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Die Wahrheit · 1909-06-25 · Heft 25 (25.6.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 25 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Die Wahrheit Seite 5. hieß, und flugs sammelten sich alle Narren um denselben und hoben sich bei ihrem eigenen Schopf, purzelten in die Tiefe und schrieen: „Juchhei, Ihr kleinen Menschenkinder seht Ihr, wie weit wir mit unserem Vogelmenschen hinausgestiegen!" Und sie verkündeten das Lob des Vogels und er redete über alles, alles, alles und sie schrieen Amen und Hurra! Und die Raben schrieen: Das ist kein Rabe, das ist kein Vogel, das ist ein Mensch, das ist der Anti-Rabe. Und sie nahmen ihn ernst, hielten ihn für einen Menschen, für einen Jäger und fürchteten sich vor ihm und kreischten und verbreiteten seinen Ruhm. Da wurde der „eiserne" Kanzler mit einer Gänsefeder hinweggefegt und da winkle er dem Vogel, wie es eben die Großen tun, die immer Tierfreunde sind, und der Vogel hob sein Gefieder, schwirrte heran und vollführte vor dem „Gründer" alle Kunststückchen und der alte, mit der Gänsefeder hinweggefegte Titane fand daran seinen Gefallen und spielte mit ihm gern. Und der Vogel siog hin und her und zerrte und stach und biß mit seinem kleinen schwachen Schnabel, und der Alte freute sich über seinen Hausvogel und legte sich dazu noch eine starke Bulle aus Hamburg. die in gewaltigen Tatzen auf die Feinde lossprang und in die Waden biß, zuweilen auch zu Bodeu schlug und arg zurichtete. Und sie legte sich dann hin, knurrte vor Vergnügen und der Alte knurrte mit. Und wie das Volk nun einmal ist, so nahm es sowohl den Vogel als auch die Bulle für Menschen. Und der Vogel gab sein Nest auf, hüllte die Flügel in einen Seidenbeutel und ließ sich in einer Villa im Grunewald nieder, treibt seitdem hohe Politik und beweist alles mit dem Eisernen. In den Hnudstagen kämpft er für sexuelle Kultur, für den Zarismus und für aristokratisch-demokratisch sklavisierte Freiheit, für das Uebermenschlich-Menschliche und für eingeschaltete Sätze. Da war auch in Wien ein großer Vogel, der noch größer und größer werden wollte und der „einer von unsere Lein'" ist, soll bei Herrn Benedikt im Käfig Aufnahme gefunden und gesungen und geschrieben und gepiepst haben, wie alle Vögel, welche ihre Nester im roten Gebäude am Schottenring haben, und er lebte sein Leben, sang sein Lied, pickte seine Korner . . . Nun, da soll 'mal Herr Benedikt gezeigt haben, daß er eigentlich der Herr des Käfigs ist. Die kleinen schwachen Vögel ertragen die Launen des Hausherrn mit Demut, ist er auch hart und herrisch, so gibt er doch zu picken. Der große Vogel aber war unabhängig, hatte Geld und so ging er hin und kaufte sich eine Fackel, System Harden, und beleuchtete damit alle Schlösser, Redaktionen, Verließe und Winkel, die er von seiner Käfigzeit her kannte. Leider aber ist Oesterreich noch vor 1870 gegründet worden, verfügt weder über einen alten, abgesetzten „Gründer", noch über einen alles besser wissenden Herrscher. Ueberhaupt ist die Wiener Luft von der Berliner ganz verschieden, womit man in Berlin fesselt, lockt man in Wien keine Katze hervor, das konnte übrigens der große Berliner Vogel von seinem letzten Flug hieher bezeugen. Unser Vogelmensch warf sich daher auf zum Anwalt des antisnobistischen Snobismus, ein in Wien noch immer rentables Geschäft; klerikal, christlichsozial, Sozialdemokrat — Snobismus ist Trumps. Die Herren streiten nur über Lueger und Adler, über Treumarm, Slezak und Girardi sind sie alle einig. Tritsch-Tratsch, Lokalzugstudien, Bioskop werden immer das dankbarste Publikitm finden. Wien, die Musen-, pardon die Grazieustadt wird immer die Priester Astartes ernähren. Die „Fackel" beleuchtete den philiströsen Astartianismus und verlangt — wenn sie es wüßte, was, man sagt, einen über-untermittelmenschlichen Apbroditianismus aus bismarckisch-shakespeareanischer Grundlage. Aber die alte, gemächliche Philisterstadt tut keine Buße, horcht nicht auf die neuen Prophezeiungen und trinkt weiter schwarzen Kaffee und Abzug und zahlt den Sperrsechser. Wie wäre es also, wenn man einen philosemitischen Antisemitismus auf aristokratisch-sozialdemokratischer Grundlage propagierte? Einst hatten die Wiener ein Ohr für die Juden. Freilich ist die Welt verteilt, die Börse gehört Herrn Benedikt, der Magistrat Vergani, aber kann man nicht beide zusammenbringen und auf den Kopf stellen? Das tut Herr Robert Scheu. Wisset Ihr, meine Herren, warum Viktor Adler ein Opportunist ist? Weil er Psychiater ist; was geht uns das an, mich auch nicht, also weil er Marxist ist, nein, weil er ein Jude ist, nein, weil er Marxist ist, muß er ein Jude sein und weil er ein Jude ist. ist er Marxist. Freilich, ganz logisch ist die Sache nicht, denn bekanntlich sind die Marxisten nicht Opportunisten und Opportunisten sind keine eingeffeischten Marxisten. Freilich sind die bösen Juden mehr revisionistisch gesinnt — Bernstein; freilich sind die bösen Juden in beiden Lagern vertreten. Aber gerade dafür verdienen sie noch mehr Strafe, denn nur jüdische Dreistigkeit kann es wagen, eine Theorie der „Fackel" durch Tatsachen zu widerlegen. So sind nun eben die Juden. Herr Scheu, Sie werden mit diesem ungezogenen Volk noch dieselben Erfahrungen wie der selig nicht selige Torqnemada machen. Sehen Sie. verehrter Kulturheros, aus diesem Gebiete ist alles abgegrast. Die Feudalen haben ihren altert legitimen Judenhaß, die studentische Jugend hat ihren „Aal-deutsches", die Intellektuellen haben ihren Chamberlain, die Kleinbürger das „Deutsche Volks. . .". Somit wären noch die Genossen das einzige Publikum, ans das Sie rechnen konnten. Zwar erzeugt Herr Schnhmeier diesen Artikel schon jahrelang, aber sie dursten noch immer ans eine rentable Kundschaft rechnen. Damit ist es jetzt ans. Die Genossen haben die Jndensresserei in eigene Regie genommen. Sehen Sie, Verehrtester, wie sie dem armen Inden Redlich zusetzen und urteilen Sie selbst, ob man besser in Rassenantisemitismus machen kann. Lesen Sie die Rede des revisionistischen, in Eis gekühlten Dr. Renner und sagen Sie selbst, ob sich z. B. ein Geßmann in alten Zeiten seinen Inden besser geschluckt hätte. Wie schön sprach er von der Auslieferung der christlichen Bevölkerung an die agrarischen Bankjuden, wie schmeichelhaft, wie zuckergiftig ist der „gescheite Jude" im Redestrom des Genossen Renner — er muß in seinem Innern den „gescheiten Juden" Adler sehr tief spüren. Sehen Sie mal, Verehrtester, daß die Leitung der Genossen selbst — was genieren wir uns — in Antisemitismus macht. Die Produktiv- und Konsumgenossenschaft ist als „historische Notwendigkeit" gegründet und das Proletariat wird seinen Bedarf an Menschenliebe, Veredlung und Gesittung sicher dort decken. Sie sehen, darin ist nicht zu machen. Kehren Sie lieber zum Kulturismns zurück. Außerdem stimmen Ihre Behauptungen weder logisch, noch psychologisch, ethnologisch, u. s. w. Zwar sind Vogelmenschen über jede Tatsache erhaben, zwar existiert für sie der Satz „und wenn die Tatsachen anders lauten, dann lügen sie", aber, verstehen Sie, Wertester, schon anstandshalber, schon der Philister wegen, der Erhalter der „Persönlichkeiten", die aus solches Zeug noch etwas geben, muß aus diese Dinge bis zu einem gewissen Grade Rücksicht genommen werden. Bitte, haben Sie die Güte und lassen Sie sich einige Sätze Ihres „Viktor Adler", die „Fackel", Nr. 281/282, 1. Juni 1909, von mir vorlesen. Nun, nun? Da werden Sie sehen, daß das in göttlicher Inspiration Geschriebene, ins Menschliche übertragen, nicht stimmt. Sie schreiben Seite 14: „Der Grund aber, der die Arbeiterbewegung und mit ihr den Sozialismus an den Marxismus bindet, ist kein logischer im Begriff des Sozialismus gegebener, sondern ein historischer. Er hängt zusammen mit der weltgeschichtlichen Rolle des Judentums, welches ich im Sinne Heinrich Heities als ein Prinzip, ein Ferment ganz eigener Art als Gegensatz zur hellenischen Weltanschauung anspreche. Die Frage ist der Erörterung wert, warum der Marxismus aus die Juden eine so mächtige Anziehungskraft ausübt." Wissen Sie, Verehrtester, daß diese Weisheit noch vom ewig verdammten Stöcker gepredigt wurde, nur in etwas gröberer landpastormäßiger Form. Wissen Sie, daß sogar der gelahrte Kruschewan, daß der große Dobrowin auch nicht mehr behauptet, die Juden Rothschild im Verein mit Brodski und Polyakow predigen den Umsturz alles Beslehetlden und wollen den großen Kladderadatsch — die Kollektivierung der Produktion. Nicht wahr, alte Binsenweisheit erzähle ich Ihnen? Sie wissen es besser als ich einfacher Philister, na also, wenn Sie es wissen, wozu Ihnen dies? Um der „Fackel" eine neue Zugkraft zu geben? Sie wissen ja. daß alles besetzt ist. . . Soll ich Ihnen erzählen, daß die Juden Revisionisten sind, daß Bernstein vom stockarischen Kautsky exkommuniziert ist? Soll ich Ihnen Viktor Adler anführen, dem Sie schon wegen seines Revisionismus' die

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