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Die Wahrheit · 1909-05-28 · Heft 21 (28.5.1909) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 21 (28.5.1909)
Date
1909-05-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrchsit -tcdattlou u. ttbmiitifiratiou: Wien. 11/, Novaragasfe 27 TtUltOuu brv ■f'iiiif;;;: InKuz St. k. iJftevr. Postfparkassa- Sctject-ftonto Nr. 100.918. 3nimv.!v Die viermal qriomttiu NouvlireiUi-^eNe Sr> .x?eUtt. JlBoiuitmeiuau.;lnicillou*- bftrilaf flllb tu aiiten titblDa: inb klnqou:. Lnakhängtge Heiischrift für jüdische Interessein Erscheint jeden K r e i t n Uoito: „Das 8ie§s1 Oottss ist TV'aiirheit!tA | '«uiijIftOvlq . . . » 14.— jj ö.iiBiilörial . . 1k 7—! — i; EnltnSbemute: Jj j . . » I» i! Wiii‘ '.MiiSliniö : Ü .1 |i j I».»,„.tytl» ...» ’lllat;;{ j 6 ütiiDei Jbrv is ,sc» Uv. 21. Wien, 28. Mai N»OS Inhalt: Aus der Woche. — Walt Whitman und das Judentum. — Die Mädchenkonfirmationen in den Wiener Tempeln. — Alliance Jsraelitc Universelle. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Ausrritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Bon einem Freunde unseres Blattes erhalten wir folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur! Nach Gründung des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" entstand unter den Juden eine Debatte darüber, ob sie dem Vereine als Mitglieder beitreten oder den Kampf ausschließlich ihren uichtjüdischeu Mitgliedern überlassen sollten. Für letztere Meinung wurde der immerhin plausible Grund geltend gemacht, es werde der moralische Eindruck auf die Gegner stärker sein, wenn nicht wieder die Juden selbst ihre Sache führen. Tatsächlich sind jüdische Mitglieder des Vereines nur sehr spärlich aufzuweisen. Allein die Konsequenz, mit welcher die Juden diese Enthaltsamkeit üben, scheint denn doch eine zu weit getriebene, wie folgendes Beispiel beweist. Am 19. d. M. fand eine Generalversammlung des genannten Vereines statt, nach welcher programmgemäß Herr Dr. Münz, Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde, einen Vortrag „Ueber die grundlegenden Ideen des Judentums" halten sollte. Zu diesem Vortrage waren „Gäste sreundlichst eingeladen". Der Einladung haben jedoch die Juden Wiens bis aus drei oder vier — unter ihnen ein wackerer Religionslehrer — keine Folge geleistet. Aus diesen Ziffern geht von selbst hervor, daß die s ä m t l i ch e n offiziellen Vertreter des Judentums in Wien, also die Kultusvorsteher, Rabbiner, Religionslehrer, Gemeindebeamten durch ihre Abwesenheit einen tiefen Schatten aus die heutigen Zustände in der Wiener Judenschaft warfen. Gewiß, alle diese Herren sind von den grundlegenden Ideen des Judentums so erfüllt und durchdrungen, daß ihnen auch der gediegene, geistvolle, herzenswarme Vortrag nichts Neues hätte bieten können, auch war für jene Herren, welche bei ihren eigenen Veranstaltungen den aus weiter Ferne herbeigeholten Gelehrten die Honneurs machen, hier keine Gelegenheit gegeben, in Aktion zu treten. Allein, gibl es nicht eine Höflichkeit des Herzens, welche gebietet, daß den über alles Lob erhabenen Vorstehern des Vereines, au ihrerSpitzedem ehrwürdigen 88-jährigen Superintendenten Dr. S z e b e r i u y i, der mit rührendem, jugendlichem Eifer allen Mühen standhält, durch bas Erscheinen wenigstens in einzelnen Ansnahmsfüllen bekundet werde: wir empfinden tiefe Dankbarkeit für eure treue Mithilfe? Und dann, welcher Ansporn zur weiteren Beteiligung und Betätigung soll den anwesenden nichtjüdischen Mitgliedern gegeben werden, wenn sie wahrnehmen, daß den Juden selbst diese ganze Sache so geringfügig erscheint, daß auch ihre Matadore das Opfer einer Stunde einmal im Jahre für sie nicht bringen wollen? Wie würdig wäre es anderseits gewesen, wenn die Religionsi lehrer au den Mittelschulen ihre Schüler in die Versammlung; geleitet hätten und welchen Nutzen für die Befestigung ihrer j religiösen Gesinnung Hütten diese aus dem Vortrage ziehen können! Hochachtungsvoll 4- * " R-! * Der bekannte Romanschriftsteller Ludwig Ganghoser. , veröffentlicht in den „Süddeutschen Monatsheften" seine Auw-! biographie; dem Kapitel: „Aufklärung und Kindererziehung"! entnehmen wir folgende Wahrnehmung Gaughofers:! „Man rühmt den Familiensinn der Juden, ihre! treue, jede Not des Lebens und auch das Grab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz der jüdischen Familie quillt aus keiner Eigenart der Rasse. Nein! Ich rvar zehn Jahre i Journalist in Wien. Da lernt man Juden kennen. Sehr viele, j Und ich habe gesunden, daß die jüdischen Familien alle Wichligj ketten der Menschwerdung von den Kindern viel natürlicher und! verständiger genommen und besprochen werden, als die verkrüppelte Sittlichkeit mtferer „christlich-arischen föiritur“ bas; znläßt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der lieferen; Liebe ihrer Kinder die Frucht des Vernünftigen". i * ,! Der tragische Fall des Einjährigen B! o ch. der nunmehr; mit der noch immer zu milden Verurteilung des Rittmeisters j von Gersdorff endgültig erledigt ist, har in Deutschland wieder - das Thema: „Die Juden als Soldaten" zur Diskussion gestellt.! wobei natürlich seitens der Antisemiten die angeblich erwiesene Feigheit der jüdischen Rasse herhalteu mußte. Daß derlei Anwürse vollkommen unbegründet sind, wurde schon wiederhol: selbst von autoritativer militärischer Seite zugestanden, aber zur neuerlichen Widerlegung derselben mag eine Mitteilung dienen, die ans Harzenan in Elsaß kommt. Auf dem dortigen; jüdischen Friedhöfe befindet sich nämlich ein Kriegergrab aus i dem deutsch-französischen Kriege, das folgende Inschrift trägt:! Hier ruhet Paul Rarhe aus Meieritz. j geboren den 23. Ichebatb 5599, gestorben den 11. Ab 5630. Er starb an seiner Wunde, die er im Kampfe fürs Vaterland davongetragen. Rache halte bei Wörth gekämpft, war dort verwundet und hierher in das Gymnasium errichtete Feldlazarett transportiert worden, wo er nach kurzer Zeit gestorben ist. Seine Familienangehörigen haben ihm gleich nach dem Kriege auf seinem Grabe einen Leichenstein setzen lassen.

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