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Die Wahrheit · 1909-05-14 · Heft 19 (14.5.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 19 (14.5.1909)
Date
1909-05-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19. Tie Uüutivöeu «Seite 5. in Nikolsburg und vollendete seine rabbinischen Studien im Hanse seines Schwiegervaters R. Moses Perl es. Durch'Znsall kam ich in den Besitz eines Bibelexemplars, das früher dem R. Moses Jizchak Perles gehört hatte und in das Eigentum Roths übergegangen war. In einem Teile dieses Pentateuchs, enthaltend das Deuteronomium, ist der Todestag Roths verzeichnet: es ist der Kleiu-Purimtag 1863. Schon die Bezeichnung der Predigten Roths, „Har- Hamoria", fordert Kahns Spott heraus. Er nennt diesen Titel einen „anmaßenden" und sieht in ihm eine Nachahmung seines Gesinnungsgenossen vom „Choreb." Dieser „Gesinnungsgenosse," — hätte sich Kahn eingehender nach ihm erkundigt, so würde er ersahreu haben, daß er der Lehrer Rorhs gewesen — ist kein Geringerer als S. R. H i r s ch. In seinem „C Horeb, V e r s u ch e ü b e r I i ß r o 6 l s P s l i ch t e u in derZerstrenung" (erschienen 1837), wollte er ein streng orthodoxes Lehrgebäude ausstelleu. Das Werk wurde als bedeutsame Erscheinnng, selbst von grundsätzlichen Gegnern betrachtet und erweckte in weitesten Kreisen Begeisterung. Die Pseile seines sarkastischen Hohnes richtet aber Kahn insbesondere gegen den Anhang 2 zu Roths Predigtbnche, enthaltend dessen Ansicht „Heber die Aesthetik der jüdischen Predigten." Dieser Anhang bringt eine Trauerrede und zwar ans R. Schlomoh Q n e t} ch. Allerdings, wie wir Kahn zngeben, ein sehr schlecht gewühltes Thema, um über Aesthetik zu sprechen; daß aber der Oberrabbi von Trier selbst zugesteht, von diesem „Gaon," von „diesem großen Manne" nie etrvas gehört zu haben, ist für ihn, nämlich sür den Rabbi von Trier, höchst bedauerlich. Gehörte doch R. Schlomoh Quetsch zu den größten Talmndisten seiner Zeit. Natürlich hält sich Kahn besonders darüber aus, daß Roth in seiner Rede gegen die „neueren Größen des Jndentums" ioszieht, „denen wir alles Unheil der Reformen und Gesetzesabweichnngen in der neuesten Zeu als Schuld aurechueu können." Er rät dem „guten Mann," er möge wirklich hingehen in die Gemeinden jener von ihm so arg beschuldigten wahrhaften Größen, oder er möge ihre Schriften studieren und ihr Wirken kennen lernen und er werde sich, „wenn er nur noch einen Funken von moralischem Sinn verspürt," seiner Beschuldigungen schämen müssen. Wir sehen, mit wie scharfen Waffen diese Welfen und Ghibellinen des Judentums ihren Kampf führten. Aber Kahn geht noch weiter. Er nennt Roth einen „Bramarbas," weil dieser die „Zelebritüteu" des Judentums in drei Gruppen teilt, die sich „Seelenhirten nennen." „Doktoren betiteln," „noch andere heißen sich Prediger." Sich nennen, betiteln, sich heißen, man kann sich leicht denken, wie der moderne Rabbi von Trier die ganze Schale seines Spotles ansschüttet über den nngarischmährischen Talmndisten, der in Ungarisch-Brod das Wort des Herrn in seiner Weise verkündete. Diese Schale des Spottes ist in der Tat keine leere. „Die Hirten," sagt Roth, „weiden sich selbst." Diesen Hirten stellt er die alten Rabbiner entgegen, „die ihren Körper so wenig als möglich pflegten, ihr ganzes Leben der Oeffentlichkeit gewidmet und Schüler zu tausenden gelehrt haben." Darauf erwidert Kahn: Es gingen viele „Originale" ans diesen Schulen hervor — die aber fürs Leben untanglich waren. Wir wollen darin dem scharfen Rezensenten znstimmen. Wenn er aber lveiter sich soweit versteigt, aus Gehässigkeit gegen seinen Gegner zu behaupten, sie seien ihr ganzes Leben hindurch unbrallchbare, untaugliche und unglückliche Geschöpfe geblieben, so ersehen wir daraus nur, daß seine Polemik eine durchaus einseitige, der Wahrheit nicht entsprechende genannt werden muß. Nun wendet er sich den „Doktoren" Roths zu. Dieser sagt: Schon der Prophet hat es auf diese Doktoren, auf diese Seelen heiler (Kahn meint nicht allznwitzig in der Paranthese, „er ist ein Heuler!") abgezielt, indem er sagte: ^azerapu es schewer bas ammi al nekaloh. Diese Doktoren, die den Sitz der alten Rabbiner einnehmen,- meinen, das Volk' auf eine leichte Weise heilen zu können. Natürlich geht er Roth mit scharfen Waffen zu Leibe, weil dieser sich auf den alten Witz etwas zu gute tue, die Rofim des Propheten mit den Doktoren zu identifizieren. Er gönnt dem „geistesarmen Männlein" die Freude gerne. Endlich wendet sich Roth den „sogenannten Predigern" zu. „Sie sagen, sie führen das Wort Gottes in ihren Gemeinden und sind imstande, Großes und Erhabenes zu wirken durch ihre Beredsamkeit." „Doch wollen wir ihre Talente bewundern, so müssen wir nicht ihre Predigten, sondern die Wirkung derselben beobachten und die Tragweite des Einflusses ermessen, den diese ansüben. Gehen wir hin in die größten Gemeinden, wo die berühmtesten Prediger wirken und wollen wir sehen, was diese gediegenen Predigten Großes und Heilvolles im Judentum zustande gebracht haben. Sie stauneu darüber, meine Freunde, wie im Gegenreil das religiöse Leben immer mehr im Avnehmen begriffen ist. Woher kommt das? Weil man das Wort Gottes nicht rein gibt..." Diese Worte Roths geben Kahn Anlaß gegen den orrhvdoxen Gegner mit den schärfsten Wasten des Sarkasmus losznziehen. Selbst die Propheten müssen dazu herhalten, um als Muster der modernen Prediger hingestellt zu werden. Ihr „sogenannten Propheten," ruft Kahn ans. die ihr euch in eueren Reden an das Volk so erhabener Bilder, eines solchen Schwunges in dem Ausdrucke und so vieler Gleichnisse bedient habt, wir steht ihr vernichtet durch diesen „roten Rvtcu" da . . . Sv gehr es in pamphletiftischer Polemik weiter, die ein lebendes Dokument ist für die Eifersucht derer, die der Weisheit Schüler genannt werden. Ein trauriger Beweis für die Kampfesweise in religiösen Dingen. Die beiden erinnern uns sehr lebhaft an die Kämpfer in Heines „Disputation." Dir jüdische Wissenschaft anßerhatb des Indentmnes. Bon M. Stark. lFortseymig.» II. Der Ausspruch R. Jochauaus wurde nicht einmal von allen seinen Zeitgenossen befolgt. So erzählt der Kirchenvater Origines, daß er sich schwierige Bidelstellen von Juden erklären ließ, und nennt den Patriarchen Hnillns, der zwar nicht selbst Patriarch, aber ein Bruder des Patriarchen Inda II war, als seinen Lehrer in dieser Beziehung. Etwas später nncerrichtece Bar Chanina den vom Judenhaß erfüllten Kirchenvater Hieronymus in der Bibel, nur tat er das nicht öffentlich, sondern heimlich in der Zelle des Kirchenvaters. Dieser konnte trotzdem später die von nichts weniger als von Dankbarkeit und Mem'chenltebe zeugenden Worte schreiben: „Wenn es sich darum handelt, den Einzelnen oder das Volk zu verachten, so verabscheue ich m:l einem unnennbaren Haffe die Juden." Nachdem Hieronymus sich mit Hilfe jüdischer Lehrer die Kenntnis des Hebräischen vollkommen angeeignet hatte, übertrug er die heilige Schrift in die lateinische Sprache. Diese Ueberictznng. tinter dem Namen Vulgata bekannt und jedenfalls bester als die viel entstellte Septuaginta, gilt in der Kirche als kanonisch und blieb bis zur Reformation, wo die Bibel von Luther in die deutsche und nicht lange daraus von Anderen in die anderen europäischen Hanptsprachen übersetzt worden ist, die einzige Quelle, ans welcher die ganze Christenheit ihren Durst nach dem Worte Gottes löschen durfte. Dasselbe aus der Urquelle kennen zu lernen, trug niemand mehr Verlangen, weswegen die Kenntnis des Hebräischen unter den Christen bis zur Reformation höchst selten zu finden war. Die Uebenragnng der heiligen Schrift in die Volkssprachen wollte das Papsttum nicht gestatten, weil es meinte, daß dies für den Glauben von Nachteil sein könnte. Erft im 13. Jahrhunderte begegnen wir einem christlichen Theologen, der in der biblischen und rabbinischen Literatur völlig heimisch war. Es ist dies der Dominikanermönch Raymund Martin, dessen gegen das Judentum gerichtete Schrift pugio fidei (Dolch des Glaubens), eine Gegenschrift des berühmtesten Rabbiners der damaligen Zeit Salomo ben Aderet in Barcelona hervorrief. Seine jüdisch-literarischen Kenntnisse hatte sich Martin in der vom Dominikanergeneral Penjaforte gegründeten Schule erworben. In dieser Schule wurden nämlich Predigermönche, wahrscheinlich von getauften Juden, im Hebräischen und im Talmud unterrichtet, in der

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