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Die Wahrheit · 1909-06-04 · Heft 22 (4.6.1909) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 22 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrtieit Nr. 22. Große regierte China 200 Jahre vor der Geburt Abrahams), ein Volk, das einen monotheistischen Glauben besaß und doch von Jehovah und seinem auserwählten Volke nichts wußte; ein Volk ohne erblichen Adel, das alle Ehren und alle Aemter den Männern gab, welche durch Bildung und Kenntnis der Erbweisheit die anderen überragten, genau so wie es stets bei den Juden selbst Tradition gewesen, ein Volk, dem auch die Kenntnis des geschriebenen Wortes und die Bewandertheit in der Heiligen Schrift stets als höchster Ruhmestitel galt; genau so wie bei den Juden selbst, eine Nation mit heiligen Büchern, hohen ethischen Wertes, das aber keineswegs behauptet, sie seien von Gott geossenbart, sondern vielmehr, daß sie Lehre seiner Weisen seien. All dies mußte die Juden nachdenklich.stimmen. Ihr Erstaunen mußte um so größer wachsen, als sie sahen, daß all die ethischen Lehren, die Gott seinem auserwählten Volke gegeben, in China nicht nur gelehrt, sondern auch geübt wurden, daß die ihnen von Jehovah eingeprägten Gesetze: „Liebe deinen Nachbar und den Fremdling w^e dich selbst" (Levit. XIX) und „Tue anderen, wie du willst, daß dir geschehe", den Chinesen von ihren Philosophen als Ausfluß natürlicher Rechtschaffenheit bezeichnet wurden. Die Inden fanden, daß dieselben Philosophen, die ihrem Volke Liebe zu ihrem Nebenmenschen in höchster und edelster Weise predigten — Lao- Tse und Buddha — den Menschen in kein Verpflichtungsverhältnis Gon gegenüberstellten, sondern Religion als Privatsache erklärten. Niemand schrieb den Chinesen vor, Gott zu lieben oder an Gott zu glauben oder übernatürliche Pflichten zu erfüllen, wie es die Bibel tut. Ja, Coufuzius, der größte der chinesischen Weisen, war durchaus agnostisch gesinnt. Diese ihnen aufgezwungene Hochachtung und diese durch die Freundlichkeit der Chinesen erworbene Liebe führte die Juden zum engeren Anschluß an das chinesische Volk; sie lebten mit ihm in freundlicher Weise, ihre Söhne und Töcher verbanden sich immer häufiger mit einander, und im Laufe der Zeiten hat die bessere, menschlichere, philosophischere Religion sich im Daseinskämpfe als stärker erwiesen und die andere überlebt; die Juden Chinas haben den Glauben der Bibel verlassen und die Lehre des Consuzius angenommen.' Was die C h r i st e n k i r ch e durch alle Verfolgungen nicht vermocht, ist dem s r e u n d l i ch-m e n s ch l i ch e n Glauben Chinas g e l u n g e h." Das Studium des Talmuds und der Kaddalah in der Türkei im sechzehnte» Jahrhundert. Von Dr. M. H. Friedländer. Während das katholische Königspaar Ferdinand und Jsabella die Juden (1492) aus Spanien schonungslos vertrieb, ohne zu bedenken, daß das schöne blühende Land dadurch schwere Verluste erleiden würde, war die türkische Regierung ihrerseits bestrebt, den massenhaft einwandernden Exulanten freundliche Ausnahme zu gewähren. Scharenweise strömten die so schwer geprüften und hart heimgesuchten Söhne Abrahams nach dem Morgenlande, um dort ein menschenwürdiges Dasein fristen, die Wissenschaft des Judentums pflegen, die religiösen Anstalten wie die gemeinnützigen humanitären Institutionen fördern und geistige und irdische Güter erwerben zu können. In den bedeutendsten Städten der Türkei, Griechenlands, und den Inseln bildeten sich neue jüdische Gemeinden, ebenso gewannen die alten Gemeinden Palästinas durch den Zuzug der spanischen Exulanten an Zahl, Größe und Achtung. Die hervorragendsten palästinensischen Gemeinden der damaligen Zeit waren Saset und Jerusalem, die von den eingewanderten spanischen Gelehrten zum Schauplatze ihrer Tätigkeit und Wirksamkeit gewählt wurden. Die bedeutendsten und anerkanntesten Geistesheroen dieser Epoche waren Berab ben Chabib und R. Joses Kano. Jakob Berab, der 1474 in Marqueda bei Toledo das Licht der Welt erblickt hatte, zeichnete sich schon frühzeitig durch Scharfsinn, gründliche Gelehrsamkeit und edlen Charakter aus. Sein Lehrer war R. Isaak Moab in Portugal. Nach der 1492 erfolgten verhängnisvollen Vertreibung der Juden aus Spanien, gelang es ihm (Berab) nach einer, mik vielen Gefahren verbundenen Wanderschaft nach Tlemsan zu entkommen, und von da verfügte er sich nach Fez, wo er seiner eminenten Gelehrsamkeit wegen so viel Aussehen erregte, daß die dortige Gemeinde ihn, den achtzehnjährigen Jüngling, zu ihrem Rabbiner und zum Leiter des daselbst bestandenen Lehrhauses ernannte. Als jedoch später die sanatisierten Spanier in Afrika Eroberungen machten, sah sich Berab genötigt, Fez zu verlassen und nach Palästina auszuwandern, wo er Saset zu seinem Domizil wählte. Hier stand er einem Lehrhause vor, und da er nicht nur im Besitze großer geistiger Schätze, sondern auch materieller Güter war und überdies durch sein euergievolles, unerschrockenes Auftreten zu imponieren vermochte, gelang es ihm bald, sich die allgemeine Hochachtung uub Verehrung zu erringen und als erste rabbinische Autorität Palästinas anerkannt zu werden. Die meisten jüdischen Gelehrten Palästinas hegten damals den Wunsch, die alte Ordination (Semicha) wieder einzuführen, um dem heiligen Lande die Kreierung einer religiösen Zentralbehörde der Juden den alten Glanz und Ruhm wieder verleihen zu können. Diesen Wunsch zu verwirklichen, hatte sich Berab zur Lebensaufgabe gemacht. Er ließ zu diesem Behuse eine Synode, die aus 25 Rabbinern bestand, einberufen. Von derselben wurde er einstimmig zum Präsidenten ernau'nt. Allein Berab sah sich bald in seinen Erwartungen getäuscht, da man in Jerusalem seine diesbezüglichen Pläne zu vereitele, umsomehr bestrebt war, als man in der Inauguration der alten Semicha (Ordination) in Safet eine tiefe Verletzung und Entwürdigung der heiligen Stadt, von der es heißt ki mezion teze Thora udewar Adonoi mijeruscholajim, erblicken zu müssen glaubte. Als entschiedenster Gegner Berabs trat der damalige Oberrabbiner Jerusalems Lewi b. Jakob ben Chabib auf. Jakob ben Chabib aus Zamora, der sich durch seine Agadasammlung „En Jakob" einen klangvollen Namen erworben hatte, flüchtete sich mit seinem als Scheiuchrist erzogenen Sohn Lewi Lewi von Portugal nach der Türkei, wo sie sich in Salonichi eine zeitlaug aufhielten. Später übersiedelte Lewi ben Chabib nach Jerusalem, wo er von der dortigen jüdischen Gemeinde, seiner tiefen talmudischen Gelehrsamkeit wegen — als Spanier von Geburt war er auch frühzeitig mit den profanen Wissenschaften vertrant gemacht worden — zu ihrem Rabbiner ernannt wurde. Diesen Lewi ben Chabib, der sich in Jerusalem der allgemeinen Hochachtung und Beliebtheit zu erfreuen hatte, war Berab für sein Vorhaben zu gewinnen aus allen Kräften bestrebt und bemüht. Er ließ ihm ein Dokument zustellen, in welchem er ihm anzeigte, daß er kraft seiner Autorität und Würde als Oberhaupt des neukonstituierten Synhedrion ihn zum ordinierten Richter ernannt habe. Obwohl ben Chabib früher einmal selber sich geäußert hatte, daß die Erneuerung der Semicha ein dringendes Bedürfnis der Zeit sei, lehnte er jetzt doch das Anerbieten Berabs entschieden ab und gab in unzweideutiger Weise zu verstehen, daß er sich in seiner Ehre und und Würde verletzt fühle, da man es unterlassen hatte, ihn als Oberrabbiner von Jerusalem zu respektieren und seine Zustimmung zu Berabs Ernennung zum Synhedrialoberhaupte zuförderst einzuholen. Es entspann sich infolge dessen eine heftige Polemik zwischen beiden in Palästina anerkannten und allgemein verehrten rabbinischen Autoritäten. Ben Chabib machte dem Berab zum Vorwurfe, daß er sich nur deshalb für Kreierung einer religiösen Zentralbehörde in Safet begeistere, weil ihm hiedurch Gelegenheit geboten werden könnte, seinen Ehrgeiz und seine Herrschsucht befriedigen zu können, während Berab wieder keinen Anstand nahm, ben Chabib an sein ehemaliges Scheinchristentum zu erinnern. Diese Anspielungen ans seinen ehemaligen Religionswechsel verfehlten nicht, auf ihn einen tiefbetrübenden Eindruck zu machen. Er wurde infolge dessen so sehr erbittert, daß er gegen Berab keine Rücksicht mehr kannte, ihn sehr geringschätzend behandelte, ohne seine Stellung, seine hohe Gelehrsamkeit wie sein vorgerücktes Alter auch nur im entferntesten zu achten. In seiner Unversöhnlichkeit ging er soweit, daß er entschieden erklärte, Berab nimmermehr von- Angesicht zu Angesicht

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