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Die Wahrheit · 1909-05-07 · Heft 18 (7.5.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 18 (7.5.1909)
Date
1909-05-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Die Wadrveu Seite 5. "was er will. Das gleiche gilt von liberalen Bilderstürmern. Der Bilderstürmer ist umgekehrt wie der Klerikale. Er will den anderen znr Unfrömmigkeit zwingen, der Liberale wird jedem seine Ueberzeugung lassen.. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, sage ich, daß in einem Zeitalter, wo man in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt hat und der Jude, der im allgemeinen überall zur liberalen Partei zählt, daß es in dieser Zeit ein österreichischer Jude ist, welcher eine strenge Konsistorialverfaffung schaffen will, wenn sie auch poii vornherein sahen, daß sie nichts Religiöses schaffen wollen. Ist es aber wirklich nichts Religiöses, wenn die Organisation für Rabbiner, Schächter, Kantoren und Lehrer sorgen soll? Für mich sind das rituelle Angelegenheiten. Bei Vielen allerdings sind das keine rituellen Angelegenheiten. Vom liberalen Standpunkt sage ich Ihnen, daß heute, in der Zeit der Trennung von Kirche und Staat und ivo in Amerika oder in der Schweiz und in England die Kirche einfach unter das Vereinsgesetz gestellt wird, es unmöglich ist, jemanden zu zwingen, daß er einer religiösen Gemeinschaft angehöre. Umgekehrt, muß heute jeder nach seiner Fasson selig werden. Es ist heute eine historische Zeit für du Juden Oesterreichs und wir können eine Einigung, eine gemeinsame Organisation trotz aller Verschiedenheit der Richtungen herbeiführen. Heute will man aber, wie ich aus Ihrem Entwürfe sehe, einen Teil der Inden zwingen, sich einsperren zu lassen in eine Organisation, in welcher ihre Interessen nicht gewahrt werden. Ich sage ihnen dies als der Obmann der freien Vereinigung znr Wahrung der Interessen der strenggläubigen Jndenschaft. Wenn mir mit Ihnen halten würden und Sie nach Ihrem Statut eine Rabbinerschule gründen, so wäre die Folge, daß daraus Rabbiner hervorgehen, die für uns nicht maßgebend sind. Sie würden eine Organisation zur Heranbildung von Schächtern gründen, wir würden aber von diesen Schächtern nichts genießen. Ein Schächter ans dieser Schule hätte für uns dieselbe Wirkung, wie ein Schächtverbot vom Staate. Wenn Sie. von einem „autoritativen Gesetz" sprechen, so ist das für uns ein neue r Beweis, daß wir dagegen zu sein haben. Eine allgemeine Vertretung des Judentums dagegen ist uns sehr erwünscht. Ein Gemeindebund in größerem Stile als die „Union" mit dem speziellen Zweck, die Rechte der Juden zu wahren, aber mit Ausschluß des religiösen Moments. Eine der Hauptgefahren für uns ist die Kompetenz des Oberrates zur Erstattung von Gutachten. Ich werde einen Antrag in dieser Richtung stellen. Wir können nur mittnn, wenn uns schon der § 1 Sicherheiten nach dieser Richtung schafft, dahingehend, daß in die h ö ch st e Stelle des Bundes nur Personen kommen dürfen, die den Sabbath nicht übertreten und nicht Trefe essen. (Oho-Rufe.) Ihre Oho-Rufe freuen mich, weil sie die Gefahr deutlich zeigen! Wenn nicht alle Beschlüsse dem S ch u l ch a n A r u rf) 'entsprechen, ist unsere Mitwirkung ausgeschlossen. Präsident Dr. Stern erinnert den Vorredner an einige konkrete Fälle, in denen sich die Notwendigkeit einer autoritativen Vertretung der Judenschaft eklatant gezeigt habe. Nicht die Zersplitterung, sondern die Zusammenfassung bringt uns Hilfe. Keiner Organisation füllt es ein, irgend jemandem einen Rabbiner oder Schächter aufzuzwingen. Das machen wir auch in Wien nicht, und die Wiener Gemeinde mit ihren 180.000 Inden repräsentiert doch auch eine Organisation, und ich glaube nicht, daß Herr Hofbauer und seine Gesinnungsgenossen sich über eine Bedrückung zu beschweren haben. (Zustimmung.) S tein er-Kolin bedauert, daß in Böhmen nur ein Verband beantragt wird und man von der Statuierung eines tschechischen und eines deutschen Verbandes abkommen will. Sind zwei Verbände nicht möglich, so beantrage er, zum Mindesten eine deutsche und tschechische Sektion, nach Art des Landeskulturrates, unter einem gemeinsamen Präsidium. In Böhmen bereitet sich ein Verband der tschechischen Kultusgemeinden vor, der sonst dem Landesverband nicht Beitreten wird. Abgeordneter Stand erklärt, die Zionisten stehen ans dem Standpunkt, daß der Gemeindebund notwendig ist, in dem Bewußtsein, daß auch für sie die Zeit kommen wird, wo er auf ihre Wünsche hört. In den Rahmen der Organiiation gehören jedoch außer konfessionellen Fragen auch die Knlturfrngen, so die Frage der hebräischen Sprache und des Unterrichtes in der jüdischen Geschichte. Die kulturelle Hebung der Jugend ist eine Vorbedingung der Erstarkung des Judentums. Die Organisation soll aber auch eine ökonomische sein. Die Lstjuden, also vier Fünftel aller Jndenschaft, weisen die traurigsten ökonomischen Verhältnisse aus. Eine Regelung ist für Sie schon von praktischem Vorteil, denn die Brodlosen kommen ebenso nach Wien wie nach Prag. Statt durch milde Gaben, muß man organisatorisch eingreisen, durch Hilfs- und Darlehenskassen. Hausindustrien rc. Die Zionisten wollen von Anfang an ntltarbeiten. Wenn aus Galizien jetzt Proteste kommen, so sehen Sie aus dem Krakauer Brief, warum der Krakauer Kultuspräsident denkt mit zwei Köpfen, mit dem Kopf unserer polnischen Gegner, mit dem Kopf der Regierung, nicht aber mit einem jüdischen Kops. Der Selbsterhaltungstrieb aber gebietet uns die Organisation. (Zustimmung.) Wir wünschen aber gleichzeitig eine andere Zusammensetzung. Damit nähere ich mich dem Gedanken des allgemeinen Wahlrechtes, das allein Ihnen Autorität nach außen und Kraft nach innen verleihen kann. Durch dieses Wahlrecht soll entweder der oberste Judeurat selbst gewählt werden, oder er soll hervorgehen aus den aus Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Kultnsvorstehungeu. Ferner wünschen wir auch eine stärkere Vertretung des jüdischen Ostens. Die Zahl unserer Delegierten steht in einem Mißverhältnis zur Zahl der jüdischen Bevölkerung. Wir bitten Sie, unsere Wünsche zu berücksichtigen, ehe wir sie als Forderung in die Massen tragen. Dr. K ö r u e r-Göding: Weder ans nationaler, noch ans religiöser Basis ist nach den heutigen Erfahrungen eine Einigkeit der Juden zu erzielen. Eines aber hält uns zusammen: die gemeinsame Not. (Zustimmung.) Diese zwingt uns znr Organisation, denn alle Inden haben darunter zu leiden, daß das Staatsgrnndgesetz nur ans dem Papier steht. Ich stimme dem Abgeordneten Stand auch darin zu, daß nicht eine Notabeluversammlung die repräsentative Autorität haben kann, iondern nur die frei gewählte Vertretung aller großjährigen Inden. Mein Antrag geht dahin, das endgiltige Volum einer auf allgemeinster Basis gewählten Vertretung der Inden zu überlassen und schon heule alles ausznscheiden, was die religiöse Autonomie der Gemeinden tangiert. (Zustimmung.) Abgeordneter Dr. S t r a u ch e r: Die einheitliche Organisation des jüdischen Volkes ist eine historische Forderung. Sie kann eine religiöse, kouseisionelle sein, die aber von der orthodoxen Majorität des Judentrtms perhorresziert wird, sie kann aber auch eine nationale sein, und diese wünschen wir im Osten. Denn nehmen wir auch welche Maske immer vor. wir täuschen bloß uns. nicht aber die anderen; daher haben wir Ostjuden auch politische Organisationen ans Grund unseres jüdlscheu Volkstums gegründet. Ob Heine freilich die geeignete Zeit ist für die Propagierung von Jndengesetzen, besonders unter dem jetzigen Ministerium mit W e i ß k i r ch n e r und B i e n e r l h, das ist noch die Frage. Es ist uns auch ein Unrecht geschehen, bei Verteilung der Mandate, drei Viertel der Inden hat ein Viertel der Delegierten und die Bukowina mit 106000 Juden soviel wie Schlesien mit 12000. Damit drücken sie uns den Stempel der Minderwertigkeit auf, gar so sehr bevormunden lassen wir uns nicht. Vorsitzender: Stellen Sie einen Antrag, wir werden ihn mit Freuden akzeptieren. Dr. S t r a u ch e r fortfahrend: Ich habe das Elaborat bei uns einer Kommission und unseren Rabbinern vorgelegt. Ihr erstes Bedenken war, daß wir majorisiert werdeii müssen. Ich werde auch einen Antrag auf Vermehrung der Mandate einbringen, ebenso auch zum § 7 einen Antrag auf Feststellung der Mittel, die den Geist der Zusammengehörigkeit im jüdischen Volke, sowie das jüdische Wissen, sowie die Wohlfahrt des jüdischen Volkes heben sollen. Von unseren beiden Rabbinern hat der fortschrittliche, Dr. Rosenfeld, erklärt, die Frage znr öffentlichen Diskussion zu stellen, um über die Prinzipien klar zu werden. Die Orthodoxen aber haben sich prinzipiell gegen jede Organiiation aus-! > i i! I! i i I i i |

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