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Die Wahrheit · 1909-05-28 · Heft 21 (28.5.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 21 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahryeil Nr. 21. Punkte zu emanzipieren und durch den Akt der Konfirmation ein diesbezügliches Präjudiz zu schaffen. Merkwürdigerweise erfreut sich diese Neuerung gerade in jenen Kreisen, die sonst in Glaubenssachen eine offenkundige Indolenz zur Schau tragen, der größten Sympathien. Von Jahr zu Jahr mehren sich die Anmeldungen zur Teilnahme an den Konfirmationen, und so oft dieser Akt in der ihm eigenen feierlichen Weise vor sich geht, weisen die Tempel ein zahlreiches Publikum auf, wie dies sonst nur bei festgottesdienstlichen Anlässen der Fall zu sein pflegt. In der Tat würde sich der Akt mit seinem Examen aus der Glaubenslehre, wobei die jugendlichen Mädchen fast durchgehends eine gerade bewundernswürdige deklamatorische Begabung entfalten, "als eine praktische Einführung repräsentieren, wenn nicht gewisse Begleiterscheinungen zu einer gerechten Kritik Anlaß böten. Wir haben jüngst an dieser Stelle die Proposition gemacht, den sabbatlichen Jugendgottesdienst in den Wiener Tempeln durch einen Alltagsgottesdienst zu ergänzen und hiefur den schulsreien Sonntag in Vorschlag gebracht. Daraufhin wurden in gewissen Kreisen Stimmen laut, die in der Abhaltung eines Sonntagsjngendgottesdienstes eine Annäherung zu den 'in mpTi erblickten, was in unserer assimilatorisch angehauchten Zeit leicht verhängnisvolle Konsequenzen für die Jugend nach sich ziehen könnte. Es ist dies ein Argument, das auf jene Zustände zurückznführen ist, die in gewissen reformierten israelitischen Gemeinden Deutschlands herrschen und darin gipfeln, daß dort der Sabbatgottesdienst aus geschäftlichen Rücksichten aufgelassen und auf den Sonmag verlegt wurde, ein Vorgang, der das Produkt der daselbst herrschenden Assimilationsbestrebungen ist und der mit Recht vom gesetzestreueu Judentum als krasser Religionsbruch verurteilt und angefochten wird. Ganz anders hierzulande. Bei uns ist der Sabbat und mit ihm der Sabbatgottesdienst eine angestammte, unverrückbare .Neligionsvorschrift, die, solange es ein gesetzestreues Judentum geben, niemals angeiaftel und abgeändert, sondern als eine der heiligsten Normen des Glaubens immer nur in ihrer ursprünglichen Form und Fassung ansgeübt und erhalten bleiben wird. In einem gewissen Zusammenhänge mit dem Sabbatgottesdienste steht der Alltagsgottesdienst, da ja doch beide bekanntlich das Aequivalem für die dereinst im Heiligtnme tagtäglich früh und abends dargebrachten Opfer bilden. Ist es demnach nicht eine grundfalsche Logik zu behaupten, daß derjenige, der außer dem sabbatlichen auch dem Sonnlagsgottesdienst anwohnt, eine Annäherung zu den •>i;n rrpin anstrebt, und daß aus demselben Grunde auch unsere Jugend von dem Sonntagsgottesdienste, der ja doch ständig stattfindet, ferngehalten werde!! Wenn man schon in gewissen Kreisen von dem guten Willen beseelt ist, allen religiösen Neuerungen, die zu den 'm mpin hinneigen, von vornherein die Spitze zu brechen, dann sollte man eben aus diesem Grunde auch bei den Müdchenkonfirmationen diese Maßregel anwenden, dann hätte man diesen Akt, der ja doch au keilten Zeitpunkt gebunden ist, nicht just in die arische Firmzelt verlegen sollen, um nicht unserer ohnehin leichtgläubigen und wankelmütigen Jugend Anlaß zu Mißdeutungen zu geben und sie nicht etwa aus den Gedanken zu bringen, die Konfirmation mit dem kirchlichen Firmakte zu identifizieren. Aber auch noch ein zweiter Schatten ist es, der über dem Akt der Mädchenkonfirmationen lagert. Bekanntlich haben sich die in die Konfirmation Eingereihten einem von dem betreffenden Seelsorger geleiteten Vorbereituilgsunlerricht zu unterziehen, bei welchem ihre Fähigkeit und Eignung zum Vortragen erprobt wird und der Stoff für die Examina diktiert wird. Und da geschieht das Merkwürdige, die Konfirmandinnen erhalten nämlich die Weisung, sämtliche in ihren Vorlrägen enthaltenen hebräischen Verse in deutschen oder lateinischen Lettern zu Papier zu bringen und sie solcherart ihrem Gedächtnisse einzuprägen. Weshalb diese Methode angewendet wird und nicht— was doch zweckentsprechender wäre — die Weisung ergeht, die beireffenden hebräischen Sätze aus her Originalstelle heraus, d. i. aus dem Gebet- oder Bibelbllche zu erlernen? Nun denn, die Schuld trifft — wir müssen es gleich hervorheben — keineswegs den Unterrichtsleiter, sondern lediglich die Schüler. Die meisten derselben kqnnen pämlich den hebräischen Text nur sehr mangelhaft lesen, ja, manche stehen dem Sidqr mit seinem in der Ursprache wiedergegebeney Inhalte völlig fremd gegenüber. Wir gestatten uns nun die Frage: Entspricht diese Unterrichtsform den Intentionen und dem Zweck des Konfirmätiönsaktes? Bei demselben sollen ja doch unsere jugendlichen Töchter Gelegenheit Haben, sowohl ihrem Verständnisse für die Dogmen der Glaubenslehre, als auch ihrem Fühle» und Empfinden für hie Religion sn klarer, Unverfälschter Weise Ansdryck zu verleihen! Kann man aber von einem Mädchen, dqs nicht hebräisch lesen kann und nicht imstande ist, jemals in her heiligen, gottgefälligen Ursprache ein Gebet zu verrichten, ein wahres Empfinden für die Religion erwarten? Nein, niemals!! Sollen die Mädchenkönfirmationen nicht bloß Momenteindrücke Hervorrufen, sondern dauernde und bleibende, insbesondere aber praktische Resultate erzielen, dann müßtekompetenterseits die Verfügung getroffen werden, daß nur solche Kandidatinnen eingereiht werden, die bereits eine gewisse Fertigkeit im Lesen des hebräischen Textes anfweisen, oder aber sich verpflichten, dieselbe bis zur Vorbereitung sich anzueignen. Und gewiß, die Wirkung dieser Verfügung würde nicht ausbleiben. So manche Eltery, denen es bei der Teilnahme ihrer Töchter an der Konfirmation weniger um den ethischen Zweck, als pielmehr um die Ehren und Huldigungen, die sie in Aussicht stellen, zu tun ist, werden sicherlich nicht ermangeln, falls dem. Kinde die erforderliche Fähigkeit fehlt, rechtzeitig durch Nachholen des Versäumten das Hindernis zu beseitigen. Werden dann einmal unsere Töchter herangereift, Frauen geworden und imstande sein, im Gotteshanse am Gottesdienste teilznnehmen, dann wird sich so manche mit Freuden an die Konfirmation erinnern, der sie es zu verdanken hat, in würdiger Weise, wie sich es für die fromme Tochter Israels ziemt, die Andacht zu üben und mitzubeten itiib aus den Gebeten Erbaunng und Erhebung und frohe Hoffnungen fürs Leben zu schöpfen. Daniel S k n t e z k y, Religionslehrer. AUianre Israelite Universelle. In der G e n e r a l v e r s a m m l u n g des B e r l i n e r L o k a l- Komirees der Alliance I s r a 6 l i t e Un i v e r s e l l e, die am 23. d. M. im großen Sitzungssaal des Verwaltungsgebäudes der Indischen Gemeinde. Rosenstraße 2/4, stattgesnnden hat, gab der Vorsitzende Geheimer Kommerzienrat Goldberger, Mitglied des Zentralkomitees der Alliance und Präsident ihrer Deutschen Konferenz-Gemeimchaft, erschöpfenden Bericht über Ursprung, Entwicklung und Ziele der großen Wohltätigkeits- und Wohlfahrts-Organisation. Wenn man in der Rückschau auf das abgelaufene Berichtsjahr, so begann der Vorsitzende, die Ausgaben betrachtet, die die Alliance jeweilig während des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes von 12 Monaten zu bewältigen fjat. und bewältigt, so sieht man zunächst nur, daß eine große Maschine langsam und kaum wahrnehmbar vorwärts treibt. Es ist beinahe' unmöglich, inmitten dieses gewaltigen Werkes irgend etwas Neues besonders zu unterscheiden, irgend einen sich vornehmlich abhebenden Vorgang zu beobachten. Wir.haben es hier nicht mit einer eben erst geschaffenen Einrichtung zu tun, die sich darin gefallen mag, jedes neue Beginnen und jeden Einzelfortschritt anznkündigen, um damit die Existenzberechtigung nachzuweisen und sich Popularität zn sichern. Vielmehr werden wir uns nur darüber Rechenschaft abznlegen haben, ob die verschiedenen Räder des Gesamtapparates recht ineinandergreifen, ob sie tadellos funktionieren oder etwa an irgend einer Stelle versagen, und schließlich, ob der Erfolg befriedigt. Seit ihrem Entstehen hat die Alliance immer einen doppelten Daseinszweck gehabt. Sie hat sich der Beschütznng und der Unterstützung der Inden gewidmet, die als Juden leiden, dann ihrer Erziehung und geistigen Befreiung. Dieses Zwiefache in den Arbeiten der Alliance ist Freunden wie Gegnern häufig entgangen. Daraus erklärt sich manches falsche und tendenziöse Urteil zuweilen auch bei den gutgläubigen Gegnern. Die doppelte Aufgabe der Alliance gilt nicht immer den nämlichen Ländern und Personen. Die Aufgabe des Schutzes und der Unterstützung hat ihren Schauplatz hauptsächlich in den europäischen Ländern, in denen die Inden noch durch gesetzliche Ungleichheiten bedrückt werden und Willkürhandlungen der Verwaltungen oder der Massen preisgegeben sind. Die erzieherische Aufgabe der Alliance dagegen wird namentlich in muselmanischen Ländern erfüllt. Ist sonach die Aufgabe eine doppelte, so ist doch nicht zu vergessen, daß oft beide Tätigkeiten zugunsten der nämlichen Bevölkerung geübt werden müssen.

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