Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 22 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit. Sette 7. konnten wir nicht entscheiden. Aber da wir in das eine dieser beiden Länder eingeladen wurden und wir uns entscheiden mußten, wareil wir gezwungen, es zuerst zu besehen. Dieses eine war, wie Sie wissen. Cyrenaika, ein Land neben Egypten, nahe Rußland, nahe Palästina, mit einer herrlichen Mittelmeerlüste und einer großen jüdischen Vergangenheit, sowie dem allgemeinen Ruf. ehemals ein Paradies gewesen zu sein mit fünf mächtigen. Pentapolis genannten Städten. Nichts konnte mehr versprechend erscheinen und ich dachte bestimmt, daß wir Juden unter dem Schutze Redjib Paschas, dem General-Gouverneur von Tripolis und einem der tüchtigsten Männer des türkischen Reiches, es wieder zu der Wohlfahrt würden hinaufarbeiten können, deren es sich unter den Griechen und Römern erfreute, und daß im Laufe von Generationen wir eine große ackerban- und handeltreibende Macht bekommen würden, mit unserer eigenen Flotte und vielleicht — wer weiß? — mit unserem eigenen Zwei-Mächte-Standard. Leider kam es heraus, daß das Land zu rosig gemalt worden war. Eine wissenschaftliche Expedition wurde dort nie gestattet, und als mit spezieller Erlaubnis und unter Eskorte türkischer Soldaten und Gendarmen unsere Expedition unter Führung des berühmten Forschungsreisenden Pros. Gregory das Land durchforscht hatte, berichtete fie,. daß die Wasserverhältnisse nicht gnt genug seien. Die Statuten des jüdischen K o l o n i a l-T r u st s. Jetzt begreifen Sie aber, warum ich so bestrebt war, die Zionisten an der Abänderung ihrer Bankstatuten zu verhindern. Es geschah dies, um sie frei zu lassen, damit sie in dem großen jüdischen Lande Mitwirken könnten, von dem ich glaubte, daß es für uns geöffnet werden würde. Es geschah dies, um zu ermöglichen, daß für den einen Plan das eine Volk geeint werde. Cyrenaika war tatsächlich ein Nachbarland Palästinas. Die Zionisten hatten es außer acht gelassen, nicht mit Absicht/ sondern ans Unkenntnis oder Nachlässigkeit, indem sie znließen. daß ihr Programm im heißesten Eifer des Kongresses diktiert werde, statt in der kühlen Atmosphäre der Ratskammer. Ich glaubte bestimmt, daß. wenn ich sie nur davor bewahren könnte, es rechtlich ausznschließen. alle vernünftigen Zionisten sich uns anschließen würden. Mein Kampf ging in der Tat nicht dagegen, sondern dafür. Es war nicht ihr Geld, was ich wollte, das war zu wenig für ein so großes Projekt. Ich wollte sie vor dem Selbstmord retten. Sehen wir. was geschehen wäre, wenn Cyrenaika Wasser gehabt hätte. Die Kolonisation hätte sofort begonnen. In der Tat, wie die Sachen lagen, glaubte Professor Gregory, daß wenigstens eine geringe Kolonisation in Angriff genommen werden würde, so daß er Vorräte und Zelte für die ersten Kolonisten in Cyrenaika zurückließ. Und wie die Dinge liegen, habe ich einen formellen Beschluß, von den Warschauer Pionieren am 13. April gefaßt, erhalten, der Cyrenaika als passend und wünschenswert erklärt und die sofortige Kolonisation urgiert, sowie die beigeschlossenen Briese ans anderen russischen Städten, die die Sehnsucht der Inden, mit der Kolonisation zu beginnen, zeigen. Denken Sie sich also, was ein guter Bericht bedeutet hätte. Ans allen Teilen Rußlands hätten sich Pioniere nach Cyrenaika geschart. Sogar aus Südafrika, wie ich erfahre, warten Hunderte junger Leute, die ans beiden Seiten im Burenkriege gefochten, nur aus das Zeichen, um nach unserem nordasrikanischen Lande anszuwandern. Alle Augen waren nach Cyrenaika gerichtet gewesen. In Cyrenaika wäre alles Leben. Hoffnung und Arbeit gewesen. Was wäre aus der zionistischen Bewegung geworden, nachdem sie vom Sultan aus Palästina und von ihren abgeänderten Bankstatuten ans Cyrenaika ausgeschlossen worden? Sie hätte nichts anders als leere Worte bieten können. Dies wäre das Ende des Zionismus gewesen. Z i o n i s m u s und Cyrenaika. Da ich jedoch zum Glück den Prozeß gewann, war der Zionismus frei, sich uns anznschließen. Und die besten Zionisten hätten sich uns angeschlossen, wenn unsere geographische Kommission Cyrenaika hätte empfehlen können. Daß ich das nicht leichtsinnig glaube, beweist ein offener Brief, der in einem zionistischen Organ von Herrn Trietsch, dem Autor des oberwähnten Handbuches über Palästina, an mich gerichtet wird. Trotz des Wassermangels bittet er mich, Cyrenaika nicht leichtsinnig auszngeben, das tatsächlich ein Nachbarland Palästinas ist. Herrn Trietscksis Instinkt hat recht. Das Lustige an der Lage ist, daß Cyrenaika in der Tal passender für die Zionisten als für die „Iw" ist. da es unter türkischer Oberhoheit, sowohl politisch als geographisch halb aus dem Wege nach Palästina liegt. Und das Traurige au der Lage ist. daß ich dies den Zionisten nicht sagen durste, daß ich dem jüdischen Kolonial-Trust nicht Redjid Paschas Anerbieten übermitteln konnte, uns eine Bank in Tripolis und eine Bank in Cyrenaika errichten zu lassen. Die zionistische Bewegung hatte keine offiziellen Verbindungen mit der Türkei; hier wäre ein glänzender Beginn gewesen, eine unschätzbare Verbindung mit derselben Regierung, die Palästina besitzt. Aber ich wußte. daß die Führer nicht wagen würden, ohne ihren Kongreß zu handeln. Dieser ist es, der ihre Macht als Führer bindet. (Schluß fopp.) Die Asstmilalion der Inden in China. Seit der Zerstörung der Zentral-Synagoge in Kaisnng, die im Jahre 1849 einer großen Ueberschwemmung zum Opfer fiel, sind die wenigen selbständigen jüdischen Gemeinden in China, deren Gesamtmitgliederzahl wohl niemals die Zahl von 10.000 erreicht hat, allmählich verfallen und die Inden als Religionsgemeinschast und .Rasse fast vollständig im Chinesentum ansgegangen. In dem Aprilheft der ..Dokumente des Fortschritts" gibt S. M. Perlma n n-Tientsin näheren Ausschluß über die Gründe dieser fast vollständigen Assimilation eines Volkes, das in vielen anderen Ländern seine Eigenart so zäh und stolz bewahrt hat; er schreibt darüber u. a.: „Die wesentlichste Ursache liegt wohl darin, daß die chinesischen Juden sich niemals über Intoleranz zu beklagen halten, daß sie niemals unter A n s n a h m sg e s e tz e u lebten, n jemals um ihrer Religion willen v e rfolgt oder verachtet, wurden. Diese völlige Gleichberechtigung, dieses Fehlen aller Barrieren zwischen ihnen und der Volksgesamtheit ist sicherlich ein wesentlicher Grund ihrer Angleichnng gewesen; ihre völlige Abgeschlossenheit von den Stammesgenossen der westlichen Völker war zweifelsohne eine zweite, wichtige Veranlassung hierzu. China hat stets die Gabe besessen, Unterworfene zu Freunden zu machen. Die Geschichte der Kosaken, die im Jahre 1685 zu Aldazin gefangen genommen wurden, ist nach dieser Richtung hin lehrreich; es wurde ihnen völlige Neligionssreiheit und völlige Gleichberechtigung mit den Chinesen selbst zugestanden, eine Kirche wurde für sie in Peking errichtet und Rußland durfte eiue eigene Mission in Peking erhalten, um den Gefangenen ihren Glauben zu bewahren. Trotz alledem wurden dieselben von dem chinesischen Voltselemente absorbiert, alle Bemühungen Rußlands, sie in Füolung mit dem alten Volkstum und dem alten Glauben zu erhalten, blieben vergebens. Sie sind heute völlig Chinesen geworden. Immerhin mag im Falle der Inden eingewendet werden, daß sie in anderen Ländern der Freiheit, wie in Frankreich und England, ihre Eigenart bewahrten. Die Ursache dieser verschiedenen Entwicklung mag im historischen Ursprung des Christentums als einer jüdischen Sekte gesucht werden: Durch all die Jahrhunderte hindurch betrachteten sie das Christentum als eine Abirrung von ihrem rein monotheistischen Glauben, und selbst die hohen sittlichen Lehren desselben erschienen ihnen nicht neu, nicht überlegen, sondern als l bloße Folgerungen aus dem Alten Testament mit) dem Talmud, j Die religiösen Verfolgungen späterer Jahrhunderte vertieften noch die Kluft, die beide trennte; der Jude betrachtete trotz seiner zurückgesetzten, verachteten Stellung das siegreiche Christentum als religiös und sittlich minderwertig. Ganz anders war das Geschick der nach China eingewanderten Juden. Sie fanden ein großes Kulturvolk mit einer Geschichte, Tausende von Jahren älter als die ihrige (Iao der