Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 20 (20.5.1909)
- Date
- 1909-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Nr. 20. Di^ Wahrheit Namen, der biblisch klingt oder auch nur mit — „er" endet, so ist das ein sicheres Symptom sür das semitische Blut. Zeigt sich jemand irgendwie in Wort und Schrift liberal, so ist er mindestens als Jude verdächtig. Wer aber gar gegen den Antisemitismus auftritt, ist ein Öberjude, und mag er die stumpfste Nase und das blondeste Haar haben. Jeder, der ein Verbrechen begeht, ist natürlich Jude, denn ein Germane wird nie Verbrecher, es sei denn, wenn er von Inden dazu verleitet wird. Wer nach Geld strebt, verrät dadurch seine jüdische Abkunft, denn die Arier, namentlich die Antisemiten, leben nur für die höchsten Ideale und hassen den schnöden Mammon aus tiefstem Herzen. So ist also die Norm gegeben, um den Juden leicht zu erkennen. In den letzten Tagen ist entdeckt worden, daß Professor Herzen in Lausanne ein Jude ist. Er ist zwar der Enkel des berühmten Alexander Herzen, der einer altrussischen Familie entstammte, aber — er ist Yen Vertretern der Rassenjurisprudenz nicht hold, also untrügerisch ein Jude. Der bekannte Strafrechtslehrer Professor v. Liszt, der einer alten katholischen Familie entstammt, muß trotzdem unbedingt Jude sein, weil er für den unglücklichen Hilsner und gegen den Ritualmord Stellung nahm. Im Ausland, namentlich in Rußland und im Orient, ist es noch viel schlimmer. Alle Unzufriedenen in Rußland — und das sind mindestens 90 Prozent des Volkes — sind Juden. Sie allein haben die Revolution gemacht, trotzdem sie als Juden natürlich alle ohne Ausnahme vielfache Millionäre sind. In der Türkei ist die ganze jnngtürkische Bewegung eine jüdische. In Amerika sind alle Sozialisten und Anarchisten Inden. Ueberhaupt sind alle Revolutionäre der Welt echte Inden. Wenn man sich diese schrecklichen Tatsachen vor Augen hält, dann begreift mau erst, wie gefährlich die Lage ist, und daß die radikalen Antisemiten keinen anderen Ausweg sehen, als eine neue Znchlstätte für echtes Germanentum zu gründen. Nur fürchten wir, daß es bereits zu spät ist. denn gegen 100 Millionen Inden, die dazu nochalle Millionäre sind und längst die ganze Welt beherrschen, wird wohl vergebens angekämpft werden. * * * D i e Zurücksetzung der jüdischen Soldaten in der deutschen Armee, die zeitlich genau mit dem Einsetzen des politischen Antisemitismus Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beginnt, wird ziffermäßig nachgewiesen durch folgende der „Franks. Zeitung" zur Verfügung gestellte Zahlen: Es dienten seit 1880 nach zuverlässiger privater Feststellung in Preußen: 25—30.000 Einjährig-Freiwillige jüdischen Glaubens, von denen keiner zum Reserve-Offizier befördert wurde, hingegen 1200—1500 Einjährig-Freiwillige rein jüdischer Abstammung (Vater und Mutter Inden oder Juden gewesen), aber zum christlichen Glauben ü b e r g e t r e t e n, davon wurden etwa 300 zu Reserve-Offizieren befördert. Daß die preußische Armee eine ganze Reihe aktiver Offiziere rein jüdischer Abstammung, darunter Stabsoffiziere und Generäle aufweist, ist hinlänglich bekannt. Ueber die Avancementsverhältnisse der Juden in den Kriegen des vorigen Jahrhunderts orientieren folgende Zahlen: Von den zahlreichen Kriegsfreiwilligen jüdischen Glaubens, die 1813/15 in die Armee getreten waren, wurden etwa 30 zu Offizieren befördert, von denen einige nach dem Friedensschluß in den aktiven Dienst übernommen wurden, darunter der nachmalige Major B u r g, der als aktiver Stabsoffizier starb. 1870/71 fochten auf deutscher Seite — abgesehen von den zahlreichen Sanitätsoffizieren — etwa 100 Offiziere jüdischen Glaubens, die Mehrzahl in der preußischen Armee, 22 im bayerischen Heere, einige in den sächsischen, badischen, hessischen, braunschweigischen und mecklenburgischen Kontingenten. Viele davon erhielten das Eiserne Kreuz oder es wurden ihnen die entsprechenden Auszeichnungen der Bundesstaaten verliehen. Ein großer Teil wurde weiter befördert, viele zu Premierlentnants, nicht wenige zu Hauptleuten und Stabsoffizieren, u. a. in der aktiven Armee Oberstleutnant Heule-München. Auch in dem folgenden Jahrzehnt wurden Juden Reserveoffiziere. Erst infolge der antisemitischen Agitation stockte dieses-Avancement, und es wurde in Preußen seit etwa 1880 zur feststehenden Regel, keinen Inden mehr zum Offizier zu befördern. Nur in Bayern werden noch gelegentlich geeignete jüdische Aspiranten Offiziere. * * * Wie im Heere, so wird auch in der Zivilverwaltnng den Juden das Avancement in verlockende Aussicht gestellt, sofern sie sich taufen lassen und damit werden faktisch st a a t l i ch e Prämien auf d e n K o n f e s s i o n s w e ch s e l ausgesetzt. Die Berechtigung dieser Klage wird, wie der „Köln. Volks-Ztg." ans jüdischen Kreisen Kölns geschrieben wird, wieder durch die E r n e n n u n g des dortigen O b e r l a n d e s g e r i ch t s r a t N. zum R e i ch s g e r i ch t s r a t illustriert. Die den Juden unter dem früheren Minister unzugängliche Stellung als Oberlandesgerichtsrat wurde diesem Herrn nach seinem U e b e r t r i t t zur protestantischen Kirche zuteil. Und jetzt rückt er in eine Stellung ein, in die auch bisher mehrfach getaufte Inden, aber noch kein Jude gelangte. Glaubt man durch diese, auch in den übrigen Ressorts der Staatsverwaltung herrschende Praxis die Achtung vor dem Beamtentum, zu erhöhen und der christlichen Religion zu dienen? Bedenkt man nicht, wie leicht bedenkliches Strebertum durch diese Gepflogenheiten verleitet wird, das heiligste, die Religion, zum Handelsobjekt herabzuwürdigen? Für den gewissenhaften und charakterfesten Juden liegt in diesem Verhalten der 'Regierung dagegen eine ganz ungerechtfertigte Demütigung und Zurücksetzung. * * * Von den ohnedies so hartgeprüften r n s s i s ch e n Juden ist eine große Gefahr abgewendet worden. Bei Beratung des Entwurfes über die Aushebung des Rekrlltenkoutingents in der Duma hat die Rechte, das heißt der Bund der echten Russen, aufs neue den Antrag gestellt, die Inden vom Heeresdienst auszuschließen und ihnen dafür die Zahlung einer besonderen Abgabe aufzubürden. Der Antrag wurde auch von den Nationalisten unterstützt, welche Vorschlägen, daß die Zahlung auf die jüdischen Gemeinden abgewälzt werden soll. Leider ist die Heeresverwaltung gegen diesen neuen Vorstoß der Reaktionäre nicht energisch genug aufgetreten, da der Rekrutenbedarf ohnehin weit geringer ist als die Zahl der wehrpflichtigen jungen Männer; auch hat die Regierung durch sehr gehässige antisemitische Bemerkungen in dem Gesetzentwurf zu dem Anträge geradezu heransgefordert. Namentlich dem Kriegsminister sagte man in dieser Beziehung feindselige Gesinnungen zu. Nichtsdestoweniger wurde bei der Abstimmung das Amendement der Rechten, das die Juden einfach vom Heere ausschließen wollte, abgelehnt. Dagegen wurde ein Antrag des Abgeordneten Krupenski ans Anstellung einer Untersuchung über die Lage der Juden in der Armee und über eventuelle Besteuerung der vom Dienst befreiten Inden angenommen. Was bei diesem Anträge heranskommen wird, ist bei den bekannten russischen Verhältnissen, wo eine Untersuchung meist so ansgeht, wie diejenigen es haben wollen, die sie angestellt oder gefordert, leider gar nicht abzusehen. Der Haushalt der Wiener Knltnsgernemde. Oefientliche Plenarsitzungen des Knltnsvorstandes gehören dermalen zu den Seltenheiten, und wenn wir uns nicht täuschen, war seit den Neuwahlen die erste öffentliche Sitzung die am letzten Sonntag stattgehabte, die sich mit dem Rechnungsabschluß pro 1908 beschäftigte. Wie gewöhnlich bei solchen Anlässen wurden auch diesmal die einzelnen Gebiete der Gemeindetätigkeit, besonders die Kapitel Kultus imd Wohltätigkeit, kritisch beleuchtet, aber trotz des anregenden Referates schien den Vorstand ein gelviffer Unwillen zum Reden zu beherrschen und es bedurfte eines Stimulus seitens des Vorsitzenden Präsidenten Dr. Alfred Ster n, sonst wäre der Rechnungsabschluß fast debattelos en bloc angenommen worden. Im Nachstehenden der Bericht: