Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 23 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 5. so bleibt die Originalität, die sich in der Synthesis, in der spekulativen Kombination, in der Systematik äußert, gewahrt. Man wird doch nicht behaupten, daß, weil Kant, Wolfs, Leibnitz und sogar Martin Knutzen gelesen resp. gehört, die „Kritik der reinen Vernunft" nicht originell ist. Freilich wäre mit dieser traurigen Originalität der ewige Wert nicht gerettet, so manches Buch ist originell kombiniert, hat aber mit nichlen noch das Bürgerrecht für alle Zukunft erworben. Die astronomischen Bücher des Ptolemäus sind sicher originell, haben sogar die Welt mehr als 2000 Jahre beherrscht, diese Originalität und dieses Alter konnten sie dennoch vor der Erkennnmis der Unbrauchbarkeit nicht schützen. Ist unsere Thora Menschenwerk, kann und soll sie nicht vor dem Ende alles Menschlichen geschützt werden, da lasse man sie nur ruhig ihrem Verhängnis entgegeueilen oder kriechen, wie man es für begnemlicher sindet. Ich kann es mit meinem beschränkten Verstände nicht vereinbaren, wie so mancher praktisch sich konservativ-orthodox schimpfen läßt, nur vom strengsten Schochet ißt und die Thora für ein Menschenwerk hält. Ich habe in Deutschland und anderwärts auf solche Kreise gestoßen und aus meinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Ich glaube, es ist die höchste Zeit, auf diese Gefahr aufmerksam zu machen. Seitdem Mendelssohn, der über uns, ungewollt und unbeabsichtigt, so manches Unglück gebracht, das Wort vom dogmenlosen Iudentnme geprägt, hat sich diese Krankheit tief, tief in unser Innerstes eingenistet. Ans dem dvgmenloseu wurde ein glaubensloses Jndentnm. Mit einem lächerlichen Stolze schrie man in alle Welt hinaus: „Das Jndentnm verträgt alle Anschaunngeit vom Schul clian Arach bis zum und mit dem Atheismus." Man gefiel sich in adamitischer Nacktheit, stolzierte so einher und rief laut: „Seht, was für eine herrliche Religion wir haben, wir brauchen nichts zu glauben, wir müssen nur um.' Daß ein derartiges Gebühren in die tibetanisch-japanische Gebetmühle führen muß, und da wir nicht in Ostasien, sondern im zivilisierten Europa uns befinden, folglich durch diese Lehre das ganze faktische Jitdentnm der Vernichtung zutreiben, übersah man ganz. Ein Jndentnm ohne Offenbarung muß sterben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Judentum muß zu seiner Grundlage sich aus Offenbarung berufen. Wie aber, fragt man, wenn auch die anderen Nationen einer Offenbarung gewürdigt wurden, wie, wenn so manches Gebot oder Verbot oder eine Erkenntnis früher anderen geoffeubart wurde, wirft dies nicht ein schiefes Licht ans die Offenbarung, die mit der Thora verknüpft ist? Zeigt dies nicht, daß man auf dem Boden der Offenbarung stehen und dennoch die Thora als ein ans verschiedenen Erleuchtungen verschiedener Menschen zu verschiedenen Zeiten zusammengestelltes Buch halten darf? Denn auf welche Art und Weise kommen die verschiedenen fremden Offenbarungen in die Thora zu stehen? Wir wollen uns daher dte-Sache näher ansehen. Offenbarung ist ein Geschehen, eine Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt, welches wieder ein Subjekt sein darf. A. offenbart sich B.. er enthüllt sich ihm oder er offenbart ihm das Wesen des C. Diese Offenbarung kann sein rein physisch, sinnlich, empirisch. A. war abgeschlossen und zeigt sich dem B. A. hat etwas getan oder tut es und zeigt B. das Getane. Oder die Offenbarung geschieht gedanklich, intellektuell. A. teilt dem B. seine Gedanken mit, oder A. handelt und B. errät aus diesem Handeln Zweck. Ursache, Prinzip und Absicht des Handelnden. Obwohl der Unterschied zwischen uns und Gott nicht derartig ist wie zwischen uns und einer anderen Erscheinung, ich meine hier Erscheinung im Kanckschen Sinne — da die letzten Wurzeln unseres Daseins doch im absoluten göttlichen Sinn ruhen — so ist trotzdem Gott anderseits uns gegenüber Objekt. Das Vergängliche ruht im Ewigen, ist aber doch mit ihm nicht eins oder identisch, dies ist das große, unergründliche Geheimnis, dessen Lösung nur der absoluten Substanz ziemt — wir können nur ein „So" konstatieren, das „Wie" weiß Gott. Da Gott mit den Sinnesdimensionen nicht wahrgenommen werden kann, so ist die Offenbarung Gottes auf dem sensualen Wege ausgeschlossen, also bleibt der Intellekt, wir können Gott auf dem Verstandeswege erfasset!. Gott ist ' hier sonach im grammatisch-logischen Sinne ein Passivnm, selbstverständlich bleibt die antologisch-reale Aktivität gewahrt, Gott offenbart sich uns auf dem Wege der Vernunft, grammatisches Aktivnm, physisches Passivnm. Die Einzelheit, die der Mensch darstellt, kann sich infolge der ihm als Teil der Totalität inhürierenden Kraft allgemeine Begriffe als Spiegel des Seins bilden, zn gewissen Vorstellungen über die Form der absoluten Substanz, über ihre Beziehungen zu den einzelnen Objekten, über ihren Willen, wie sich die einzelnen Objekte zu einander zn verhalten haben, gelangen. Bei dieser Form von Offenbarung bleibt Gott das Passivnm, seine Aktivität besteht nur im weiteren Sinne als realer und logischer Grund alles Seins, als aktiver Träger aller physischen und logischen Funktionen. Zu dieser, infolge diskursiven Denkens gewonnenen Erkenntnis oder Offenbarung, ist noch die auf dem Wege der Intuition, des intuitiven Denkens, welches, ich möchte sagen, durch ein Urteil, dem die Vordersätze fehlen, am besten zu symbolisieren ist, gewonnene Offenbarung zn zählen. Historisch kennzeichnet man den Unterschied am besten durch Pythagoras und Aristoteles. Pythagoras, besser noch die altjonische Philosophie, manche nennen sie Mystik, äußert Wahrheiten, von denen sie felsenfest überzeugt ist, besser, die sie glaubt. Fragt man aber nach Beweisen, nach lückenloien Kettenschlüssen. so fehlen sie, sind zumindest nicht vollständig, die Schlußsätze bleiben aber trotzdem wahr. Aristoteles, dessen Geist weniger generalisierend, weniger tief ist, analisiert, zergliedert, deckt jede Spalte, jede Krümmung, jede Verrenkung ans, seziert jedes Stück mit dem Messer, nimmt es unter das Mikroskop, er ist der Begründer der psychisch-logischen Anatomie. Aus diesem bis auf das kleinste Aederchen zerlegten Körper sucht Aristoteles dann einen ganzen lebendigen Organismus herzustellen. Als einem großen Künstler und Meister gelingt ihm dies, aber man sieht dem Ding an, daß es kein lebendiger, unversehrter Organismus ist, wohin man das Skelett wendet, es bleibt Skelett. Daher die frische Lebendigkeit bei den Ioniern und die schwache, durch Kampferinjektioneu herbeigesühne Herztätigkeit der aristotelischen Philosophie. Sei dem, wie es wolle, zu beiden Offenbarungsarten steht psychologisch Gott in einem passiven Verhältnis. Diese Offenbarungsarten heißt man natürliche Offenbarung. Man darf sich durch die von den „Schwacksüßigen und Lahmen" unserer Tage so häufig gebrauchten Ausdrücke, wie „Erleuchtung", „Inspiration", „Enthusiasmus" usw. meint Herr Friedrich Naumann, nicht irreführen lassen. Die guten Leute haben von dem Erzheuchler Schleiermacher gelernt, wie man die alten Ausdrücke behält, sie aber mit ganz anderen süßlichen Giften füllt und sie in diesem Zustande präsentiert. Der Vorteil besteht darin, daß man allen Parteien gerecht wird, den Konservativen durch die Form, den „Aufgeklärten" durch den Inhalt. Wir wollen die Dinge streng logisch nehmen. Mag eine Erkenntnis über Gott durch Gedankendichtuug oder durch Gefühlskombination zustande kommen, wir werden dies weder „Erleuchtung", noch „Inspiration", geschweige denn „Euach Hakaudesch“ heißen, sondern mit dem alten Namen natürliche Offenbarung belegen. Diese Offenbarung kann sich in dem, was logisch-diskursive Fragen betrifft, mit der übernatürlichen Offenbarung in vielen Punkten berühren; sie braucht eigentlich nicht historisch von einem Volke zum anderen übergegangen zn sein, da dieselben Denkgesetze, dieselben allmenschlicheu Gefühle, natürlich unter Berücksichtigung der spezifischen Verhältnisse, ein und dasselbe Resultat zn Tage fördern. Der Eskimo kann so manches mit den Hannoveranern gemeinsam haben (zum großen Aerger der Rassenaristokraten), ohne daß sie von einander beeinstnßt worden sind; die Hannoveraner würden sich für die Ehre, von den Eskimos etwas übernommen zu haben, mit Recht bedanken. Wir wollen nun das Gewonnene festhalten. Die gleichen psychophysischen Gesetze führen bei allen Menschen mit mehr oder weniger Verzerrungen und Entstellungen zu denselben Ergebnissen. Die metaphysische letzte Ursache dieser psychophysischen Gleichgesetzlichkeit und der ans ihr hervorgehenöen gleichen Erkenntnis haben wir oben in der kausalen und essentiellen Abhängigkeit der „Vielheiten" von der absoluten Einheit gefunden. Nach diesem Prinzip haben sich uns die io beliebten historischen