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Die Wahrheit · 1909-05-14 · Heft 19 (14.5.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 19 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 19. Meinung, mit Hilfe dieser die Juden leichter von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugen zu können. Außer Raymnnd Martin brachte es nur noch Einer, der Franziskanermöuch und Professor der Theologie in Paris Nikolaus de Lyra, zu einer größeren Belesenheit im jüdischen Schrifttum. Er schrieb gegen 1320 Kommentarien zur Bibel, in welchen zum erstenmale von christlicher Seite der einfachen Erkläruugsweise der jüdischen Exegeten vor den kirchenväterlichen Deuteleien der Vorzug gegeben wird. De Lyra bearbeitete nämlich seine Kommentarieu nach Rafchis Kommentar zur Bibel, wodurch derselbe in christlichen Kreisen bekannt wurde. Wer de Lyras Lehrer im Hebräischen gewesen, ist nicht bekannt; jedenfalls wird es ein getaufter Jude gewesen sein, da die Juden 1306 unter Philipp dem Schönen ans Frankreich vertrieben worden sind, und bei dem düster frommen Geiste, der damals unter den französischen und deutschen Juden herrschte, hätte sich auch kein Jude herbeigelassen, einen Christen in Thora und Talmud zu unterrichten. Und wer könnte den Inden des Mittelalters eine solche Zurückhaltung auch verübeln! Mit der Beraubung der Heimat, des Eigentums, des Lebens fortwährend bedroht, wollten sie ihr kostbares Erbgut, das ihnen mit Gewalt nicht genommen werden konnte, nicht freiwillig mit ihren Peinigern und Würgern teilen. Allgemeiner wurden die hebräischen Sprachstudien unter den Christen erst kurz vor der Reformation. Der Impuls zu denselben ging von den Humanisten, besonders von dem edlen Johann Reuchlin aus Pforzheim, aus. Dieser verlegte sich mit größtem Eifer auf die Erlernung des Hebräischen, konnte aber lange Zeit keine gründliche Kenntnis desselben erlangen, weil es keinen Christen gab. der ihn darin hätte gründlich unterrichten können, und kein Jude, wie er klagt, ihn unterrichten wollte. Erst bei seinem Aufenthalte am Hofe des Kaisers Friedrich III. in Linz konnte er sein Verlangen, die hebräischen und rabbinischen Studien unter einer sicheren Führung zu betreiben, befriedigen. Der kaiserliche Leibarzt Jakob Loans, ein gelehrter Jude, wurde sein Lehrer. Vervollkommnet hat Reuchlin sein hebräisches Wissen m Rom, wo der bekannte Bibelkommentator R. Obadja Sforno sein Lehrer war. Rom, der Mittelpunkt der Christenheit, war auch der Mittelpunkt, von dem ans die Kenntnis des Hebräischen unter den Christen sich verbreitete. Der jüdische Grammatiker Elia Levita unterrichtete daselbst mehrere Kircheufürsten, wie den Kardinal Egidio de Biterbo, in dessen Haus Levita wohnte, und den Bischof von.Lavour im Hebräischen. Die von Levita verfaßte hebräische Grammatik ist in ihrer lateinischen Uebersetzung in christlichen Kreisen fleißig benutzt worden, so daß man süglich Levita als den eigentlichen Lehrer der Christen in der hebräischen Sprache betrachten kann, obgleich neben ihm noch viele andere jüdische Lehrer eine zahlreiche christliche Jüngerschaft hatten. Es fehlte nicht an Lemen. welche Levita wegen des Unterrichts von Christen im Hebräischen tadelten. In seiner Verteidigung bemerkte er, daß schon viele Rabbiner und jüdische Gelehrte vor ihm Nichtjnden im Hebräischen unterrichtet haben, und daß gerade diejenigen Christen, welche des Hebräischen kundig und im jüdischen Schrifttum bewandert sind, Freunde der Juden seien. Der Reuchliu-Pfefferkornsche Streit, der soeben zu Ende geführt worden war, war der sprechendste Beweis für die Wahrheit seiner Worte. Auch die frömmsten Rabbiner konnten es sich nicht verhehlen, daß Reuchlin nur darum im Stande war, Pfefferkorns nichtswürdige Verleumdungen und schändliche Pläne zu vereiteln und den Talmud vor dem Scheiterhaufen zu bewahren, weil er als erste christliche Autorität auf jüdisch-literarischem Gebiete galt. (Schluß folgt). Chacham Zctii. Von Dr. M. H. Friedländer. Einer der geistreichsten und gelehrlesten Rabbinen des siebzehnten Jahrhunderts war R. Zebi Aschkeuasi, gewöhnlich Chacham Zebi genannt. Zebi war der Sohn des seines tragischen Geschickes, wie seiner Geistesschärfe wegen berühmt gewordenen R. Jakob Aschkeuasi, der in Wilna 1621 das Licht der Welt l erblickt hatte. Jakob A'chkeuasi entstammte einer alten, berühmten Gelehrtenfamilie und ist mit seiner jungen Frau in Begleitung seines Schwiegervaters, des hochgelehrten R. Efraim Katz aus Wilna, vor den wutentbrannten, racheschnaubenden und blutgierigen Russen entflohen. Allein auf der Flucht wurde er von den Seinen getrennt, von den wütenden Soldaten ergriffen und zum Tode verurteilt. Des Kriegers jedoch, der dem Jakob bereits zum Niederknieu befohlen hatte, bemächtigte sich plötzlich Mitgefühl, es wäre denn doch schade, so dachte er sich, ein so junges Leben ohne jeglichen Grund schonungslos niederzumachen und begnügte sich bloß mit Kolbeustreich, den er ihm versetzte und dabei ausrief: „Flieh' junger Hund und rette dein Leben." Durch göttlichen Beistand errettet, verweilte er noch einige Tage unter Leichen, und zwar lag er des Tages wie leblos neben denselben, während er des Nachts sich heimlich herumschlich, um die allernötigsten Kräuter zur Erhaltung seines Lebens sammeln zu können.*) Mittlerweile war sein Schwiegervater R. Efraim Katz (Kohen Zedek), Verfasser der Responsen „ Schaar Efraim“ nach Trebitsch in Mähren gekommen, lvo ihm die dort vakant gewordene Rabbinerstelle übertragen wurde. Als R. Efraim von Reisenden, die in der Nähe seines Schwiegersohnes Jakob Aschkeuasi gewesen zu sein Vorgaben, erfahren hatte, daß dieser auf dem Schlachtfelde umgekommen sei, ließ er seine junge, anmutige Tochter als Witwe erklären und wünschte sogar sehnlichst ihre baldige Wiederverehelichung. Allein alle Anstrengungen, die er machte, blieben resnltatlos, denn sie behauptete fest und unerschütterlich, daß ihr Gatte, dem sie mit allen Fasern ihres Lebens, mit der ganzen Glut ihres edlen Herzens treu und anhänglich blieb, noch am Leben sein müsse. Nach einem halben Jahre gelang es erst dem jungen Jakob Aschkeuasi, das Domizil seiner Schwiegereltern zu erreichen. Wie unbeschreiblich groß mochte wohl die Freude der treuen, frommen Gattin gewesen sein, als sie ihren teuern Jakob wieder erblickte. Das junge Ehepaar lebte nunmehr im Hause des hochgeachteten Rabbi Efraim Katz glücklich und zufrieden. Im Jahre 1656 wurde dem Jakob Aschkeuasi von seiner Gattin Nachama ein Soyn geboren, dem er den Namen Zebi beigelegt hatte. Zehn Jahre später, 1666, wurde R. Efraim von der Ofner Gemeinde zu ihrem Rabbiner ernannt, daher er mit seiner Familie Mähren verließ und nach der Metropole Ungarn übersiedelte. Hier widmete R. Jakob seine Zeit und Kraft ausschließlich der Erziehung und Heranbildung seines geistig hochbegabten Sohnes Zebi, dem es tatsächlich in kurzer Zeit gelang, seiner vielseitigen talmudischeu Kenntnisse halber die Ausmerksamkeit der Gelehrten auf sich zu lenken und deren Bewunderung zu erregen. Im Alter von achtzehn Jahren wurde Zebi Aschkeuasi, dem Ausspruche Ben scliemono ossor lechuppa**) gemäß, mit der Tochter eines reichen, sehr geachteten Mannes in Ofen verheiratet und dadurch in die angenehme Lage versetzt, seinen Studien ungestört, sorgenlos obliegen zu können. Infolge der Belagerung von Ofen (1686), die ihm seine junge Frau und sein Vermögen raubte, sah er sich genötigt, einen Rabbinerposten in Bosna Seräi (Sarajewo in Bosnien) auzuuehmen; allein hier konnte er sich nicht lange behaupten, da ein gewisser Chajon, der am grünen Tische das große Wort führte, ihm bittere Stunden bereitet und das Dasein unerträglich gemacht hatre. Er ging nach Deutschland zurück und heiratete in Altona die Tochter des bortigen Rabbiners. Hier wurde er Vorsteher einer Klaus, während seine Frau ein kleines Geschäft führte, das sie ernährte. Nach dem Tode seines Schwiegervaters entstanden über die Wahl eines Nachfolgers Streitigkeiten. Während eine Partei für Zebi Aschkeuasi Propaganda machte, setzte sich eine andere Partei für einen zweiten Aspiranten ein. R. Zebi, der sich nicht *) Die bedeutendsten rabbinischen Autoritäten, die infolge der grausanien Chmelnickischen Judenverfolgungen Polen zu verlassen sich gezwungen sahen, haben in österreichischen und deutschen Gemeinden Änstellungen gefunden. Efraim Kohen in Trebitsch, Sabbatäi Kohen in Holleschau, Samuel Aron Koidenower in Frankfurt a. M. rc. **) Damals würde man in keiner Gemeinde einen Rabbiner, und wäre er auch so fromm wie die modernen ungarischen orthodoxen Rabbiner! erschienen, als Zölibatär geduldet haben, denn man hatte die Worte j unserer Weisen in jeder Beziehung beherzigt.

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