Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 21 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite 5. leicht zu geflügelt erscheint und der du wohl aus reinem Widerspruchsgeist zu opponieren dich versucht fühlest. Nun, wir wollen sehen! Es ist recht gut denkbar, daß Whitman nur die jüdische Religion als einzige rein monotheistische ansieht, daß er ferner den Buddhaismus wohl in einem Atem mit dem Christentum nennt, er das Judentum aber in diese bunt zusammengewürfelte Gesellschaft einzureihen, ans Furcht ihm Unrecht zu tun, Anstoß nahm. Ist.es ja allgemein anerkannte, wissenschaftliche Tatsache, daß Reingehalt und Gold der jüdischen Ein Gottidee mit einer Unmenge heidnischen Bleies legiert, gleichsam in Scheidemünze umgeprägt werden mußte, wenn es unter dem Titel Christentum und unter den rohen Fäusten barbarischer Völker des Mittelalters Bestand und Kurs haben sollte. Du schüttelst dein Haupt zu meiner Hypothese, lieber Leser, sie erscheint dir zu wenig natürlich, zu konstruiert, zu ungewiß? Würdest du dich getrauen, über diese Frage eine Wette einzugehen, du nickst, du zeigst dich dazu bereit? Run, so vernehme denn, daß du bestimmt verloren hättest, daß ich als Gentleman dir diese Wette gar nicht anbieten darf, weil ich von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt und im Besitz der Beweise bin. Allerdings sehe ich mich zum Geständnis bewogen, daß ich mir dir gegenüber einen kleinen Scherz erlaubt habe, lieber Leser, welchen Uebermnt du hoffentlich nicht mit Entziehung deiner schätzbaren Freundschaft bestrafen wirst; erhältst du doch als nicht zu verachtendes Aequivalent mit diesem Geständnis, zugleich die Befreiung von dem großen Respekt, den du im Geheimen von meiner denkenden Geistesüberlegenheit und meiner Gabe tiefgründige Konjunkturen aufzustellen, gehegt haben magst. Belsazar ward aber in selbiger Nacht Von seinen Dienern umgebracht. Mein wütender Verdacht aber, Whitman sei Antisemit, ward von meinem Intellekt nicht schon in selbiger Nacht umgebracht, wie ich protzte, sondern erst ein paar Tage später, als ich trotz itineren Widerstrebens wieder die Nase ins Buch steckte und aus das folgende Gedicht stieß: Du, wer immer du seist! Du Tochter oder Sohu Englands! Du. aus den mächtigen Sklavenstämmen und -Reichen! Du Russe in Rußland! Du schwarzer Afrikaner mit göttlicher Seele, von dunkler Abstamniung, groß, mit edel gestaltetem Kopf und Leib, bestimmt zu herrlichen Dingen, durchaus mir gleichwertig! Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Du Preuße! Du Spanier aus Spanien! Du Portugiese! Du Französin und du Franzose aus Frankreich! Du Belgier! Du Freiheitsfreuud aus den Niederlanden! (Stamm aus dem ich selber kam!) Du rüstiger Oesterreicher! Du Lombarde! Magyar! Tscheche! Bauer aus Steiermark! Du Nachbar an der Donau! Du Arbeiter am Rhein und au der Elbe oder au der Weser! Du Arbeiterin auch! Du Sardinier! Du Bayer! Du Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgare! Du Römer! Neapolitaner! Du Grieche! Du behender Matador in der Arena zu Sevilla! Du Bergbewohner, der du gesetzlos auf dem Taurus oder Kaukasus lebst! Du Roßhirt von Buchara, der du deine weidenden Stpten und Hengste bewachst! Du schöngebauter Perser, der du aus dem Sattel in voller Karriere deine Pfeile ins Ziel schießest! Du Chinese und Chinesin in China! Du Tartar aus der Tartarei! Ihr Weiber auf der Erde, euren Arbeiten unterworfen! D u I u d e, der d u i m h o h e n A l t e r d u r ch j e d e s F ä h r u i s hindurch reisest, um ein einziges Mal auf syrischem Grund zu stehen! Ihr andern Juden, die ihr in allen Ländern auf den M e ssi a s harret! Du nachdenksamer Armenier, in Gedanken vertieft au irgendeinem Arm der Euphrat! Forschend in den Ruinen von Ninive! Der du den Ararat besteigst! Ihr Pilger mit wunden Füßen, die ihr das ferne Funkeln der Minarets von Mekka begrüßet! Ihr Scheiks, die ihr die Strecke von Suez bis Bab-el-Mandeb entlang eure Familien und Stämme regiert! Ihr Olivenbaueru, die ihr eure Früchte auf den Feldern von Nazareth, Damaskus oder am See Tiberias pflegt! Ihr Händler aus Tibet, die ihr im weiten Binuenlande reiset, oder in den Läden von Lhassa feilschet! Du Japaner und du Japanerin! Du, der du in Madagaskar, auf Ceylon, Sumatra oder in Borneo lebst! All ihr Festlandbewohner von Asien, Afrika, Europa, Australien, gleich an welchem Ort! All ihr Bewohner der zahllosen Inseln der Meer-Archipele! Und ihr, die ihr in künftigen Jahrhunderten mir lauschet! Und ihr. alle und jeder überall, die ich nicht bezeichne, doch einbegreife wie alle anderen! Heil euch! Wohlwollen euch allen, von mir und Amerika gesandt! Ein jeder von uns unvermeidlich! Ein jeder von uns unermeßlich! Ein jeder von uns, sei'» Mann, sei's Weib, mit seinem Recht auf der Erde! Ein jeder von uns mit seinem Teil an dem ewigen Zweck der Erde! Ein jeder von uns hier ebenso göttlich wie irgendeiner! Mene, Tekel, Upharsin! Gezählt, gewogen, aber wahrlich nicht zu leicht befunden habe ich die Sänge des edeln Dichters. Ich habe die Summe errechnet, und nicht allein aus ihrer Höhe Schlüffe gezogen, ich lernte außerdem, daß ein wahrer Dichter es sogar zu Wege bringt, mit feinem schweigen beredter zu wirken, als Stümper mit eloquentem Geschwätze. Whitman führt die I n d e n als Nation, als gleichberechtigt mit den übrigen an, die jüdische Religion hüllt er in ehrfürchtiges Schweigen ein, denn man kann, wenn vom Leopoldsberg die Rede ist, nicht auch über den Gaurikausar sich unterhalten. es wäre denn in gehöriger Distanz. Scheut man aber prekäre Vergleiche, die böies Blut machen, so übergeht man sie mit vielbedeutendem, ausdrucksvollem, sagen wir sprechendem Stillschweigen. So will ich denn auch schweigen und schließen. Heil deinen Manen, edelster Wall Whitman, ich liebe dich, ich verehre dich! Dein Buch, das ich auf Schleichwegen in meine Bücherei schmuggeln mußte —also doch im eigentlichen Sinne hab ent sua fata libelli — bekommt in derselben einen Ehrenplatz in vorderster Reihe angewiesen und müßte ich auch um dessentwegen einen Klassiker in den Hintergrund schieben. Für etwaige hartgesottene Skeptiker, denen meine Beweisführullg nicht streng genug, und das was ich erschlossen noch anfechtbar vorkommt, setze ich noch in zwölfter Stunde, während diese Zeilen schon für den Druck vorbereitet werden, einige Sätze aus der Einleitung eines mittlerweile in der ..Zukunft" erschienenen. sehr informativen Artikels „Die amerikanischen Juden" hieher, die meine Ansicht in einer jeden Zweifel ansschließenden Weise bestätigen; es heißt da: „Dann stimmen aber auch mir den Amerikanern der Vergangenheit die der Gegenwart überein, daß sie im jüdischen Volk die Träger und Hüter einer reinen Gottesverehrnng erblicken. Und wenn der Ausspruch des Präsidenten Eliot von Harvard ,sür die ganze Welt war diese Rasse die Quelle der höchsten Ideen von Gott, den Menschen und der Natur^ vielleicht nicht ohne Einschränkung genommen werden dürfte, so hält doch die überwiegende Mehrheit des amerikanischen Volkes den Grundgedanken der jüdischen Ethik für zutreffend, daß die Religion mehr als anderes die Moral zu einem festen, sittlichen Bewußtsein zu erheben vermag. 8. Yineta. Die Mädchenlronfirnrntionen in den Wiener Tempeln. Die Frauenbewegung, dieser intensive Zug unserer Zeit, der bereits in die weitesten Gesellschaftskreise gedrungen und auf zahlreichen Gebieten konkrete Formen angenommen hat, scheint in letzterer Zeit — so paradox dies klingen mag — auch auf das religiöse Gebiet sich verpflanzt zu haben. Wir dürften nicht fehl gehen, wenn wir die seit einigen Jahren um diese Zeit in den Wiener Tempeln stattfindenden Mädchenkonfirmationen mir dieser Frauenbewegung in Zusammenhang bringen. Dieselben stellen eine Art Barnnzwahfeier dar, die, im Gegensätze zu der altherkömmlichen Barmizwahfeier bei Knaben, nicht einzeln, sondern im Kollektivwege begangen wird, und die, obschon im Gotteshause abgehalteu, keinen gottesdienstlichen Charakter trügt. Nachdem in unserem Religionskodex keine Stelle sich vorfiudel, die die Absolvierung einer solchen Feier auch bei Mädchen anregt, so kann es sich bei den Müdchenkonfirmationen nur darum handeln, das weibliche Geschlecht, dem bisher die Betätigung an gewissen Religionsübungen vorenthalten blieben, auch in diesem