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Die Wahrheit · 1909-04-02 · Heft 14 (2.4.1909) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Leite 5. Nr. 14 B. Es scheint, du willst dir einen Aprilscherz mit mir machen. Und wenn es wirklich keine Fabel ist, du fändest das interessant? A. Ich finde es einfach reizend, daß in unserem Zeitalter der reizlosen physikalischen Experimente und der drahtlosen Telegraphie die Romantik, da sie schon jedermann für tot hielt, doch noch ihr Haupt erhebt und einer daherkommt, der sich mutig zu ihr bekennt. Was ich dir berichtet, ist keine Fabel, doch nichts spricht besser dafür, als daß es fabelhaft klingt. B. Kurzsichtiger Enthusiast! Erkennst dn nicht, daß dieser Mißton. dies garstige Geklimper nur eine Dissonanz mehr /aus der Flöte des neuen Rattenfängers von Hammeln darstellt, der sich in mannigfachen Verhüllungen bald Antisemitismus, bald christlicher Sozialismus nennt, der im Gesnndbeten, im Spiritismus, in der Telepathie sein Wesen treibt, kurz, der die Reaktion, der Rückschritt ist? Klingt dir das neue Lied des christlichen Gelehrten wie süßer Romanzentotl? Mir wahrlich nicht, mir nicht einmal sirenenhast verlockend, denn die Absicht schrillt gar zu vernehmlich durch, die Juden zu köderit und ein neues Mittelalter mit seinem Hexenspuck, seinem Aberglauben und seinen — gelben Indenlappen wieder herbeizusühren. Der christliche Gelehrte scheint mir ein gemieteter Knappe der schwarzen Garde zu sein. Tirneo danaos et dona ferentes. Was er anbietet, ist ein Danaergeschenk. A. Dn gehst zu weit, dn hättest den Artikel gelesen haben müssen, um keinem solchen Verdacht Raum zu geben. Es spricht sich darin eine geradezu rührende, kindlich naive. Begeisterung und Wunderglänbigkeit ans, und zweifellos berührt das Wohlwollen für das jüdische Schrifttum sympathisch. B. Nun dann behüte nur Gott vor solchen Freunden. Christliche Kabbalisten hatsis schon die schwere Menge gegeben. Zn ihnen zählt Papst Sixtus IV., der den S o h a r ins Lateinische übersetzen ließ; hat er deswegen die blutigen Verfolgungen der Juden gehindert? Auch über die Zugehörigkeit der kabbalistischen Literatur znm Judentum ließe sich noch streiten. G r ä tz sagt hierüber: In die durch den Streit für und gegen Maimuni entstandene Spaltung keilte sich eine Asterlehre ein, welche sich, obwohl jung, für eine uralte Wissenschaft und obwohl ans Täuschung beruhend für die alleinige Wahrheit ansgab. Die Zwietracht ist die Mutter dieser unheimlichen Geburt und sie hat daher stets trennend und entzweiend gewirkt. A. Es hat den Anschein, als sollten wir selbst über die Kabbala in Streit geraten, doch warum nennst dn sie niijüdisch. B. Weil nur das, was unwesentlich, jüdisch an ihr ist, das Wesentliche aber, teils astrologisch, teils persisch und althellenisch. Uebrigens ist ihr ganzes Wesen Scheinwesen, die Versetzung und Kombination der Buchstaben bloße Zahlenspielerei. A. Ob du mit Grätz nicht zu hart abnrteilst, wenn du die Kabbala eine Asterwisse-nschast nennst und ihre Beschäftigung mit Zahlen eine Spielerei? Hat nicht ein Philosoph der jüngsten Vergangenheit, Herbart, ans psychologische Vorgänge mathematische Formeln anwenden wollen und bestimmt nicht das ans Differenzialrechnung basierende Weber-Fechner'sche Gesetz große Teile der Psychophysik? Wissenschaft und Asterwissenschaft waren vorher so innig verbunden, daß man das Messer der Analyse unmöglich scharf trennend ansetzen kann. Der alte Pythagoras fand seinen berühmten Lehrsatz nicht darum, daß er dessen Wirksamkeit in zahlenmystischer Symbolik verflattern lasse, daß er spiele, sondern umgekehrt, er spielte, damit er unter Kieseln einen Edelstein finde. Tychv de Brahe, der berühmte Astronom, war desnngeachtet Astrolog. Ohne die ehemaligen Alchymisten, die nach dem Stein der Weisen forschten, befände sich unsere heutige Chemie noch in zurückgebliebenem Stadium. Die Lehren der Astrologie, Alchemie und der Kabbala entsprechen übrigens dem damaligen Gesichtskreis und Stand der wissenschaftlichen Anschauungen, sie hatten denselben Rang, wie heute etwa eine wissenschaftliche Hypothese. Newton stellte die Emissionstheorie des Lichtes auf, sie wurde jedoch von der Ansicht, eine Schwingung nach Art der Wellen liege vor, verdrängt. Jetzt nachEntdeckung der radioaktiven Erscheinungen tritt die dethronisierte Strahlungstheorie mit erneutem Anspruch auf Geltung auf. Welcher der beiden Ansichten willst du nun die Ehre erweisen, sie mit der schönen Bezeichnung After zu liieren? Historisches Interesse jedessalls beanspruchen diese Wissenschaften, sonst müßte auch die Darwinsche Theorie depossediert werden. B. Die Kabbala hat wohl ein Anrecht ans Interesse, daß man der Mythologie und anderen Knriosa entgegenbringt. Oder gedenkst du allen Ernstes die Renaisianze dieser Geheimwissenschast zu bewerkstelligen? Gebe es — milde gesagt — einen lächerlicheren Anachronismus? Es ist das gerade so, als wolltest dn jetzt im Anfang des XX. Jahrhunderts der Welt die Heilsbotschaft verkünden ans alle Errnngenschasteu moderner Nautik, die Verwendung der Bonssole miteingeschlossen, zu verzichten und zur Küstenschisisahrt der Phönizier zurückzukehren. Im 5. Buch Mose Vers 9—12 ftetu es klipp und klar: Dn sollst nicht tun die Greuel fremder Völker, daß niemand unter dir gesunden werde, der seinen Sobn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lasse, oder ein Weissager, oder ein Tagwähler, oder der aus Vogelschreie achte, oder ein Zauberer, oder Beschwörer, oder Zeichendenter, oder der die Toren frage, denn wer solches tut, ist dem Herrn ein Greuel. Im Widerspruch mit diesem klaren Wortlaut hättest dn vielleicht nicht übel Lust, dem modernen Judentum ein Ans nach Sadagora! znznrnsen. Sollen wir dortselbst etwa der kabbalistischen Sabbaiheilignug des Rabbi beiwohnen und znschauen, wie er erbaulich die Kugel ißt? Ohne Messer und Gabel grein er mit bloßer Hand fest in dieselbe und rührt die Hand zum Munde. Doch bevor noch die geballte Faust ihr Ziel erreicht, stürzen sich die Gläubigen herzu und balgen üdi darum, die zwischen den einzelnen Fingern hervorgegnollenen Fragmente der Kugel sich znzneignen und die geheiligte Speise, die vorher von ihnen mit Gold ausgewogen wurde, zu verzehren. Profi: Mahlzeit! A. Dn spottest meiner, aber von dir so in die Enge getrieben, muß ich mich ans mein letztes Bollwerk znrückziehen, um dir die verborgensten Wurzeln meiner Zutteignng für das Esoterische bloßlegen. Heber die Mystik im allgemeinen, über den ekstatischen Zustand eines Menschen kann man ohne platter Rationalist zu sein nicht schlechthin absprechen, nicht in eine verhöhnende Lache aitsbrechen; sie finden sich zu allen Zeilen und zu allen Völkern. Unsere alten Propheten hatten in goltbegeistener Verzückung ihre ehrwürdigen Gesichte, Jakob Böhme bekam seine Visionen, wenn er einen zinnernen Teller anstarrie. Diese unbedeutende äußere Veranlassung steht im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Wirkung. Den Wert Schiller'scher Erhabenheit beeinträchtigt es wenig oder ijar nicht, wenn wir erfahren, daß er seinem dichterischen Schwung dltrch den Geruch fauler Aepsel nachhals. Man lernt daraus höchstens, daß faule Aepfel zuweilen — hält man sie dem Dichter zur Nase — bessere Dienste leisten, als wetin man ihn damit bewürfe. Während aber der Dichter seinen Gefühlen mittels der Sprache mehr oder minder adäquaten Ausdruck verleiht, so führt der weitaus größere ins Schrankenlose schweifende Ueberschwang des Ekstatischeil und dessen Streben wenigstens einen matten Abglanz der farbenprächtigen, glühenden, inneren Erlebnisse und seiner Weltentrücktheit in arme Worte zu kleiden von selbst zu gesuchter Symbolik, zu vieldeutigen Tropen und Bildern — er wird dunkel. In der Literatur der Pietisten und Mystiker müßte man freilich lange suchen, ehe man ans eine zweite ähnliche Stelle stieße, welche wie folgender Spruch des A u g e l i u s S i l e si n s inniges Empfinden und philosophische Tiefe mit logischer Schürfe verbindet. Gott ist eilt Wunderding, er ist das, was er will. Und ivill das, was er ist, ohn' alles Maß und Ziel. Dn schießt also übers Ziel, wenn du über die Kabbala so losziehst, ans einzelnen, freilich überwundenen Etappen des Kulturgangs, aus vor Jahrtausenden oder Jahrhunderten zurückgelegten Stationen des Fortschritts, mag immerhin jener pathologische Zustand der menschlichen Psyche, den wir in dem Worte „Ekstase" znsammenfassen, als knlturförderndes, triebkräftiges Agens mitgewirkt haben, wenn er dir jetzt auch nur als atavistischer Rückschlag erscheint. B. Ich sehe, du willst einen Kompromiß mit mir schließen, du näherst dich meinem Standpunkt. Ich bin es wohl zufrieden.

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