Ulnr, Stuttgart, Heidelberg, Mainz. Frankfurt am Mani, Wiesbaden, Rüdesheim und das Niederwald- Denkmal. Rheiufahrt mittelst Separatdanipfers von Mainz bis Köln mit Besichtigung des Schlaffes Stolzenfels und der Stadt Koblenz, Köln, Amsterdam. Haag, Scheweningen (Nordsee), Rotterdam. Preise der Teilnehmerkarten einschließlich der Hin- und Rückfahrt, der Dampferfahrten, der Nachtquartiere und Verpflegung in guten Hotels (Frühstück. Mittag- und Abendeffen ohne Getränke), der Eintrittspr^se bei Besichtigungen, der Trinkgelder, der Führer und Stadtpläne, der Abzeichen re.: I. Reise nach Holland (17.' bis 31. Juli 1909): 250 K; II. Reise n a ch Köln (17. bis 28. Juli 1909): 195 K; HI. Reise nach M ü n chen (17. bis 21. Juli 1909): 60 K. Die Reisebeträge können auch in Raten eingezahlt werden. Anineldungen, Einzahlungen, Anfragen an die Bolksbibliothek: Wien, XVI/2, Koflerpark 7 (Volksheim, Telephon O. 254). Briefliche Auskünfte und Reifeprogramme gegen 10 1i, illustrierte Reiseprospekte gegen 40 h Rückporto. Wr.-Neustabt. Bei der am 16. d. M. stattgefundenen Wahl des Vorstandes der hiesigen jüdischen Gemeinde wurde Herr Dr. Wilhelm Wolf zum Präses. Herr Schnhsabrikant Adolf Ehrenhaft zu dessen Stellvertreter und Herr Dr. Emannel B e r st l zum Beirat gewählt. Diese drei Männer, die durch den Willen der Mehrheit an die Spitze der Gemeinde gestellt wurden, bieten durch ihre strenge Rechtlichkeit, ihre Charakterfestigkeit, Prinzipientreue und Beamtenfreuudlichkeit die sichere Gewähr, die Gemeinde mit Umsicht und Tatkraft zu einer ebenso gedeihlichen Entwicklung zu bringen, wie eS der frühere langjährige Vorsteher, Herr S ch i s ch a. verstanden hat. Herr Dr. Wolf gehört dem Vorstande seit dem Jahre 1897 an und war bereits 1906 — 1907 als Präses hervorragend tätig. Herr Ehrenhaft vertritt seit sechs Jahren die Interessen der Gemeinde in trefflicher Weise und hat nunmehr auch das Kassawesen vom bisherigen verdienstvollen Kaisier, Herrn Wilhelm Danzig, übernommen, der nach Wien übersiedelte. Herr Dr. B e r st l ist eine bekannte forensische Kapazität und erfreut sich hier allgemeiner Beliebtheit. Gleichzeitig mit dem Vorstande wurde auch Herr Redakteur A. Weiß zum Tempelvorsteher für drei Jahre gewählt. Prag. Der Unterrichtsminister bat dem geschätzten Mitarbeiter dieses Blattes, Herrn Rabbiner Moses Stark. Religiouslehrer in Prag, der durch sein riefes talmudisches Wissen sowie durch seine fruchtbare publizistische Tätigkeit in weitesten Kreisen bekannt ist, den Titel eines k. k. Professors verliehen. Möge es ihm beschieden sein, viele, viele Jahre sich dieser Auszeichnung zu erfreuen und der jüdischen Wissenschaft in der Welt zu Ansehen und Würdigung zu verhelfen. Professor Stark wirkt seit Jahren an der I. Prager Deutschen Realschule. Seit einigen Jahren lebt er nur wissenschaftlichen Studien, da er von der Weinberger Gemeinde in den wohlverdienten Ruhestand versetzt ward. Alle Freunde des gelehrten Meisters gratulieren ihm vom Herzen! Dr. L. H. Marienbad. Herr I. Fareanu. Verwalter der königl. Domänen in Bukarest, hat für das zu errichtende Jnbiläums-Kurhaus für unbemittelte Israeliten in Marienbad über Jiltervennon des Herrn Dr. B a r u ch in Marienbad den namhaften Betrag von Iv 500.— gespendet. Beiden Herren sei an dieser Stelle der beste Dank ausgesprochen. Luhatschowitz. Die heilbringenden Mmeralbäder unseres prächtigen, mitten im herrlichen Nadelwald gelegenen Kurortes erfreuen sich auch in der heurigen Saison eines starken Zuspruches. Die Kurverwaltung, unter der zielbewußten Führung des Herrn Direktor Dr. W e s s e l y, ist eitrigst bemüht, den Kurgästen alle modernen therapennschen Behelfe und den möglichsten Komfort zu bieten. Die ärztliche Behandlung ist der bewährten Tüchtigkeit des Herrn Dr. Sig'ried Frankl anvertraut und im Hotel Smetana findet man bequeme Logis und gute, streng rituelle Küche. . Arad. Hier ist vor kurzem der Gutsbesitzer Ignatz Spitzer gestorben. Derselbe hinterließ über 2J/2 Millionen Kronen für verschiedene wohltätige Zwecke; sein Universalerbe wurde die königl. Freistadt Arad, welche ihren großen Wohltäter dadurch ehrte, daß anläßlich der letzten Kongregations-Sitzung die Stadt einstimmig eine ihrer schönsten und belebtesten Straßen, die Palatingasse, nach ihm, Ignatz Spitzer-Gasse, benannt hat. Marosvüsürhely. Seit längerer Zeit besteht in unserer Gemeinde ein Kampf zwischen dem Gemeindevorstand und dem Gemeiuderabbiner; der Gemeindevorstand hat vor kurzem den Rabbiner suspendiert, worauf sich derselbe an den Kultus- und Unterrichtsminister Apponyi gewendet hat,, der dem Rekurse des Oberrabbiners Folge gab; den Beschluß der Gemeinde annullierte ilnd gleichzeitig den Gemeindevorstand vorn Amte enthoben und verfügt hat, daß die Neuwahl des Gemeindevorstandes in der kürzesten Zeit vorzunebmen ist, die abgesetzten Vorstandsmitglieder jedoch bei dieser Wahl kein passives Wahlrecht besitzen. Auf diese Entscheidung des Ministers werden wir eventuell noch zurückkommen. London. Die offiziellen Feierlichkeiten zu Ehren des 70. Geburtstages des Chief-Rabbi Dr. Adler begannen am letzten Sonntag mit dem Empfang einer uuendlichen Zahl von Deputationen, an deren Spitze diejenigen des Board of Deputies und des Jewish College. Es folgten die Schechita-Beamten, das Russische Komitee, die Londoner Rabbiner, die Talmud Thora-Schulen, sowie eine Menge auswärtiger Gemeinden. Daß unter den Gratulanten weder der König von England, noch die höchsten Spitzen der staatlichen, städtischen und geistlichen Behörden fehlten,, ist selbstverständlich. Den Mittelpunkt der Veranstaltungen bildete ein glänzender Empfang bei Lord Rotschild in Gunesbnry-Park. Dr. Adler hielt den Repräsentationspflichten ausgezeichnet stand und wußte jedem in der ihm eigenen, gewinnenden und liebenswürdigen Art in besonderer Weise seinen Dank auszudrücken. Zn Ehren des Jubiläums erscheint als Literarische Gabe unter dem Titel „Anglo Jewish Memories" ein Band-. mit zahlreichen Kanzelreden des Jubilars. New-Dork. Jakob M. G o r d i n, der bekannte amerikanisch-jüdische'; Dramatiker, ist am 11. Juni im Beth Israel-Hospital in New-Iork, wo', er seit längerer Zeit schwer krank darniederlag. gestorben. Er stand erst im 60. Lebensjahr und hinterläßt eine Frau mit zahlreicher Familie. in, wie es heißt, bedrängten Verhältnissen. Der berühmte Verfasser zahl- ' reicher jüdischer Dramen ist auch dem deutschlesenden Publikum bekannt durch sein Drama: „Gott, Mensch und Teufel", das unter dem Titel „Das Geld" im Jahrgang 1906 unseres Blattes ist' deutscher Uebertragung^ erschienen ist. ■