Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 25 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 25. B e g e i st e r u n q u n d O p f e r w i l l i g k e i t unentwegt festhalten an ihrem Glauben und an ihrem Vaterland!" Wenn wir viele solche Kirchenfürsten hätten, dann würde der Antisemitismus wohl bald von der Oberfläche verschwinden. * & _ Wiewohl nicht zu leugnen ist, daß durch die Konstitution die Lage der ottomanischen Juden sich wesentlich zum Besseren gewendet hat, scheint dennoch das konstitutionelle Regime noch vieles zu wünschen übrig zu lassen, und so veröffentlicht der „Sab ah", eines der angesehensten Jungüirkenblätter Konstantiuopels. aus der Feder eines Juden eine energische Anklage gegen die Regierung, wegen Zurücksetzung der Juden bei der Neuorganisation der Staatsämter. Es heißt da u. a.: „Während im reorganisierten Staatsrat Mitglieder aller Nationalitäten und Religionen Aufnahme fanden, sucht man in ihm vergebens einen einzigen Juden. Während die verschiedenen Gemeinden dem Staate Minister, Müsteschare, Müdire, je nach ihren Fähigkeiten geliefert haben, wurde den Juden keine Spur von Beförderung in den politischen und administrativen Posten eingeränmt. Nicht ein einziger hat eine bedeutende Stellung inne. Und doch haben die Inden nicht nur ihre Ehre intakt zu halten gewußt, sind sie gerade und loyal geblieben, sind sie ebenso gebildet, ebenso fähig wie ihre Landsleute von den anderen Religionen." „Die Konstitution sagt nicht: „Der Judaismus ist eine Qualifikation, die die Beförderung ausschließt." Wir bitten also, uns nicht wie früher als Parias zu behandeln und das Gleichheitsprinzip auf uns wie auf alle unsere übrigen Mitbürger anznwenden." -i- -i- Vollste religiöse Gleichberechligung und Anerkennung jeder Konfession seitens der -höchsten staatlichen Faktoren kennt man nur im freien Amerika, und das hat der Präsident der Vereinigten Staaten, Taft, glänzend bewiesen, indem vor kurzem an einem Sabbathmorgen die Synagoge der Rodeph Schalom-Gemeinde zu Pittsbnrg Pa. besuchte und daselbst eine Rede hielt, wie man sie wohl von einem Staatsoberhanpte in Europa noch nicht gehört hat. Er sagte unter anderem nämlich folgendes: „Es ist ein großes Vorrecht, daß ich vor diesem intelligenten und patriotischen Auditorium durch die Vermittlung Ihres Führers auftreten darf, der ein vertranter Freund meines Vorgängers war und von dem ich wünsche, daß er seine Freundschaft jetzt auch auf mich übertrage. Ich mache im allgemeinen keinen Unterschied zwischen einer Synagoge und einer Kirche. In Cincinnati pflegte ich in der Knabenzeit wie im Mannesalter auch das Gotteshaus von Dr. Wise zu besuchen, und es war wirklich oftmals ein Wechsel der Kanzeln zwischen den beiden Kirchen. Es ist mir lieb, hier zu sein und zu sehen, wenn dies in der kurzen Zeit möglich ist. daß Ihre Kirche ein Hans ist für das ganze Volk und wie weise die Einrichtungen der Verfassung sind, daß keine religiösen Erfordernisse oder Bestimmungen notwendig sind in unserem Vaterlande. In diesem jüdischen Gotteshanse, als Präsident der Vereinigten Staaten, fühle ich mich als Mensch, sühle mich wie zu Hause und finde so viel Trost, wie ich ihn gefunden hätte in jeder anderen Kirche in diesem ganzen Lande. Das Gebet, dem wir soeben gelauscht haben, ist so voll von Liebe und Humanität, es könnte uns beschämen bei jedem Gesühl der Engherzigkeit und Bigotterie. Weder in der Geschichte unseres Landes, noch in irgend einer Krise, oder unter irgend welchen Bedingungen haben die jüdischen Bürger es daran fehlen lassen, den höchsten Standpunkt des Patriotismus einzunehmen. Ich bin kein Prediger und habe nicht die Gewohnheit, ans der Kanzel zu erscheinen. Ich habe es auch nie getan, bevor ich auf die Philippinen kam, wo ich zuerst in der presbyterianischen und dann in der episkopalischen Kirche war. Nach der Rückkehr ins Vaterland bin ich auf der Kanzel meiner eigenen Kirche, das heißt der nnitarischen erschienen, und jetzt befinde ich mich in einem jüdischen Gottes Hanse. Das ist ein Kreis, der wie ich denke, mich berechtigt, zu sagen, daß ich hoffen darf, der Präsident des ganzen Volkes zu sein und auch Ihre Unterstützung zu finden, wie Sie diese meinem Vorgänger zuteil werden ließen, ohne jede Einschränkung und mit dem einzigen Bestreben, dieses Land zu einem wirklich guten und großen zu machen." ■i* Bei diesen Lichtblicken ans Amerika wird es hingegen in Rußland immer finsterer und so wird aus Petersburg gemeldet, daß der Ministerrat dieser . Tage ein Gesetzesprojekt für die Semstwowahlen beraten und angenommen, das n. a. folgende Bestimmung enthält: „Juden dürfen sich weder aktiv noch passiv an den Semstwowahlen beteiligen, und zwar sowohl bei den Kreiswie auch bei den Gouvernements-Körperschaften. Es bleibt nur die allerdings nicht gerade starke Hoffnung, daß die Duma zu einer solchen himmelschreienden Ungerechtigkeit ihre Zustimmung verweigert. *. Wie aus Kiew gemeldet wird, wurden aus Anlaß der bevorstehenden kirchlichen und nationalen Feier in Poltawa mehr als tausend jüdische Bewohner angewiesen, diese Ortschaft zn verlassen. Ans Grund einer zweiten Ministerialverordnung wurde ihnen auch verboten, sich in Sommerfrischen in der Umgebung von Poltawa anfzuhalten. Eine Deputation der Jndengemeinde hat sich nach Petersburg begeben, ihre Vorstellungen blieben aber erfolglos. * * * Kruschewa u, der Bluthund von Kischinew, ist vor wenigen Tagen gestorben, und selbst im Tode schien er noch der jüdischen Bevölkerung Kischinews gefährlich zu werden. Wie nämlich nach dem Anslande berichtet wurde, befürchtete man anläßlich der Beerdigung dieses blutrünstigen Judenhassers Judenkrawalle, die jedoch glücklicher Weise nicht eingetreten sind. * * * Das türkische Parlament dürfte bald Gelegenheit haben, sich mit der Frage der jüdischen Kolonisation in Mesopotamien zu beschäftigen. Wie die „Welt" berichtet, ist vor einigen Tagen ein Memorandum Israel Z a n g w i l l s, betreffend die Gründung eines (autonomen?) jüdischen Koloniekomplexes in Mesopotamien, beim Kammerpräsidenten Ahmed Risa Bey zur Weitergabe an das ottomanische Parlament eingelanfen. Ahmed Risa hat das Schriftstück einstweilen nicht an die Kammer weitergegeben, sondern zur vorläufigen Prüfung einer inoffiziellen Kommission von sechs Personen überwiesen. Dieser Kommission gehören außer zwei türkischen Deputierten die vier jüdischen Abgeordneten an. Bisher ist die Kommission noch nicht znsammengetreten. Knllnr. Ein merkwürdiges Volk sind wir — oder vielleicht nicht? Da sitzt so ein Herr Benedikt in der Fichtegasse und weist so manchen geistreichen Artikel zurück, nein, ich irre — Herr Benedikt sieht ihn gar nicht — er kommt und wandert in das große Nirwana, Papierkorb zn deutsch. Ich phantasiere immer davon, wie schön es wäre, darin den klein-großen Schopenhauer als Wischnu-Heiligen anzutreffen. Darob große Erbitterung: Koterie, Korruption, Kapitalistenblatt; nebenbei bemerkt, handeln die großen Blätter besser als die kleinen, kleinsten und verschwindenden, die schicken die Weisheit, wenn man eine Retonrmarke beigelegt, doch zurück, während die anderen eben demokratisch, völkisch sind . . . Nun war einmal ein großer Vogel und er wollte noch größer und größer, am größten werden, da er aber ans Posen stammte und auf Witkowski hörte, flog er nach Paris, nistete sich auf dem Theaterfirst ein, erlernte Mnnen, Weinen, Sterben, Töten, Morden in so zimperlich manierierter Weise, so angenehm-frisch, resch und blutlos, bis er eines Tages ans seiner Larve schlüpfte als Mensch, als ein in der Luft schwebender Vogelmensch sich entpuppte und auf Harden hörte. Dieser Bogslmensch brachte ans den Theater- und Wolkenregionen ftnen lenkbaren Narrenballon, System Scharlatan, mit. Dieser Ballon bestand aus bedrucktem Papier, welches zusammenlegbar und bequem in der Tasche zu tragen war. Betrieben wurde der Ballon durch das berühmte Oel Logos — ich meine nur Wort, ohne Logik. Die Lenkbarkeit war sehr einfach, man brauchte nur jedes Wort anders zn lesen, als es in Wirklichkeit