Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 19 (14.5.1909)
- Date
- 1909-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrchsit Slrbnfttüu n. Ndininilti »No»: Wien, II/, 9hnmnii]«|'j£ 27 TflrjiOuii brr i'nncttic! loSus fl. k. öfterr. Poslsptirkaffa- Schrck-Konto Nr. wtt.918.!>nlevcr!r Die viermal geivalleile Nonvarellle-Zeii« £» Heller. rlbouiicuiciilS. n. AilierUon»' bnrä,e und in Wie» zahlbar und tlagöac. Unabhängige Heiischrift für Mische Interessent Erscheint jeden K r e i t a g. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ USiuijIiiDvirt . . . Jt >1 — H..il>!ährial . . Jt 7- Fnr EultnSbeuittte: iu.i»<iiit)tii) . . ie >».— j ftiii- Ausland: | <Uiiii|lilt)ci|| . . . 8 UHutt I S Nudel oder >6 )sc».!l Ar. 19. Wie». 14. Mai 1999 Inhalt: Gemeilldetag-Eindrücke. — Bor einem halben Jahrhunderte. — Die jüdische Wissenschaft außerhalb des Judentums. — Chacham Zebi. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine gebildete Frau. — Ausruf. — Austritte aus dem Judentum. Die geehrten Herren Abonnenten werden ersucht, die restlichen Abonnementsbeiträge einznsenden und eventuelle Äenderungen ihrer Adresse rechtzeitig bekanntzugeben Gemeindetag-Cittdriicke. Ich will es offen bekennen, ich kann mich für die geplante Zwangsorganisation nicht erwärmen. Ich kann nichts dafür; jede Gewalt ist für mich ein Uebel, mag fein vielleicht ein notwendiges Hebel, aber insoweit sie sich vermeiden läßt, ziehe ich die Freiheit vor. Ich bin außerdem als Oestler gegen jede vom Westen ausgehende Bewegung zumindest mit Mißtrauen erfüllt, zuletzt habe ich die wahre Meinung Galiziens und den „starken" Einfluß des „jüdischen Klubs" vorausgesagt. Als einem Demokraten muß mir der ganze Apparat, die Zusammensetzung bis in die Seele hinein widerwärtig sein und ich habe meine Einwände von dieser Stelle alis klar formuliert. Ich hätte also Genugtuung empfinden sollen, als ich den Versammlungssaal betrat und keinen Galizianer traf — um genau zu sein, will ich es bekennen, in meiner Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse hielt ich die ehrwürdigen Herren Rabbiner Dr. S ch m i e d l und Fürst für die einzigen Vertreter aus Galizien — aber weit gefehlt, prophezeit habe ich es zwar, wollte aber und wünschte, es möchte anders eintreffeu. In Wahrheit wünschte ich, meine östlichen Brüder mögen in überwältigender Anzahl als Bevollmächtigte von Vereinen und Versammlungen erscheinen und ihre Proteste gegen die Wahlordnung überreichen. Ich wünschte Hunderte von Telegrammen — meinetwegen früher bestellt wie alle Zustimmungen — die den vier, resp. drei jüdischen Abgeordneten den Rücken decken und sie zu Bevollmächtigten und Repräsentanten der jüdischeil Massen Galiziens gegen die neinsagenden Kahal-Moschkes machen sollten .... Ich kam als Skeptiker, noch mehr als Gegner und wünschte trotzdem, die erste aktive Tat zur Ausraffuug möchte so weit imposant, so weit feierlich, so weit großartig und herrlich aussallen als nur möglich, mein sehnlichster Wunsch, den Leuten sagen zu können — und dennoch können wir mit euch nicht gehen. Wie sah es in Wirklichkeit aus? Schon äußerlich fehlte der Glanz und die Feierlichkeit. Ein enger, niedriger Saal, die Oeffentlichkeit ausgeschlossen, Veranstalter und Teilnehmer voll Zweifel und Gedrücktheit, von der jüdischen Hochfinanz oder von sonstigen außerhalb des Knltnsverbandes stehenden Kapazitäten keine Spur. Die Sache hatte von vorneherein mehr den Anschein einer internen Angelegenheit der Wiener Kultusgemeinde. Ein Lichtpunkt. Im glücklichen Kontrast zu diesen Aenßerlichkeiten stand die Rede des Präsidenten Dr. Ster u. Trotz aller liberalen Umhüllungen, trotz aller Aengstlichkeit weht ans ihr ein eckt nationaler Toil, völkisch bis in die Fingerspitzen und namentlich als er den Vertreter der Wiener Orthodoxen an den gemeinsamen Gang ins Parlament erinnerte und dabei die ans dem Herzen kommenden! Worte ausries: „Ich war der Niemand", da dnrchschanerte ein j Gefühl der Wonne die ganze Versammlung. Vergessen waren für den Augenblick die Gegensätze, die Zerklüftung. Nicht der Knltuspräsidetlt der Wiener Gemeinde, der Altliberale, stand vor uns, sondern ein ehrwürdiger Grers mit jugendlichem Feuer, der die lauernden Gefahren, die seinem Volke drohen, vor Augen hat, der noch mehr weiß als wir Draußenstehenden und der es! anfleht, sich retten zu lassen. Dieses Selbstvergessen des alten Liberalen, dieses Aufbäumen des jüdischen Selbsterhaltungstriebes gegen das drohende Unheil, dieses verantwortungsvolle Mahnen eines Führers zur Einigkeit werde ich nie vergessen. Der Führer der Orthodoxen, Herr H o s b a u e r, sprach mit Verve, Ueberzeugung und mit der ihm eigenen Konsequenz, die Freund und Feind in Verwunderung setzte; nebenbei bemerkt, waren die Zurufe des Abg. Dr. Gabel gegen einen Mann, der in jedem Satze für die polnischen Inden eintrat, zumindest weder taktisch gerechtfertigt noch taktvoll, wurden aber widerwärtig, als sie gerade diejenigen Sätze apostrophierten, wo Herr j Hosbauer für die Tradition eintrat. Da handelte der kluge j Dr. Straucher viel emsichtsvoller. Aber eins müssen sich die Wiener Vertreter der Orthodoxie gesagt sein lassen, daß die non sxpeäit-Theorie einfach nicht geht. Ex nihilo nihil fit. Die Wiener Orthodoxie, die mir als einem östlichen, gesetzestreuen Juden ans Herz gewachsen ist, darf nicht vergessen, daß sie bis jetzt nur negativ gewirkt, daß ihre positiven Leistungen noch ansstehen. daß sie, die im Herzen der Assimilation steht, sich nicht auf den Standpunkt des Belzer-Raw und des Chaluka-Lchreiber begeben darf, daß sie, mit einem Worte, Positives leisten muß. Wenn die reichsdeutsche Orthodoxie „Non possnnms!" gerufen hat, so hat sie selbständige positive Werte geschaffen. Hirsch hat den Abfall durch die Wissenschaft besiegt, er hat die Frivolität, den Unglauben durch die Kultur überwunden, Hirsch rang die schlechte Moderne durch die Moderne nieder. Was hat die westösterreichische Orthodoxie an Institutionen, Leistungen aufzuweisen, die auf ein Wandeln in Hirsch'schen Bahnen, auf ein Sichausschließen zu Gunsten des besseren Anschlusses hinwiesen? Nichts und wieder nichts. Ja, wenn man die Gelegenheit hat, die Herren der Orthodoxie kennen zu lernen, die Kulturmenschen im höchsten Sinne des Wortes sind, die sozusagen als Menschen S 4