Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 23 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die. Wadrdeu Nr. 22 sollte, das andere — beharrlich verfolgt werde, sind lvir uns wohl bewußt, daß eine Anzahl von Jahren vergehen muß, bevor : eines der Projekte zum Zwecke eines Zufluchtslandes für den i ständigen Strom jüdischer Auswanderer dienen kann, die in ihren Geburtsländern nicht bleiben können oder wollen. Für diese Auswanderer wird die Gegend im Wirkungskreise des Emigration-Regulation-Departements der „Iw" im Westen der Vereinigten Staaten als provisorisches Zufluchtsland bis zu der Zeit dienen, da der ständige Zufluchtsort imstande ist, den Auswandererstrom aufzunehmen. So, meine Damen und Herren, war die von uns vorgeschlagene Lösung des jüdischen Problems: Cyrenaika oder Mesopotamien als Land der Zukunft, Galveston und seine Gegend für die Not des Augenblickes beibehalien. Da Cyrenaika gefallen ist, erübrigt es, Mesopotamien zu prüfen. Das m e s o p o t a m i s ch e Projekt. Aber Sie werden schon geschlossen haben, daß wir eben in diesen Verhältnissen Mesopotamien nur als „glückliches Wort" ponisieren. Die „Jto" spielt nicht mtt Worten. Es war ein bestimmter Plan, zwar skizzenhaft, aber doch ein Plan. Da sollten Bahnen und Bewässerungswerke mit jüdischen Aibeitern sein, die bei beiden beschäftigt und an das Land und das Klima gewöhnt werden sollten, bevor sie sich als Kolonisten niederlassen. Dieser Plan wurde von mir selbst ctufgestellr und ist im Blaubnche erschienen, nnterftützt von einem ähnlichen Plane aus der Feder von Sir Andrew Wingate, K. E. I. E., der bedeutende Erfahrung in Bewässerung im Peudschab hat und ein Kousin des Sirdars von Egypten ist, der Gegend, die am meisten 'Nutzen ans der Bewässerung gezogen hat. Die Kosten der Bewässerungsanlagen in meinem Plane waren für das ursprüngliche Projekt £ 8,000.000. Ein wohlwollender jüdischer Bankier fragte mich, wie ich mir dächte, von den jüdischen Philanthropen acht Millionen zu bekommen, wenn es sogar unmöglich war, Geld genug für unseren Board os Guardians aufzutreiben? Ich antwortete, indem wir weder als Juden noch als Philanthropen, sondern als Geschäftsleutedarangeheu. Der Wert des Landes außer £ 8.000.000, die darauf ausgegeben werden sollten, wurde mit £ 30,000.000 berechnet und ich sehe nicht ein, warum jüdische Finanzlente eineit Nutzen von £ 22,000.000 abweisen sollten, gerade wenn das Projekt ihrem Volke zugute käme? Ich habe über unseren Mefopotamienplan ausführlich in der Vergangenheit referiert, weil die Gelegenheit dazu schon vorübergegangen sein könnte. Ich glaitbe nicht, daß die neue türkische Konstitution es ganz schwer gemacht habe, ein Privileg für Mesopotamieit oder Palästina zu bekommen, denn man kann schwerlich sagen, daß die Konstitution durch unbevölkerte Strecken des Reiches getragen werden könne, und wo eine schwache oder gar keine Bevölkerung ist, mag eine Form autonomen Arrangements iticht ganz unmöglich fein, nicht zit erwähnen das schrittweise Anwachsen einer herrschenden Majorität. Aber es ist noch eine andere Tatsache, mir der man rechnen muß. (Schluß folgt). Verschiedene Nachrichten. Wien. (O t h i l d e Singer.) Unter ungewöhnlich großer Beteiligung fand Donnerstag, den 3. d. M., 11 Uhr vormittags vom Trauerhause, I., Seitenstettengasse 4, das Leichenbegängnis der Frau Othilde Singer, Gattin des kaiserl. Rates, Oberkanwr Josef S i n g e r, statt. Man bemerkte unter den Trauergästen den Präsidenten und Vizepräsidenten der Knltnsgemeinde mit den Mitgliedern des Kultus- und Bethausvorstandes, den Präsidenten und die Vorsteher der „Chewra Kadischa", Vertreter der Bethausvereine und zahlreicher humanitärer Vereine, fast sämtliche Rabbiner und Kantoren Wiens, die Beamtenschaft und viele Mitglieder und Damen der Wiener Gemeinde. Und alle die Hunderte, welche die Trauergemächer, die Korridore des Hauses und die beiden Troitoirseiten der engen Gasse dicht besetzten, waren gekommen, um tiicht nur dem schwergeprüften Gatten und den Kindern ihre Teilnahme zu bezeugen, sondern auch der edlen Dahingeschiedenen, welche wohl in ihrer seltenen, wahrhaft weiblichen Bescheidenheit aus ihrem häuslichen .Wirkungskreise niemals heraustrat, sich aber dennoch durch die hvhe Ethik ihrer Lebensführung die Achtung der weitesten Kreise erworben hatte, einen Tribut stiller Ehrfurcht zu zollen. Ein tieserschüttternder Moment war es, als der Gatte, umgeben von seinen Kindern, mit rührenden Worten von seiner treuen Lebensgefährtin Abschied nahm und ihr Dank sagte für all das, was sie ihm und ihrer Familie gewesen. Unter den üblichen rituellen Gesängen wurde hierauf der Sarg gehoben und die sterbliche Hülle des Biederweibes aus dem Hause getragen, in dem sie durch Jahrzehnte als Priesterin gewaltet tind dessen Glanz mm mit ihr entschwunden ist. In der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes stimmte Oberkantor Don Fuchs unter der Assistenz des I. Kantor Jurberger und des Chorpersonales in wehmütig leisen und zu Herzen dringenden Tönen das „Hazur tomim" an und hierauf trat Oberrabiner Dr. Güdemauu an die Bahre und schilderte mit tröstenden Worten das Leben und Wirken der Heimgegangenen, ihre Klugheit, Frömmigkeit und Bescheidenheit, ihre Liebe zu dem Gatten und ihre Fürsorge für die Kinder, ihr gutes Herz und ihre reichen Geistesgaben und alle die hohen Tugenden, die sich in ihr zu so schönem Charakterbilde vereinten. Am offenen Grabe rezitierte noch Oberkantor G u t m a n n namens des Vorstandes des österr.- ungar. Kantorenvereiues unter allgemeiner Ergriffenheit ein „EI mole rachamim" und nach der pietätvoll frommen Ehrenbezeugung, die hiemit die Kollegen der Gattin ihres Präsidenten erweisen wollten, fielen die dumpfen Erdschollen auf den Sarg, und Othilde «Singer wurde zur ewigen Ruhe gebettet. In unzähligen Kondolenzen von nah und fern gibt sich die Teilnahme für die tieftrauernden Hinterbliebenen kund und möge das Bewußtsein sie trösten, daß das Andenken der Heimgegangenen nicht nur in ihrem eigenen Herzen, sondern in den Herzen Vieler in seltener Klarheit fortleben wird. Wien. Samstag, den 12. d. M., Predigt im Stadttempel. Wien. Der Vorstand der israel. Knltnsgemeinde hat mit Schreiben vom 12. Mai d. I. dem k. k. Landesschulrate und k. k. Bezirksschulräte zur Kenntnis gebracht, daß in diesem Jahre das jüdische Neujahrsfest auf den 16. und 17 September fällt und das Ersuchen gestellt, bei den Versügllngen für den Beginn des Schuljahres 1909/10 hinsichtlich der Einschreibungen, Wiederholung»- und Aufnahmsprüsnngen israel. Schulkinder und der Inanspruchnahme israel. Lehrer ans diesen Umstand gemäß Erlaß des k. k. n. ö. Landesschulrates vom 5. Februar 1879, Z. 376, Rücksicht nehmen zu wollen. — Hierüber hat der k. k. Landesschulrat mittelst Erlaß vom 1. Juni 1909, Z. 2723/11, folgendes verfügt: „An die Direktionen aller staatlichen Lehranstalten und an alle Bezirksschulräte! Der Vorstand der israel. Knltnsgemeinde Wien har die Aufmerksamkeit des Landesschulrates auf den Umstand gelenkt, daß in. diesem Jahre das jüdische Neujahrsfest auf deu 16. uud 17. September fällt. Die Direktioueu und Bezirksschulräte werden daher angewiesen, bei den Verfügungen für den Beginn des Schuljahres 1909/10 hinsichtlich der Einschreibungen, Wiederholungs- und Ausnahmsprüfungen israelitischer Schüler auf diesen Umstand Rücksicht zir nehmen." Wien. (B i l d n n g s a n st a l t für Kinderpflege.) Schon seit geraumer Zeit lüßr sich die Tatsache seststellen, daß jene Familien, welche für die Erziehung ihrer Kinder geschulte Kräfte suchen, diese gar j uichr oder nur schwer finden. Sie sind oft darauf angewiesen, ihre Kinder Personen anzuvertrauen, die vielleicht zwar eine fremde Sprache sprechen, von Kinderpflege uud Kindererziehung aber uichts verstehen, Der Zudrang, der Mädchen zn Berufen, in denen ihre soziale Stellung eine bessere ist, in denen sie mehr Freiheiten genießen und anscheinend auch besser entlohnt werden, hat diese Erscheinung gezeitigt. Und doch ist die Erzwhnng die ureigenste Domäne des weiblichen Geschlechtes, die es verdient, daß sich ihr wieder in größerer Zahl, als es in den letzten Jahren der Fall war, Mädchen, welche Lust und Liebe zu Kindern haben, zuwenden. Aber selbst für Mädchen, die im Erziehungsfache nicht einen Erwerb suchen, sind dessen Kenntnisse von Wert: auch die künftige Mutter soll in allen Dingen Bescheid wissen, die mit der Pflege und Erziehung des Kindes zusammenhängeu. Deshalb machen wir auf die seit dem Jahre 1868' in Wien, II., S ch i f f a m r s g a s s e 15, bestehende und mit der altbekannten israel. K i n d e r b e w a h r a n st a l t unter einer Leitung stehende Bildungsa n st a l t für Kindergärtnerinnen aufmerksam, mit welcher ein B i l d u n g s k u r s für K i n d e r p f l e g e r i lt n e it (B onne n) verbunden*ist, und die durch das ihr verliehene Oeffentlichkeitsrecht in der Lage ist, staatsgiltige Zeugnisse ausznstellen, welche ihre Schülerinnen auch zur Anstellung an öffentlichen und Privat-Kindergärten berechtigen. Die Anstalt eröffnet im Herbste ihren 42. Jahresknrs, nimmt jederzeit Anmeldungen entgegen und versendet über Wunsch Programme.