Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 18 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 18. gesprochen. Vom Rabbiner Dr. Weiß habe ich den Auftrag, Ihnen sein Separalvotum vorzulegen. (Redner verliest die ausführliche ablehnende Aeußerung des Rabbiners Weiß und stimmt zum Schluffe für das Eingehen in die Spezialdebatte.) Oberrabbiner Dr. G ü d e m a u 11: Es muß auf jeden Freund des Judentums einen traurigen Eindruck machen, daß m dem Augenblicke, wo es sich um eine neue Ordnung handelt, aus verschiedenen Gründen wieder Einwände gegen diese Ordnung sich gellend machen. Ich spreche damit gegen gar keine Richtung. Für mich ist jeder ein Jude, der sagt,' daß er ein Jude ist. Wenn Herr Hofbaner unter Hinweis auf die galizische Opposition gegen die jetzt versuchte Organisation opponiert, so muß ich, der ich ihn seit den 43 Jahren kenne, daß ich in Wien lebe und vielleicht auch wirke, doch wohl sagen, daß er seine Rede 20 Jahre zu spät gehalten habe, denn 1890 wurde das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden geschaffen. Da wurde uns die Ordnung vom Staate aufgedrängt, da hätten die Juden gegen die Organisation sprechen können, besonders gegen den § 9, worin dem Vorstande die; alleinige Leitung der Gemeinde überwiesen uuiröe. Da hat aber ans der ganzen Reihe der orthodoxen Rabbiner und Gemeinden niemand ein Wort der Auflehnung gesprochen. Ich war es, der dem Abgeordnetenhause eine Bittschrift überreichen ließ, in der ich für die Rechte der Rabbiner eingetreten bin, was mich in Konflikt mit dem damaligen Knltusvorstande brachte. Damals hat uns die Regierung eine Organisation ausgedrängt, wie sie vielleicht meiner Ansicht nach damals nicht ganz gehörig war und wie sie dem Judentume nicht entsprach. Damals haben wir uns eine Organisation gefallen lassen müssen, die uns von auswärts ausgetragen wurde. Jetzt, wo es sich darum handelt, daß wir uns innerlich organisieren, daß wir überhaupt Ordnung machen, tritt von so vielen Seiten die Opposition aits. In keiner Religion wird der Friede so oft in den Mund genommen, wie bei uns, auch in unseren Gebeten. Und doch nt der Friede so selten vorhanden. Hier wird der Versuch gemacht, der gewiß Mängel haben wird, der aber an sich schon eine große Tat bedeutet, indem wir uns wenigstens der Regierung gegenüber als ein Ganzes nach außen repräsentieren. Vertragen wir uns, suche aber jeder an seinem Teil, seine Individualität geltend zu machen. Wenn die Orhodoxen aus der Organisation draußen sind, werden sie in ihr gewiß keinen Einfluß haben. Den Sauerteig legt man in den Teig und dort wirkt er. Und so sollten es auch die Galizianer machen. Ich habe in den jüdischeit Zeitungen von einer Gefahr der Organisation gelesen, ich sehe diese Gefahr nicht. Als ein alter Mann, der 43 Jahre des Dienstes in dieser Gemeinde hinter sich hat, werde ich mir auch von den Zeitungen nicht sagen lassen, daß in dem Zusammenwirken eine Gefahr liegt. Ich habe die Pflicht, zur Einigkeit zu mahnen, und weiß, Galizien wird uns Nachkommen, es ist noch immer nach gekommen. Ich bitte nochmals, bleiben wir einig und gehen wir in die Spezialdebatte ein. (Zustimmung.) Herr Wolf P a p p e n h e i m dankt zunächst dem Präsidium für die Uebertragnng der Mandate an die Vertreter der Orthodoxie, die aber gegen die geplante Organisation Stellung nehmen muß. weil derartige Zentralisationsbestrebnugen überall zum Niedergang des religiösen Judentums geführt haben. Was speziell den Judenrat des vorliegenden Entwurfes betrifft, so werden 4/s von ihm ans Westösterreichern fortschrittlichster Richtung bestehen und durch diese wurde dann die Regierung autoritativ über jüdisch-rituelle Angelegenheiten informiert. Einem solchen Gutachten werden sich die Orthodoxen um keinen Preis fügen. Herr Pappenheim erklärt hierauf noch, daß die 206 galizischen Gemeinden, die durch ihren Vertreter Proteste an die Regierung senden wollen, sich durch ihn auch an den Präsidenten wegen einer Rücksprache gewendet haben, da sie im Falle der Ablehnung ihrer Wünsche den beabsichtigten Schritt aus führen müßten. Hieraus wird einstimmig Schluß der Generaldebatte mit Anhörung der vorgemerkten Redner und Eingehen in die Spezialdebatte angenommen. Rabbiner Fürst gibt folgende Erklärung'ab: ' „Im Namen der strenggläubigen Judenschaft Oesterreichs protestiere ich gegen jeden Versuch der Schaffung einer staatlichen Organisation der Gesamtjudenschaft, die die Stellung der Rabbiner untergräbt, die Autonomie der Gemeinden vernichtet und bestimmt ist. Bekenner entgegengesetzter Weltanschauungen in eine künstliche Einheit, zusammenzudräugeu. Durch eine solche Vereinigung kann nur die Zwietrachtgefördert und die Irreligiosität propagiert werden. Verzichten Sie auf eine Zwangsorganisation und bauen Sie den Bund zu einem freiwilligen Zusammenschluß aller Juden Oesterreichs aus, der nach außen sowohl als nach innen zur Verteidigung -unserer politischen Rechte und Förderung von Wohlfahrlseinrichtnngen nicht viel geringeres Ansehen haben wird, als eine staatlich anerkannte Behörde, die den Keim der Zwietracht säet." Hierauf wird die Vormittagssitzung geschlossen. N a ch m i t t a g s s i tz u n g. Dr. F i a l l a bedauert den üblen Eindruck, den einige Reden Vormittag gemacht haben. Die Orthodoxen, sowie Zionisten haben nur ihre alten Ausführungen wiederholt. Schon die Versammlung im April v. I. hat die Notwendigkeit der Organisation erklärt. Welches sind nun die Argumente gegen die Organisation? Es wird einerseits auf die Autonomie der Knltusgemeinden hingewiesen, andererseits ans die religiöse Ueberzeugnng. Das Komitee hat sich bemüht, diesen beiden Faktoren im vollsten Maße Rechnung zu tragen, und es gibt nicht eine Bestimuntng, von der man mit Grund behaupten kann, daß sie die Autonomie der Kultusgemeinden irgendwie gefährde, oder daß sie in das Gewissensbereich bezüglich des religiösen Bekenntnisses und seiner Schattiritngeu eingreist. Bei den Herren, die uns von vorneherein starre Opposition entgegenbringen, herrscht ein grundlegender Irrtum, als ob wir berufen wären, das Gesetz zu machen, und es schon morgen im Reichsgesetzblatt zu veröffentlichen. Wir haben aber nichts anderes bezweckt, als die Regierung zu mahnen, an ihre staatliche Verpflichtung die Jndenschaft zu organisieren, und itir ein Elaborat vorzulegen, als Grundlage weiterer Beratungen im Schooße der Regierung. Ich zweifle nicht, daß das Ministerium dann noch eine Enquete einbernfeu wird, um den meisten Wünschen nach Tunlichkeit Rechnung zu tragen. An die Herren aus Galizien möchte ich noch ein Wort richten: Wir haben den Versuch gemacht, mit Ihnen gemeinsam die Organisation zustande zu bringen. Die Herren haben sich ans den Streitpunkt gestellt, ich sage also, uns kann die Geschichte recht sein, wollen die Herren in ihrer Unkultur verbleiben, in die kein staatliches Fünkchen hineinleuchtet, so sollen sie es haben, aber dann spreche man uns auch nicht von Lustmenschen und Massenelend. Wenn die Herren den Wunsch und die Kraft > haben, sich ihre Angelegenheiten selbst zu besorgen, so mögen sie uns auch in anderen Dingen ungeschoren lassen. Wir hatten > stets nur den Nachteil, daß nach den galizischen Juden das! österreichische Judentum beurteilt und dadurch der Feindseligkeit I stets neue Nahrung gegeben wurde. Wenn die Herren glauben, j werden wir die Organisation mit Ausschluß von Galizien anl streben. Wenn die Herren aus Galizien aber ihr Interesse ver-! stehen, müssen sie mit allen Händen nach diesem Seile greifen.! Nachdem kais. Rat P o l l a k - Bielitz für das Eingehen j in die Spezialdebatte gesprochen, führt Referent Dr. Sonne n-! schein in seinem Schlußwort aus. daß nichts anderes übrig , bleiben wird, als eine Organisation des Judentnms zu gründen, i die wir brauchen, und wenn Galizien sich ausschließen will, in; Gottes Namen. Wenn 206 Knltusgemeindett einen Protest gegen j die Organisation überreichen wollen, bei denen die 19 Großi gemeinden gar nicht eingezählt sind, so müssen wir in West-! österreich die Organisation für uns anstreben. Es bleibt also nur der Widerstand der Orthodoxen, zu denen sich aber in mancher Frage eine Brücke wird schlagen lassen, und ich bitte deshalb in das Eingehen in die Spezialdatte. Abgeordneter Dr. Gabel erklärt in einer tatsächlichen Berichtigung, daß das jüdische Volk in Galizien sich die Organisation wünscht, aber man muß zwischen diesen und den Kultus-