Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 25 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Die Wahrheit Leite 9. Sine gebildete Arau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Meine arme Mutter muhte den Posten einer Gesellschafterin bei einer reichen Witwe annehmen, erhielt von derselben die Erlaubnis, mich bei sich zu behalten, und ans diese Weise gewann sie nicht nur die Mittel zu unser 'Beider Lebensunterhalt, sondern konnte mich in meiner Neigung, Medizin zu studieren, unterstützen. Trotzdem in den gelesensten Blättern des In- und Auslandes, sowie in den größten überseeischen Zeitungen 'Aufrufe an den Geflohenen gerichtet wurden, worin ihm volle Verzeihung zugesichert wurde, blieb dieser aber verschollen; die -Ehe meiner Eltern wurde aus Anregung meiner in der tiefsten Seele verletzten Mutter gerichtlich gelöst, und ihr die von ihr nachgesuchte Bewilligung erteilt, daß mir Beide ihren unbefleckten Familiennamen Müllner führen dürfen. — Jetzt kennen Sie das traurige Geheimnis meines Lebens, das ich bis jetzt vor jedem Fremden gehütet habe. Bitte, gnädige Frau, lassen Sie die Handlungsweise meines Vaters nicht mich büßen, und glauben Sie mir, daß mir fein Benehmen, feine schwere Schuld auf meinem Lebenswege als abschreckendes Beispiel vorschweben wird. Und nun, Vertrauen gegen Vertrauen! Was wissen Sie von meinem Vater, in welchem Verhältnisse standen Sie zu ihm?" — „Ich? In gar keinem. Ich war die vertraute Freundin und Ratgeberin seiner einstmaligen Verlobten, von ihm selbst wurde ich jedoch als zu unbedeutend einerseits, als Jüdin andererseits übersehen. Das Gelöbnis. Herr Doktor, das Sie mir vorhin freiwillig geleistet, nehme ich gerne tiamens meiner Schutzbefohlenen, der verwaisten Elise Schilling an, und bitte gleichzeitig, mir noch ein Stündchen behufs Anhörung einer Geschichte zu widmen, welche Ihnen beweisen soll, daß es ein doppeltes Verbrechen von Ihnen wäre, wenn Sie das Herz des Ihnen vertrauenden Mädchens brechen würden. Wollen Sie einer alten, blinden Frau diesen Gefallen erweisen?" ...Gerne, doch fürchte ich, daß ich da neuerliche Enthüllungen über den Charakter meines Vaters erhalte." „Das kann ich Ihnen freilich nicht ersparen, doch wenn Sie an dem Kinde gut machen, was Ihr Vater an dessen Pflegemutter verbrochen, dann wird Sie diese mir geschenkte Stunde niemals gereuen, selbst wenn sie für den Moment einen unangenehmen Eindruck auf Sie hervorgebracht hat. Also .hören Sie!" „Ich höre, gnädige Frau." „Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, betitele ich: .„Die Geschichte einer Häßlichen." Daß sie dies war, die Heldin meiner wahrhaften Erzählung, behaupteten nicht nur Alle, die sie kannten, das gestand sie selber zu, und wenn ein Mädchen einmal selber ein solches Zugeständnis macht, dann ist es eine nicht hinwegznlengnende Tatsache. Bei ihrer Taufe hatten die Ellern eine alte, reiche Base zur Patin geladen, in der Absicht, dem Kinde eine Anwartschaft an das Erbe der altjüngferlichen Patin zu eröffnen. Fräuleiri Pate war aber an einer Art Gallenfieber gestorben, ohne ein Testament zurückgelassen zu haben, ein bisher verschollener Binder, der sich niemals um sie und die ganze Sippschaft gekümmert hatte, war auf der Bildfläche erschienen, sackte den ganzen Nachlaß ein, und dem armen sechsjährigen Kinde blieb von der reichen Patin nichts übrig als ein Henkelthaler, den die Verstorbene bei der Taufe dem Kinde um den Hals gehängt hatte. Das Kind wuchs heran. Trotz ihrer Häßlichkeit und Armut hatte Gundel (Kunigunde), so war der Tanfname, die Augen zu dem Sohne des Türmers erhoben. Stand und Beruf beider Väter waren eng miteinander verbunden. Denn während der Küster in der Kirche hantierte, lugte der Türmer von seinem hohen Wohnsitze aus weit ins Land hinaus, um mit Hilfe seines Fernrohres eine entstehende Feuersbrunst zu entdecken. In einem solchen Falle gab der pflichteifrige Wächter das Signal und sein Freund, der Küster, schlug an die Sturmglocke, daß die Feuerwehr in Aktion trat. Die Tätigkeit der beiden Freunde war so enge verknüpft, daß es auch Niemandem ausfiel, wenn der Rudi (Rudolf) und die Gundel jeden freien Augenblick benützten, um zusammen zu scherzen, zu spielen oder auch zu raufen. Die Kinder waren mitsammen erzogen und war Rudolf um einige Jahre älter als Gundel, so war diese wieder um vieles klüger als jener, selbst dann, als er schon das städtische Gymnasium besuchte, und sie noch nicht die Volksschule hinter sich hatte. Rudolph hatte die acht Klassen in seiner Vaterstadt schlecht und recht abgesessen, so daß er die mit Recht so gefürchtete Maturitätsprüfung oblegen konnte. Dann war er in die Hauptstadt gezogen, um dort vor allem Korpsstudent zu werden, Studentenkneipereien mitzumachen, den Fechtbvden zu besuchen und schließlich auch philosophische Vorlesungen zn hören, da sein Ehrgeiz darnach ging, in seiner Vaterstadt als Gymnasiallehrer angest^llt zn werden. Die notwendigen Mittel zn dieser Lebensweise sandte ihm sein Vater. Rudolph forderte sie und nahm sie an, ohne darüber nachzudenken, ans welche Weise der alte Türmer dies alles anfbringe, obwohl Rudolph doch wußte, daß dessen Einkommen ein sehr bescheidenes sei und daher dessen Ersparnisse gleich Null sein konnten. Der leichtsinnige junge Mann ahnte trotzdem nicht, daß der größte Teil der ihm ans der Heimat gesandten Mittel ans ganz anderer Quelle floß, als ans des Turmwächters Tasche. (Fortsetzung folgt.) Ausruf! An unsere edelgesinnten Glaubensgenossen wendet sich der gefertigte Verein mir der Bitte, um wohltätige Mitwirkung und Beteiligung. Seit mehr als 50 Jahren besteht in Jerusalem das Bieurcholim- Hospital, in welchem arme Kranke unentgeltlich Heilung und Pflege finden. Um allen Anforderungen der Hygiene zu entsprechen, w.rd jetzt ein Neubau errichtet, der jedoch große Kotten erheischt. Außerdem herrscht, besonders in Jerusalem, seit Jänner d. I. die Genickstarre. Um nun auch nur einen Teil der Schwerkrankeu und Unglücklichen auszunehiuen, mußte die Anzahl der Berten vergrößert werden und zirka 100 Betten wurden in einem Privathause ausgestellt. Nun langen die Mittel nicht, der Bedarf wird immer größer und das Spiral befindet sich in arger Nor. Aus diesem Anlässe har sich das Spital an uns um Hilfe gewendet, mit dem Hinweis, daß viele österreichische Inden, die nach Palästina einwanderu, die Wohlraren des Spitals >n Anipruch nehmen. Wir wollen auch helfend an diesem edlen Werke reilnehmen und, um diesen Zweck zu erreichen, hat sich der gefertigte Verein konstituiert. Wir sind überzeugt, daß wir uns nicht vergebens au unsere jüdischen Mitbürger wenden und daß das jüdische Solidaritätsgesüh!, welches auch von uns Glaubeussremden rühmend anerkannt werden muß. neuerlich einen glänzenden Beweis seines dauernden Bestandes erbringen wird. Die Sache selbst bedarf keiner weiteren Anpreisung, den jeden wird es mit hoher ethischer Befriedigung erfüllen, zn einem solchen Werke wahrhafter und höchster Humanität sein Scherflein beigerragen zu baben. Jede, auch die kleinste Spende (Geldbeträge oder Gebrauchsgegenstände) ist willkommen. Unsere Delegierten, Herr Joma L e r n e r. Rabbiner, und Salomon Bromberg, sind ermächtigt, Mitglieder anzuwerben sowie Mitgliedsbeiträge und Spenden entgegenzunehmen. Wir hoffen aus zahlreiche Beteiligung und Unterstützung. Israelitischer Unterstützungs-Verein armer Kranker des Bicnrcholim-Hospltals zu Jerusalem, in Wien II.. Schwarzingergasse 2. Jahresbeiträge und Spenden sind an unseren Kassier Josuas G o l ds ch m i d t, Wien II., Große Schiffgasse 2, zu entrichten. Dr. B r o m b e r g. Rabb. M. M a y e r s o h n. Obmann. Dr. Benjamin B. Ebner, Hof- und Gerichrsadvokat. Wien II., Taborstraße 33. Austritte ans dem Judentum. Amalie Boxhorn, geb. Deutsch, Private, geschieden. Wien, IV., Alleegasse 60. Emma Boxhorn. Privat, Wien, IV., Alleegasse 60. Samuel Pils, Arbeiter, ledig, Wien, II., Obermüünerstraße 21. Felix Teplanszky, Beamter, verheiratet, geb. in Uszryn, Wien, 11.. Obere Donaustraße 111- Gisela Teplanszky, verheiratet, geboren ut Budapest. Wien, 11., Obere Donaustraße 111. Jeanette Schasfranek, ledig, Wien, II., Novaragasse 17. Alexander H a r t m a u n, Beamter, ledig. Wien. II.. Novaragasse 17. I o s e s H. S u ß m a n », ledig, geb. in Vöslan, Wien, VIII.. Zeltgasse 6. Editta W o l l n e r» Private, ledig, geb. in Wien, VIII., Buchseldgaffe 10. Hedwig Kohn, Private, verheir., Wien, XIX.. Grinzingerstraße 57. Erwin S a m e k, Buchhalter, geb. in Prag, Wien, II.. Rothe Krenzgaffe 5. Franziska U l l m a n n, Friseurin, ledig, geb. in Batorszek (Ungarn), Wien, VII.» Lerchenfeldergürtel 6. Maximilian G r ü n f e l d. Prokurist, ledig, geb. in Pirnitz (Mähren), Wien, VI., Gumpendorferstraße 23.