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Die Wahrheit · 1909-04-30 · Heft 17 (30.4.1909) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 17 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheit. Lene 7. Äen österreichischen Staatsverband durch. Wir sprechen hier allen jenen edlen Menschenfreunden, welche diese Aktion durch Geldspenden förderten, unseren wärmsten Dank ans! Der Bericht gibt weiters Aufschluß über die Fortschritte der Vereinsörganisalion, über die Tätigkeit des Bureaus, über die vom Vereine abgehaltenen Versammlungen und veranstalteten Vorträge, er gedenkt dann der Heimgegangenen Vorstandsmitglieder, Mitglieder und Förderer des Vereines und schließt, .nach Aitsdruck des Dankes an alle Vertrauensmänner der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union" sowie an die Anwälte, Abgeordneten und die Presse, mit folgenden Worten: „Geehrte Generalversammlung'. Sorgenvolle Tage liegen hinter uns. Im 60. Negierungsjahre unseres geliebten Kaisers sind über Oesterreich-Ungarn schwere Gewitterwolken her-aufgezogen. Der Weisheit und Friedensliebe des Kaisers ist es gelungen, diese Wolken zu zerstreuen. In diesen schweren Tagen hat auch die jüdische Bevölkerung mit allen anderen Nationen '.des Reiches an opferfreudigem Patriotismus, an hingebender Treue zu Kaiser und Reich gemetteifert. Auch unsere Söhne und Brüder standen bereit, dem Ruse des obersten Kriegsherrn zu folgen und ihr Blut für die Macht und das Ansehen des Vaterlandes zu vergießen. Die freudige Erfüllung der gleichen Pflichten erhöht unseren Anspruch auf die Achtung vor unseren gleichen staatsbürgerlichen Rechten. In Not und Gefahr sind wir an Opfersähigkeit und Opferwilligkeit hinter niemandem zurückgestanden, wir wollen auch in friedlichen Zeiten nicht zurückgesetzt unb zu Staatsbürgern zweiten Ranges erniedrigt werden. Mit den Masten, des Gesetzes wollen wir auch fürderhin jeden freventlichen Angriff auf unsere Ehre und unser Recht zurückweisen und wir vertrauen aitch in diesem Kampfe auf unseren Kaiser, in dem wir nicht nur den Hort des Friedens, sondern auch den Hort des Rechtes und der Gerechtigkeit verehren. Und so wollen auch wir unsere Stimmen zu dem huldigenden Rufe vereinigen: Unser Friedenskaiser, er lebe hoch!" (Die Versammlung brach in dreimalige begeisterte Hochrufe aus.)! Herr Ignaz S i m o n erstattet sodann den Kassabericht und beantragt namens der Revisoren. dem Vorstände das Absolntorium zu erteilen, was unter lebhaftem Beifall geschieht. Zum Rechenschaftsberichte ergreift Herr Lncian Brunner i das Wort und führt ans, daß die Generalversammlung des! größten politischen Vereines stets Gelegenheit geben soll, die! großen Fragen des Jndentnms zu besprechen. Der Bericht be-! weise, daß der Schwerpunkt der Tätigkeit der „Union" auch im! letzten Jahre im Rechtsschntze gelegen sei, welcher, wie immer,! die größte Anerkennung verdiene. Es sei auch rühmend hervorj zuheben, daß eine Reihe interessanter Vorträge veranstaltet wurde.! Hingegen werden im Berichte jene allgemeinen politischen Fragen, j welche das Judentum berühren, nur angedentet. Insbesondere! vermißt Redner eine Besprechung der jüngsten Knltnswahlen. j bei welchen bekanntlich 60% der Wühler aus den Wählerlisten gestrichen worden seien. Die „Union", welche stets für Freiheit und Recht eingetreten sei, sollte hierüber glicht stillschweigend hinweggehen. In dem Berichte hat der Sekretär ausführlich j bewiesen, daß das Ende unserer Leiden noch lange nicht zu j erwarten sei und daß wir das Heil nicht von anderen Parteien j erhoffen, sondern daß wir Inden uns nur selber helfen können. Die „Union" habe diese Zustände schon längst durch ihre Haltung anerkannt und selbst den Grundsatz vertreten, daß eine wirksame Vertretung der jüdischen Interessen in Oesterreich nur durch Inden selbst erfolgen könne. Redner wünscht nur, daß diese Richtung von der „Union" in Zukunft kräftiger betätigt werde und daß insbesondere die jüdische Jngend zur Mitarbeit herangezogen werde. Redner verweist auf den starken jüdisch-nationalen Pulsschlag in Galizien, wo er in ben letzten Wochen geweilt hat und meint, daß burcf) starke Betonung des jüdisch-nationalen Gedankens die Provinz, in welcher ein großer Teil der Kräfte der „Union" liege, in erhöhtem Maße interessiert werden könnte. Er habe schon vor zehn Jahren in der „Union" den Antrag gestellt, durch praktische wirtschaftliche Anregungen den Stammesgenossen in. ihrer schweren Erwerbstätigkeit behilflich zu sein. Redner gibt zum Schluffe dem Wunsche Ansdruck, daß der Vorstand den Gedanken der jüdischen Solidarität stärker betone und sich mit der jüdischen Volksbewegung näher befasse. Bei den hierauf vorgenommenen Wahlen wurden die Herren Kommerzialrat Eduard D o c t o r und Dr. Jakob O r n st e i n wieder- und Herr Stadtbanmeister Melcher nengewählt. Ebenso wurden die bisherigen Revisoren Ignaz Simon und Josef Fuchs in ihrer Funktion bestätigt. Unmittelbar nach der Generalversammlung trat der Vorstand zu einer Sitzung zusammen, in welcher Herr Sigmund Mayer neuerdings zum Präsidenten, die Herren Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob O r n st e i n und kais. Rat Wilhelm A n n i n g e r zu Vizepräsidenten, die Herren Julius G r a n i chsta ed ten und Stadrbanmeister Edmund M e l ch e r zu Schriftführern und Herr Richard T e w e l e s zum Kassier gewählt wurden. Das Ielieu und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärsiicheu Zeilen. Em Beitrag zur Kulrur- und Siltengeichichre.*) Von Dr. M. H. Friedländer. -Fortsetzung., Selbst die ärmsten in der Gemeinde saßen an diesem Abende, den man gewöhnlich „Freitag zu Nachts" nannte, froh und vergnügt bei ihrem Mahle, da die reichen Gemeindemilglieder sie mit Speise und Trank hinreichend versorgt hatten. Am Sabbatmorgen eilte jeder ins Gotteshaus zum „Schacharir"-Morgengebele. Nach Beendigung desselben nahm man das Frühstück, das ans „Schatet-Kaffee" und Kuchen bestand. Dann nahm jede erwachsene Mannesperson die Bibel „Chumesch" zur Hand und las „leiente" den Wochenabschnirr durch — manche lasen ihn zweimal und das Targum einmal, schnajim dukra wetargum echod — diesen Akt nannte man „sedre maawir.“ Gegen 10 Uhr vormittags machte der Synagogendiener die Runde durch die „Judengasse" und rief: „In Schul!" Diesem Rufe leistete die ganze Gemeinde Folge. Männer, Weiber. Kinder, kurz alles verfügte sich zum Mnßas-Goltesdienste. Nach beendigtem Gebete riefen sich die Glaubensbrüder wieder gegenseitig „Gut Schabbos" zu und gingen nach Hanse itm das „Mittagmahl" einzunehmen. Der Tisch, der den ganzen Tag über mit einer seinen Decke versehen war, wurde zur Mahlzeit gerüstet. Die Hauptrolle spielte bei diesem Mahle das von den bedeutendsten Dichtern besungene und selbst von Renegaten so sehr gepriesene „Schalet". Das Wort „Schalet" heißt Gewärmtes. Die im Ofen des Winterhauses bewahrten Speisen nannte man gewöhnlich Schalet. Außer der obligaten „Kugel" kamen auch geselchtes Schaleifleisch mit Erbsen oder Bohnen, Gebäck und Wein ans den Tisch. Zwischen jedem Gerichte sang man die üblichen religiösen Tischlieder ,,8elnirorh”> wodurch gleichsam die Mahlzeit aitch geistig gewürzt wurde. Nach Beendigung des Mittagmahles winde das übliche Tischgebet verrichtet; dann pflegte man ein Mittagsschläfchen zu halten. Beim Erwachen nahm mail das Gebetbuch und las im Sommer einen Abschnitt der „Sprüche der Väter" und im Winter die Psalmen „Borchi Nafschi” und „Schir hamaalot”. Die Frauen hingegen suchten sich die Zeit zu verkürzen, indem sie das „deutsche Chumesch", „Zeenu urenur. Simchas lianefesch”. „Menaiiros hamaor“ und ähnliche Erbannngs- und Unterhaltungs-Lektüre lasen. Die übrige freie Zeit benützte man, um Kranke oder Awelim zu besuchen. Nach dem Mincha-Gottesdienste wurde das Bespermahl genommen; diese dritte Mahlzeit, bei der ebenfalls Fische und Wein nicht fehlen durften, wilrde „Scholausch sudot” genannt. Wenn Abend geworden, und drei Sterne am Himmel sichtbar waren, ging man zu , JMiaariw” zum Abendgottesdienst. Den Schluß desselben bildete die „Hawdala“, eine Benediktion. die bei einem vollen Weinbecher, einer brennenden Wachskerze und *) Infolge eines Versehens wurde in voriger Nnmmer an dieFortsetzililg des Artikels, trotzdem derselbe noch in längerer Serie weikerläuft, die „Schlußbetrachtung" angehängc, was hiennt richtiggesrellr sei. Die Redaktion.

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