Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 15 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 8. Die Waürhen Ar. 15. entraten zu können glauben, die mir Kraft, das heißt Bewegung zugeben, ohne sich dabei aufzuhalteu, daß der Menschengeist sich Bewegung ohne einen Träger, ohne etwas, was sich bewegt, schlechterdings nicht vorstellen kann." . . . Nichts von alledem ist richtig. Bewegung und Kraft sind nicht identisch. Die Denknotwendigkeit eines Kraftträgers hat mit seinem realen Sein nichts zu schaffen. Wenn Zeit und Raum nicht Funktionen meines Bewußtseins sind, wenn mein Subjekt nicht der formelle Erzeuger des empirischen Dinges ist, wie soll ich mir erklären, daß die von mir unabhängigen Dinge in ihrer formalen Beschaffenheit sich nach den Bestimmungen meines Erkenntnisvermögens richten müssen? Auf welch' anderem Wege soll ich mir die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Gesetze der Mathematik und Natur erklären, da die Erfahrung nur ein „so ist es", aber kein „es muß sein" zeigt? Muß aber zugegeben werden, daß Zeit und Raum subjektive Fuuklioueu sind, wie kann man dann die Kraft, welche als an und für sich seiend gedacht wird, als Bewegung fassen, unter welchem Begriffe wir nichts anderes verstehen können, als eine simple Ortsveränderung; Bewegung ist nur die Erscheinung der nnbekannten Kraft, welche die eigentliche Substanz, die eigentliche Ursache und Erzeugerin derjenigen Vorstellung ist, - die wir Bewegung neunen und die Nordau mit der Kraft identifiziert. Und wenn Bewegung und Kraft nicht identisch sind, wenn Bewegung vielmehr die Erscheinung der an und für sich unerkaunteu Kraft ist, so fällt der ganze stofflich räumliche Träger fort, weil eben die Kraft selbst Substanz ist. oder wenn es noch eines (logischen) Substrates benötigen soll, so ist das Substrat sicherlich nicht der empirischen Welt der Erscheinungen zu entrrehmen, was unteilbare, kleine, ausgedehnte Partikelchen unstreitig sind. Es stellt sich demnach heraus, daß, wenn wir sogar in den Begriffsrealismus eines Anselmus v. Canterbury zurückverfallen sollen, d. h. Erkenntnisgrund mit realem verwechseln, denn wahrgenommenen Aktualitäten einen Träger, d. i. den Substanzbegriff, unterschieben sollen, dieser Träger durchaus nicht als aus kleinen, räitmlich begrenzten Teilchen gedacht werden kann, dies hieße eine sinnliche Verstellung zum Ding an sich der Vorstellungen erklären, da hat man einfach nicht ein Ding als den Kern der Erscheinungswelt betrachtet, sondern eine Erscheinung für ein Ding an sich genommen. Die Absurdität einer derartigen Annahme liegt auf der Hand. Nur die Verbohrtheit, den Materialismus durch alle Kunststücke und -Stückchen zu erhalten, erklärt diese krassen Jrrtümer bei so einem hellen Kopf, wie Nordau. Dieser Eigensinn erklärt auch die kolossalen Widersprüche, die sich Nordau in diesem Artikel auf Schritt und Tritt zu Schulden kommen läßt, und dieser Starrsinn erklärt auch, wie ein Nordau dazu kommt, allen Begriffen der Logik ins Gesicht zu höhnen. So fährt Nordau fort und sagt: „Das alles soll nun nicht wahr sein. Der Stoff ist nicht ewig. Er fällt der Vernichtung anheim. Die Menge der Kraft ist nicht unveränderlich. Es kann neue Kraft entstehen. . Daß mit den zum Ding an sich erhobenen räumlich begrenzten kleinen Teilchen, d. h. Erscheinungen, auch die Kraft zu Grunde geht, ist für einen Materialisten, der zwischen logischem und realem Sein keinen Unterschied kennt, d. i. die Wechselbegriffe zwischen Kraft und Stoff, wie auch Bewegung mit Kraft identifiziert, selbstverständlich. Daraus soll Nordau kein Vorwurf gemacht werden. Interessant für den Psychologen ist Nordaus weitere Ausführung. In den folgenden Zeilen verrät uns derselbe, warum er so geräuschvoll mit dem Säbel geraffelt. Es ist nämlich die Furcht des naiven Realisten, daß die Auflösung der sinnlich wahrgenommeuen kleinen Teilchen, was er wie alle Materialisten und naiven Realisten mit dem fälschlichen Namen Stoff belegt, zur .zweiten Annahme der Zerstörbarkeit des Stoffes fuhren muß, welche Anschauung noch zu der gefährlicheren Annahme eines Schöpfers ans Nichts führt. „Da die Welt ins Nichts zurückkehrt, kann sie, muß sie aus dem Nichts entstanden sein und das setzt notwendig einen an kein Naturgesetz gebundenen Schöpfer voraus..." Unverständlich ist zuerst, wie dieser kritische Kopf darauf verfällt, daß eine Auflösung der bis jetzt für unzersetzbar gegoltenen kleinen Teile zur notwendigen Annahme führt, daß auch die Energie sich in. Nichts auflösen muß. findet er ja selbst einen Ausweg, den Aether, aus dem sich die Welt bilden kann. Denn da heißt es doch bei Nordau weiter: «Die Physiker, die von den Eigenschaften des Radiums auf die Zerstörung des Stoffes schließen, behaupten auch nicht, daß der Stoff zu nichts wird, sie fragen sich nur. ob er sich nicht in Aether oder Jona auflöst." Indessen ist die Furcht, ..die Curies sollen in i. rem Laboratorium dem Glauben ein Flammenschwert geschmiedet haben", ganz, und gar unbegründet, wie eben die Verteidigung schlecht geführt ist. Warum muß die absolute Substanz die Welt aus dem Nichts hervorgebracht haben, und nicht aus sich oder besser in sich. So wenig Lavoisier und Laplace ein Schwert gegen den voraus-- znsetzenden Schöpfer geschmiedet haben, ebensowenig kann die Möglichkeit bestehen, daß die Curies in ihrem Laboratorium dem Glauben ein Schwert geschmiedet haben. Der Wage gelang, es nicht, die Zerstörung zu beweisen, ergo hat die Physik geschlossen, daß es nie und nimmer auch mit andern Mitteln gelingen werde, den Stoff zu zerstören. Was bewies also Lavoisier?' Daß der Stoff von Modalitäten aus diesem Stoffe nicht zerstört werden kann. Das ist alles. Wenn wir sogar den Unterschied zwischen Erfahrnngssatz, was dieses Experiment ist, und Apodiklizität aufheben und die Retorte mit Notwendigkeit und Allgemeingnltigkeit füllen, ist noch immer nichts gewonnen. Ist denn damit der leiseste Beweis geliefert worden, daß der empirische Stoff nicht von einem überempirischen absoluten Wesen, das ihn schuf, zerstört werden kann? Hat jemaitd schon die Erfahrung verlassen tind den Schöpfer ans Nichts — wir sagen lieber ans sich — in seinem Laboratorium belauscht, wie er sich vergeblich abmüht, Stoff zit erzeugen oder zu vernichten?" Ist ein metaphysisches Experiment möglich? Für die Spiritisten freilich, ja die Extreme berühren sich. „Der Stoff," schreibt Nordau den Materialisten nach, „ist unzerstörbar und darum ewig, oder ewig und darum unzerstörbar." Von diesem schönen Satz kann nur die zweite Hälfte richtig sein, die erste ist sicher unlogisch und falsch. Aber wer zwingt uns, einen Schöpfer vorauszusetzen? Einfach das logische Gewissen. Die physikalischen Gesetze, aus denen sich dies konstruiert, was wir Welt nennen, erfordern eine Intelligenz. Der Darwinismus kann ihr nicht entraten, abgesehen von Weißmaurs Annahme der patentiellen Enthaltbarkeit aller späteren Arten in der ersten Art, die nach dem Gesetze von Ursache und Wirkung nur vermittelst einer Intelligenz erklärt werden kann, denn das Ueberlebeu des Stärkeren im Kampfe ums Dasein, die unaufhaltbare Entwickelung zum Höchsten, die auf einem Geleise von Billionen Leichen dahiufaust, beweist eben, um bei unserem Bilde zu bleiben, daß sie von jemand geführt wird und der obendrein noch intelligent ist. (Schluß folgt). Dir sndische Wissenschaft außerhalb des Indentnmes. Bon M. Stark. (Fortsetzung.) Maimouides kodifiziert auch beide Aussprüche nach der vom Talmud gemachten Unterscheidung zwischen noachidischeu und israelitischen Gesetzen. Wie diese den Nichtjuden die Beschäftigung mit der Thora verbietende Halacha mit dem Aussprache Moses:: Die Völker, welche diese Lehren und Gesetze hören werden, werden ausrnfen: Ein weises und verständiges Volk ist diese große Nation, in Einklang zu bringen ist, ist allerdings nicht leicht zu begreifen. Wenn wir indes von der talmudisch-halachischen Lösung des Widerspruches zwischen den Aussprüchen R. Meirs und R. Jochauaus absehen und diese Lösung in den geschichtlichen Leitverhältnisseu suchen, so werden wir dieselbe nicht allein finden, sondern sie wird uns auch befriedigen. Den geschichtlichen Hintergrund zit dem Ausspruche R. Meirs haben wir bereits beleuchtet. Aber auch R- Jochanans Ausspruch har einen solchen geschichtlichen Hintergrund. Zur Zeit R. Jochanans, der in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts blühte, hatte die vollständige Trennung des Christentums vom Jndentume sich bereits vollzogen. Die Schriften des neuen Testaments