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Die Wahrheit · 1909-05-28 · Heft 21 (28.5.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 21 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheil. Seile 7. Der Vortragende gibt hiernach einen Ueberblick über die Lage | DerIuden in Rußland, Rumänien, Marokko, Per- , i i e ii und der Türkei. In Anknüpfung an die Schilderung der 'türkischen Verhältnisse sagt er: Wir sind hier, um uns mit allem Freimut auszusprechen. Ich will deshalb diesen Gegenstand nicht verlassen, ohne eine heikle Frage wenigstens .zu streifen, die uns beschäftigen muß, die Frage nämlich: welches ist die eigentliche Ursache für den Erfolg der Alliance in der Türkei, und wie ist es gekommen, daß niemals die ottomanische Regierung, die so mißtrauisch, io leicht zum Verdacht geneigt und so tyrannisch war, auch nur den leisesten Verdacht gegenüber den Werken der Alliance gehabr hat. sie im Gegenteil immer mit Sympathie betrachtet und ermutigt hat? Sie werden ohneweiters glauben, daß das nicht geschehen ist, weil die Alliance die Ideen des Fortschritts in die Mitte von Bevölkerungen trug, die sie zu erheben und zu neuem Geist zu erwecken trachtete. Wir alle wissen, daß die Regierungen im allgemeinen die Dinge von einem positiveren und weniger sentimentalen Srandvunkt ans betrachten. Der wahre Grund ist, daß von Anbeginn in der Türkei wie anderwärts die Alliance nicht als eine ausländische Gesellschaft sich betätigt hat. daß sie m der Türkei ihre Zöglinge zu guten, ottomanischen Bürgern erzogen hat, wie sie ihre Zöglinge in Rußland zu guten russischen Bürgern erzogen Iiätte. Sie hat in der Türkei sich betätigt wie in aller Welt: sie hat die .Israeliten mit ihrem Vaterlande zu verbinden sich bestrebt, um sie teilnehmen zn lassen an dem „Platz au der Sonne", der ihnen nach ihrer .Zahl und ihrer Begabung gebührt. Können Sie es sich anders erklären, daß in diesem Lande, in dem die europäischen Einflüsse gegeneinander arbeiten und mit solcher Hartnäckigkeit kämpfen, in Umgebungen, die räninlich und nach den Ortsgewohnheiten so weit voneinander entfernt sind wie Bagdad von Saloniki oder Mossnl von Konstantinopel,. sich auch nicht ein einziger Minister oder Gouverneur oder einflußreicher Priester gefunden hat. der sich je versucht gefühlt Hütte, den Vormarsch der Alliance anfzuhalren? Aber niemand hat in der Türkei an ihr Anstoß liehmeu können, weil ihr niemand andere Absichten, anderen Ehrgeiz unterstellen konnte, als einzig das Interesse der ottomanischen Inden, das übereinstimmt mit dem wohlverstandenen Interesse des Landes. D i e würden sich schwer und gefährlich täuschen, die etwa glaubten, daß der Wechsel des Regimes in der Türkei die ottomanische Anschauungsweise geändert hat. Die türkische Revolution ist nicht etwa entstanden ans Haß gegen Fremde und Fremdes, sondern aus Liebe zum Vaterland. Die Jnngtürken nehmen gar keinen Anstand zu erklären, die Türken wollten bei sich daheim Herren bleiben und den Fremden nur den Einfluß lassen, der mit dem Interesse der Türkei vereinbar ist. Die Alliance hat sich darüber niemals einer Täuschung hingegeben. Als unter dem Einfluß der betrüblichen Ereignisse in Rußland und Rumänien der Zionismus seine Kongresse organisierte und eine leidenschaftliche Propaganda inszenierte, die tatsächlich den tieferen Gefühlen so manches unter uns willkommen war. hat die Alliance trotzdem die Gesahr erkannt, die aus dieser heftigen Kampagne hervorgehen konnte, sowohl für ihr Werk in der Türkei, wie für die türkischen Inden überhaupt. Sie ließ deshalb die zionistische Bewegung sich außerhalb ihrer Kreise entwickeln, folgte ihr mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, ließ sich aber niemals bestimmen, Schritte zu tun oder Worte zu sagen, die als Billigung oder Ermutigung hätten gedeutet werden können. Diese vorsichtige Haltung hat der Alliance die Feindschaft und den Spott der Zionisten eingetragen. Aber die Ereignisse haben bewiesen, daß die Alliance recht harte. Gegenwärtig ist in der Türkei ein freiheitliches Regime auf dem Marsche, und die Zionisten, die Ueberlegung besitzen und offenen Auges sind, müssen zngestehen, daß ihre Projekte in der Türkei eine umso gewaltigere Gegnerschaft finden werden, als diese Gegnerschaft sich auf das plötzlich erwachte und gesteigerte Narionalgefühl stützt. Wenn die Alliance den hebräischen Unterricht in Palästina erweitert hat, wenn der Unterricht selbst in hebräischer Sprache erteilt wird, und wenn das den Wünschen der Zionisten entspricht, so ist die Alliance doch nicht einen einzigen Schritt weilergegangen und verharrt dabei, ihren Anstalten in der Türkei den jüdischen und ottomanischen Charakter zu. bewahren. Die Geschichte wird zeigen, daß diese Politik allein klug und praktisch ist. Mögen andere glauben, in den Dienst ihrer Propaganda die moralischen Kräfte stellen zu können, die der Zionismus tatsächlich repräsentiert; mögen andere versuchen, durch utopische Schöpfungen, die den Ansichten des Zionismus entsprechen, mit diesem Hand in Hand zu gehen; mögen sie blind sein dafür, daß sie ein gefährliches Spiel spielen, sowohl für die ottomanischen Juden wie für sich selbst; — w >. r werden ihnen nicht nachahmen, wir werden ihnen die Verantwortung für ihre Handlungen überlassen, indem wir der Hoffnung Ansdruck geben, daß die Männer, die guten Glaubens und gemäßigten Sinnes sind, sich Rechenschaft ablegen werden, daß sie in diesem Betracht ans falschem Wege gehen. Nachdem der Vorsitzende Geschichte und Ergebnisse der von der Alliance im vergangenen Jahr unter Führung des jetzigen Chacham Baschi der Türkei. Nahum, z u r Erforschung der F a l a s ch a st a m m e nach Abessinien entsandten Expedition erläutert harre, wandte er sich einer Schilderung der Schulverhälmisse zu. Seit ungefähr zwei Jahren sind von manchen orthodoxen Seiten gegen die A l l i a n c e s ch u l e n Angriffe gerichtet worden. In diesen Schulen, hieß es. lehre man nicht hebräisch, erziehe man schlechte Juden, sogar schlechte Söhne; die Schulen ständen in üblem Ansehen bei der Bevölkerung, deren Bedürfnisse und Wünsche nicht beachtet würden. Diese Kampagne bildete einen Teil des allgemelnelt Angriffsvlanes, der darauf abzielte. der Alliance die freundliche Gesinnung ihrer Anhänger, namentlich der Strenggläubigen, und im besonderen der deutschen Inden zu entziehen. Die Schilderhebung ließ das Zentral-Komiree zunächst ziemlich kühl. Das Zentral-Komitee legte ihr so wenig wie dem Geschrei einer mißvergnügten Presse besonderes Gewicht bei. Aber gegenüber der Hartnäckigkeit und Erbitterung, die jene Angriffe zur Schau trugen, entschloß sich das Zentral-Komitee. einer Anregung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zu folgen und eine Abordnung zu delegieren mit dem Aufträge, die Anschuldigungen zu untersuchen und Aufklärung zu schaffen. Nach dem, was die beiden Mitglieder der Expedition, Herr Professor Israel Löwy- Paris und Herr Rabbiner Dr. Porges-Leipzig. auf Pflicht und Gewissen als Rabbiner und Gelehrte erklärt haben, bleibt von den Anklagen, die man gegen den in den Allianceschulen erteilten Unterricht erhoben hat nichts übrig! Demnächst gab der Vortragende ein Bild von der Entwicklung des Schulwerks der Alliance. Die Alliance besaß keine 1000 Mark, als sie im Jahre 1862 ihre erste Schule in Marokko schuf. Jur Jahre 1875 betrug die Zahl ihrer Schulen 24. In diesem Jahre schenkte ihr Baron Hirsch eine Million Francs zur Errichtung neuer Schulen in der Türkei. Dank einenr Legat der Frau Baronin Hirich in der Höhe von fast 16 Millionen Frcs., konnte die Alliance bis zum Jahre 1908 die Zahl ihrer Schulen auf 142 mit 41.000 Schülern bringen. Im Jahre 1908 hat die gesamte Ausgabe für das Schnlwerk allein 2.300.000 Frcs. überstiegen, wozu die Gemeinden 900.000 Frcs. beisteuerten, die Alliance 1,400.000 Frcs. hergab. Der stattliche Beitrag der meist armen Gemeinden zeigt besser als Worte, daß die Schulen den Wünschen der Bevölkerung entsprechen. — Neben den Schulen hat die Alliance 33 Lehrlingsanstalten für 1400 Knaben und Mädchen, außerdem zwei Ackerbauschulen bei Jaffa in Palästina und in Djede'ida bei Tunis, aus welchen beiden Anstalten 336 jüdische Landwirte hervorgegangen sind. In zwanzig Vereinen ehemaliger Alliance-Zöglinge sorgen die früheren Schützlinge der Alliance in rühmlicher Solidarität für ihr fernes Fortkommen. — Der Wert der Schulgrundstücke und Ländereien der Alliance in Bulgarien, Marokko, Tunis, Tripolis, Aegypten, Persien, in der europäischen und asiatischen Türkei beziffert sich aus dreieinhalb Millionen Frcs. — Unter der Obsorge der Alliance stehen Wohlfahrts- und Wohltätigkeits-Stiftungen, die reich genannt werden könnten, wenn der Bedarf nicht noch viel, viel größer wäre als die verfligbaren Mittel. Die Kosten des Erziehungswerks in Algier, in Oran und in Constantine werden von einigen Pariser Freunden bestritten. Die Alliance hat dafür ans eigenen Mitteln keine Aufwendungen zu machen, sie har nur die Leitung. Ebenso untersteht der Leitung der Alliance das von der Familie Rothschild gestiftete Krankenhaus in Jerusalem, sowie das von der Baronin Edmond de Rothschild errichtete jüdische Krankenhaus in Sased. Der Alliance liegt ferner ob, im Auftrag der Familie Rothschild deren nach außerhalb, namentlich für Palästina bestimmte Almosen und Unterstützungen zu überwachen. Die Alliance unterhält weiter auf Kosten von Sir Edward Stern in London eine Klinik mit Apotheke in Damaskus. Nach der von der französischen Gesetzgebung vorgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche hat die Alliance auch jüdische Schulen in Paris übernehmen müssen, die fast ausschließlich von russischen und rumänischen Kindern besucht werden. Außerdem ist die Alliance Inhaberin eines etwa 50.000 Frcs. jährliche Erträgnisse bringenden Fonds, den ihr Herr Goldschnndt übereignet hat und der zu Stipendien für russische und rumänische Studierende dient. Die Liste der mit der Alliance verbundenen Wohltätigkeitswerke ist mir dieser Aufzählung noch keineswegs beendet. Erwähnt sei nur noch, daß die Alliance eine der reichsten und schönsten jüdischen Bibliotheken der Welt besitzt, die in einem eigenen. Gebäude in Auteuil bei Paris nntergebracht ist. Die Benutzung der Bibliothek ist nicht bloß an Ort und Stelle gestartet, sondern kann auch durch Entleihung auf dem Korrespondenzwege stattfinden. Abgesehen von allen diesen Einzeletats sieht das allgemeine Budget der Alliance für das Jahr 1909 eine Gesamtausgabe von beinahe an zweieinhalb Millionen Frcs. voraus. Die Generalversammlung nahm den Bericht mir Aufmerksamkeit und Zustimmung entgegen. Ucrlchirdene Uachrichicu. Wien. lGoldene Hochzeit.) Das patriarchalische Milieu der Seitenstertengassen-Synagoge ist ohne ihr vis-a-vis, das Nadlergeschäft Josef I e l l i n e k, fast gar nicht denkbar. Soweit meine Erinnerung an das altehrwürdige Gotteshaus reicht, ist es mit seinem Gegenüber verknüpft. Die Großen und Kleinen der Gemeinde, von den Zeiten des finsteren Konkordats bis heute, haben hier immer gerne eiiken kleinen Abstecher gemacht und das stets im Halbdunkel gehüllte Lokal, :n dem zwei freundliche und gemütliche Menschen, biedere Wiener vom guten alten Schlage unverdrossen Nadeln sortieren und kleine Päckchen binden, war immer der eigentliche „Kehilla-Rendel"-Platz des alten und neuen Wien. Und Josef Jel'linek. der nur seiner wackeren lieben Gattin Julie, geborene S r i a s n y. Samstag, den 22. d. M. das schöne Fest der goldenen Hochzeit beging, ist selbst ein Kehillemanu in des Wortes schönster Bedeutung. Nicht einer von den Lauten und Aufdringlichen, die stets das große Wort führen, an dementsprechenden Taten es aber 'immer fehlen lasten, sondern einer, der still und unbemerkt znm öffentlichen Wöhle wirkt und schafft, einzig und allein, weil es ihm Bedürfnis und innerste Herzensvflicht scheint. So verwaltet er seit Jahrzehnten die Stelle eines; Vizepräsidenten im Vereine für Krankenpflege und Unterstützung handelsj angehöriger Israeliten, das Vorsteheramr in der Armenanstalt und 1 andere Ehrenstellen, zu denen er sich niemals herandrängt, die ihm; aber gerne anveriraul werden. Daß bei dem Feste ganz Wien i und überhaupt alles, was mit der Seitenstetrengaste m irgend-

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