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Die Wahrheit · 1909-04-16 · Heft 15 (16.4.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 15 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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'.Ui. 15. Die Wahrheil Leite 5 Sonnenthal, dem bei Lebzeiten von antisemitischer Seite die gebührende Ehrung und Anerkennung wiederholt versagt wurde, hat durch die große Liebe, welche aus seinen letztwiüigen Verfügungen für seine zweite Vaterstadt spricht, nicht nur politische Gegnerschaft bezwungen, sondern auch viele wankende Inden mit ihrem Judentum versöhnt. Er mag es gesuhlt haben, daß, wenn er einmal die Angen geschlossen haben sollte, bei seinem Leichenbegängnisse vielleicht ans Rücksicht ans . die große Beteiligung Andersgläubiger, das übliche jüdische Rituale durchbrochen werden könnte und darum hat er es in seinem leisten Willen klar und deutlich ausgesprochen: „Ich habe als Jude gelebt und will a l s I u d e nach j ü d i s ch e m R i t n s b egraben werden!" In dem großen Schmerze über das Hinscheiden dieses seltenen Mannes erhebt uns dieses laute Bekenntnis und es erfüllt uns mit freudigem Stolze, daß Adolf Ritter von Sonnenthal die Zierde der deutschen Bühne, die „Stütze des Burgtheaters", wie er vom Kaiser anszeichnend genannt wurde, so ganz der Unsrige gewesen ist. * * * Zn Beginn der Plenarsitzung des Vorstandes der israel. Kultnsgemeinde am 7. d. M. um V,8 Uhr abends, in welch eisämtliche Mitglieder erschienen, hielt der Präsident Dr. Alfred Stern eine Ansprache, welche von allen Anwesenden stehend angehört wurde und in der er sagte: „Bevor wir an die heutige Tagesordnung schreiten, geziemt es uns, eines Mannes zu gedenken, dessen Hinscheiden unsere Gemeinde, sowie die ganze österreichische Judenschaft in tiefste Trauer versetzt hat, eines Mannes, der durch seine hohe Kunst eine hervorragende Rolle in dieser Stadt, in unserem Vaterlande und weit über dessen Grenzen hinaus spielte. Es kann hier an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe sein, den hohen künstlerischen Leistungen Adolf Ritter von S o n n e n t h a l s die ihnen entsprechende Würdigung zuteil werden zu lassen. Wohl aber möchte ich hier hervorheben, welch treuer Bruder der Verewigte unserer Glaubensgemeinschaft war. So war er unter anderem auch Mitbegründer und Vorstandsmitglied der „Gesellschaft zur Sammlung und Konservierung historischer Denkmäler des Judentums", eines Instituts, dessen Ausgestaltung sehnlich zu wünschen ist und dem der Verewigte nicht nur seinen glanzvollen Namen lieh, sondern das er in jeder Weise, so auch durch eigene Vorlesungen zu fördern bemüht war. Und unter diesen Vorlesungen ist mir besonders eine in lebhafter Erinnerung geblieben, die des Rabbi von Bachrach. Nur ein Jude, der sich als Jude fühlte, dessen Empfindnngswelt beherrscht wurde von dem Jammer und Weh, welchen die fluchwürdige Blmlüge über unsere Vorfahren gebracht hat, welcher noch heute nicht ans den Köpfen unserer Zeitgenossen geschwunden ist und noch heute ihre Opfer fordert, konnte den Ausdruck finden, der bei der Zuhörerschaft jene tiefmächtigen, unverwischbaren Empfindungen auslöste. Er war ein , gottbegnadeter Künstler, ein edler Mensch, ein guter Jude. Sein! Andenken wird immerdar ein gesegnetes bleiben." I Die allgemeine Verehrung, deren sich der große Künstler j und ausgezeichnete Mensch erfreute, kam in der ungeheuren Be-! teiligung am Leichenbegängnisse und in den herzbewegenden Trauerreden am offenen Grabe zum Ausdrucke. Im Trauerhanfe, wo Rabbiner Dr. Feuchtw a n g und Oberkantor G u t t m a n n die Trauersuitktioneu versahen, auf dem langen Wege zum Burgtheater, von hier bis zum Döblinger Friedhofe und am Friedhofe selbst standen Tausende von Menschen dichtgedrängt, um dem Heimgegangenen Künstler die letzte Ehre zu erweisen. Um 12 Uhr mittags langte der Leichenzng am Friedhofe an. In der kleinen Zeremonienhalle, in welche nur die Familienangehörigen eingelassen werden konnten, stimmte Oberkantor G u t t m a n n in kunstvollem, überaus ergreifend tvirkenden Rezitativ das „Hazur tomim" an, worauf die Leiche unter Vorantritt des Kultusvorstandes durch ein dichtes Menschenspalier zu Grabe getragen wurde. Von den gehaltenen Grabreden seien nachstehende wiedergegeben. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n : „Aus einer Welt, die ihm nur lauten, rauschenden Beifall zollte, zieht er nunmehr in diese stille und schweigsame Welt ein. Er, von dessen Zunge, wie der griechische Dichter von Nestor sagte, süßer als Honig die Rede floß, er ist nun auch stille geworden, er selbst ein Nestor seiner Kunst, der er zur größten Zierde gereichte. Wenn heute der zahlreichen Rollen gedacht wird, in denen er glänzte, so wird man es begreiflich finden, daß ich von dieser Stelle nur einer Rolle gedenke, in der er zwar nicht glänzte, noch glänzen wollte, die er aber mit der größten Würde ausfüllte. Das ist die Rolle des Jude n. Es ist gewiß nicht selten die Versuchung an ihn herangetreten, diese Rolle mit i einer anderen zu vertauschen — aber so sehr er sich ans die Kunst verstand, ein anderer zu sein oder zu scheinen, am besten verstand er dock und übte er die schwere Kunst, er selbst zu sein und sich selbst treu zu bleiben. Man wird es auch begreiflich finden, daß ich aus dieser tiefgründigen Ueberzengungstrene die edlen Charaktereigenschaften ableite, die ihn auszeichueten, seine! unwandelbare Gattenlrene, seine unbegrenzte Vaterliebe, seinen l regelt Wohltütigkeitssinn und die musterhaste Reinheit seiner Lebensführung. Wenn ich sagte, daß er nunmehr irr die Welt des Schweigens eiuzieht, io .muß ich doch hiuzufngen, daß dieses Schweigen beredsam ist; .und wenn ich die Stimmen richtig deute, die ihm, der mm in zweifachem Sinne voir der Bühne abtritt, ans dieser anderen Welt entgegentönen, io kann ich sie in dem Gruß zufammenfassen: „Sei willkommen, Gesegneter Gottes!" Ein Gesegneter Gottes, geliebt, verehrt, bewundert und gefeiert von Tausenden und Abertansenden ist er gewes-.n. Aitch sein Andenken wird gesegnet bleiben!" Der Präsident der Kultnsgemeinde Dr. Alfred Stern : „Es tönt die Welt von deines Ruhmes Preis. Ein Tichlerwort — ein Nachruf, der dir ward, ein wahres Wort, des Zeuge ist die Kundgebung, die wir soeben miterlebt. Des Zeuge ist die Trauer, die eine Stadt erfüllt. Des Zeugen find die Beileidsknndgebnugen, allen voran die unseres erhabenen, edlen Monarchen, die Beileidsknndgebuugeu deiner Berufskollegen der Stadl Wien und unserer Gemeinde, deren treuer Anhänger du warst. „Ich habe als Jude gelebt." Das ist das Wort, daß uns dein letzter Wille kündet, und es ist ein Wahrwort gewesen. Das danken wir dir, und traurig sagen wir dir unser Lebewohl. Dein Andenken ist und wird gesegnet sein." Vizebürgermeister H i e r h a m m e r : „In dem Verstorbenen betrauern wir alle den großen Künstler, den berühmten Vertreter deutscher klassischer Schauspielkunst. Ritter v. Sonne nt h a l hat die Stadt, in der er zn feinem, wie zu ihrem Ruhme so lange tätig war, als seine zweite Heimat aufrichtig geliebt, und es ist ein rührender Zug des Verewigten, daß er dieser Liebe auch in seiner letzten Willensknildgebnng so schönen Ausdruck gegeben hat. Dem Wirken S o n u e n l h a l s ist in der Wiener Kunstgeschichte ein ehrenvoller Platz gesichert; dem treuen Mitbürger aber wird unsere Bevölkerung ein freundliches Andenken bewahren. Baurat Wilhelm Stiaßny namens des Kuratoriums des jüdischen Museums: „Sonnenthal war wie keiner ein Würdiger all der Schätze der Kunst und Wissenschaft, die wir in unserem Museum angesammelt. Wenn da aus weiter Ferne ein Mann kommen und die unzählige Menge erblicken würde, die hier am Grabe Sonnenthals versammelt ist, den könnte mail mit dem Worte der Heiligen Schrift aufklären: „Wißt ihr itichl, daß ein Fürst und Großer in unserem Volke gefallen ist am heutigen Tage?" Und welch ein Fürst im Reiche der Kunst ist für inmnr von uns hinweggegangen! Wir werden seinesgleichen nicht wieder finden. Ö Sonnenthal! Du warft ein ganzer Mann, gut, edel und gerecht. Und als ein Gerechter bist du von hinnen gegängelt. Ein Spruch unserer Weisen lautet i „Der Tod des Gerechten versöhnt." Möge dein Tod — und (zu Vizebürgermeister Hierhammer gewendet) es sind ja die Anzeichen dafür vorhanden — die Morgenröte einer Versöhnung zwischen den sämtlichen Bürgern unserer Stadt bedeuten. Sei gesegnet, Sonnenthal!" (Vizebürgermeister Hierhammer drückte nach dieser'Rede dem Baurat Stiaßny warm die Hand.) Es sprachen ferner namens des Hofburgthealers Hosrat Direktor Dr. Schienther, namens der Kollegen von der Hofbühne Regisseur Ernst H a r t m a n n, der Präsident des

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