Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 18 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063487--06055-3073026- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Die Wahrheit Nr. 18. anlaßt, folgenden Abänderungsantrag zu § 7, lit. Ir, zu stellen: „Die Feststellung der Lehrpläne für bat. Religionsunterricht, unbeschadet des den Vereinen zustehenden Rechtes, Lehrpläne für ihre Schulen zu verfassen und Lehrer selbständig anzustellen. Redner sprichtauch über die hohe Bedeutung der jüdischen Wissenschaft für die Erhaltung des Judentums im Lause der Jahrtausende und nennt Galizien das große Reservoir jüdischen Wissens und jüdischen Schrifttums. Er gibt seinem Bedatiern Ausdruck über die geringgeschätzte Art, in welcher in dieser Versammlung gestern von galtzischeu Juden und galizischett jüdischen Gemeinden — widerspruchslos — gesprochen wurde und gesprochen werden konnte. Redner finde es auch unbegreiflich, daß man den Rabbinern nicht jene Stellung und jenen Einfluß einzuräumen geneigt sei, wie sie ihn vermöge ihres Berufes seit jeher innegehabt haben, und beantragt, auch das passive Wahlrecht in die Landesverbände den Rabbinen einzuräumen. Abgeordneter Dr. S t r a u ch e r empfiehlt die Einschaltung folgender Bestimmung zwischen li und i im § 7: „Die Feststellung jener Mittel, die dazu dienen sollen, den Geist der Zusammengehörigkeit und des Selbstbewußtseins im jüdischen Volke zu heben, ferner die Kenntnis jüdischer Geschichte sowie Wohlfahrt und Kultur unter den Juden zu verbreiten". B. Hosbauer will im § 7 lit. d „staatsbürgerliche" Rechte stehen haben. Dr. K o h n e r (Prag) hält den Absatz <r des § 7 für einen Kautschukparagraphen und beantragt den Absatz i zu streichen. Herr kais. Rat P o l! a k (Bielitz) schließt sich den Ausführungen des Herrn Dr. Spitzer in Bezug auf die Stellung der Rabbinen vollinhaltlich an. Rabb. Dr. David spricht Herrn Dr. Spitzer seinen Dank aus für seine, dem Rabbinerstande gewidmeten schönen Worte und beantragt, im Absatz st die Worte „an den öfientlichen Schulen" einznschalten. Vizepräsident Dr. K o h n meiitt, daß das Amendement des Herrn Dr. Spitzer überflüssig, ja schädlich wäre, und bittet daher davon abzusehen und den Absatz h unverändert anzunehmen. Auch Redner hält es für ein Unrecht, daß die Rabbinen vom passiven Wahlrecht für die Landesverbände ausgeschlossen sein sollen. Abgeordneter Dr. Gabel unterstützt den Antrag Dr. Strancher und stellt den Zusatzantrag, in den Absatz Ir die Worte einzusügen: „Sowie die Bestellung von Verbandsinspektoren zur Ueberwachung des Religionsunterrichtes in den öffentlichen Schulen". Oberrabb. Dr. G ü d e m a n n gibt seiner Meinung Ausdruck, daß Rabbiner in geeigneten Sachen zu befragen seien und beantragt ad § 6 die Worte zuzufügen: „Doch könne u die Rabbiner gewählt werden". Referent Dr. S o n n e n s ch e i n verteidigt den Entwurf und bittet, alle gestellten Abänderungsanträge abzulehnen. Bei der nunmehr erfolgten Abstimnnntg wurden sämtliche Abänderungsauträge ad § 7 abgelehnt mit Ausnahme des Antrages S t r a u ch e r, der zum Beschlüsse erhoben wurde. Zu § 8 beantragt der Referent die Worte „für Kultuszwecke eingehobene Beträge" ausznnehmen, welcher Antrag angenommen wurde. Die §§ 9, 10 und 11 wurden su blocr angenommen, ebenso der § 12 mit Streichung der Worte „und 2 Verifikawren" (Antrag Dr. Kohner). Der Antrag Dr. David, der auch von Rabb. Dr. Brach unterstützt wurde, dahingehend, daß im ersten Absatz des § 15 die Worte: ..und den der Verbandsversammlung angehörenden Rabbinen die Verbandsleitnng zu bilden", wnrde aus Antrag des Dr. Kohner abgelehnt. Zu § 16 lit. b erneuert Dr. David seinen frühern Antrag betreffs der Zuziehung von Rabbinen zur Erstattung von Gutachten, der aber gleichfalls abgelehnt wnrde. Der § 16 wird hieraus unverändert angenommen. Ebenso auch der nächstfolgende § 17 mit dem bereits gestern erfolgten Amendement: ..Hiebei soll in gemischtsprachigen Ländern den sprachlichen Bedürfnissen volle Rechnung getragen werden". Der § 18 wird nach eingehender Diskussion in folgender Fassung angenommen: ,,Der Reichsverband besteht aus 71 Delegierten, die in folgender Zahl von den einzelnen Städten beschickt werden: Wien 10, Triest 4, Czernowitz 7, die ehemaligen Verwaltungsgebiete Lemberg und Krakau je 5, also zusammen 20, Prag 10, Brünn 5 und Schlesien 5. Dazu kommen noch 10 Rabbinen. § 19 wurde debattelos angenommen, hingegen entspann sich bei § 20 eine längere Debatte über die Ausführungen des Dr. Svitzer, der seiner Besorgnis darüber Ausdruck gab, daß die Wiener Knltnsgemeinde durch die neugeschaffene Institution und die ihr auferlegte „Sorge für die standesgemäße Besoldung sämtlicher Kultusbeamten und ihrer Angehörigen" in allen Gemeinden finanziell zu stark belastet werden könnte. Diese Bedenken werden protokollarisch ausgenommen und hierauf wird § 20 mit den vom Kantorenvereine beantragten und vom Referenten befürworteten Aenderungen angenommen. Nach Annahme der nächstfolgenden §§ 21—29 gibt der Vorsitzende Dr. Stern in einem kurzen Schlußworte seiner Freude darüber Ausdruck, daß nunmehr der ganze Entwurf genehmigt ist und dankt allen jenen, die an seinem Zustandekommen mitgearbeitet haben,. besonders aber den beiden Herren Referenten Dr. Sonnenschein und Dr. F i a l l a. Nach Dankesworlen an die Leitung durch den Senior der Versammlung, Herrn Glesinger - Teschen und anerkennendem Danke an den Sekretär des Bundes, Herrn Krau s, wird der Gemeindetag vom Vorsitzenden um Vz3 Uhr nachmittags geschloffen. Ewigkeit»- nnd Zeitwerte. Mögen Zauberer und Schatzgräber, mögen die Sammler affyrisch-babyloniicher Lumpen und Stummel, mögen die Maulwürfe und Totenbeschwörer, mögen sie herausgeben, anflesen, einsammeln, historische Seancen aufführen, den seligen Hamurabi und den peinlich sauberen Zoroaster in das sündige Diesseitszitieren, der Gedanke von der Einheit des Kosmos und der Einheit und Ewigkeit der Geschichte ist jüdisch. Einheit in der Vielheit der kosmischen Erscheinungen und Einheit in der Mannigfaltigkeit der historischen Erscheinungen sind die Grundgedanken des Judentums, bilden gleichsam fein Rückgrat. Fist das Jtldentum ist die ganze Geschichte ein Prozeß, dessen letzter Abschluß das Gottesreich auf Erden sein wird. Erlösung ist das Alpha und Omega des Judentums. Eine Herde und ein Hirte, eine große Familie mtd ein. Vater, viele Orgatlismen und eilt Herz. Die behofrateten Detektives und Trödelhündler, die wirklichen und nicht wirklichen Geheimräte resp. Antiquitätenliebhaber finden den Erlösnngsgedanken bei den Griechen, bei den alten Germanen, bei den Persern, bei den Chinesen, Brahmanen, Rothäuten und Fidschuinsulauern. Kein Volk hat aber den Erlösnngsgedanken 3000 Jahre gelebt, beziehungsweise ist für ihn gestorben. Keine Menschengrnppe erzeugte aus sich heraus eine Bewegung, die in ihren ersten Anfängen und später zumindest theoretisch das Gottesreich ans Erden verwirklichen will. Einzig, und allein Israel hat es vollbracht. Wer sich dies auf rein natürlichem Wege erklären will, der tue es in Gottes Namen, ich für meine Person muß auf Offenbarung und Gott znrückgreifen. Eines muß auch der verbissenste Judenfeind zugestehen, daß Israel den Sinn für Ewigkeitswerte und Erlösung nicht nur enter Heine» Kaste, sondern der ganzen Menschheit beigebracht hat. Einzig und allein Israel befreite die Welt von der Pestilenz, des Pessimismus, einzig und allein Israel lebte die Teleologie in der Geschichte, Israel hat der Welt die Ewigkeit der Ideale verkündet, Israel hat der Welt den felsenfesten Glauben an die endliche Ntederringung des Satan und den Triumph Gottes durch sein Blut verkündet. Wehe der Menschheit, wenn sie sich von dieser Weltanschaunng entfernt, tausendfach wehe aber über die Söhne Israels, die in den altheidnischen, von den herrschenden Klassen in ihrem schamlosen gebildeten Glacöbandschnh - Kannibalismus zum Leben erweckten Wertrelativismus einstimmen. Wehe ihnen, wenn sie Barbarismus und Atavismus als Fortschritt ausgeben. Wehe ihnen, wenn sie wähnen, der Freiheit zu dienen und dabei die gebildeten Sklaven der Tyrannen sind. Relativismus heißt der Winkel, in dem alle Verbrechen des Jahrhunderts abgelagert werden. Matt verwandelt die Wegweiser,