Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 24 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite b. Nr. 24 Offerlbarmrg. (Schluß.) Wir kommen zur übernatürlichen, wir sagen lieber zur aktiven Offenbarung, d. h. zu derjenigen, wo der Teil Passiv sich verhält, die Totalität aktiv ist. Führt gerade die Logik zu der widerspruchsvollen Annahme, die Ursache des Vergänglichen im Ewigen zn suchen, führt gerade die Logik, in demjenigen, bei welchem die Ursache anfhört, die Ursache dieser zeitlichräumlich und kategorial vorgestellten Welt zu suchen,*) treibt uns die Logik selbst, gegen ihre Gesetze zu denken — lehrt sie doch, daß von einem Absoluten nur Absolutes hervorgeht, daß Einzelnes nur von Einzelnem entsteht, ist also das Einzelne ewig und vergänglich zugleich, muß man endlich in der absoluten Substanz. als dem logischen Grund des Vergänglichen auch den realen Grund sehen, d. h. soviel wie seine essentielle Gemeinschaft mit dem Vergänglichen, zwingen die formale Logik ihre eigenen Gesetze über sich selbst hinanszngehen, resp. sich in einer höheren Einheit aufzuheben, kann das Endliche, wenn auch nur mittelbar, sich über das Ewige Ausschluß verschaffen, so ist die logisch-psychische und melaphysische Möglichkeit der aktiven göttlichen Offenbarung gegeben. Wer kann der Offenbarung teilhaftig werden? Die rationalistisch-kirchlich gesinnten mittelalterlichen Philosophen haben als Grundlage der Prophetie Weisheit, Klugheit, körperliche Stärke, Wohlhabenheit, Keuschheit, ethische Makellosigkeit angenommen (die Grundquelle dieser Antiahme ist bekanntlich talmudisch). Gehen wir aber die Geschichte der aktiven Offenbarung durch und sind wir entschlossen, sie wahrhaftig zu lesen, so sinden wir unter den der Offenbarung teilhaftig Gewordenen von den unsaubersten Charakteren bis zn den ethisch Vollkommensten. Von Kain, Bileam. Simson. Laban bis zu Moses, von dem Hirten Amos bis znm königlichen Prinzen Jesajas, vom Hohepriesterssohn und königlichen Schwiegersohn Zacharias bis znm Knaben Jeremias, ja auch das Geschlecht bildet kein Privilegium, auch Frauen wurden der aktiven Offenbarung gewürdigt. Es ist auch kein jüdisches Privilegium. Unsere Weisen lehren bekanntlich, daß die anderen Völker so gut Propheten — Nebiim sagt der Midrasch nicht Chosim Seher — gehabt haben wie Israel. Die verschiedensten Menschen, die verschiedensten Klassen, jedes Alter wurde der aktiven Offenbarung gewürdigt, Wüstlinge wie Tugendhafte, Naive wie Kluge, Weise wie Unwissende. Ueber diese Dinge tnüffen wir uns zuerst klar werden, wenn wir die Tragweite von Ma’mad Har Sinai verstehen wollen. Die Grundwnrzel müssen wir ausdecken. Ich glaube, diese ist im Glauben zu suchen, d. h. die erste Bedingung, um zum Sprachrohr der aktiven Offenbarung ausersehen zu werden, ist, der hervorragendste Gläubige seines Geschlechtes, seiner Gegend, seines Volkes und Stammes zu sein. Um Objekt der aktivelt Offenbarung zn werden, muß man vor allem ein Glaubensheld, nicht im ethisch historisch-konfessionellen sondern im psychisch-metaphysischen Sinne, sein. Glaube ist eben, wie schon der Name sagt, nicht eine durch logische Schlüsse gewonnene Erkenntnis — wenn auch der psychische Zwang, die logischen Urteile als real zu nehmen, jede Ueberzengung überhaupt im höheren Sinne auch nur ein Glauben ist — Glaube ist kein Ausdruck des sinnesdimensional Wahrgenommenen, Glaube ist auch kein sogenanntes Gefühl, Glaube ist ein psychophysischer Sinn, ein seelisches Urelement, ein immanent-transzendentes Wahrnehmen, sinnlich-empirisches Erfassen des Uebersinnlichen. Der primäre reale Wille, dem das zukommt, was wir absolutes Sein, das Ewige, die Wirklichkeit, nennen und dessen ältßeren Manifestationen wir mit Kollektivum Leben, Bewegung benennen, mit Distributivnm Aktualitäten, Wille znm Lebeti, Wille zur Macht usw., will auch Religion, d. h. er will dieses fünfdimensionale und disknrsiv-logische Seinsbild verlassen und das Sein ohne diese Formen wahrnehmen, erleben, begreifen, *) Wie naiv sehen die scharfsinnigen Emwände von Schulz und Maimorr, die Kant selbst imponierte», gegen den Widerspruch, ans dem sie den alten Königsberger ertappten, als ob Kant hier etwas neues gesagt, in Wahrheit hat er nur den Tatsachenbefund konstatiert und besten Ueberwindung Schelling überlasten. erfassen. Der Einzelwille, der kansaliler und subsistentiell mit dem Totalwillen zusammenhängt, strebt hin, seine Ketten zu durchbrechen. um sich mit dem Gesamtwillen zu vereinigen. Es ist dasselbe Berhültitis, wie der gegenseitige Magnetismus der Geschlechter. So gut wie der Jndividnalwille znm gemeinsamen hinstrebt, ebenso strebt der Gemeinsame zur Vereinigung mit dem Jndividualwillen. Beide aber bleiben doch in dieser, ich möchte sagen transzendenten Repulsion und Attraktion stehen und dies ist eben die Harmonie. Jndividualsphäre und Gesamtsphäre, ziehen einander infolge essentieller Gemeinschaft an. erreichen aber einander ebenfalls infolge esfentieller Grnndverschiedenheit nicht. Mancher Einzelwille kann wohl dem Gesamtwillen viel näher kommen als alle übrigen Jndividualwillen, der Totalwille kann sich wohl — ist er doch der essentielle und logische Grund des Einzelnen — auch von seiner totalitativen Seite durch die Formen des Individuellen manifestieren, aber eine Ver-inheitlichnng. eine Verschmelzung beider Sphären findet nicht statt. Das transzendente Keimplasma des Glaubens ist also, wie überall, der Wille. Nun wird man weiter zugeben müssen, daß es verschieden geartete Organismen gibt, der eine ist mit einem Temperament ansgestattel. welches an der Liebe kein Genug kennt, es verzehrt sich vor Sehnsucht nach Geben und Empfangen, die übrigen sind wohl der Liebe zugänglich, haben auch ihre warmen Stunden, aber von Glm, Siedhitze ist keine Spur. Ich könnte hier sprechen von der Aesthetik, von dem Willen zum Schönen, von dem Willen zur Selbsterhaltnng. von dem Willen zur Sittlichkeit, doch ich will mich auf das Beispiel der Liebe beschränken. Es gibt feurige Naturen, normale, halb- und viertelnormale, Fischblut genannt, und ganz verkrüppelte, geborene oder künstliche Eunuchen. Genau so verhält es sich mit dem Willen zur Religion, dem Drang nach Gott, dem Glauben. Jeder normale psychische Organismus strebt znm religiösen absoluten Objekt. Jeder Normale hat sein göttliches Schäferstündchen, jeder Normale hat seine Blutwallnngen, transzendentes Erhitzen und Sich-in-Gon- Vergesseu. Die Halb-, Viertel-Normalen, die Fischblutnaturen spüren auch etwas, aber sie machen davon nicht viel Wesens. Die religiösen Eunuchen sind eben wie jene entweder künstlich gezüchtet oder natürliche Kastraten. Die anfschänmenden, starken, kochenden. brennenden Naturen können von Gott nie genug haben. Und so wie im Verkehr der Geschlechter nur derjenige Erfolg hat, der sein ganzes Ich daran setzt, ebenso ist es mit der göttlichen Liebe. Nur die in Gott Verliebten werden zn Trägern der aktiven Offenbarung gemacht. — Gehen wir die Geschichte der Menschheit und speziell die jüdische durch, io finden wir unsere These bestätigt. Gott offenbart sich an alle Menschen, die ihn intensiv suchen. Die göttliche Offenbarung ist quasi eine metaphysische Notwendigkeit, denn in dem Drang nach Gott ist implicite eine nahe Verwandtschaft eingeschlossen. Der gesuchte Gott ist vorhanden. Wer Ihn sucht, weiß von Ihm. erlebt Ihn, wer Ihn erlebt, kennt Ihn, und wer Ihn kennt, dem gibt Er sich zu erkennen, dem offenbart Er sich aktiv. „Zn seinen Göttern malt sich der Mensch", dieser Satz ist wahr, aber nicht im landläufigen Sinne, der dem Dichter vorschwebte. Die transzendente Stärke eines Menschen oder Volkes erkennt man an seinem Goltesglauben. der ein Produkt der psychischen Veranlagung ist. Je stärker der transzendente Sinn, einer Person, eines Volkes ansgebildet ist, desto fester, desto feuriger und glühender sein Glaube. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir die auf profan-historischem und sakrosanktem Wege fesrgestellten Offenbarungen verstehen. Es wurden gewiß viele uns namhaft gemachte und ungenannte Glanbenshelden mit aktiven Offenbarungen persönlicher — und diese Art muß logisch-notwendig immer, also auch heute noch geschehen — oder sozialer Natur ausgezeichnet. Ich bemerke noch weiter, daß der mit einer Offenbarinig ausgezeichnete Kain keinen Mord im gervöhulichen Sinne beging, es war vielmehr eine Forderung, ein Duell mit tödlichem Ansgang wegen einer Liebe. Gott genannt. Es war ein Liebeswahusinn. Der aufgeblasene Bileam will doch nur das sprechen, was Gott ihm befehlen wird; der betrügerische Laban gehorcht doch dem göttlichen Befehl und belehrt den größten unserer Erzväter mit Recht, daß man das Herz einer älteren Schwester