Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 19 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di? Wahrheit Nr. 19. im Brennpunkt des Lebens stehen, die dem naiven östlichen Juden viele Mühe verursachen, bis er es fertig bringt, in diesen Europäern alte Juden zu erkennen, und wenn man dann ihren Belzungarischen Standpunkt hört, so steigen einem unwillkürlich ungeheure Zweifel auf. Ich will zu meiueu Eindrücken zurückkehren. Wie sehr es auch meine lokal-patriotische Eitelkeit trifft, das Licht der Versammlung kam diesmal vom Westen. Alle Achtung vor Dr. Gabels Selbstbewußtsein, ich gestehe es offen, ich sympathisiere mit ihm mehr als mit Stands Akademismus, aber gerade dort war es nicht am Platze. „Ich bin beauftragt" sagte Dr. Gabel. Von wem? Was hätte er gemacht, wenn ihn der kluge Dr. Sonnenschein in seiner gemächlich liebenswürdigen Weise gefragt hätte: „Bitte, Vollmachten, von wem?" Ueberhanpt spielten die Zionisten dort keine beneidenswerte Nolle. Trotz ihrer starken Worte sah man es ihnen an, daß sie das Ganze für verloren hielten, daß sie sozusagen den Boden unter ihren Füßen brennen fühlten, daher war Stands milde, fast flehende Rede mehr angebracht, wohltuender. Die Unsicherheit der Zionisten stieg so weit, daß sogar der gewiegte, erfahrene Dr. Straucher nicht frei von Entgleisungen war. Dabei zeigte sich die Zerfahrenheit des jüdischen Klubs in eminenter Weise. Straucher sympathisierte mit den Orthodoxen — zum Lobe seiner Diplomatie sei es gesagt — während Gabel Zwischenrufe machte. Er (Straucher), der Zionist, innßte sich von Sonnenschein sagen lassen, daß man unter einem Ministerium Weiskirchner vielleicht mit einem Judengesetze eher durchdringen wird, als unter den „Fortschrittlichen". Wenn Stand den Großkahal-Moschkes vorwars, sie denken mit zwei Köpfen, so sah man es auch Straucher an, freilich in seiner Geschicklichkeit verdeckte er die Gegensätze, so weit er nur konnte, aber es klaffte doch ein Riß zwischen dem Kultitspräsidenten Straucher, der zwei Voten mitbringt, von denen kein einziges rückhaltslös zustimmend war, zwischen dem Kahalnik Straucher, wie er sich selbst bezeichnete, der die Sache verschleben möchte, und dem Inden, dem warmsnhlenden Nationalisten, der ganz Israel sammeln will. Diesen Riß zu verkleistern, gelang ihm nicht, trotz aller-Meisterschaft. Einheitlich und geschlossen sprach der Oberrabbiner Dr. Güdemann, dessen Rede den Knlminations- und Brennpunkt des ganzen Gemeindetages darstellte. Aus dem tiefen Born seiner großen, langen Erfahrung geschöpft, auf Grund des Prinzipes, für welches er ein reiches, vielbederttendes Leben gekämpft, ermahnt er und beschwört die .Judenheit, einig zu sein. Geben wir doch unser Grundübel auf! Wenn man, was Gott behüten möge, uns in die Donau werfen sollte, wird man nicht fragen, ob wir von diesem oder jenem Schächter essen, diesen oder jenen Rabbiner anerkennen. Er erinnert Herrn Hofbauer, daß er mit ihm gemeinsam in Angelegenheit der Sonntagsruhe zum damaligen Handelsminister gefahren und daß man nichts erwirken konnte, weil hinter ihnen keine Gesamtorganisation stand. „Für mich", sagte Güdemann. „ist jeder Jude, der sagt, daß er ein Jude ist." Jüdischere, selbstbewußtere, nationalere Worte, als man sie von dieser autoritativsten Stelle gehört, wurden nicht einmal ans den ersten Kongressen gehört. Und als er das Gebühren eines polnischen Rabbiners geißelte, der sich in einer allgemeinen Angelegenheit nicht an ihn, den Kollegen, den Rabbiner, sondern an die Reichen wandte, so mußte man sich fragen, ja, warum haben wir es nicht verstanden, diese Männer für unsere — die nationale — Bewegung zu gewinnen? Dr. Sonnenschein ist sehr klug und selbstbewußt. Ich habe noch nie das Glück gehabt, im Parlament in der Nähe eines Ministers zu stehen, aber als ich das fröhliche, selbstzufriedene Regierungsgesicht Sonnenscheins sah, machte ich mir eine Vorstellung, wie die Herren im Ministerfauteuil sich fühlen, und es ist zu bedauern, daß wir keine Ministersessel zu vergeben haben. Hatte man vormittags doch so manch Erhebendes zu sehen, so mußte der Nachmittag unendlich betrüben. In der Mittagspause überreichte der „Ungar" Schreiber hunderte galizische Proteste und die Leiter versprachen ihm den Ausschluß von Galizien. Furchtbar hat sich mir der Moment eingeprägt, in dem unsere galizischen Delegierten die uns anzutuende Schmach mit Ausdauer und Heldenhaftigkeit verteidigt, man sah es ihnen an, wie sie ihre fast verlorene Position sozusagen mit Todesverachtung zu halten versuchten. Was damals in der Brust eines galizischen Juden vorging, läßt sich unmöglich beschreiben; ich denke mir, so ein Gefühl, wie ich es in dieser Stunde empfand, müssen unsere Eltern gehabt haben, als für sie der gelbe Fleck beschlossen wurde. Umso betrübender ist es, daß gerade ein hervorragender Galizianer, der es nur durch Galizien zu Rang und Würde brachte, sich demonstrativ zu der trotz aller Reden verschwindenden Ausschlnßminorität bekannte. Das Interessante war überschritten. Das Kleinliche, menschlich Allzumenschliche, die den Laienstaat spielenden Allüren der Referenten, die mit einer Unterdrückung und Herabwürdigung der Rabbiner und aller Gemeindefunktionäre schlossen und mit ihrer Intoleranz nicht einmal vor der Autorität des Oberrabbiners Halt machten, übergehe ich mit Stillschweigen. Dr. I. Sinnreich. Uor einem halben Jahrhunderte. Ein Rückblick von Dr. Max Grünfeld. Das starke Auseinauderstoßen konservativer, oder, wie man sie zu nennen beliebt, orthodoxer und fortgeschrittener Elemente im Judentum, das wir bei den Verhandlungen zur Gründung einer Gesamtorganisation des Judentums Oesterreichs jüngst beobachten konnten, veranlaßte uns, wieder einen Blick in die Literatur jener Zeit zu werfen, als Orthodoxie und Reformjudentum gewappnet einander gegenüberstanden. Gestehen wir es nur, es ist nicht sehr erfreulich zu sehen, wie das Judentum von Gefahren rings umdräut, in zwei Lager geteilt war. An der Spitze des einen stand Abraham Geiger (geb. 24. Juni 1810 zu Frankfurt a. M., d. i. also vor jetzt 99 Jahren, gest. 23. Oktober 1874 zu Berlin), an der Spitze des anderen Samson Raphael H irs ch (geb. 20. Juni 1808 zu Hamburg, gest. 31. Dezember 1888 zu Frankfurt a. M.), ein Jugend- und Studienfreund Geigers, und doch sein größter Gegner. Denn er trat in mehreren Schriften gegen den Jngendsrennd und dessen Tendenz auf. die ausgesprochen reformatorisch. die Wissenschaft mit der Religion zu vereinen bestrebt war. Um diese Häupter sammelte sich eine Schaar von Nebensternen, Trabanten, welche in hitziger, oft die Grenzen des Erlaubten stark überschreitender Art in die Kamps-Arena traten, mit dem Ruse: Hie Orthodoxie, hie Reform. So tobte denn der Kamps in Zeitschriften, Rezensionen, wissenschaftlichen Artikeln, scharfe Pfeile flogen umher, — ohne, wie wir mit Bedauern konstatieren müssen, der Sache des Judentums zu nützen. Da ich nun in alten Quellen und Berichten uachstöbere, finde ich im Juni hefte der von Leopold Stein und S. S ü ßkind herausgegebenen Zeitschrift „Der Israelitische V o l k s l e h r e r," Jahrgang 1859, eine allerdings traurige Probe davon, in welcher Art der Kamps zwischen den Reformern und Orthodoxen damals geführt wurde. „Der Israelitische Volkslehrer" sollte „ein Organ für Synagoge, Schule, Leben und Wissenschaft des Judentums" bilden, „zur Läuterung der religiösen Erkenntnis, sowie znr Förderung des religiösen Sinnes" dienen und vereinigte um seine Fahne die Hanptkämpen der religiösen Reform, zu denen unter anderen die genannten Herausgeber der Zeitschrift und Männer, wie Holdheim, Steinheim gehörten. Der Mann, der uns in diesem Rückblicke zunächst beschäftigt, ist Josef Kahn (geb. 1809 zu Wawern bei Trier, gest. 10. Juli 1878 zu Amsterdam) damals, d. i. 1859, Oberrabbi zu T r i e r. Einzelne seiner Predigten wurden von ihm veröffentlicht. Aber nicht mit diesen wollen wir uns hier befassen, sondern mit" der scharfen, rücksichtslosen, wenn auch nicht ungeschickten Polemik, die er gegen einen österreichischen Rabbi führt, welcher, der orthodoxen Richtung angehörig, ein Predigtbuch unter dem Titel „H ar-Hamoria," ..Jüdische Predigten," heransgegeben (Dessau 1858). Dieser Rabbi war Hermann Roth. Er wirkte zu der Zeit, als die Reformbestrebnngen begannen, zu U n g a r i s ch - B r o d in Mähren. Geboren in Miskolz 1834, war er ein Schüler von Hirsch und Quetsch