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Die Wahrheit · 1909-06-18 · Heft 24 (18.6.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 24 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Umwogt und umstürmt vom tobenden Meer, wird es hin und her geschleudert — es kann nicht dem Anprall der Wellen widerstehen, es bengt und senkt sich, in allen Fugen krachend. Die bisher im muersten Verließ hausenden Ratten kriechen aus ihrem Versteck hervor, ihr sicherer Instinkt kündigt ihnen die Gefahr an — sie steigen höher hinauf, bald sind sie oben am Verdeck, sie haben das dem Untergange geweihte Schiff verlassen, brachten sich rechtzeitig in Sicherheit. . . Nur nicht rabiat werden! Die Lage ist zu ernst, um zu poltern und zu toben.. Ich will von den Massenaustritten reden. Das Judentum ist in Gefahr! Rette es, wer kann. Aber gründlich schweigt man sich ans. Ein unheimliches Schweigen. Ein Schaudern ergreift, es zu lösen. Kein Haus, wo kein Toter vorhanden. Alte, ehrwürdige jüdische Familien, ehemalige Zierden des Judentums, aus hervorragenden Rabbiniten bestehend, haben kein einziges Glied mehr im jüdischen Lager. Jede Spur verweht, jede bleibende, wirkliche, lebende Erinnerung ansgelöscht. Wollten oder konnten sie kein Teil am Gotte Israels haben, es bleibt sich gleich — der Schmerz ist unser, der Zurückgebliebenen. Und der Zweifel schleicht sich mit seinem nagenden, höhnischgrinsenden Antlitz heran und fragt: Also umsonst ist alles gewesen? Umsonst die 4000 jährige Geschichte, umsonst das 2000 jährige Martyrium? Noch ein wenig und es bleibt Nichts zurück, der Abbröcklungsprozeß hat schon den festen Felsen im Osten ergriffen. . . Und nichts geschieht, um ihn aufzuhalten. Nicht einmal über Renegatentum und Feigheit wird mehr gelärmt — ist man bereits so tolerant geworden, so gewitzigt und erfahren, so greisenhaft-klug, daß man das sich-Entrüsten verlernt hat? Will man Gott ins Handwerk pfuschen, verzeihend,! versöhnt das Haupt schütteln, Herz und Nieren selbst prüfen, - Ihm nichts mehr zu tun übrig lassen? Richte nicht den Nächsten, bevor du selbst in seiner Lage warst, d. h. richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, sagten unsere Weisen. Es sei mir unendlich fern, an dieser Wahrheit zu rühren. Sie ist gemeint im individuellen Sinne, verlangt Milde im Verkehr mit Menschen, nicht der Gerechtigkeit strafendes Schwert, das nur Heuchler und Pharisäer im angeblichen Bewußtsein ihrer vollkommenen Reinheit handhaben können, sondern Billigkeit, Berechnen der Umstünde, die einen Fehltritt herbeigeführt, Milde, Nachsicht werde jedem zuteil. Aber die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ist damit nicht aufgehoben, sich hinwegsetzen über gesellschaftliche Mängel, über soziale Massenübel, nationale Sünden — herrlich weit könnte uns das bringen l Das hieße den Gott, der in der Geschichte wirkt, leugnen, ja noch mehr, Ihn vertreiben, Ihn verdammen, da Er um das Gute ringt, uns ein Gesetz gegeben, sich geoffenbart und ein Hochhalten seiner göttlichen Fahne angeordnet hat. Wo im Volkskörper Eitles gesät wird und Böies gedeiht, dort ist Hilfe nicht nur vonnöten, sondern zwingend geboten, es gleichgiltig, sorglos-resigniert, selig-ruhig oder trostlosapathisch gewähren lassen, das hieße Satans Werke verrichten, sich von seinen Künsten blenden lasseri, an ihnen Wohlgefallen finden — und Gott, sein Gebot ausliesern und der Vernichtung preisgeben... Das Judentum ist in Gefahr! Wer dies leugnet oder nicht sieht, ist entweder ein Betrüger oder ein betrogener Betrüger. Bewußte oder unbewußte Baalspropheteu, es bleibt sich gleich für die Wirkungen, für die durch sie hervorgerufenen Schädigungen des Volkskörpers. Aber man ist mit Blindheit geschlagen, wenn mau nicht sehen sollte, jetzt nachdem die Liften jede Woche doch endlich in verschämter Ecke veröffentlicht werden, daß alles rennet, sich rettet, flüchtet hinaus aus dem qualmenden Lager, in dem der Tag stockfinster zu sein scheint, wenn selbst die Führer, die berufenen Vertreter und Hüter des göttlichen Lichtes sich nicht rühren. Oder ist die Paralyse bereits so weit vorgeschritten, daß wir nicht einmal den Schmerz mehr fühlen? Ist man bereits so weit abgestumpft, daß man das Maß als voll empfindet? Kann man wirklich keinen Widerstand mehr leisten? Oder rechnet man vielleicht mit der Menge der Verlorengegangenen als mit einer ebenbürtigen, nein, überlegenen, weil unsichtbaren, unpersönlichen Macht? Ist dem wirklich so, dann will ich mich im Staube vor dem wälzen, ihn, Vater und Meister nennen, ihn als den göttlichen Arzt preisen der mich, uns den Schmerz der amputierten Glieder wieder empfinden lehrt, die Furcht nimmt lind statt Mut und Klugheit beseligende Tollkühnheit beibriugt! . . . Was soll nun also geschehen? wird man fragen. Früher durften wir im Bewußtsein unserer Gotteskindschaft, des Auserwühltseins, des lebendig in uns wirkenden Glaubens uns um die uns verlassenden, „verirrten Schäflein" insofern nicht beunruhigen, als dieser Glaube eine reale, unüberwindliche Macht bildete, vor der die Pforten der Hölle halt machen mußten, und die uns die feste Zuversicht bieten konnte, daß der Gesamtheit nichts geschehen wird. Früher pflegte der „Feind" Sünder und das Volk zur Sünde verleitende Boten ausznsenden — man hatte leichteres Spiel, solange man wußte, vor wem man sich hüten, vor wenl man die Gesamtheit warnen sollte. Satan in

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