Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 20 (20.5.1909)
- Date
- 1909-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063489--06077-3073050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheil Nr. 20. Kais. Rat Kauders wendet sich gegen die Ausführungen des Herrn Salo Coh u, der zur Sparsamkeit gegenüber den Tempelvereinen riet. An zirka 50 Teinpelvereine in Wien wurden im abgelausenen Jahre im ganzen 56.000 K Subventionen bewilligt. Wenn die Kultusgemeinde überall selbst für den Gottesdienst Sorge tragen müßte, dann würde sie wohl hiefür viel größere Summen auswenden. In den äußeren Bezirken sind wir auch Steuerträger und haben vollen Anspruch auf einen würdigen Gottesdienst. In erster Linie hat die Kultusgemeinde für den Kultus zu sorgen, und dann kommen erst Versorgungshaus und Spital. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n erklärt, daß weite Kreise des Wiener Judentums an die Lokalität und die Formen des Gottesdienstes gewisse ästhetische Bedingungen stellen, die beachtet werden müssen, und wenn man das nicht täte, würden wir eben vielen tausenden Juden das Tempelgehen abgewöhnen. Dieser Gedanke leitet auch die Bethausvereine, die ganz gut wissen, daß sie ihre Kosten nur daun hereinbringen, wenn sie ihren Mitgliedern etwas bieten. Wenn in der Debatte, allerdings außer Zusammenhang mit dem Rechnungsabschlüsse pro 1908, der Tempelbau im 4. Bezirke gestreift wurde, so muß daran erinnert werden, daß man sich dort lange vergebens bemüht hatte, ein Mietlokal für ein Gotteshaus zu sinden und erst als dies undurchführbar schien, hat man sich zum Baue eines neuen Tempels entschlossen, den man keineswegs einen Prachtbau nennen darf. Und wenn die Kultusgemeinde dem Bethausvereiue zum Ankäufe des Grundes 60.000 K beigetragen hat und die Sache auch weiter zu fördern entschlossen ist, dann hat sie nur ihre Pflicht getan und wir müssen jenen Männern, die es unternommen haben, im 4. und 5. Bezirke einen Tempel zu errichten, nur Dank sagen, weil die Errichtung sonst Pflicht der Gemeinde gewesen wäre. Von einer Seite wurde darauf hingewiesen, daß die Subventionen an die Bethausvereine nur 56.000 K betragen, aber die Konzessionen, die denselben betreffs der Trauungen und Leichenbegängnisse eingeräumt wurden, müssen auch als eine Art Subvention ausgefaßt werden, da durch dieselben bekanntermaßen die Einkünfte der Kultusgemeinde stark geschmälert werden. Betreffs der Frage, Kultus oder Wohltätigkeit, ist Redner der Anschauung, daß G-emilus chassodim obenan stehen müsse, und wenn die Gemeinde gezwungen wäre, ihre Wohltätigkeitsinstitutionen, wie Versorgungshaus, Spital rc. aufzulösen oder zu schmäler zu bedenken, dann würde dadurch das Judentum viel mehr gejchädigt, als wenn in einem oderanderen Teile der Wiener Gemeinde für den Gottesdienst in weniger reichem Ausmaße gesorgt wäre. Präsident Dr. Stern sieht sich genötigt, einige in der Debatte gefallene Bemerkungen richtig zu stellen. Wenn mitgeteilt wurde, daß für die Festtage in Berlin an 16 Stellen Gottesdienste installiert werden, so darf auch nicht vergessen werden, daß die Gemeinde Berlin selbst sechs große Tempel erhält. Der Gottesdienst außer den Festzeiten ist übrigens in Wien nicht so schwach besucht, wie allgemein behauptet wird. Als fleißiger Tempelbesucher müsse er konstatieren, daß oft an gewöhnlichen Freitagabenden im Seiteustetteu- und Leopoldstädter Tempel der Andrang so groß ist. daß viele Andachtsuchende zurückgewiesen werden müssen. Die Frage über die Wichtigkeit der Agenden der Kultusgemeinde wurde schon in der Debatte über die Aenderung der Statuten eingehend erörtert und damals schon wurde betont, daß die erste Aufgabe der Kultusgemeinde die Sorge für den Gottesdienst sei, in zweiter Linie steht die Sorge für den Religionsunterricht und erst in dritter Reihe käme die Wohltätigkeilspflege und zwar, wie es ausdrücklich heißt, nur nach Vorhandensein der Mittel. Bei einem Steuereingange von zirka 1,300.000 K werden ungefälir 600.000 K für das- Wohltätigkeits-Budget ausgegeben. Da kann man wohl nicht sagen, daß die Gemeinde zu wenig Gemilas chassodim übt. aber wir stellen die Existenzberechtigung der Kultusgemeinde in Frage, wenn wir für Kultus und Unterricht nicht in ausreichendem Maße Sorge tragen. Redner ist schließlich der Anschauung, daß sowohl im ersten, wie im zweiten Bezirke die Errichtung eines zweiten Tempels absolut notwendig ist. Kais. Rat Leop. Sachs weist an der Hand angeführter Daten nach, daß die Gemeinde 50 Prozent ihrer Einkünfte der Wohltätigkeit zuwende und eine fast gleich hohe Summe fließt demselben Zwecke aus Widmungen und Schenkungen hochherziger Ahnen zu, an deren Vorbild sich die Lebenden erinnern mögen. Er wurde in den Knltusvorstand gewählt, um die kulturellen, politischen und idealen Interessen der Gemeindemitglieder zu vertreten, aber nicht als Vorsteher eines Wohltätigkeitsvereines. Die Gemeinde leistet schon genug für wohltätige Zwecke und darüber darf man nicht mehr hinansgehen. Hofrat Dr. R a p p a p o r t empsindet leider die traurige Satisfaktion, das vorliegende Defizit schon vor Jahren vorausgesagt zu haben. Wenn der Vorredner meinte, daß die Gemeinde mit 600.000 K genug für wohltätige Zwecke tue, so habe er damit recht und unrecht. Unrecht in jedem Falle betreffs des Versorgungshauses, das in Anbetracht des stetigen Wachstums der jüdischen Bevölkerung und der zunehmenden Verarmung mit einem Fassungsraum von 296 Insassen unbedingt zu klein ist. 130 Anfnahmsgesuche sind gegenwärtig in Vormerkung, drei bis fünf Jahre müssen die Leute oft bis zu ihrer Einberufung warten und viele erleben dieselbe gar nicht. Redner würde, trotz seiner bekannten Sparsamkeit, keinen Anstand nehmen, mit einem Extraordinarium den Aufbau eines weiteren Stockwerkes zu beantragen, wenn er nur wüßte, wo er die Verwaltungskosten für 100 Betten, die gegen 70.000 K jährlich betragen, aufbringen könnte. Kaiserl. Rat Jonas Weil konstatiert, daß in den meisten kleineren Städten des In- und Auslandes die Kultusgemeinden im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl besser repräsentiert erscheinen. als die Wiener Kultusgemeinde. Er wird sehr gerne dafür eintreten, daß in der Stadt und Leopoldstadt würdige Tempel errichtet werden, aber nicht minder ist er dafür, daß die Gemeinde auf dem Gebiete der Wohltätigkeit ihre Pflicht erfülle. Dr. Maximilian Steiner bedauert, daß in der heutigen Debatte alles durcheinandergemengt und versucht wurde, Fragen generell zu behandeln, die von Fall zu Fall beurteilt werden müssen. Es geht nicht an, die Wohltätigkeit perzentuell zu beschränken und eine Grenzlinie zu ziehen, über die nicht hinausgegangen werden dürfe. Die Sorge für den Gottesdienst ist allerdings nötig, aber ist es weniger Gottesdienst, wenn man einem Hungrigen zu essen gibt? Gotteshäuser sollen dort errichtet werden, wo das Bedürfnis vorhanden ist, wo aber niemand hineingeht, dort sind sie absolut unnötig. Wenn irgendwo ein Tempel gebaut wird, muß gleich ein Oberkantor, ein Unterkantor und ein Prediger angestellt werden, die sich alle nicht satt essen können. Soll das Liddusch haschem heißen? Das ist eher das Gegenteil, und es erscheint geradezu sträflich, wenn, man mithilft, einen Klerns zu schaffen, der nichts zu beißen hat. Nach einem kurzen Schlußwort des Referenten, der auf einige Bemerkungen in der Debatte reflektiert, wird über Antrag Salo Cohn der Rechnungsabschluß su hloc angenommen. Der Präsident dankt dem Referenten, Dr. Markus Spitzer den Beamten für ihre Mühewaltung bei der Fertigstellung des Rechnungsabschlusses. Diverse Referate. Nachdem der Vorsitzende die Ermächtigung eingeholt, den beiden erkrankten Vorstandsmitgliedern Ritter von Goldf ch m i d t und Dr. Berger die Teilnahme des Plenums schriftlich znm Ausdrücke zn bringen, verliest Oberoffizial F u ch s g e l b ein Referat betreffs eines Ansuchens der historischen Komission, das dahin geht, daß die Gemeinde für die von letzterer geplante Drucklegung eines Jnschriftenwerkes der Grabsteine am alten jüdischen Friedhofe in der Seegaffe einen entsprechenden Beitrag leiste. Das Vertreterkollegium hat zu diesem Zwecke einen Beitrag von 1000 L bewilligt. Salo Cohn stellt mit Rücksicht auf einige dringende Sieuerangelegenheiten, die heute unbedingt erledigt werden müssen, den Antrag auf Vertagung. Professor Dr. Ehrmann stimmt dem Vertagungsantrage zu, jedoch soll die Arbeitskommission nochmals eiuvernommen und festgestellt werden, welcher Beitrag von den in Betracht