Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 23 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063492--06112-3073088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 23. Konlinuitätstheorien in Bezug auf die Beeinflussung der „Bibel- Schreiber und Redigierer" als logisch und historisch nicht stichhältig erwiesen, bis wir nicht historische d. h. chronologisch gebuchte und verbriefte Beweise auffindeu, die die Beeinflussung der „Bibel-Schreiber,, aus anderen früheren Quellen dartun würden (die paar aus der Bibel herausgerisseuen und von jedem grünen Jungen herumgezerrten Zitate beweisen nichts, i weil es sich nur um eine Interpretation schwieriger Textstellen handelt). Weiter ergab sich uns. daß alle dislursive, intuitivlogische oder reine Gesühlserkenutnis Gottes — die Möglichkeit reiner Gefühle vorausgesetzt — als natürliche Offenbarung, als Aktivität des Vergänglichen und Passivität des Ewigen erwiesen. (Schluß folgt.) „Isaak Stern, einer von nnsere Lent". (Zeitgemäße Glosse n.) 1879. Im Carltheater in Wien wird O. F. Bergs „Einer von unsere Leut'" ausgesührt. Das Haus ist in allen Teilen überfüllt und alle Besucher unterhalten sich vorzüglich. Jene in den Logen mit) aus den Sperrsitzen nicht weniger als das leicht begeisterte Völkchen der Galerien. Zum Schluß gehen sie alle insgesamt zufrieden heim, erfüllt von einer Befriedigung, welche einen leichten Beigeschmack von Rührung aufzuweiseu hat. Und — dessen schämt sich keiner. Noch ist Rührung salonberechtigt, ist noch kein Zeichen geistiger Rückständigkeit, noch handelt es sich lediglich darum, von was einer sich rühren läßt. Die Zeit, stets nur ein anderer Ausdruck für die Menschen, mar eine erheblich andere als a. D. 1909. Sie war natürlicher insoferne Natürlichkeit Hang und Drang zur Wahrheit in sich schließt. Gewiß sah in jenen Tagen das Auge nicht weniger scharf als jetzt, aber der Verstand fälschte und verkümmerte nicht die ans teil Prämissen gezogenen Folgerungen. Noch gab es nicht einmal einen Ausdruck für das, was gegenwärtig als Antisemitismus die Welt unsicher macht. Dieser Wechselbalg „vom Neid ans der Indolenz" verdämmerte noch kaum in einzelnen Individuen ein Embryonalleben, war noch lange nicht zu einer Theorie heraugereist und bis Theorie zur Praxis sich erhärtet, bedarf es wenigstens einer Generation. Die Stellung Isaak Sterns war eine andere als heute. Er gehörte zum Wiener Leben, war eine beliebte Figur — genau io wie der Fiaker, das resche Wäschermadl, der Maronibrater, der Salamucci und sein Gespann, der Brotschani. Wo es lustig zuging, mußte er auch dabei sein. Er durste ans keinem der Maskenbälle kleinerer Vereine und der Familien fehlen. Das Kostüm war billig. Daneben brauchte es nur Witz und Schlagfertigkeit, über welche allerdings nicht jeder verfügt. Viel wurde gelacht, aber — gehaßt und verachtet wurde nicht! Auch Isaak war ein Brüderl von etwas exotisch anmutendem Gehaben — auf dem Wiener Pflaster drängten sich ja von altersher Brüder mit exotischen Allüren. Wünschte der und jener Isaak vielleicht eine „Kulör" mehr Westlichkeit und Seife, tat das der Brüderlichkeit weiters keinen Abbruch. Derselbe Schusterbub — im wahren und übertragenen Sinn des Wortes — der bisweilen aus „Hetz" Stauer im Bauch und Ribiselstauu auf der Nos wachsen ließ, wäre mit seinen kräftigen Fäusten und seinem nicht weniger prächtig entwickelten Mundstück hergefallen, der den armen Isaak grausam angelassen hätte. Was Isaak dem Wiener in Bergs Volkstück nahe brachte, war sein goldenes Herz. Selber armer Teufel — damals wurde noch zugegeben, daß auch unter den Israeliten das Armeteuseltum floriert — hilft er schlankweg. Bah! Alter Theatertrick, der stets seine Wirkung ans die tränensreudige Galerie ansübt! Jawohl — alter Theatertrick! Der aber seinen Zweck nicht erreicht, weil er alt und abgespielt ist: der es zu den Ehren des Alters und der Abgespieltheit brachte — weil er stets ins Zentrum trifft. Nur — eine gute Arie wird Gassenhauer. Der Uebel sind so viele in der Welt! Allen, die da im Theater sitzen, streut der „böse Feiud" Unkraut iu ihren Weizen. Kommt nun einer, der, gleichviel in welcher Form, den Feind bekämpft und eine Schlappe anhäugt, wird jeder -ihm gewogen. Der Jammer ist die mächtigste der menschlichen Gemeinsamkeiten, weil sie die allgemeinste ist. Es tut den Herzen unsäglich wohl, Helfer zu entdecken in dieser Welt kalter Abmachungen und frostiger Verbindungen. Bezweifelt einer die Existenz hilfsbereiter Wohltäter, seufzt er dabei mit wenngleich übertüuchtem doch wehmütigem Bedauern. „Daß es doch auf der Welt so gemütlich zuginge!" Und dankt. dem Schriftsteller, der ihm eine bessere Well, eine schöne Illusion, wenn auch bloß für eine kurze Sekunde, vvrgaukelt. Moderne Dichtkunst, erfüllt von echtem und augeschmiuktem Pessimismus, belächelt und verachtet den —^ wackeren Vater Radetzky — den guten Kaiser Joseph — den mildherzigen Isaak Stern — all diese Gnttäter der Volksmnse mit dem Portemonnaie, das sich so leicht austut — sie will in niebetretene Pfade einlenken, pikant unerhört wirken, selbst um den Preis der Liebenswürdigkeit, nur ja astonisli tlie natives und epater les etrangers. Dennoch: „Der Mensch ist zum Wohltun geneigt geboren!" Dieser Ausspruch des großen Philosophen hat durch das Alter seine Wahrheit nicht eingebüßt und — edleres Ziel kann keine Kunst sich stecken, als diesen Trieb zu kräftigen und zu beleben — abgesehen davon, daß dieses Streben ihr Verständnis der Seele des Einzelnen wie der Masse bewiese und — sie Erfolge zu verzeichnen hätte, von denen alle ihre — Exzentriks sich nichts träumen lassen dürfen. Unser Isaak hilft als ein Wissender, als einer, der die Augen immer offen hat. Auch zählt er nicht unter die dekadenten Schwächlinge, die — in Gottesnamen! — rasch genug in ihre Tasche greifen, aber das Gesicht abwenden, um sich den Anblick des Elends zu ersparen. Isaak Stern schaut jedem Jammer ins gramdurchfurchte Antlitz und jeder Jammer ist ihm ein alter Bekannter! Diese Vereinigung von gütigem Herzen mit klarem Kops ist das Spezifisch-Jüdische! ist Folge tausendjähriger Traiuierung zum Dulden, Verstehen und Erbarmen, ist die Frucht der harten Schule der Unterdrückung, die das Judentum nicht unter den glorreichen Auspizien eines Fürsten — aber glorreich absolviert hat. Jüdische Wohltätigkeit ist darum nicht freigebiger bloß, ist vor allem klüger, dadurch wirksamer — segensreicher geworden. Gibt der doppelt, der rasch gibt — zehnfach gibt, der zielbewußt spendet. Die allerorten bis zum Eckel zitierte Herzeusgüle der Beschränkten, die deren Mängel wettmachen sollen, ist so minderer Qualität, daß sie mehr Schaden anrichtet als behebt. Ungezählte Generationen von Isaaks haben soviel des Leides zu ertragen gehabt, daß es Wunder nehmen müßte, hätte diese scharfsinnige Rasse nicht nach den Schrecken der Verfolgung, in einem düsteren Winkel ihrer düsteren Ghetti den Gebrechen der menschlichen Gemeinwesen bis zur Wurzel nachgespürt. Haben sie nicht alle an dem Juden ihre Waffen geschärft? Hat der nicht alle Erbärmlichkeit, allen Jammer dnrchzukosten bekommen vom „gelben Fleck" bis znm Scheiterhaufen? Unser Bündeljude hat ein blutig erkauftes Recht, seine menschenfreundlichen Handlungen mit einem grimmen Sarkasmus zu verbrämen. Und — jeder seiner Sarkasmen ist ein weithinschallendes, wohlverdientes „J'accuse!". Und jeder legt feinen Finger iu eine Wunde, die geheilt werden sollte. Durch seine Vergangenheit von Sklaverei und Weh ist der Jude das geworden, was ihn vor Millionen Menschen aller anderen Rassen auszeichnet: großzügiger Philanthrop und Musterfreund. Vielleicht ist es schwieriger, Freund als Menschenfreund zu sein. Im öffentlichen Leben präsentiert sich allerdings der Block recht erbärmlich — aber der Einzelne im Verkehr ist tolerabel. Umgekehrt zeigen sich im Privatnmgaug, in welchem jeder Einzelne unter die Lupe gerückt wird, die Einzelnen voller Unausstehlichkeiteu und erscheint, in angenehm schmeichelnde Distanz gerückt, die Menschheit in rosiger Beleuchtung ideal. Und gerade als Freund ist- Isaak ohnegleichen.