Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 24 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Die Wahrheit. Seite 7. Hände des Ministers für öffentliche Arbeiten in Konstantinopel -gekommen, der eben Sir Williams Bericht dem Großvezir vorgelegt hat. Offizieller türkischer Bericht über M e s o p o t a m t e n. Kapitel Y dieses Berichtes sagt, daß die Regenerierung Mesopotamiens an der Spitze des Programms der in der Türkei zu unternehmenden öffentlichen Arbeiten stehen müsse lind fügt hinzu: „Nichls wäre leichter, als dieser Gegend wenigstens teilweise ihren alten Glanz wiederzngeben und ans ihr eine der .Kornkammern der Welt zn machen. Einige Deiche zu bauen, einige Kanäle zu graben, Wasser herbeizuschaffen, ist alles was notwendig ist, um tausenden von Dunams den Wert sagenhafter Fruchtbarkeit zn geben". Es ist kein Zweifel, daß die Türkei, wenn sie sich schon daran gemacht hat, wünscht, daß dieses große Werk dnrchgeführl wird. Aber die Hilfsmittel und die Energie der Türkei wollen nach den ungeheueren Arbeiten, die in allen Teilen ihres arg vernachlässigten Reiches vor ihr liegen, bewertet werden. Es ist also die Frage, ob das jüdische Volk nicht die Gelegenheit ergreifen soll, diese spezielle Arbeit anszuführen und unter Kontrakt mit der Türkei Kapital, Arbeit und Bevölkerung für die Regenerierung Mesopotamiens zu beschaffen. In der Tat, ist es leicht möglich, daß die Türkei den Handel ablehnt. So sehr sie Kapital itnd Arbeit, Bevölkerung und Energie braucht, kann sie denken, daß sie uns zn günstigeren Bedingungen haben könne. Ahmed Riza Bey hat wirklich schon die Inden nach Mesopotamien eingeladen, ebenso wie in andere Teile des türkischen Reiches, aber es war nur eine allgemeine Einladung, zu kommen und bei dem Aufbau der Türkei mitznhelfen. Das ist nicht genug. So sehr wir die Werke der Jnngtürken bewundern, so sehr wir mit ihrem Wunsche, ein modernes und mächtiges ottomanisches Reich zn errichten, sympathisieren, schließlich ist das ihre Sache und nicht unsere. So dankbar wir für ihre Gastfreundschaft an Myriaden unseres Volkes sowohl in der Vergangenheit als gegenwärtig sind, so offenbar es die Pflicht dieser türkisch-jüdischen Untertanen ist ihr Vaterland zn unterstützen, wir Juden in anderen Ländern haben diese Aufgabe nicht. Wir brauchen die Türkei nicht. Wir brauchen überhaupt .den Orient nicht, das ist purer Aberglaube. O st g e g e n W e st. Der große Auswandererstrom geht und wird nach Westen gehen, nach den Vereinigten Staaten und ich hoffe via Galveston. Das ist ein Land der Freiheit und des Glückes, ein Land ohne Staatskirche, ein Land wo Jedermann eine Stimme besitzt und jedes in dem Gebiete geborene Kind anstreben kann, Präsident zu werden. Das ist ein Land, wo schon zwei Millionen Inden die Sicherheit ihrer Nachfolger garantieren. Das ist ein Land, wo Dorf an Dorf glücklicher, jüdischer Farmer sich verbinden, um ein kleines „Jto"-Laud zu bilden. Wenn Sie eine Agrikultnrkolvnisation wollen, bilden schon Tausende dieser Farmer einen Kern. Wenn Sie eine industrielle Kolonisation wollen, sorgen Tausende neuer Städte für eine bedeutend bessere Chance als der welke Orient. Es ist ein Land, so groß, daß die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands in wenigstens einem seiner fünfzig Staaten und Territorien nntergebracht werden kann. Es ist ein Land, frei von der Unruhe des Militarismus, eifersüchtigen, nationalen Streitereien, Kriegen und Masfakres Europas. Die Meinung, daß jüdisches Kapital und Arbeit unbedingt nach dem Osten strömen müssen, ist eine pure Täuschung, die nur von interessierten Parteien genährt wird. Die Jnngtürken werden klug sein, wenn sie daraus nicht vertrauen. Offene Worte an die I u n g t ü r k e n. Wenn die Jnngtürken uns Helsen wollen — und sie haben es viel notwendiger als wir — wenn sie unseren Verstand und unsere Börsen, unser Herz und unseren Geist wollen, damit wir uns zu dem großen Werke verbinden, dann müssen sie uns etwas mehr als eine allgemeine Einladung in alle Teile ihres Reiches geben. Wir müssen genaueVerträge, genaue Uebereinkommen, genaue Abgrenzungen des Territoriums, das wir besetzen sollen, haben. Wenn sie uns in ihrem Lande haben wollen, lassen Sie sie zuerst ihre bona fides beweisen, indem sie die Tore Palästinas öffnen und die Einschränkungen znrückziehen, die dort eine Arbeit unmöglich machen. Denn, was immer kommen mag, es kann nicht zngelassen werden, daß unsere Kolonien in Palästina nntergehen. Die Türken haben nicht gerade Mesopotamien, in das sie uns eingeladen, ganz in ihrer Gewalt. Die eingeborenen Araber sind noch sehr weit davon entfernt, friedliche türkische Untertanen zn sein. In Palästina die Araber sind schlimm genug mit ihren mörderischen Uebersällen ans unsere jüdische Kolonisten. Auf dem Dampfer Sir Williams Willcocks, des Sultans eigenen Emissärs, wurde in Mesopotamien geschossen, und während der letzteit Unrlthen war die Schiffahrt auf dem Tigris gänzlich eingestellt. Wir wollen nicht mit einer Handvoll in so ein Gebiet answandern und von den Kurden und Beduinen ermordet werden. Wir müssen eine große, sich selbst schützende Kolonie haben. Wir können geneigt sein, die türkischen Kastanien aus dem Feuer zn holen, doch nicht ohne ein quid pro quo. Wenn die Türkei will. daß sie und nicht Amerika uns habe, muß sie irns etwas Besseres bieten als wir jenseits des Ozeans finden können. Das habe ich Ahmed Riza geschrieben. Eine kleine Kolonisation ist unnütz. Wie sollte ungeordnete oder kleine Einwanderung, die im Westen so kläglich bei Lösung unseres Problems versagt, im Osten das Allheilmittel werden? Die Inden in mohammedanischen Ländern sind fast so verachtet und erniedrigt, wie in den christlichen Ländern. Im Mittelalter mußten sie in abgesonderten Onartieren leben, sich schwarz oder gelb kleiden und barfuß erscheinen und sogar heutigentags sind die Inden in einem Lande wie Marokko in das Mellah eingeschlossen und als niedriger als die Kameele angesehen. Wenn auch die Türkei toleranter ist. so wurde doch noch kein Volk durch Toleranz erlöst. Ein Volk kann nnr durch seinen eigenen Geist erlöst werden. Und dieser Volksgeist kann nur ans seinem eigenen Boden erhalten werden. Zn denken, daß kleine Kolonien im ottomanischen Reiche etwas anderes als Ausgaben erzeugen würden, hieße die bittere Erfahrung der „Jca" im Westen vergesfen, ivo alle die verschwundenen Millionen kein Znflnchtsland bilden können und der einzige Erfolg der ..Jca"-Kolonie ist. daß sie die Landpreise in der Umgebung auf unmögliche Höhe getrieben haben. Um jeden Preis zn kolonisieren — außer im großen Maßstabe, mit einem Tachlith oder bestimmten Ziel — ist sträfliche Verschwendung der Mittel des jüdischen Volkes. Dieser Luxus ist zu kostspielig und es wären manche andere bessere Dinge mit dem Gelbe zn unternehmen. Es sind schon anderthalb Millionen Inden im ottomanischen Reiche, und was nützt uns dies? Werden sie nicht von den Griechen sogar in Salonik, wo sie die Mehrzahl bilden, boykottiert und gequält? Hören wir ans mit philarltropischen Nichtigkeiten und Nichtmenschpolicik. Entweder errichten wir ein jüdisches Heimatsland oder suchen wir für die Lösung des jüdischen Problems eine andere und minder verschwenderische Basis als die Kolonisation. Sich betätigen heißt noch nicht leisten. Tie tätigsten Geschöpfe in der Welt finD die Tanzmänie. die sich in der Minute einige hundertmal hernmdrehen, aber sie könnten ebensogut stillgestanden haben. Meine Damen und Herren, ich habe diesen unseren alten Mesopotamtenplait nicht veröffentlicht, ohne überzeugt zn sein, daß er, wenn er als praktisch erachtet wird, die Sympathie der Führer des jüdischen Volkes finden werde, wenn ihn vielleicht auch mancher in geringerem Maßstab angehen möchte, oder in einem späteren Zeitpunkte oder nach anderer Methode. Sogar ein Mann, der imstande wäre, einen mächtigen Einfluß ans die türkische Finanzwelc ansznüben, begann sich dafür zn interessieren. Die Zionisten sind die einzige Partei, die zn sondieren ich nicht nötig fand, da ich es für selbstverständlich hielt, daß sie ihre Mitwirkung in einem Territorium, das zn ihrem Programm gehört, nicht ablehnen würden. Da aber unser Mesopotamienprojekt neulich in einigen fremden Zeitungen ausgesprengt wurde, zeigte mir ein Flügel der Zionisten selbst seine Zustimmung an. und ich