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Die Wahrheit · 1909-04-30 · Heft 17 (30.4.1909) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 17 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 17. mal nur die wichtigsten nub markantesten Fälle herausgreifen. Und da sei uns vor allem gestattet, ein erfreuliches Moment hervorzuheben. Die österreichische Judenfchaft konnte Heuer ihr -Passahfest begehen, ohne daß auch nur die geringste Blutbeschuldigung laut geworden wäre. Man hatte freilich im Henrigen Frühjahre auch im antisemitischen Lager an andere Dinge zu deuten, und man konnte, da die auswärtige Lage die Vereinigung und Anspannung aller Kräfte erforderte, doch nicht gut jene 12.000 jüdischen Soldaten, die mit Treue und Hingebung die Grenzwacht in Bosnien mitbezogen hatten, zu Ritualmördern stempeln. Lro variierte man denn das lateinische Sprichwort: ..Inter arma silent musae“ — Im Lärm der Waffen schwieg der Ritnalmordwahn. Nichtsdestoweniger tauchte in antisemitischen Blättern die Verläumdung auf. daß sich jüdische Reservisten der Einbernsungsorder durch die Flucht entzogen haben. Ein Budapester Blatt „Magyar Hirlap" hat hierüber eine Anfrage an das Reichskriegsmiuisterium gerichtet und die Antwort erhalten, daß auch nicht ein einziger derartiger Fall vorgekommen ist. Aber auch im allgemeinen muß konstatiert werden, daß die mittelalterliche Blutlüge nicht mehr recht ziehen will und kaum noch da oder dort eine rein lokale Bewegung zu erzeugen vermag. Zu erhöhter Wachsamkeit zwang uns auch im letzten Jahre die vom Kloster der Felizianerinnen in Krakau eifrig geförderte und von den Regierungsorganen geduldete Proselytenmacherei in Form von Entführungen jüdischer Mädchen in das genannte Kloster. Ans diesem Gebiete entfaltete namentlich unser Vertrauensmann in Krakau, Herr Dr. Raphael .L a n d a u eine selten hingebende und umfassende Tätigkeit. Gegen öffentliche Aufreizungen in Zeitungen, Flugschriften und antisemitischen Versammlungen haben wir vielfach mit Erfolg das Einschreiten der Staatsgewalt angerufen. Insbesondere haben wir der wilden Judenhetze, welche das „Bukowinaer Volksblatt" in Czernowitz, das Organ der von Dr. Geßmann dorthin verpflanzten christlichsozialen Partei, seit Jahr und Tag betreibt, volle Aufmerksamkeit gewidmet und im Einvernehmen mit dem Czernowitzer Abgeordneten Doktor S 1 r a u ch e r nicht nur bei der Zentralregierung, sondern auch durch unseren Sekretär beim Landespräsidenten R. v. Bleyleben mündlich über die blutrünstige Sprache dieses Blattes Beschwerde geführt. Das genannte Journal hat denn auch, nachdem es wiederholt der Konsiskation verfallen ist, feinen Ton gemäßigt und ist nun sorgfältig bemüht, neuerliche Beschlagnahmen zu vermeiden. Wir sind ferner eingeschritten gegen die „Zwittauer Grenzpost", welche unter Fälschung des Tatbestandes den Tod eines Knaben als „Ritualmord" bezeichnete, gegen die in Prag erschienene Broschüre „Talmud a Zide“, in welcher Gebräuche und Einrichtungen der jüdischen Religionsgesellfchaft herabgewürdigt und die Juden beschuldigt wurden, aus rituellen Motiven ihre Kinder zu morden, Mädchen zu schänden und die Unmoral unter den Völkern zu verbreiten; gegen die „Neue Zeit" in Troppau, welche die Juden als Betrüger, Ausbeuter und Blutsauger bezeichnete; gegen die „Lidove listy" in Chotzen, die „Freien Stimmen" in Klagenfurt und die „Deutsche Zeitung" m Budweis. in welchen zur Boykottierung der jüdischen Geschäftsleute aufgefordert winde; gegen ein Zirkular des Gremiums der Kaufleute in Raudnitz, in welchem gleichfalls zur Boykottierung der jüdischen Geschäftsleute aufgefordert wurde; gegen die „Selska omladina" in Prag und den „Mährischschlesischen Volksfrennd" in Freiwaldau, in welchen die jüdische Religionsgefellschaft beschimpft wurde, gegen den „Czech" in Prag, in welchem zu Haß und Verachtung gegen die Juden aufgereizt wurde; gegen den „Deutschen Mich!" in Linz, in welchem gegen die Juden der Vorwurf erhoben wurde, daß sie unter Anwendung unlauterer und gewalttätiger Mittel das christliche Volk übervorteilen; gegen eine von der Klofac-Partei publizierte Proskriptionsliste jüdischer Geschäftsleute in Mähren; gegen ein von derselben Partei in Nachod verteiltes, zum Boykott aufreizendes Flugblatt und gegen ein Zirkular gleichen Inhaltes des Bürgermeisters von Nimbnrg, endlich gegen die Blätter „Nelo" und „Yenkovan* in Prag wegen eines Inserates mit der Aufschrift: „Kauft nicht bei Juden!" Fast in all diesen Fällen verfügte die Staatsanwaltschaft die nachträgliche Konfiskation der betreffenden Druckschrift. Wir haben ferner veranlaßt, daß die Bezirkshauptmannschaft Bruck an der Mur einen groben Straßenuusug in der Sommerfrische Oberort- Tragöß abstellte. Die dortigen, dem Bedürfnisse der Sommergäste dienenden Bänke trugen ans Blechplatten die Aufschrift: „Für Juden und Judensprößlinge kein Platz". Die Behörden haben über unser Einschreiten die Entfernung dieser Tafeln verfügt. Zn einer ganz exemplarischen Zurückweisung fordert das Vorgehen des einzigen in Thensing bei Karlsbad ansässigen Arztes Dr. P i t 1 r o f f heraus, der sich vor kurzem weigerte, dem Rufe des jüdischen Geschäftsmannes Emil Schenk zu dessen schwererkranktem Kinde Folge zu leisten, obwohl er weder anderweitig beschäftigt, noch sonstwie verhindert war, sondern im Gasthause bei seiner Stammgesellschaft faß. Herr Schenk richtete gegen Dr. Pittroff eine Beschwerde an die Bezirkshanptmannschaft Tepl, welche dieselbe mit der Begründung znrückwies, daß in dem Vorgehen Dr. Pittroffs eilte Verletzung der ärztlichen Pflichten nicht zu erblicken sei. Gegen dies^ unbegreifliche Entscheidung hat Herr Schenk durch unser Rechtsschutzbureau den Rekurs an die Prager Statthalterei ergriffen, und überdies haben wir die Strafanzeige beim Bezirksgerichte und die Anzeige an die Aerztekammer für Böhmen veranlaßt. Die Erledigung dieser erst in jüngster Zeit anhängigen Angelegenheit steht noch aus. Gegen die Verletzung des M a r k t r e ch t e s durch den Gemeindeausschuß voll E g e r, welcher im Widerspruche mit dem Staatsgrnndgesetze und den diesbezüglichen Bestimmungen der Gewerbeordnung allen tschechischen und jüdischen Händlern und Verkäufern, ohne Ausnahme, die Zuweisung von Standplätzen für die Märkte in Eger zu versagen beschloß, haben wir das staatliche Aufsichtsrecht angernfen und die Sistierung des ungesetzlichen Beschlusses erlvirkt. Ferner haben wir gegen die von der Gntsverwaltung des Grafen Lanckorons.ki unter tätiger Mithilfe der Bezirkshauptmannschaft Czortkow betriebene Beschränkung des uralten unb wohlverbrieften Marktrechtes der Gemeinde Nlaszkowce, durch welche zahlreiche Juden in ihrem Erwerbe schwer geschädigt wurden, bei der k. k. Statthalterei in Lemberg Vorstellung erhoben. Gegenüber der Stadtgemeinde T u r n a n, welche das gesetzliche Recht des Rabbiners, gleich den Geistlichen der anderen staatlich anerkannten Konfessionen in den ersten Wahlkörper eingereiht zu werden, anfocht, haben wir dieses Recht bis zum Verwaltnngsgerichtshofe mit Erfolg durchgekämpst. Ungesetzliche S t e l l e n a u s s ch r e i b u n g e n, in welchen der Grundsatz verletzt wurde, daß die Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter vom Religionsbekenntnisse unabhängig ist, wurden im Berichtsjahre von der Stadtgemeinde Innsbruck.' der k. k. Statthalterei für Tirol und Vorarlberg dem k. k. Oberlandesgerichte in Brünn, den Stadtgemeinden Asch und Komotail verlautbart. In all diesen Fällen haben wir die Annullierung der ungesetzlichen Ausschreibung und ihre Wiederholung in gesetzlicher Form bewirkt. Von bei: übrigen zahlreichen Aktionen des Rechtsfchntzbureans sei uns gestattet, nur noch eine wegen ihrer besonderen Wichtigkeit hervorzuheben. Im letzten Ausgleiche zwischen Oesterreich und Ungarn wurde vereinbart, daß Angehörige des einen Staatsgebietes - im anderen Staatsgebiete keinen Hausierhandel betreiben dürfen. Diese Bestimmung bedrohte etwa hundert Hausiere r, welche ungarische Staatsbürger aber seit Jahrzehnten in Wien ansässig sind, mit dem Verluste ihres Erwerbes. Die einzige Rettung dieser armen aber ehrlichen Menschen und deren Familien lag in der raschen Erwerbung des österreichischeii Staatsbürgerrechtes für dieselben. Wir leiteten, im Verein mit dem Präsidenten des Hausierer-Unterstützungsvereines, Herrn Dr. Arnold Ascher, eine Sammlung zur Bildung eines Fonds ein, aus welchem für die Aufnahmswerber die erforderlichen Taxen bestritten wurden. Die Sammlung ergab bisher den Betrag von zirka 4000 Kronen und es hat überdies die Israelitische Kultnsgemeinde noch einen Beitrag von 500 Kronen zugesagt. Unser Rechtsschntzburean führte nun mit möglichster Beschleunigung die Einbürgerung der erwähnten Hausierer in! mährische Jsraelitengemeinden und sonach deren Aufnahme in

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