Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 21 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 21. Daß die Judenhetzen in Rußland von der Regierung selbst inszeniert werden, ist eine längst bekannte Tatsache, aber nunmehr dürfte doch etwas mehr Lichl über dieses dunkle Gebiet der russischen Geschichte verbreitet werden. Wie nämlich dem Korrespondenten des „Berl. Tagbl." aus Petersburg berichtet wird, beabsichtigt der gewesene Sekretär des Präsidenten des Vereines echt russischer Leute, P r u s s a k o w, mit Enthüllungen über die Teilnahme der russischen Regierung au den Zudeuhetzen hervorzutreten. Danach sei der ganze Verband der echt russischen Leute das Werk der Regierung und speziell R a t s ch k o w s k i s, des Chefs der russischen Geheimpolizei in Paris. Es stehe fest, das; die Judenhetzen nur dort zu Tage traten, wo sich die R e g i e r u n g mit der Organisation des Verbandes der echt russischen Leute befaßte. Auch sei bemerkenswert, daß D u b r o w i n durch Vermittlung Ratschkowskis vom Zaren empfangen wurde und von ihm eine halbe Million Mark für das Parteiblatt des Verbandes erhalten haben soll. Der Korrespondent fügt hinzu, wenn es nicht schon zu spät sei, werde die Regierung wahrscheinlich dafür Sorge tragen, das; Prussakow verschwinde, möglich sei aber auch, daß Prnssakow früher die Flucht ergreift und seine Enthüllungen vom Auslände aus in die Welt verbreitet. Malt Mlfttman und das Judentum. Es war in der ersten Woche des heurigen Wonnemonds. Statt milder Maienlüste wehten unwirsche Stürme und Regenschauer gingen nieder. Ich stand frierend an einer Straßenecke und konnte mich nicht entschließen, dem Wetter Trotz zu bieten und meinen gewöhnlichen Abeudspaziergang in den Prater anzutreten. Mein Blick fiel in das Schaufenster einer Buchhandlung und von ungefähr auf ein Buch; ich las mechanisch dessen Aufschrift: „Wal: Whitman," „Grashalme," „statt K 1 nur 60 Heller." Ick erinnerte mich plötzlich, vor kurzem einen Essay über den amerikanischen Dichter gelesen' zu haben, der in mir den lebhaften Wunsch erregt, das Werk selbst kennen zu lernen. Schnell entschied ich mich, trat in den Buchladen ein und - bald als glücklicher Besitzer der spottwohlfeilen Gedichte auf die Straße zurück; der vereinigten suggestiven Wirkung von gelesener Kritik und Billigkeit des Preises hatte ich nicht zu widerstehen vermocht. Und doch hätte ich standhafter sein sollen. Ich bin zwar seit jeher Bibliophil gewesen, aber man kann den Büchern doch nicht so viel Raum geben, daß gar keiner zum Hausen übrig bleibt. Meine Frau hat mir, weil mein Bücherkasten schon lange nicht genügte, nach und nach unter Kämpfen und Bitten, drei Schubladen, zwei Nachtkästchen und den oberen Platz dreier Schränke abtreten müssen. Durfte ich da ihre Willfährigkeit auf eine noch härtere Probe stellen? Ich sah es selbst ein, nec plus ultra! Und wenn es sich noch um den Raum allein handeln würde. Bei jedem Zuwachs meiner Literaturprodukte klagt meine Frau — und wahrlich nicht mit Unrecht — daß mich dies sündig viel Geld kostet. Das hatte ich in meinem Taumel vor der Auslage stehend, wieder einmal gründlich vergessen. Ich begann zu überlegen. Mit der oft angewendeten Entschuldigung, daß mir dies Vergnügen zur Not zu gönnen sei, da ich doch sonst keine noblen Passionen habe, Alkoholabstinent sei, grünen Tisch und Turf meide, durfte ich ihr nicht mehr kommen; meine Frau läßt sich nur durch improvisierte und schlagfertige Verleidigungsreden imponieren, das matte Ableiern von schon Vorgebrackstem verfängt bei ihr nicht. Unterbringen würde sich meine neue Aqnisition schon noch lassen, durch welche Kriegslist jedock ihre Aufmerksamkeit ablenken? Das Resultat angestrengten Nachdenkens war, daß ich in ein Haustor trat und die Blätter des Buches aufschnitt. Ich Tor, der ich bisher diese Besorgung zuhause verrichtete und mich auf meinen Missetaten ertappen ließ. Ein reines Gefühl des Triumphes, mich auf so einfach geniale Weise aus der Affaire gezogen zu haben, konnte aber trotzdem in mir nicht aufkommen, denn mein Gewissen begann sich zu regen; ich mißbilligeja im Grunde meine unglückliche Neigung selber, wie übrigens die meisten Sklaven ihre Untugenden. Wie oft schon bin ich anfangs einem Buche mit Spannung und Erwartung, ja mit ehrfürchtiger Scheu begegnet, das ich nach Beendigung der Lektüre mit einem Seufzer endgiltig aufs Bücherbrett zurücklegte, um es nie wieder zur Hand zu nehmen. Wie oft habe ich mich ob meines Alexandrinismus selbst gescholten und mir das Beispiel Friedrichs des Großen vorgehalten, der sehr wenige Bücher, diese aber immer aufs neue las, so daß er mit ihnen aufs gründlichste vertraut war, während ich zu der großen Zahl meiner Lieblinge — um ein vielleicht weit hergeholtes, aber zeitgemäßes Gleichnis zu gebrauchen — in einem Verhältnis der Flüchtigkeit und Oberftächlichkeit stehe, wie etwa Abdul Hamid zu den Damen seines Harems. Zerknirscht also und schuldbewußt langte ich zuhause an, im Ofen prasselte ein mächtiges Feuer, ich setzte mich in die Nähe desselben und meine Stimmung wurde mälig behaglicher, je mehr der bereits ausgeschnittenen Blätter meines Buches ich nmwendete. Hatte ich mich doch diesmal nicht nur nicht getäuscht, sondern meine Erwartungen waren weit übertroffen. Wozu es mich gedrängt hat, die ganz gewiß unwesentliche Geschichte der Erwerbung meines neuesten und vielleicht denn doch letzten Buches zu erzählen? Ich weiß es selbst nicht. Ist es geschehen, um meinem gepreßten Herzen wegen des mangelnden Raumes Luft zu machen? Die Raumfrage wird schließlich bei allen Bibliotheken zu einer brennenden. Habe ichs getan um des bekannten Satzes willen, habent sua fata libelli? aber die Tendenz meiner Geschichte strebt mehr dem Ziele zu, meine, des Lesers Schicksale zu schildern, als die meiner Bücher. Ich lasse die Frage also in. suspenso, auf die Gefahr hin, daß sie wie die soziale Frage, die Judenfrage und viele andere Fragen immer zu den schwebenden gehören werde, und berichte lieber, daß ich mich in jener schneeigen Mainacht, oder maigen Schneeuacht an dem urwüchsig naiven Ton der Whitmanschen Prosadichtungen ergötzte und von dem an die Bibel gemahnenden Parallelismus derselben, von dem sich überall kundgebenden Herzensreichtum des Dichters, von dessen unendlicher Welt und Menschen umfassenden Liebe mich innig ergriffen fühlte. Nicht die Götter auf der schneeigen Spitze des Olymps mögen jenes Abends so vergnüglich geschmaust haben, als ich bei meinem geistigen Nektar. Allein, des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zuteil! Wie unsanft wurde ich aus meinem Traum gerüttelt, als ich folgendes Gedicht las: Ich verachte euch nicht, Priester aller Zeiten und über alle Erde; Mein Glaube ist der größte und der geringste von allen. Er schließt in sich den alten und den neuen Kult und jeden zwischen dem alten und neuen; Ich glaube, daß ich nach 5000 Jahren wieder auf der Erde erscheinen werde. Ich warte auf die Antwort der Orakel, verehre die Götter, grüße die Sonne; Mache einen Fetisch aus dem erstenbesten Baumstumpf, tanze die Knüttelbeschwöcnng im Kreise der Obi, Helfe dem Lhama oder Brahminen die Lampen der Götterbilder putzen; Tanze durch die Straßen in der Phallus-Prozession, verzückt und streng weile ich in den Wäldern, ein Gymnosoph, Trinke Met aus dem Hirnschädelbecher, bewundere die Shastas und Beden, achte den Koran; Steige auf die Teokalli, die von Stein und Messer mit Blut befleckt sind und schlage die Schlangenhauttrommel; Akzeptiere die Evangelien, akzeptiere den Gekreuzigten und weiß ganz gewiß, daß er göttlich ist; Ich kniee bei der Messe, oder stehe beim Gebet der Puritaner, oder sitze geduldig in einem Kirchenstuhle; Ich tobe und schäume in der Krisis meines Wahnsinns, oder warte todähnlich, bis der Geist mich erweck:; Ich blicke hinaus auf das Pflaster oder in das Land, oder noch über Pflaster und Land hinaus, Und gehöre zu denen, die den Kreis der Kreise runden. Ich traute meinen Augen nickt; wie, der liberalste, duldsamste Poet nennt alle Bekenntnisse und Religionen und übergeht die jüdische Konfession? Macht er sie deshalb nicht namhaft, weil er sie nickst für würdig hält ailch nur neben dem Fetischismus erwähnt zu werden, den er doch liebevoll ans Herz drückt? Unmöglich konnte ein so freier Geist so grobe Vorurteile haben und gerade dem Judentum befangen gegenüberstehen. Ich zermarterte mir den Kopf und hatte den Triumph, der Sache noch in selbiger Nacht eine Deutung geben und sie in einer Weise auslegen zu können, die dir, geehrter Leser, viel-