Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 25 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25. Die Wahrheit. Seite 7. Der beste Schüler Bluntschlis, Er wandert nach Norden fort; Das Völkerrecht dort zn dozieren; Gibt 's einen geeigneteren Ort? Er stieg zn hohen Ehren, Er stieg nach Herzens Begehr, Er kam in den Staatsrat zu sitzen. Mein Liebchen, was willst du noch mehr? Gab 's Streit, internationalen, Man hat ihn zum Richter gekürt, Er schied die zankenden Staaten, Wie sich 's von Rechtens gebührt. Er saß im Friedenskongresse, Als Delegierter im Haag, Es rauscht im Blätterwalde * üm ihn die Totenklag'. Die Zeitungen und die Blätter, O weh des grausamen Spiels! Sie jammern und sie weinen Die Tränen des Krokodils. Doch keine von diesen Gazetten (Was doch selbstverständlich wär') Wagt 's vor Respekt zn fragen: Wie hielt 's mit den Inden er? Er lehrte Völkerrechte, Wie lehrte er doch schlecht! Man lehrt zuvor Barbaren Einfachstes Menschenrecht. Ob er ein einziges Pogrom Beklagt, verhütet je, Ob er gelindert jemals Sv abgrundtiefes Weh?? Doch ich, ich frage es tönend: War Martens Humanist. Liebt' er die Hooligane, War er verkappt Pogromist? Nicht weiß man das Eine, noch Andere, D'rnm schrei' ich nicht Weh und Ach, Dem Slaalsrat und Völkerrechtslehrer Wein' keine Träne ich nach. 8. Viusta. Das Keken und Wirken der Inden in Oesterreich in normarzliche» Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Wie der Sabbath, ebenso wurden auch die anderen Feste ches Jahres, die national-geschichtlichen sowohl als die rein religiösen, in würdiger Weise gefeiert. Vor jedem wichtigen Feste wurde schon eine Woche — zuweilen auch zwei Wochen — früher alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um das 'herannahende Fest vorschriftsmäßig feiern zu können. So z. B. waren die Hausväter schon einige Tage vor dem Peffachfefte bemüht, die ungesäuerten Brode, „Mazolh", backen und ins Hans besorgen zn lassen, während die Hanssranen zwei Wochen vor diesem Feiertage schon mit dem sogenannten „Pessachmachen" vollauf beschäftigt waren. Da wurde gesäubert, geputzt, gereinigt, gekehrt und gescheuert in allen Küchen und Zimmern; aus allen Ecken und Enden, ans allen Winkeln und Manerritzen wurde sorgfältig jedes Stäubchen, jedes Atom von „Chomez" entfernt und das ganze Haus in einen schönen kleinen Palast verwandelt. Alles sah mit Freude dem schönen, Herz und Gemüt erhebenden Frühlingsfeste Pessach sehnsuchtsvoll entgegen. Besonders freute sich auf den Pessach. respektive aus die Sederabende die Jugend, denn, wie D. Ehrmann richtig bemerkt, den Kindern gehört ein großer Anteil an dem Feste, für die Kinder ist der Sederabend eigens in Szene gesetzt. Da ist der mit weißen Linnen bedeckte Tisch sorgfältig hergerichtet. In pyramidalförmiger Ausstellung trägt er die religiösen Jngredenzien des Festes; die ungesäuerten Brode. deren man am ersten und zweiten Abende des Festes noch nicht satt geworden, die bitteren Krämer, welche die milde Praxis in Süßigkeiten zu verhülleil verstand, das Salzwasser, der große Knochen mit geringer Fleischverbrämung, der nur als momento an den einstigen Opferknltus signriert, das hartgekochte Ei als Symbol des Erdenwandels und Erdenwechsels, welche Symbolisiernng, nebenbei bemerkt, den astronomischen Kenntnissen zur Ehre gereicht, da sie schon vor Newton, Kuppter und Kopernikus die elyptische Bewegung der Planeten geahnt zu haben scheinen. — In den blanken Bechern sprudelt der köstliche Wem. der trotz seiner unnatürlichen, umfassenden Verbindung mit dem den Fischen unentbehrlichen Elemente das echt jüdische Herz erfreut. Vor jedem Tischgenosfeu liegt aufgeschlagen das dünne Büchlein, das die ganze ernste und heitere Liturgie des Sederabend umfaßt und durch seinen Inhalt wie durch seine künstliche Ausstattung das jugendliche Gemüt anlockt. Als die Inden im Mittelalter die große Kunst erlernen mußten, ohne Heimat, ohne Grund und Boden, ohne Ha >s und Hof, ohne Recht und Freiheit, ohne Licht und Lust zn leben, zu existieren — da flohen alle anderen Künste scheu und ängstlich ans ihrer Mitte; nur die Malerei suchte sich ein enges Winketchen ans, sie fristete ihr kümmerliches Leben in der Pessach-Hagada. Da kannst du sie noch sinden, die edlen Knnstgestallen, die vier Kinder, die alle vier Temperamente abspiegeln; der Sederabend in täuschender Treue. Moses mit dem Wnnderstabe, die schwerbepackten Israeliten durch das rote Meer ziehend, als ob's auf einen Jahrmarkt ginge, die ertrunkenen Aegypter, die Darstellung der zehn Plagen (Lser Makkaus), bei denen auch das kleinste natnrhistorische Element nicht fehlen durfte, und noch viele andere der biblischen Historie entlehnten Bilder. Was da alles das Kind zu begaffen und zu bewundern hatte, und es mußte geradezu stumm sein, wenn es nicht fragen sollte: „Was gehl da heute vor?' Darauf wurde geantwortet: ..Jetzt übernimmt der Hausvater die Rolle eines Erzählers, er erzählt nun die alte, bekannte Geschichte in einem, dem Fassungsvermögen der Jugend entsprechenden und ihren Geist anregenden Style." Bald hätten wir eine wichtige Episode vergessen, die der Jugend das meiste Interesse bietet — das Afikomonstehlen. Der Vater hat ein Stück des Osterbrodes hinter das Kissen seines Bettes versteckt. Nach orientalischer Sitte wird auch ein Ruhebett aufgerichtet. Dieses Stück Brot ist ihm von höchster Wichtigkeit, es muß vor Schluß des Mahles aufgezehrt werden. Nehmet ihm dieses Stück Mazoh und der Akt bleibt ohne Finale, ohne Schluß, ohne Abrundung. Dieser Umstand entgeht dem tatgierigen Jungen nicht, er sucht sich durch alle möglichen Mittel dieses Stückes zn bemächtigen. Ist ihm dies gelungen, dann weiß er als Sieger seine Bedingungen vorzuschreiben. Er gibt den Afikomon, so heißt das Corpus delicti, nicht heraus, bis ihm der Vater ein neues Kleid oder einen anderen Finderlohn verspricht (Abendl. 1867. S. 57). Nicht vergessen dürfen wir. zn erwähnen, daß am Abende vor dem Festtage des Pessachfestes der Hausvater mit einem brennenden Lichtlein in der Hand im ganzen Hause alle Winkel und Ecken durchspähte, um das Vorgefundene Chamez des anderen Morgens dem Feuertode preisgeben zn können (eu biur Ckamez ela serefa). Mau nannte diesen Akt „Chamezbattlen". Das Verbrennen des Vorgefundenen Chamez nahm nicht immer der Hausvater selber, sondern der Schames (Gemeindediener) vor. der in der Regel am Erew Pessach nach dem Morgengorlesdienste von Hans zn Haus ging, nm das bereite Stück Chamez in Empfang zn nehmen und es zu verbrennen. Für diese Mühewaltung erhielt er von jeder Hausfrau Eier und etwas Geld. Ferner sei noch bemerkt, daß am Erew Pessach alle erstgeborenen Söhne faßten mußten. Nur wenn zufällig an diesem Tage ein Beschneidungsfest in der Gemeinde gefeiert wurde, oder wenn irgend ein Talmndgelehrter ein Mahl zu Ehren eines Traktates des Talmitd, mit dessen Lektüre er gerade zu Ende gekommen, veranstaltet hatte, durften die Erstgeborenen, so sie als Gäste geladen wurden, vom Fasten dispensiert werden.