Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Nr. 14. Die Wahrheit das Thema fängt au mich zu langweilen. Die Frühlingssonne scheint draußen so schön. Laß uns hinausgehen und die neblige Kabbala vergessen. Bemerken will ich dir nur noch, daß deine optimistische Anschauung über die seinerzeitige segensvolle Wirksamkeit der Mysterien großer Einschränkung bedarf. Grätz sagt aus Seite 420 seines IX. Bandes der Geschichte der Inden: „In den letzten drei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts errang die Kabbala in Palästina eine unbedingte Alleinherrschaft, sie veranlaßte Geistererscheinungen, Beschwörungen, trieb mystische Orgien" und der Gelehrte schildert dann lebhaft die kabbalistische Raserei, welche „Zuchtlosigkeit", ja „Herzensverderbuis" im Gefolge hatte. Noch wäre nicht zu vergessen, daß die heutigen Inden des Ostens von der Landbevölkerung, wie überhaupt vom Plebs ob der ihnen zngeschriebenen Gabe der Zauberei nnd des Hexens gehaßt und gefürchtet werden, nnd daß ihr Chassidäismns nichts tut und nichts tun kann, diesen Aberglauben zu zerstreuen. Betrogene Betrüger! Doch ich bin des Themas überdrüssig geworden. Hinaus ins Freie, in eine reinere Atmosphäre! 8. Vinsbu. Der Strohlack. Unter diesem Titel erschien in jüngster Zeit in einigen Wiener Blättern ein Artikel, in welchem erzählt wird, daß in einer Wiener Krankenanstalt die arischen Aerzte eine mit Stroh gefüllte Scheidewand zwischen Inden und Christen aufgerichtet haben, damit sie ihre Mahlzeiten nicht wie bisher in einem und demselben Speisezimmer einnehmen müssen. Wenn jemand vor mehr denn vier Dezennien, als die Wogen des Liberalismus hochgingen, es gewagt hätte, zu behaupten, daß es im zwanzigsten Jahrhundert akademisch gebildete Männer geben wird, die auf demselben Standpunkte stehen werden, auf welchem vor Jahrtausenden die alten tiervergötternden und menschenbedrückenden Aegypter gestanden, man würde an seinem Verstände gezweifelt haben. Und siehe da, die obenerwähnten arischen Aerzte haben ganz im Sinne und Geiste der alten Aegypter gehandelt. Als nämlich die Brüder Josefs zum zweiten Male nnd zwar in Begleitung- Benjamins nach Aegypten kamen, lud Josef sie alle zur Tafel ein. Und da heißt es ausdrücklich: „Man trug für ihn besonders auf, für sie besonders, und für die Aegypter, die mit ihm speisten, auch besonders; denn die Aegypter konnten nicht mit den Hebräern zusammen essen, weil es die Aegypter für ein Greuel hielten", d. h. wie unsere Weisen erklären: Die Aegypter waren stolz und hochmütig und sahen auf die Hebräer mit Verachtung herab. (I. B. M. 43. 32.) „Tut nichts, der Jude wird verbrannt." Ist er religiös und hält streng die Speisegesetze der Thora, die zur Erhaltung der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens beitragen, wird er seines Separatismus wegen verhöhnt, verlacht und verspottet, ist er aber freisinnig und setzt sich leichten Herzens über diese wichtigen Satzungen hinweg, so heißt es wieder, er ist zudringlich, anmaßend und unansstehlich. Mit Recht hat daher Moses Israel zugerufeu: „Beobachter diese schönen Lehren und Vor- - schriften der Thora, dann werdet Ihr den Völkern imponieren und selbst den Gegnern die Achtung abgewinnen." Ploni. Der Tempelbesnch bei der» Masbirandachte». Drei Momente im jüdisch-religiösen Leben bieren dem Kinde Gelegenheit, der Pietät gegen die verstorbenen Eltern bei der Andacht im Gotteshanse Ausdruck zu verleiheu : Das Kadischsagen im Trauerjahre, das Jahrzeitabhalten am Todestage der Dahingeschiedenen nnd die Maskirandacht an den Festtagen. Schon der Umstand, daß diese Pietütsakte ausschließlich im Gotteshause zur Ausübung gelangen, beweist zur Genüge, daß diese einen Teil desselben ansmachen und von diesem nicht losgelöst werden können. Der männliche Sprößling soll im. Trauerjahre alltäglich früh und abends beim öffentlichen Gottesdienste das Kadischgebet für die Dahingeschiedenen verrichten; am Jahrzeitstage soll er gleichfalls mit dem Rezineren des Kadischgebetes im Gotteshanse, seine Pietät bekunden, und endlich sollen die Kinder beiderlei Geschlechts bei den viermal im Jahre stattsindenden öffentlichen Maskirandachten an beit Gebeten für das Seelenheil der Entschlummerten teilnehmen. Fragen wir uns mm: Steht diesem „Soll" — man verzeihe uns den geschäftlichen Ausdruck — das erforderliche „Haben" gegenüber? Werden die drei angeführten Pietätsakte von der heutigen Generation, insbesonders aber von der Jngend, ernst insAnge gefaßt? Und wenn auch, werden sie in der gebührenden Weise d. i. im Zusammenhänge mit dem jeweiligen Gottesdienste und als Teil desselben zur Geltung gebracht?! Wenn wir ehrlich sein wollen, dann müssen wir auf diese Frage mit einem entschiedenen „Nein" antworten. „Wie, wir handeln pietätlos gegen unsere Heimgegangenen Eltern? Wir nehmen nicht Anteil am Gottesdienste, wo es gilt, für ihr Seelenheil zu beten? Ja, weisen denn die Gotteshäuser an den Maskirtagen etwa nicht eine Frequenz nnd nicht selten sogar eine Ueberfüllnng auf, die zuweilen gefahrvoll zu werden droht?!" So ungefähr dürften die Protestrufe lauten, die so mancher sich verletzt fühlende Leser gegen unsere Behauptung erheben wird. Doch Pardon, verehrliche Leser nnd Leserinnen, nur kein Mißverständnis! Wir zweifeln ja nicht daran, daß sie der kindlichen Pietätspsticht keinen hohen Wert beimessen und bei Erfüllung derselben nicht vom besten Willen beseelt sind. Auch uns ist es bekamt:, daß die Tempel an den Maskirtagen einen Zuspruch aufweisen, wie er nicht reger und intensiver herbeigewünscht werden kann. Allein gerade dieses entzückend schöne Bild zeigt eine Schattenseite, die den unbefangenen Beurteiler zur rückhaltlosen Kritik heransfordert. Das Ganze stellt nämlich bloß ein Momentbild dar, das, nach kurzer Augenweide, im raschen Tempo unseren Blicken entschwindet. Der Massenbesuch, den wir wahrnehmen, gilt lediglich dem Maskirgebet. Während desselben bleibt äs facto kein Plätzchen unbesetzt, ja, da stehen die Verspäteten außerhalb der Bankreiheu und selbst im Vorranme des Gotteshauses Schulter an Schulter gedrängt nebeneinander und bilden daselbst nicht selten eine dichte, fest eingekeilte Masse. Beim eigentlichen Gottesdienste aber, beim Schachrisgebete, da merkt man itr der Regel von dem Massenaufgebot nur wenige Spuren, denn dasselbe konzentriert sich, rvie gesagt, erst um die Haskarah. Doch kaum sind die letzten Worte dieses Gebetes den Lippen der meisten Besucher entschwunden, da erheben und bewegen sie sich wie auf ein gegebenes Zeichen von ihren Sitz- und Standplätzen und verlassen, ohne sich um das neu beginnende Mnssafgebet zu kümmern, ostentativ, alle ihnen im Wege stehenden Beter beiseite schiebend, das Gotteshaus. Aehulich machen es jene Tempelbesucher, die im Trauerjahre zur Verrichtung des Kadischgebetes beim Gottesdienste sich einfinden. Da kommen sie, die Pietätsbeflissenen, fast regelmäßig vor Schluß des Gottesdienstes, knapp zur Kadisch- Rezitatiou, um durch Teilnahme an derselben ihre kindliche Pflicht zu erfüllen. Dabei spiegelt sich in ihrer Miene eine gewisse Zufriedenheit ab, daß es ihnen nämlich gelungen ist, im richtigen Momente zu erscheinen und daß sie nicht durch zu frühes Eintreffen gezwungen sind, auch au dem Gottesdienste teilzunehmen. Wir kommen nun wieder auf unsere Frage zurück: Kann es angesichts solcher Tatsachen dem objektiven Beurteiler arg' genommen werden, wenn er dieselben in ihrer krassen Wirklichkeit wiedergibt und'sie der öffentlichen Kritik preisgibt? .Hat denn der Besuch des Gotteshauses nur den Zweck, uns nur an die Eltern und nicht auch an unfern Gott zu erinnern? Ist der Inbegriff der Pietät, die man gegen Eltern ausübt, etwas anderes als daß mau sich bestrebt, in ihrem Sinn zu leben und zu wirken und sie stets als nachahmuugswürdiges Beispiel in Erinnerung zu halten! Und da sollten wir gerade das Empfinden für die Religion, mit dem sie uns voraugeleilchtet, gerade den Gottesdienst, der ihnen über alles galt, als überflüssig betrachten nnd ihn ansschalten aus den Pflichten der Pietät? Allerdings werden selbst in Kreisen, die sich unserer Kritik anschließen, Einwendungen erhoben werden, die ben angeführten