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Die Wahrheit · 1909-05-20 · Heft 20 (20.5.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 20 (20.5.1909)
Date
1909-05-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 5. Einlauf. Im Einlauf befinden sich: Der Allerhöchste Dank für die Loyalitätskundgebnng des Gemeindetages. Zuschrift der S t a t t h a l t e r e i, mit welcher die am 22. November und 3. Dezember 1908 erfolgte Wahl des Knltusvorstandes zur Kenntnis genommen wird. Zuschrift der Slatthalkerei, mit welcher die vom Kultusvorstande beschlossenen Aendernngen betreffs der Taxen, Gebühren und Widmungen genehmigt werden. Zuschrift des k. k. H e e r e s m n s e u m s, mit welcher der Dank für die der Erzherzog Karl-Ausstellung zur Verfügung gestellten Archivalien ausgesprochen wird. Dankschreiben des Prof. Dr. B en e d i k t für die Glückwünsche des Kultusvorstandes anläßlich feines fünfzigjährigen Doktor-Jubiläums. Dankschreiben der Frau Nelly Marmore! für die Teilnahme des Knltusvorstandes anläßlich des Ablebens des Architekten, k. k. Baurates Oskar Marmorek. s. A. Kondolenzknndgebungen der Kultusgemeinde Baden und des Kustos Dr. Frankfurter anläßlich des Ablebens des sel. k. k. Baurates Oskar Marmorek. Dankschreiben der Frau Adele von Mises für die Kondolenz des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens ihrer Mutter. Dankschreiben des Vereines armer kranker Israeliten für die Erhöhung der Subvention. Dankschreiben des Asyles für mittellose kranke Israeliten „Meran" für die Erhöhung des Jahresbeitrages. Dankschreiben des Dr. Ignaz Z o l l s ch a n für die Subventionierung seines Werkes über die jüdische Nassenfrage. Vor Uebergang zur Tagesordnung wird eine vom Vorsteher der Chewra Kadischa. Herrn Jg. Klein, im Sinne des § 91 eingebrachte Erinnerung zur Verlesung gebracht, welche beantragt, daß der Chewra Kadisclia aus den Ueberschüssen der Friedhofseinnahmen eine Subvention erteilt werde. Präsident Dr. Stern bemerkt hiezu, daß die Ueberschüsfe aus der Friedhof-Verwaltung ohnehin für wohltätige Zwecke verwendet werden, im übrigen habe das Vertreter-Kollegium beschlossen, die gegebene Anregung in Beratung zu ziehen. Herr Salo Cohn, Präsident der Chewra Kadischa erklärt, daß die Chewra Kadischa, um ihre Unabhängigkeit zu wahren, niemals um eine Subvention ansuchen, jedoch mit 'Rücksicht auf die immer steigenden Lasten, einen gewissen perzentuellen Anspruch auf die Friedhofseinkünfte erheben werde. Die gegebene Anregung sei jedoch nicht als offiziell zu betrachten, da Herr Klein nicht vom Vorstande der Chewra Kadischa zu derselben ermächtigt worden fei. Der Präsident erteilt hierauf dem Budget-Referenten, Herrn Max Frank das Wort zum Rechnungsabschluß. Rechnungsabschluß pro 1908. Herr Max F r a u k erstattet folgenden Bericht: Ich beehre mich, Ihnen hiemit den Bericht über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1908 vorzulegen, dessen Ausgaben die Einnahmen mit dem Betrage von K 175.848-55 überschreiten. Das von uns so lange gefürchtete Defizit, welchem wir bisher fast immer. glücklich entgehen konnten, ist also diesmal eingetreteu und es ist eingetreten trotzdem verschiedene Kapitel ganz bedeutende Mehreinnahmen gegen den Voranschlag ergaben. Wer die finanzielle Situation unserer Gemeinde vorurteilsfrei prüft, wird bald finden, daß wir es hier nicht mit einer zufälligen einmaligen Erscheinung zu tun haben, sondern daß die Ausgaben in einem stetigen Wachstum begriffen sind, während dies bei den Einnahmen weitaus nicht in gleichen! Maße der Fall ist. Denn wenn es auch richtig ist, daß sich nicht alle Ausgabepoften dieses Jahres stets wiederholen werden, so ist es doch ebenso sicher, daß jedes neue Jahr neue unvorhergesehene Lasten bringt. Nnn könnte man ja eimvenden, daß bei der finanziellen Gebarung einer so bedeutenden Gemeinde, wie es die unsrige ist, einer Gemeinde, die mit ihren fast 180.000 Seelen an sich schon eigentlich eine große Stadt repräsentiert, ein Defizit von K 176.000-— doch eigentlich nicht so hoch fei, um es bedenklich erscheinen zu lassen; allein eine vorsichtige Gemeindeverwaltung darf nicht zögern, sofort alles aufzubieten, um das gestörte Gleichgewicht wieder herzustellen, denn andauernde oder gar wachsende Defizite können wir bei unserem so überaus geringen Aktiv-Vermögen keineswegs vertragen. Und in diesem Lichte betrachte!, war die von den Bezirkskommissiouen beschlossene, im Durchschnitt gewiß höchst mäßige Stellerregulierung für das kommende Triennium das Minimum dessen, was unbedingt nötig war und jeder billig Denkende wird deshalb dieser Maßregel seine Zustimmung nicht versagen. Nur gar zu häufig hört man die Klage, wie groß die Lasten seien, die man für die Gemeinde zu bringen habe und der Name „Kultusgemeinde" weckt bei nicht wenigen die Vorstellung, als ob unser Budget von nahezu 3 Millionen Kronen reinen Kultus- und Verwaltungszwecken dienen würde. Und viele von jenen unserer Mitbürger, die den Kultusangelegenheiten kühl bis aus Herz hinan gegenübersteheu, sehen darin ein Unrecht, welches mau ihnen zu Gunsten der am Kultus intensiver Interessierten znfügt. Ich bin überzeugt, daß derartige und noch viele andere Mißverständnisse bald verschwinden würden, wenn man den Vorgängen in unserer Gemeindestube mit einiger Aufmerksamkeit folgen und unser Budget wenigstens einmal a n s e h e n möchte. Man würde dann bald sehen, daß von dem so ungern geleisteten Beitrag nur ein verhältnismäßig geringer Bruchteil für direkte Kulruszwecke, der Rest aber nach Abzug der Verwaltungsspesen für Unterrichts-, hauptsächlich aber für Zwecke der sozialen Fürsorge bestimmt ist. Es scheint mir überflüssig. die Notwendigkeit dieser Agenden, nämlich Kranke zu heilen, Gebrechliche und Sieche zu versorgen. Hungernde zu sättigen und zu kleiden und Waisen sowie verlassene Kinder zu betreuen, vor einer jüdischen Oeffentlichkeir erst rechtfertigen zu müssen, denn diese Pflichten haben wir Judeir stets anerkannt und geübt und ich möchte nur wünschen, daß jeder einzelne bei Leistung feiner Steuerpflicht es fühlt, daß er dadurch sich und uns hilft, Judenpflicht und Menscheupflicht zu erfüllen. Ich bitte Sie, den Rechnungsabschluß zur Kenntnis nehmen zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Herr Salo Cohn macht auf die Berliner Kultusgemeinde aufmerksam, die für das bevorstehende Schewuosfeft 16 Gottesdienste in verschiedenen großen Lokalen Berlins nnkündigt. Auf diese Weise für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Gemeiudemitglieder Sorge zu tragen, halte er für richtiger, als wie z. B. im Bezirke Wieden kostspielige Tempel zu bauen, die das ganze Jahr, mit Ausnahme der Feiertage, kaum das nötige Minjau zusammenbringen. Die Ansprüche der Bethausvereine werden immer größer. Mit Rücksicht auf die ohnehin hohen Steuern ist jedoch größte Sparsamkeit am Platze und hiezu scheine ihm die Errichtung von temporären Gottesdiensten an den Feiertagen ein geeignetes Mittel. Dr. Markus Spitzer sieht die finanzielle Lage der Gemeinde nicht so pessimistisch an wie der Referent. Der Rechnungsabschluß weist viele Ausgaben aus, die gewiß nicht so bald wiederkehreu werden, wie z. B. die 150.000 K für die Mikwah, und auf diese Weise könne das Defizit im abgelaufenen Jahre leicht erklärt werden. Zudem gebe das Bndget mit einer Steigerung von 100.000 K in den allgemeinen Einnahmen und 50.000 K im Steuereiugang keinerlei Anlaß zil Besorgnissen. Die von einem Vorstandskollegen vor kurzem öffentlich diskutierte Frage: Tempel oder Administrationsgebäude, kennzeichnet die beiden Richtungen, die im Kultusvorstande sich geltend machen. Die einen legen größeres Gewicht auf die Wohltätigkeitspflege. die anderen auf den Knltus. Wenn man aber mit Stolz ans Palais der Wohltätigkeit, wie Spital, Verforgungshaus re. hinweist, dann muß man auch solche für den Krtltus zeigen können. Ich meine nicht, daß man Prachttempel bauen soll, solche können nur aus privaten Mitteln errichtet werden, aber es wäre vor allem ein zweiter einfacher und großer Tempel am Volkerr in der Leopoldstadt nötig, in dem nach streng konservativem Ritus gebetet wird, Gotteshäuser, die nicht der Repräsentation, sondern der Andacht dienen sollen. Dadurch wird auch die Abhaltung von Gottesdiensten zu den hohen Feiertagen an unwürdigen Stätten unnötig werden. Redner kennt überhaupt keine Jom- Kippur-Religion. Entweder das Judentum existiert das ganze Jahr oder gar nicht. Es ist daher unbedingt notwendig, daß die Knltusgemeinde für Bethüuser Sorge trägt, in denen die großen Massen die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse finden.

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