Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 25 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais Wahrheit AebakUon ». Abiniutlt, iitioii : Wien, 11/, *27 bfi' *l'i luterei 153(15 Unabhängige Aeitschrift füv Mische j Erer»,r»t',ktkt». »aazlitvt lg . . >k >*.— H-.INIädrigi 1k 7 — Jt. r. öfteir. Postsrmrkaffaedjed-ftoiitö Nr- 100.918. Zvterejsen» Flu lLitlUtsdetiinte: Die viermal qeivalleiic 41>>v> lg lt >». - Aoiivarelllr-^elte Sö Heller- Erscheint jeden Kr ei tag. Abonnements, u. ^ltjeitlons- Für Auslaut»: I betrage itnb nt LUie» zahlbar 8 UHurF! and klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ I t> »luvet ober >» Ar. 25 Wien, 25. Juni 1909. Inhalt. Aus der Woche. — Kultur. — Friedrich vou Martens. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlicheu Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Austritte aus dem Judentuin. Aus der Woche. Die lehr- und erinnerungsreiche Erzherzog Karl-Ausstellung in Wien, die anläßlich des 100jährigen Gedenktages der Schlacht von Aspern eröffnet wurde und sich noch gegenwärtig eines starken Besuches erfreut, gibt vielfach Gelegenheit, das Lebens¬ und Charakterbild des Siegers von Aspern aufznfrischen und da sei zur Ergänzung desselben daran erinnert, daß nicht zum mindesten seine religiöse Duldsamkeit es war, die ihm die Herzen so vieler gewonnen hatte. Ihm war es zu danken, daß ans den österreichischen Militärpässen die Rubrik „Religion" verschwand. Sein Heer zählte etliche israelitische O f f i-z i e r e, so drei in der 1809 gebildeten Freiwilligenlegion der Prager Studenten, ferner den 1847 in Wien verstorbenen Eppinger und den später zum Hanptmann beförderten Hönig, der dem Erzherzog das Leben gerettet hat und auf dem Schlachtfelde von ihm zum Leutnant ernannt worden war. Bereits im Jahre 1789 dienten 2500 Juden in der österreichischen Armee. In den Freiheitskriegen wurde in den österreichischen Synagogen eine Ode und ein Geber zugleich verlesen, in dem der ewige Schlachtenlenker angefleht wurde, daß er „segne unsere Waffen, verleihe Mut und Kraft unseren Helden, stärke unsere Krieger." Es sei ein gerechter Kampf, den Oesterreichs Heere führen. „Nicht aus Mutwille ergreifen wir das Schwert, nicht aus Frevel rüsten wir zum Kampf. .. Wir wollen nur unserem teuren Vaterlande Schutz gewähren, das Eigentum der treuen Untertanen sicherstellen und d e m T h r o n e unseres gütigen Monarchen zur Stütze dienen." Alsdann heißt es weiter: „Gott der Gerechtigkeit! segne unsere Waffen, verleihe Mut und Kraft unseren Helden, stärke unsere Krieger. Gestatte nicht, ewiger allmächtiger Gott! daß der Feind je wieder unsere Grenze überschreite. Zwar ist des Feindes Macht stark, seine Kraft groß, aber auch uns, allgütiger Gott! hast du nach deiner Gnade und Barmherzigkeit bedacht. Du hast uns mit einem Mute, mit einem Geiste beseelt, der nichts, selbst den Tod nicht scheuet, der sich kühn einem Feind entgegenftellet, welcher uns unaufhörlich höhnt und sagt: „wir wären gesunken." Nein, Karl lebt! unser Held Karl, dessen Geschosse nie gefehlt, dessen Schwert ohne Rache nie in die Scheide kehrte." Dies Gebet und die tatsächlich bewiesene Tapferkeit der jüdischen Soldaten in dem Heere Erzherzog Karls sind nicht gerade geeignet, die antisemitische Behauptung von der „jüdischen Feigheit" zu stützen. Aus der literarischen Betätigung Erzherzog Karls, der nicht nur das Schwert, sondern auch die Feder zu führen verstand, wovon 16 Bände nachgelassener Schriften Zeugnis ablegen, sei noch folgendes Bekenntnis wiedergegeben, das in dem kleinen Bande „Aphorismen" enthalten ist: „D i e I n t o l e r a n z ist e i n E r b ü b e l d e r R o h e i t lt n b eine Quelle ewiger R ü ck w i r k u n g e u." * * * Im Piseker Kreise, dessen bäuerliche Bevölkerung zur Zeit des Hülsner-Prozesses von antisemitischen Hetzaposteln stark bearbeitet wurde, findet das Ritualmordmürchen noch immer gläubige Gemüter, und so wurde dieser Tage wieder die Bevölkerung voit Pisek durch die Nachricht stark in Ansregnng versetzt, daß in dem nahen Oslov ein Knabe das Opfer des Ritualmordes geworden sei. Die Gerüchte erwiesen sich jedoch alsbald als Erfindung der überreizten Phantasie des Stationsvorstandes Stut in Wlastetz, der, seitdem ihn Zigeuner in dem Stationsgebäude überfallen hatten, an nervöser Ueberreizung litt. Bor kurzem erhielt der jüdische Kaufmann Ludwig König in Oslov ein Telegramm, das ihn aufforderte, einen Knaben aus Prag abzuholen. König fuhr nach Prag, holte den kranken Sohn seiner Schwester von der Klinik ab und brachte ihn in seine Heimat. Er stieg in Pisek aus, wo er Fleisch und Gemüse einkauste. Im Bahnhofe in Wlastetz ließ er das Paket, in dem sich die Kleider des Knaben befanden, bei dem Portier zurück, in der Absicht, sie später durch das Dienstmädchen holen zu lassen. Der Stationsvorstand öffnete aus Neugierde die zurückgelassenen Pakete und war nicht wenig erschrocken, als er in dem Paket die mit Blut befleckten Kleider eines Knaben fand. Er telephonierte sofort an die Gendarmerie nach Pisek, daß er einem Ritnalmorde ans die Spur gekommen sei. Die Alarmnachricht stellte sich natürlich alsbald als ein Phantasiegebilde heraus. Die Blutflecken ans den Kleidern rührten von dem eben eingekausten frischen Fleische her. * * * Aus Komürom wird uns geschrieben: Der hochgelehrte, evangelisch reformierte Bischof Gabriel Antal feierte am 8. d. M. sein 40jähriges Amtsjubiläum. Nebst den übrigen Konfessionen hat auch die hiesige jüdische Gemeinde eine Deputation an den Kirchenfürsten gesendet, der auf die Ansprache des Oberrabbiners Dr. Schnitzer unter anderem folgendes sagte: „Gott ist mein Zeuge, daß ich meine jüdischen Mitbürger stets nicht nur sehr geliebt, sondern auch hochgeschätzt habe. Meinen Gläubigen führe ich immer als Beispiel die Anhänger der jüdischen Konfession an, die mit selten großer