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Die Wahrheit · 1909-06-18 · Heft 24 (18.6.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 24 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 24. unpersönlicher Gestalt, als soziale Erscheinung zum Abfälle verleitend, ist viel gefährlicher. Da hieß es aus der Hut sein. Die, deren Pflicht es war, auf der Vedette zu stehen und nicht standen, die, deren Psticht es war, das Heranziehen der Nacht wachend zu verkünden und nicht verkündeten, werden einst darüber Rechenschaft oblegen müssen, was sie zur Zeit der Gefahr taten, wo sie waren, als der Sturm am heftigsten losging. Wer nicht mit uns ist, den brauchen wir nicht, wer nicht mit uns, ist gegen uns — o, glückliche Zeit, wo wir das sagen konnten, du bist längst vorüber! Wollte man sich heute im angeblichen Bewußtsein der überlegenen Kraft trösten, man verdiente entweder als Schwachkopf oder als Lügner, ja Verführer, gebrandmarkt zu werden. Es geschieht in unserem Volke nichts, um dem Unglauben, der religiösen Indifferenz zu steuern. An der ewigen Wahrheit des Judentums als geoffenbarter Religion wird gerüttelt und gedeutelt, daß es wahrlich nicht wnndernimmt, wenn aus solch' böser, schmachvoller Saat solch' üppig' Unkraut emporschießt. Ihr Eltern, die Ihr noch im Judentum mit allen Fasern Eueres Herzens wurzelt, gestehet es nur ein, daß Ihr mit dem Kopfe nicht ganz dabei seid, wenn Ihr Euere Kinder nicht in der Weise erziehet, die nötig wäre, um sie vor der Gefahr zu behüten. Den uns Verlorengegangenen ist nicht mehr zu helfen, rettet aber die noch Wankenden, die Unsicheren und vor allem den Kindern gebt eine solche feste Grundlage des Glaubens,! daß sie froh und freudig das Joch der Gottesherrschaft durch! alle Fährlichkeiten des Lebens tragen werden. Wem es ernst ist j um das Bestehen des Judentums, wird sich selbst diese Grund-! läge durch innere Nöte und Kämpfe mitten im Drange des! Lebens erringen. Wenig Wissenschaft, falsche Philosophie führt j von Gott weg, viel Philosophie, viel echtes Wissen führt zu! Gott zurück. Der Drang und Ernst des Lebens bietet uns eine feste Stütze in der Religion der Propheten und der Tradition,! wir müssen nur nach ihr greifen wollen. Ein Allheilmittel gibt es: Glauben, unerschütterlicher, bewußter Wille zum Glauben. Nur daun kann und wird die Verheißung in Erfüllung gehen: Ich werde sie nicht verschmähen und verabscheuen, um sie ganz zu vernichten, um meinen Bund mit ihnen anfzuheben... Erwachet' Ihr Hirten Israels von Eurer Bequemlichkeit — das Wasser ist schon über dem Verdeck! Lernt von anderen Kousessionen, veranstaltet Kongresse, wie es einmal von dieser Stelle aus in den „Altneuen Bahnen" verlangt, aber leider mit behaglichem Stillschweigen ausgenommen wurde. O, Ihr Großen in Israel! Seid Ihr denn so schwach geworden, seid Ihr denn so verzagt und kleinmütig?! Aber, o Gott, wohin sollen wir uns wenden? Wir sind ohne Hohenpriester und Hirten, ohne Führer und Leiter, ohne Schöpfer und Denker, ohne Sühnopfer und Gebete! Einsam, einsam wandeln wir nuferen ewigtraurigen Weg in dieser großen Wüste . . . Wohin? . . . Was wir unteren Kindern während der Schulferien in der Religion biete» sollen. Nur mehr wenige Wochen trennen uns noch vom Schnlschlusse, vom Beginne der Ferien, die sowohl von den Kindern als den Eltern heiß ersehnt und ungeduldig erwartet werden. Und dies mit Fug und Recht. Das Sprichwort: „Nach getaner Arbeit ist gut ruhen" soll nicht bloß im Leben der Großen, sondern auch im Bereiche der Kleinen zur Geltung gelangen. Und doch gibt es ein Heer von Kindern, die, trotz der Schulferien, die erlangte Freiheit nicht in vollen Zügen genießen können. Es sind dies die in gewissen Gegenstäitden der Schule Zurückgebliebenen, denen die Ferien infolge der bedingten Vorbereitung zu den üblichen Nachprüfungen erst recht die Zeit der ernsten Arbeit und des rastlosen Fleißes bedeuten. Daß da die meisten Eltern keine Opfer scheuen, um den schiffbrüchigen Sprößling auf der Oberfläche zu erhalten, ihn gegen die Brandung, d. i. vor dem Verlust eines Schnlja'ares zu fchützen, das ist eine Tatsache, die nach jedem Schnlschlusse häufig in die Erscheinung tritt. Wer beispielsweise Gelegenheit hat, öfter odergar täglich mit der Eisenbahn oder der Elektrischen nach den in der Nähe Wiens gelegenen Sommerfrischen zu fahren, der wird die Wahrnehmung machen, daß unter den Fahrgästen ein gewisser Perzentsatz aus den Kreisen des Lehrfaches sich rekrutiert, Leute, die die Fahrt weder zum Vergnügen noch zur Erholung, sondern lediglich berufshalber zurücklegen. Man sieht da alle Kategorien Lehrkräfte, .die hmauswandern, alle, um der vom Hause ans mit Glücksgütern gesegneten Jugend teils die für den Fortgang in der Schule, teils die für die gesellschaftliche Stellung erforderlichen Kenntnisse linb Wissenschaften beizubringeu. Sonderbarerweise erblickt man unter diesen wandernden Jugendbildnern nur äußerst selten eine Lehrkraft, die dem Religionsfache angehört. Volks- und Mittelschullehrer, Klavierlehrerinnen. Französinnen, Engländerinnen au allen Ecken und Enden, aber von einem Religionslehrer fast keine Spur! Ja, du lieber Gott, sind denn alle da draußen in den Sommerfrischen weilenden Kinder in der Religion so fest beschlagen, als daß sie gerade in diesem Gegenstände Nachhilfe und Vorbereitung nicht von nöten hätten? Ach nein! So weit haben es unsere Kinder d u r chs ch n i t t l i ch noch lange nicht gebracht. Allein, es ist eben in unserem modernen jüdischen Leben so häßlich eingerichtet, daß man für alles mehr Sinn und Interesse hat, als für die Religion, für alles mehr Opfer bringt, als für die religiöse Erziehung und Heranbildung der jugendlichen Kinder. Zum Glücke haben wir noch ein Schulgesetz, das den Schulkindern die Teilnahme am Religionsunterrichte diktiert, Schnlansweise und Zeugnisse, in denen der Gegenstand „Religion" die vorderste Rubrik, den allerersten Platz einnimmt, Faktoren, mit denen auch die indifferenten Eltern zu rechnen haben. Daß auch der Wiener Knltusvorstand von seinem Rechte als oberste israelitische Religionsbehörde ergiebigen Gebrauch macht, dem Religionsunterrichte in den Schulen volle Aufmerksamkeit znwendet, ihn in steter Evidenz hält und keine Opfer scheut, wo es gilt, ihn zu fördern und auf seiner Höhe zu erhalten, wer wollte dies in Abrede stellen und sich dagegegen undankbar erweisen? Ist es also nicht schnöder Undank, wenn jüdische Eltern gerade irr puncto Religion der Schule gleichgiltig gegenüberstehen, in ostentativer Weise draußen in den Sommerfrischen den Hauslehrern und Hauslehrerinnen der profanen Wissenschaften Tür und Tor öffnen, aber dem ständigen Hauslehrer für Religion, dessen Nachhilfe die Kinder nicht selten dringend benötigen, ohne daß er darum angesucht hat, no1cn8 voIcn8 einen dreimonatlichen Urlaub erteilen! Aber nicht der theoretische Unterricht in der Religion allein ist es, der in den Schulferien, wo es nottnt, fortgesetzt werden sollte, nein, auch das Empfinden für die Religion und das Interesse für ihre Lehren und Vorschriften sollte gerade in dieser Zeit in den Herzen der jugendlichen Kinder geweckt und wachgernfen werden. Haben sie schon während des Schuljahres — wie wir es ans dem Munde der Eltern zu hören bekommen — vor lauter Lernen und Studieren, vor laitter Kummer und Sorgen um das Vorwärtskommen, nur äußerst selten Zeit, an Gott, ans Gotteshaus und an den Gottesdienst zu denken, warum sollten sie nicht in der schulfreien Zeit, wo sie sich draußen der herrlichen Natur erfreuen und ergötzen, an den Schöpfer und Leiter dieser uns so schöne und reiche Gaben spendenden Natur erinnern und durch religiöse Andachtsübungen und fleißigen Besuch des Gotteshauses dankbar sich ihm erweisen? JV2 bv npirn nrrs bzn b’sws nrpn» ps* sagen unsere Weisen. „Die Welt hat nur Bestand, insolange die Kinder das aus der Religion in der Schule Empfangene zum mündlichen Ausdruck bringen." Daraus geht klar und deutlich hervor, daß die religiöse Erziehung und Heranbildung der Kinder den Eltern die Welt und die Zukunft bedeuten. Weil aber in der Zukunft nuferer Kinder auch die Zukunft des Judentums liegt und ein Judentum ohn-e Religion, ohne Religionsstndium und ohne Religionsübnng nicht denkbar ist, darum wollen wir unsere Kinder schon im jugendlichen Alter, solange sie noch Schulkinder sind, für die Religion, für alles, was sie lehrt und vorschreibt, empfänglich machen, darum wollen wir keine freie Zeit und keine günstige Gelegenheit verstreichen lassen, ohne auch in Sachen der Religion etwas für unsere Namensträger, für ihre Zukunft und für die Zukunft des Judentums getan zu haben. D. 8.

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