Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 22 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit Seile 9. l'ehen zu wollen. Sein einstmaliges Scheinchristenlum jedoch entschuldigte er mit seiner Jugend und beteuerte, daß es sonst weder an Mut noch an Einsicht gefehlt hätte, um das Feuer des Scheiterhaufens dem Wasser der Glückseligkeit vorzuziehen {33. Chabib Resp. 328). Der Umstand, daß die beiden hervorragendsten rabbinischen Autoritäten sich gegenseitig bekämpften, hat dazu beigetragen, daß Berabs sehnlichster Wunsch, die alte Ordination (Semicha) wieder einznfnhren, nicht sofort verwirklicht werden konnte. Nichtsdestoweniger war der von Berab ordinierte Rabbi Josef Karo, der nach dem 1541 erfolgten Tode seines Lehrers und Gönners Berabs. dessen Nachfolger im Amte wurde, eifrigst bemüht, die Ordination, die Berab einmal eingeführt, ohne daß sie die Sanktion des Jerusalemer Oberrabbinates erhalten konnte/aufrecht zu erhalten. Josef ben Efraim Karo (geb. 1488 gest. 1575), der in seinem zartesten Kindesalter mit seinen Eltern aus Spanien exiliert wurde, war der würdige Sprosse einer achtbaren, durch Gelehrsamkeit und hohe Tugenden hervorragenden Familie. Frühzeitig schon wurde er von seinem Vater R. Efraim im Talmud ilnterrichtet, und da er eine besondere Vorliebe für das Studium der Mischna zeigte, ist es kein Wunder, daß es ihm, der ungewöhnliche Geistesschärfe besaß, bald gelungen ist, den ganzen Text der Mischna auswendig zu erlernen. Als seine Familie Spanien zu verlassen gezwungen war. wählte sie Nicopolis zn ihrem Domizil. Später jedoch verließ Josef Nicopolis und ersah sich Adrionopel zum Schauplatz seiner Tätigkeit. Hier erregte seine immense talmndische Gelehrsamkeit ungewöhnliche Sensation. Scharenweise strömten die wißbegierigen Jünger herbei, um mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen zn lauschen. In Adrianopel hatte er sein vortreffliches Werk „Bet Josef". Erläuternngen der vier Turim des Rabbi Jakob Ascheri, zu schreiben begonnen. Die Vollendung dieses, in der jüdischen 'Gelehrtenwelt in hohem Ansehen stehenden Werkes, nahm, wie er selber angibt, zwanzig Jahre (1522—1542) und nochmalige Revision desselben 12 Jahre in Anspruch. Nach einiger Zeit übersiedelte er nach Salonichi, wo er sich nur wenige Jahre anfhielt, dann wählte er die von vielen Talmudisten und Kabbalisten bewohnte Stadt Safet zn seinem neuen Domizil, wo er bis an sein Lebensende verweilte. In Safet widmete er seine ganze Zeit und Kraft dem Studium der rel. Wissenschaft im Lehrhanse des Berab, dessen Schüler er sich nannte und von dem er auch die Ordination erhalten und zum künftigen Synhedrialmitgliede designiert wurde. Nach dem Tode Berabs wurde Karo zn dessen Nachfolger im Amte per Akklamatioil ernannt. In Safet vollendet Karo fein bereits erwähntes Werk „Bet Jofef", das heute noch von allen Fachmännern sehr geschätzt wird und tatsächlich als Repertorium der althalachischen Literatur fast unentbehrlich ist. Karo schrieb auch unter dem Titel „Kesef Mischne" einen sehr gediegenen Kommentar zn Maimonides „Jad Chosaka", in weichem er den „Rambam" (Maimonides) gegen seine Gegner verteidigte. Diesen beiden Werken folgte dann sein Religionskodex, den er „Schulchan Aruch" nannte. Mit demselben wollte er das bezwecken, was Maimonides mit der Abfassung seines „Jad Chosaka" zu erreichen beabsichtigt hatte, nämlich den gebildeten Laien, denen es au Zeit und Muße gebricht, das große Meer des Talmuds zn durchsegeln, das Studium der Religionsgesetze zu erleichtern. R. Josef Karo — der Maimonides seines Zeitalters — war trotz seines reichen Wissens und Scharfsinnes denn doch nicht frei von Vorurteilen; denn während R. Moses ben Maimon außer dem Talmud auch den profanen Wissenschaften, besonders der Philosophie eingehendes Studium gewidmet hatte, befaßte er sich in den Mußestunden mit dem Studium der Kabala. Er wurde hiezu von dem Schwärmer Salomon Molcho lebhaft angeregt. Salomon Molcho und sein älterer Gesinnungsgenosse David Reubeni. haben um jene Zeit eine tiefe Bewegung innerhalb des Judentums hervorgerufen und heillosen Schaden augerichtet. Der Abenteurer Reubeni, der sich einige Zeit in Arabien und Nubien aufgehalten, trat plötzlich in Europa auf und gab vor, daß er ein Bruder des Königs sei, der den in Arabien lebenden isr. Stamm Reuben beherrsche, daher er sich Reubeni nannte. Sein ganzes Wesen war auch darnach angetan, ihn für eine höchst sonderbare, mystische Persönlichkeit zu halten. Seine Hautfarbe war schwarz nnd seine Statnr sehr klein, fast zwerghaft und äußerst mager. Nichtsdestoweniger war er kühn, mittig und unerschrocken, lind rühmte sich, daß er schon öfters Gelegenheit gefunden, von seinem Heldeumme entsprechende Proben und Belege zn liefern. Von Palästina, wo man für feine Märchen und Phantastereien kein geneigtes Ohr hatte, reiste er über Alexandrien nach Venedig und Rom. Papst Clemens VII.. dem er von portugiesischen Kapitänen empfohlen wurde, nahm ihn sehr freundlich auf und erwies ihm Ehrenbezeugungen, wodurch es ihm gelang, auch seinen Glaubensgenossen, die sich anfangs ihm gegenüber reserviert hielten, weil sie seinen Angaben keinen Glauben schenkten, zu imponieren. Sie glaubten nunmehr in imn ihren Erlöser erblicken zu müssen. Von Rom ging Reubeni nach Portugal, wo er vom Könige Juan III., dem er versprach, daß die Juden ihm Beistand leisten werden, damit er mit dem Sultan Krieg führen und Palästina erobern könne, ebenfalls in ehrerbietigster Weise empfangen wurde. Die portugiesischen Juden verehrten ihn über alle Maßen, da sie ihn für den sehnsuchtsvoll erwarteten Messias hielten. (Fortsetzung fotgl. verschiedene Nachrichten. Wien. (M ä d ch e n k o n f i r m a t i o n s - I u b i l ä u m j. Seit Wiedereinführung der Mädchenkonfirmation in der Wiener Knltusgemeinde, welche Institution der unvergeßliche Mannheimer hier ins Leben rief und spürer mit ihm Dr. Jellinek leitete, sind heuer 25 Jahre verstrichen und fand dieselbe heuer in neun verschiedenen Gotteshäusern narr, nachdem die zumeist Vierzehnjährigen, auch älrere Konfirmandinnen, einen vorbereirenden Unterricht genossen batten. Wir wollen hierbei konstarieren, daß die hebräischen Texte in den Anlworlen schon seit vielen Jahren nie anders als in der hebräischen Urschrift den Mädchen in die Hand gegeben werden. Diese Drucksorte erscheint im Verlage des Kultusvorstandes und ist gratis, wie auch der gesamte Unterricht. Die größte Frequenz wiesen wie immer, der Stadt- und Leopoldstüdter Tempel ans. Im ersteren nahmen an der' Feier über 80. im letzteren über 100 Konfirmandinnen teil. In der Stadt sprach Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann. in der Leopoldstadt Herr Rabbiner Dr. Schmiedl, der das Jubiläum dieser Institution besonders hervorhob. Die Oberkantoren Don Fuchs und Bela Guttmann leiteten den gesanglichen Teil und waren die beiden Gotteshäuser von den Festteilnehmern dicht besetzt, die den geistvollen Festreden besondere Aufmerksamkeit eutgegcnbrachteu. Jede Konfirmandin erhielt vom Kulrusvorstande das hebräische Mannheuner-Gebetbuch in Prachtband und die soeben neu erschienene schön gebundene und inhaltreiche „Beruria" als Andenken an diese erhebende Feier. Wien. (B e t h a m i d r a s ch T a l m u d-T Hora, M a l zg a s s e 16.) Samstag, den 5. Juni 1909. nachmittags 31/., Uhr, findet im Speiseiaale der Talmud-Thora-Schule ein Vortrag des Herrn Rabbinarskandidaten Bsla Fischer statt. Thema: „Thora, eine Waffe gegen die Freigeister ei." Wien. Der Kulrusvorfteher und Obmann des BethaujeS der Kultusgemeinde XII—XV, Herr Samuel Steiner, feierte am 22. Mai seinen siebzigsten Geburtstag. Trotzdem er in gewohnter Bescheidenheit jede Ovation sich verbeten, wurde für ihn eine solenne Feier veranstaltet. In dem festlich beleuchteten Gotteshause hatten sich eingefunden: Sämtliche Bsthausvorstandsmirgl'.eder, die Herren KultuSvorsteüer kaff. Rat Wilhelm P o i l a k. Emanuel Hoffman n, Direktor Alexander Hecht. Rabbiner Dr. M. F r i e d l ä n d e r, Inspektor Tr. L. L a n g f e l d e r. der Bezirksobmann Herr Samuel M o h r, der Präses der Chewca-Kadischa Herr Heinrich R e u f e l d und die Obmänner der verschiedenen Vereine der Bezirke. Nachdem erster Kantor Herr Schleifer dem Jubilar einen besonders schönen ielbsiverfaßten Miicheberach mit dem Chore bei der Tora widmete, hielt Se. Ehrwürden Herr Dr. G r u n w a l d eure ergreifende Ansprache an den Jubilar, hob dessen Verdienste als Kulrusvvrsteher und Obmann des Bethauses hervor und erflehte den Segen des Himmels für sein ferneres gedeihliches Wirken. Nach dem Gottesdienste wurde der Jubilar in den Sitzungssaal geleitet, wo Herr H o f f m a n n als Delegierter des Kultusvorstandes, Herr Heinrich N e u f e l d als Obmann- Stellvertreter des Bethauses und Präies der Chewra-Kadiicha Fünfhaus, Herr Samuel M o h r als Obmann der Bezirkskommission und Obmann des Maskil el Dol-Vereines, Herr Ignatz S o n u e n f e l d für den Talmud-Tora-Verein ihre Gratulationen darbrachren, auf welche der Jubilar trefgerührt dankend erwiderte. Somit schloß die ehrende Feier. Dem Jubilar sind zahlreiche Gratulationen schriftlich und relegravhisch von nah und fern zugekomiiien. Wien. Laut Mitteilungen aus Petersburg hat die russische Regierung der „Jto"-Organffation die Genehmigung erteilt, für ihre Zwecke unter den russischen Juden Propaganda zu machen.