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Die Wahrheit · 1909-04-16 · Heft 15 (16.4.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 15 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seilt’ 4. Di" Wahrheit Nr. 15. Adolf Uilter von Sormeuthal. Zn den Rnhmeshallen der Kunst und Wissenschaft begegnen wir überall Männern jüdischen Stamme», deren Wirken und Schaffen die Palme der Unsterblichkeit errungen hat. Besonders die deutsche Schauspielkunst ist reich an Koryphäen jüdischen Ursprungs und jüdischen Glaubens und einer der bedeutendsten aller Zeiten war Adolf Ritter von Sounenthal, der am 4. April seinen glänzenden Lebensweg beendet hat. Beim Rückblicke auf dieses an künstlerischen Erfolgen und Ehren so reiche Leben wäre es gewiß verlockend, dem Meister Souneuthal, der, wie jeder echte Künstler, nie stille stand und sich zu den höchsten Höhen' der Kunst emporgerungen hat, auf dem ansteigenden Wege seiner künstlerischen Entwicklung zu folgen und auf die vielen herrlichen Gestalten hinzuweisen, die er ans der Bühne geschaffen hat. Aber mit Rücksicht darattf, daß feine rühmliche Tätigkeit in den letzten Tagen von berufenerer Seite vielfach gewürdigt wurde, wollen wir diesen Lockungen gerne widerstehen und nur einige Erinnerungen auffrischen, die die künstlerische Persönlichkeit Sonnenchals mit feinem Judentum in einG gewisse Beziehung brachten. Eine der Glanzrollen Sonnenthals war bekanntlich der Uriel in „Uriel Acosta", ^en vor ihm Josef Wagner im Bnrgtheater spielte. Am 16. September 1863 stand nun das Gntzkowsche Drama mit Wagner als Uriel auf dem Zettel des Burgtheaters. Als Sonnenthal, der bisher am Burgtheater zumeist nur als jugendlicher Liebhaber beschäftigt war, an diesem Vormittag zufällig ins Theater kam, trat plötzlich Direktor Laube in sichtlicher Aufregung auf ihn zu und fragte ihn: „Haben Sie schon den Uriel gespielt?" — „Vor sieben Jahren in Königsberg", antwortete Sonnenthal. „Wagner ist plötzlich aus der Probe erkrankt, ein anderes, Stück ist heute nicht möglich", knurrte Laube weiter. „Spielen Sie also den Uriel!" Der verblüffte Küttstler bat um eine Viertelstunde Bedenkzeit, ging in die Garderobe, überflog die Rolle und meldete sich binnen weniger Minuten zu dem Wagnis bereit. Es fand sofort eine Probe statt und am Abend hatte er einen Riesenerfolg beim Publikum, das in seinem geliebten Lnstspielliebhaber nun auch den berufenen Tragöden sah. Ueberaus bemerkenswert ist die Kritik, die damals in der „Presse" über diese Vorstellung veröffentlicht wurde. Es heißt daselbst: „Auffassung. Haltung und Ausdruck trugen keinestvegs das Gepräge einer improvisierten Leistung. Die mit Notwendigkeit sich aufdräugende Vergleichung zwischen Wagners ..Uriel Acosta" und dem Souuenthals fiel in mattchem Betracht zu Gunsten des Letzteren aus. Derselbe hauchte nämlich der Gestalt mehr Wärme ein, ließ mehr das Seelenleben des Juden vorwalten, hatte etwas ausgesprochen Sinnettdes und Träumerisches, während Wagner das Heldenhafte. Anflodernde besser betonte und dadurch zwar das Schwächliche des Gutzkowschen Uriel zeitweilig verdeckte, dagegen aber den Mangel an einem wirklich tragischett Charakter erst recht erkennen ließ. Erschüttern kann uns Uriel auch in Herrn Wagners Darstellung tiicht, wenn auch auf Augenblicke mit sich fortreißen; Herrn Sonnenthals Uriel erweckte Rührung, menschliche Teilnahme, machte uns den Zauber der Familie begreiflich, dem der Jude Uriel unterliegt, als der Bann der Synagoge den Denker Uriel getroffen." Bei einer anderen Uriel-Vorstellung war es, wo Sonnenthal etwas unsanft an, sein Judentum erinnert wurde. Im Frühjahr 1889 absolvierte nämlich der Künstler ein mehrtägiges Gastspiel im Deutschen Theater zu Riga in Rußland und hatte bereits drei Tage unbehelligt gespielt, als der Polizeimeister Wlastowski erfuhr, daß Sounenthal Jude sei. Sofort erinnerte sich ' der edle bluffe einer Verordnung des Ministeriums des Innern, laut welcher ausländische und zumal öfterr.-nngarische Juden ohne besondere Erlaubnis nicht länger als drei Tage auf russischem Boden weilen dürfen, und kraft dieser Verordnung wurde dem vom Rigaer Publikum hochgefeierten Künstler bedeutet, daß er sofort Riga zu verlassen habe. Ueber Intervention des telegraphisch angerufenen österr.-ungar. Botschafters in Petersburg wurde dieser Ausweisungsbefehl zurückgezogen und schon am nächsten Abende konnte der Künstler wieder anftreten. Für diese Vorstellung war zufällig „Uriel Acosta" angesetzt und Sounenthal gab im zweiten Akte unter dem Jubel des überfüllten Hauses die bekannte Erklärung ab: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Wie man in allerhöchsten Kreisen Sonnenthals Festhalten an seinem Glauben schätzte, das geht ans einer Episode hervor, über welche -der Biograph Sonnenthals, Ludwig Eisenberg, folgendes berichtet: Gelegentlich einer Audienz bei dem kntistsinnigen Gönner des Künstlers, Erzherzog Carl Ludwig, dem leider allzu früh dahingeschiedenen Bruder des Kaisers, richtete der hohe Herr unter anderem an mich folgende Frage: „Sagen Sie mir doch, ist es wahr, daß Sonnenthal ein so guter Jude ist, oder posiert er dies nur?" Auf diese etwas delikate Frage antwortete ich reserviert, daß im allgemeinen angenommen wird, Sonnenthal sei in der Tat fromm und gläubig. „Und das ist recht und schön von ihm," bemerkte der hohe Herr, „denn man soll, in welcher Religion auch immer auferzogen, dieselbe heilig halten, ich habe dies auch stets getan, und glauben Sie mir, auf solchen Menschen ruht Gottes Segen." „Sonnenthal ist dessen," gab ich zurück, „auch zu jeder Stunde eingedenk und kann gerade in dieser Beziehung seinen Glaubensgenossen als Beispiel vorgeführt werden. Ja, einmal gaben seine religiösen Ansichten sogar Gelegenheit zu einer vorübergehenden Verstimmung zwischen ihm und einem seiner engsten Familienmitglieder." Dett kaiserlichen Prinzen schien diese Bemerkung zu interessieren, denn er wünschte darüber Näheres zu hören. Im Bewußtsein, keine Indiskretion zu begehen, zumal der Fall s. Z. allgemein bekannt wurde, erzählte ich, daß sein jüngster Sohn Paul, der bei der Kavallerie sein Einjährig-Freiwilligenjahr abdiente, derartige Lust und Liebe zum Soldatenstand empfand, daß ihm von berufener Seite nahegelegt wurde, sich doch gänzlich demselben zu widmen. Und in der Tat, der junge Mann trug sich nach vortrefflich abgelegter Offiziers-Prüfung, da ihn auch der Oberst in seinem Vorhaben, Berufsoffizier zu werden, bestärkte, mit dem Gedanken, den Waffenrock nicht mehr abznlegen. Seine militärischen Aspirationeil wurden jedoch gar bald zerstört, denn der Vater wollte es nicht zugeben, daß sein Sohn gelegentlich des Staudeswechsels auch einen Religionswechsel, der in diesem Falle allgemein angeraten wurde, vornehme. Da nutzten keine Vorstellungen, kein Bitten, keine Erklärungen, der sonst so liebende Vater blieb standhaft im Bewußtsein, das Rechte zu tun. Da gab es nun keine weitere Opposition mehr, der diesmal allerdings wider Willen gehorsame Sohn zog den ihm so lieb gewordenen Waffenrock aus und trat als Beamter in ein großes Bankgeschäft. Der Erzherzog zögerte einen Moment mit der Erwiderung, fuhr sich leicht über die Stirne, um dann zu bemerken: „Ja, es ist doch vielleicht besser so, denn wer kann wissen, was für Komplikationen etwa in späterer Zeit die Verschiedenheit der Religionen bei Vater und Sohn hervorgernfen hätte." Unzählige Episoden ans dem Leben und Wirken Sonnenthals ließen sich wiedergeben, in denen er als Mensch und Künstler in gleich strahlendem Lichte erscheint, aber ans Pietät für den Dahingeschiedenen, der mit der dem wahren Künstler eigenen Bescheidenheit öffentlichen Lobpreisungen immer gerne aus dem Wege ging, wollen wir uns diesbezüglich die nötige Reserve auferlegen. Aber eine Dankesschuld müssen wir dem großen Menschen und Künstler Sonnenthal noch am Grabe abstatten, den Dank, daß er trotz vieler Versuchungen, die in seiner glänzenden Latlfbahu an ihn herangetreten sind, treu und unerschütterlich an seinem Judentum festgehalten und nicht, wie viele andere, in der Stunde der Gefahr sein Volk verlassen, sondern sich sogar freudig und tatkräftig an die Spitze desselben gestellt hat. " „Der Tod des Gerechten versöhnt." Dieses schöne Wort unserer Weisen, an welches einer der Grabredner, unter Hinweis > auf die Kondolenz der Stadt Wien durch den Bürgermeister und die Teilnahme des Vizebnrgermeisters am Leichenbegängnis, erinnerte, hat hier eine zweifache Bestätigung gefunden. Adolf

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