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Die Wahrheit · 1909-05-07 · Heft 18 (7.5.1909) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 18 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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?tr. 18. Die Wahrheit Leite 9 bie der menschliche Geist zu seiner Orientierung in dem Chaos der Ereignisse geschaffen, in wirkliche Realitäten, man gibt jedem Jahrhundert eine andere Ethik, eine andere Kultur, einen anderen Gott. Hegel prägte das berühmte Wort: „Was wirklich ist, ist vernünftig und was vernünftig, ist wirklich." Comte schuf seine Drei-Stadientheorie. Und dieser Geist beherrscht unser ganzes modernes Denken. Man hat sich gewöhnt, die Jahrhunderte zu rubrizieren und zu klassifizieren, in Schubladen abzuschließen, in Särgen zu verlöten — wir tun es und trampeln herum als lebendige, glücklich blühende Kinder auf vermoderten Friedhöfen. Das XVIII. Jahrhundert ist das unhistorische, rationalistische, mathematische — und trotzdem das überschwenglich schwärmerische, deduktive mtd katastrophale. Das XIX. Jahrhundert — wie glücklich — das national-ökonomische, empirische, technischkapitalistische, restaurierende, versöhnende, anfbauende, statistische und zugleich schöpferische. Danton war nicht historisch geschult, darum machte er Revolution. Wir fernsprechende Menschenkinder tun das nicht, denn urffere Parole lautet Psychologie, psychologisch begreifen, verstehen, verzeihen und — ducken. Bis vor kurzem sah es in der Welt so aus, als ob sie sich mit dem Bestehenden ganz ausgesöhnt hätte. Es konnte fast als ausgemacht gelten, daß die Menschen sich ihrer idealistischen Anwandlungen schämten, daß sie quasi das gutznmachen suchten, was ihre Väter gegen die Reaktion verbrochen haben. Es hat Leiten gegeben, in denen man wirklich gedacht, daß es Bismarck gelungen wäre, das französische 1789 für alle Zukunft begraben zu haben. Frankreich weihte sich 1870 dem Herzen Jesu. Deutschland schuf ein militärisches Kaisertum, das Sozialistengesetz das Zentrum, Spanieit proklamierte zurück das Königtum, in Belgien haben die Klerikalen die Liberalen zermalmt. In Oesterreich wurde die liberale Partei allmählich vernichtet und klerikales, national-antisemitisches Bewußtsein bemächtigte sich seiner Völker. England ließ den alten, großen liberalen Schwachkopf Gladstone mit seinen liberalen Prinzipien fallen und der konservativ-imperialistische Geist ist trotz der liberalen Form noch immer herrschend. Mit Ausnahme von Italien, wo die Regierung speziell im religiös-politischen Sinne antipapistisch war, aber in Wahrheit das Land im plutokratisch-aristokratischen Sinne verwaltet — überall der Freiheitsgedanke erstorben, verwahrlost, verlassen und vergessen. Und Rußland? Als die Terroristen Alexander H. in Stücke rissen, so haben sie mit ihm auch die Freiheit Rußlands zerschmettert. Alexaitder III. zerriß den Veriassungsfetzen und Pobedonvszew verkündete das große Allheilmittel gegen die Schäden der europäischen Kultur in der bekannten Trinität von Orthodoxie, Autokratie und Nationalismus. Rußland ward tvie von der Vorsehung erwählt, um den gehorsamen Nachkommen der widerspenstigen Freiheitsnarren zu zeigen, daß die Menschheit nur unter Feudalismus und Absolutismus glücklich sein kann, denn mit seinem Autokraten an der Spitze baute es Eisenbahnen, kämpfte mit der inferioren gelben Rasse, schuf Industrie und sorgte für die Verbreitung der praktischen Nächstenliebe in Tibet und Korea. Kein Wunder, daß die Republikaner von Frankreich in Zungen redeten und Hurrah schrien vor dem Beherrscher aller Reußen und daß die radikal-demokratischen Staatsmänner von Paris vor Väterchen auf dem Bauche rutschten, den Saum des Papstkaisers küßten und sich als allerhöchste Gnade die Annahme der französischen Milliarden erbaten. Und sie schleuderten fort das göttliche Freiheitsjoch und sagten: „Fort von uns!" Und die Heiden toben und die Völker der Erde lehnen sich auf und beratschlagen miteinander wider Gott und seinen heiligen Geist. Aber der im Himmel wohnet, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer. Wie ein Erdbeben kam die Revolution im heiligen antokratischen Rußland. In diesem Rußland, in welchem die Fliegen nnter Polizeiaufsicht stehen, wurde doch eine große freiheitliche Bewegung inszeniert, wurde doch der gesetzliche Absolutismus gestürzt. Und mag die Freiheit am Boden liegen, möge man die Menschenrechte mit Füßen treten, mögen die Helden der Freiheit in den Kerkern röchelnd ihre Seelen aushauchen oder als Verzweister — und daher Verräter —. in weichen Armen und beim Champagner ausschwelgen, möge Väterchen Millionen hinmorden und ganze Strecken in Einöden verwandeln — die Autokratie wird nicht wieder hergestellt. Wer noch vor einem Jahre die Proklamierung der Menschenrechte und ihre blutige Besiegelung in den Ländern Muhameds prophezeiht hätte, den hätte man für reif für das Irrenhaus gehalten. Die „Kenner" belehrten uns immer, daß die Völker des Islams sich in einer Stagnation befinden (ohne sich dabei aufzuhallen, daß die Araber die ältesten freien Naturen der Welt sind und es bis auf den heutigen Tag geblieben sind, daß der Orient die erdrückenden und das Atmen kontrollierenden Staatsgewalten gar nicht kennt), daß sie zu ihren Gunsten eine Beute Europas werden müssen. Und was sehen wir? Die versklavten Perser kämpfen für die Freiheit mit einer Ausdauer, die Europa gar nicht kennt. Von Fatalismus. Kismet keine Spur — wie die Löwen verteidigen sie das von Europa im Stiche gelassene Recht der Selbstbestimmung und der Menschenwürde. Unterliegen sie, so werden sie es dem liberalen England zu verdanken haben. Und was jetzt in der Türkei geschieht, man müßte blind sein, um nicht die Hand Gottes zu sehen, der Geschichte macht. Das Unmögliche ist dort Tatsache, die Armee, die Repräsentantin der Gewalt, erkämpft und beschützt die Freiheit, Abdul Hamid, der Schlaueste der Schlauen, der Klügste der Klugen ist überlistet. Jslamiteu, Türken, die das überlegene Europa itns als Wasserpfeifenraucher und Märchenznhörer schildert, wissen für die Gleichheit der Rassen, Nationen und Konfessionen zu sterben. Fatalisten, nachlässige Mohamedaner setzen die ganze gebildete Welt durch ihre Exaktheit, Energie, Raschheit, Genauigkeit und Pünktlichkeit in Erstaunen. Ein ostasiatisches Volk, das man bis vor 40 Jahren nur dem Namen nach kannte, zerschmetterte den auf die Zivilisation lastenden russischen Alp, bereitet die Revolution im Jtinern vor und bricht seinen Einfluß nach außen. China reibt sich seinen 3000-jährigen Schlaf aus den Augen und sehnt sich nach der Kultur, die Europa dem Judetitum zu verdanken hat. Die Judeti haben ihre Seelenwanderung vom gehorsamen Haustier bis zum selbstbewußten Menschen dnrchgemacht und beginnen John Bull zu erinnern, daß sie eigentlich schon selbst fahren können. Die ägyptische Welt rührt sich, ja die stockfinstere Berberei spürt etwas in sich von dem, was man Unabhängigkeit und Freiheit heißt. Und weil Europa das weiß, so unterläßt es, die Mauren mit seiner Vormundschaft zu beglücken, fürchtet nämlich, sich seine Finger an dem Freiheitsfener zu verbrennen. Der Erlösungsprozeß macht Fortschritte, wenn auch schilecken Haft, wenit auch durch Unterbrechungen und Satansküllste znrückgeschlendert — Fortschritte werden doch gemacht. Und will Europa zurück in wissenschaftlich drapierten, künstlerisch ausgestatteten Barbarismus und Servilismns verfallen und steuert Onkel Sam durch seine wahnsinnige Goldgier, Korruption und Menschenverachtung, Schlemmerei, Schwelgerei, Protzerei in das Verderbnis der römischen Kaiserzeit, in die Sklaverei und karthagische Vernichtung, so entstehen dem Idealismus neue Hundertmillionen Verteidiger mit einer infolge langer Ruhe eingesammelten Energie, die imstande seilt wird, wie einst Israel Kanaan, die Germanen die Römer, wie der lahme Timur die asiatische Welt, so eben auch jetzt Europa zur Besinnung und Umkehr zu bringen. Die Wahrheit ist auf dem Marsche. Gott ist die Wahrheit, denn der Herr zertrümmerte die Götzen der Heidell imd richtete sein Reich auf, welches da ist Wahrheit. Freiheit und Liebe. Dr. I. S i n n r e i ch. Pon der Wiener Mit welchem Ernst und strenger Sachlichkeit die „Jüdische territoralistische Organisation" die Probleme der Judensrage behandelt. ist längst bekannt. Unter den vielen Beweisen, die hierfür bereits erbracht wurden, ist jedoch der kürzlich publizierte Bericht der C y r e u a i c a - E x p e d i t i o n wohl einer der glänzendsten. Im Bewußtsein der Bedeutung ihrer Bestrebungen verfolgt die „Jto" ihre Wege unbekümmert um die Anfeindungen ihrer Gegner, nur das hehre Ziel im Auge behaltend, welchem! sie mit einer Realistik znsteuert, die selbst ihren chauvinistischesten

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