Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 19 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seite 7. imr durch hohe Gelehrsamkeit, sondern auch durch Charakterfestigkeit auszeichnete, sah sich ob der ihm zugefügten Kränkungen veranlaßt, das Feld zu räumen und.sich in seine Klaus zurückzuziehen, wo er seine ganze Zeit und Kraft den theologischen Studien widmete. Infolge seiner immensen Gelehrsamkeit erwarb er sich einen -sehr bedeutenden Ruf. Die entferntesten Gemeinden appellierten in den wichtigsten religiösen Fragen an ihn. So z. B. hatte selbst die Londoner Gemeinde einmal ihn ersucht, er möge ihr in einer sehr wichtigen Angelegenheit Bescheid erteilen. Der Londoner Rabbiner David Rieto halte nämlich in einer Predigt auseinander gesetzt, ..daß Gott und das was man die allgemeine Natur nennt (natura naturans) ein und dasselbe sei." Infolge dessen entstanden Streitigkeiten in der Gemeinde, weil viele glaubten, in diesem Rabbiner einen Spinozisten erblicken zu müssen. Und da wurde Chacham Zebi vom Vorstände um Erteilung eines Bescheides ersucht, welchem Wunsche R. Zebi Aschkenasi auch bereitwilligst entsprochen hatte. Sein Bescheid stel zugunsten des Rabbiners David Rieto aus. (Vergleiche Responsen Chacham Zebi Nr. 18). Im Jahre 1710 wurde Zebi Aschkenasi von der deutschen Gemeinde zu Amsterdam per Akklamation zu ihrem Rabbiner ernannt. Um diese Zeit fungierte Salomo Ayllon als Chacham der portugiesischen Gemeinde zu Amsterdam. Salomo Ayllon war aber auf Chacham Zebi nicht gut zu sprechen, weil dieser, der ihm geistig weit überlegen war, ihn nicht als ebenbürtig betrachtete. Es dauerte nicht lange und Ayllon bot sich die Gelegenheit dar. dem neuen deutschen Chacham, in welchem er einen gewaltigen Rivalen erblicken zu müssen glaubte, bittere Stunden zu bereiten. Es kam nämlich nach Amsterdam der berüchtigte Erzbetrüger Nehemias Chajon *), um dort im geheimen sabbathianische Lehren zu verbreiten. Kaum hatte Chacham Zebi von der Ankunft dieses Emissärs erfahren, als er alle Hebel in Bewegung setzte, ltm diesen Abenteurer unschädlich zu machen, ihm das Handwerk zil legen. Allein Ayllon nahm sich Chajons au und im Vereine mit dem einflußreichen portugiesischen Vorsteher Aron de Pinto — der ein echter Knltustyrann war — gelang es ihm, den sabbathianischen Missionär reinzuwaschen und den frommen, gelehrten Chacham Zebi zu verdächtigen und zu verunglimpfen. Infolge dessen entstanden im Innern der Amsterdamer Gemeinde furchtbare Zerklüftungen, so daß R. Zebi Aschkenasi sich gezwungen sah. den Schauplatz seiner Tätigkeit zu verlassen und sein Heil in der Flucht zu suchen. Er ging zunächst nach London und von dort über Breslau nach Polen, wo ihm in Lemberg die damals in Erledigung gekommene Oberrabbinerstelle übertragen wurde. Hier wirkte er segensreich bis zu seinem am 3. Mai 1718 erfolgten Tode. Seine Responsen „Schaalot utescliubot Chacham Zebi“ zeugen von dem Scharfsinne und der tiefen Gelehrsamkeit des Verfassers. In seinen rituellen Entscheidungen mar Zebi Aschkenasi mehr für das Erleichtern geneigt. Sein Anverwandter R. Meir Eisenstadt, gewöhnlich „Meharam Asch" genannt, berichtet in seinen Rechtsgutachten IH, „daß Rabbi Zebi Aschkenasi selbst die Entscheidungen des „Schulchan Aruch," wenn sie nicht im Talmud ihre Begründung fanden, nicht beachtet hatte. Er entschied oft gegen sie, wenn sie seinen Ansichten nicht entsprachen." R. Zebi Aschkenasis Sohn, Jakob Emden, der ihm in Altona geboren wurde, war ebenfalls eine talmndische Größe *) „Ja den Jahren 1708—171.4 bereiste Nehemias Chajon Polen und Deutschland. um die neue Lehre zu verbreiten. Er galt für einen großen Kabbalisten, ließ auch anfangs seine Ansicht nichr merken, wurde daher in Prag von David Oppenheim. Oberrabbiner daselbst, ehrenvoll ausgenommen, hatte bei dessen Sohn Joseph sein Domizil, allivo er auch ein Werk „Dibre Nechemia" verfaßte, das er in Berlin 1713 herausgab. Er verteilte auch Kameoth und soll sogar der vorgenannte Rabbiner Oppenheim eines solchen Schutzblättchens für seinen Enkel sich bedient haben, dafür aber vom Himmel bald gestraft worden sein. Nehemia verbreitete auch mehrere von ihm verfaßte kabbalistische Traktate, worüber er aber von Hirsch Aschkenasi (Chacham Zebi) angesochten und als Ketzer erklärt wurde. Konnte auch Aschkenasi diesmal nicht durchdringen, weil Salomo Ayllon, Rabbiner der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam, die Partei Nehemias' nahm, so wurde letzterer doch entlarvt und von 130 Rabbinen in den Bann getan." (Klempner Jonathan Eibeuschütz.) und unerbittlicher Feind der Sabbatianer. Jakob Aschkenasi hatte in seiner Jugend einige Zeit das Rabbinat in Emden bekleidet, daher er gewöhnlich „Jakob Emden" genannt wurde. Er gab aber bald diesen Posten auf, weil er als freiheitsliebender Mann sich nicht vor dem reichbegüterten Parnas ducken, krümmen und beugen wollte und nahm überhaupt keinen Rabbinerposten mehr an. Sein Wahlspruch lautete: n-a-rr xbv -pna (Vgl. Asulai im Schein hagedaulim), „Gelobt sei Gott, daß er mich nicht zum offiziellen Rabbi geschaffen hat." Wenn mau übrigens bedenkt, daß in der damaligen Zeit nur Männer des Geldes — selbst wenn sie sonst alles Wissens bar waren — an die Spitze der Gemeindevertretung gestellt wurden, wo sie dann Gelegenheit fanden, ihren unbezähmbaren Ehrgeiz, ihre unbegrenzte Herrschsucht befriedigen und nach Herzenslust unbeschränkt schalten und walten zu können, und daher für die Angestellten der Gemeinde, besonders für die frommen, gelehrten Rabbinen, die den Mnt hatten, die Schäden der Zeit, wie die Schwächen der Gemeindemitglieder zu geißeln, eine wahre Plage wurde, so wird man den Lobspruch R. Jakob Emdens vollkommen gerechtfertigt finden. Rabbi Moses Chagis geißelte in seinem trefflichen Werke „Leket hakemach“ S. 103 das Treiben der damaligen Gemeindevertreter in folgender Weise: niairn bv nnnp p;m; an ann byi nbnpn ’cna nan jn p«n -ay :pban nax» na nisnn irry n:n ’a anr-T na'cb xbi an®y na-cb ma ans -raya nrn ,-icik nrn rrna nrn .naia nrn .nmp n:*n .-'yirr bv „Die Gemeindevorsteher sind zumeist unwissende Menschen, die nur ihrem Geldsack die Ehrenämter, die sie in den Gemeinden bekleiden, zu verdanken haben." „Der Gulden bindet und löset, er erhebt Unwissende zu Gemeindereprüsenlanteu." Man sieht also, daß die Stellung der frommen, sehr gelehrten Rabbinen im 17. und 18. Jahrhundert selbst in den großen Gemeinden sowohl in materieller, als in moralischer Beziehung fast ungünstiger war, als die der Rabbinen der modernen Zeit; denn in der Neuzeit sind es ja nur zumeist die Rabbinen der Landgemeinden, die unterrichten, verschiedene, oft aufreibende Funktionen versehen müssen und dabei mit Mangel und Not zu kämpfen haben, während jene in den großen Gemeinden, wenn sie auch keine einflußreiche Stellung einnehmen, doch wenigstens ein menschemvürdiges Dasein fristen, standesgemäß leben können und das süße Bewußtsein haben, lebenslänglich vor d r ü ck e n d e n Nahrungssorgen geschützt zu sein. Ja. man könnte ein starkes Buch über die Leiden und Kränkungen, die die hervorragendsten rabbinischen Autoritäten in früheren Jahrhunderten, erdulden mitßten, schreiben. Zumeist waren es. wie R. Moses Chagis bemerkte, reichgewordene Vorsteher, die den Rabbinen hart zugesetzt haben. U ersch irden e |lnd)i*ichteu Wien. (Israelitische Kultus gemeinde.) Sonntag, den 16. d. M., 10 Uhr vorm., findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Knltusgemeinde Wien, 1, Seirensiettengasse 4. II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Prüfung und Erledigung der Rechnungsabschlüsse über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde und sämtlicher unter Gemeindeverwaltung stehender Fonde und Anstalten für das Verwaltungsjahr 1908. 2. Regelung der Rechtsverhältnisse der türkischen Israeliten in Wien. 3. Grabinschriften aus dem Friedhofe. DL, Seegasse. Wien. Der vom österr.-ungar. Kantoren-Berein dem Gemeindetage büerreichren Eingabe haben sich weiters auch die Herren Kantoren Goldmann-Brünn, Fuchs-Dürnkrnt und Löwy-Meran angeschlossen. Wien. Im Tempel des Brigittenauer israel. Tempelvereines, XX., Kluckygasse 11, findet die Mädchen-Konfirmation Sonntag. den 16. Mai. 10 Uhr vormittags statt. Wien. (Talmud-Thorarempel. Malzgasse 16.) Samstag, den 15. Mai 1909, Nachmittag *,'*4 Uhr, findet ein Vortrag des Herrn Rabbinats-Kandidaten Bela Fischer statt. Thema: Erläuterung der Zahl Zehn in der Bibel und m der Ethik der Alt-Rabbiner. Wien. (Verein der Sabbathsreunde „Schomre Schabbo s", II.. K l. Schifsgasse 10.) Montag, den 10. Mai. fand der erste vom Vereine veranstaltete Vortrags- und Diskussionsabend statt. Der große Festsaal des Hotel „Central" war von einem viel hundertköpfigen Publikum gefüllt. Der Vortragende. Herr M. A. Loeb aus Frankfurt a. M.. wurde mir rauschendem Beifall begrüßt. Der Obmann des Vereines, Herr Moritz Felsenburg, skizzierte kurz die Ziele des