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Die Wahrheit · 1909-04-02 · Heft 14 (2.4.1909) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1909
Issue
Heft 14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Di- Wahrheit Nr. 14. Aufschrei wäre durch das ganze jüdische und freisinnig-liberale Lager ertönt, heute ist es sozusagen eine banale Tatsache. Wo-. her diese Erscheinung? Was die sogenannten proletarischen, Völkischen, sreisinnuigen, liberalen Parteien betrifft, wollen wir uns nicht den Kopf zerbrechen. Die machen ihre Geschäfte ohne uns ab. Ich werde Präsident, du Vizepräsident, ich christlichsozial, du Sozialdemokrat, im Jndenpunkt sind wir eins. Aber wir? Wo ist der Herz und Mark erschütternde Aufschrei? Gewiß wird man erwidern, nur Naivität konnte mich dazu bringen, so eine Frage zu stellen, weil ich nicht weiß, daß wir ohnmächtig sind, weil ich nicht weiß, daß wir nicht reizen dürfen, weil ich nicht weiß, daß wir zufrieden sind, wenn wir geduldet werden, weil ich nicht weiß, daß wir uns faktisch in die Rolle des Schutzjudenmms finden müssen. Nein, ich bin zwar ein zurückgebliebener Ostjude, aber so unerfahren bin ich nicht. Haben wir denn nicf)t. unsere Lage selbst verschuldet. Während die antisemitische Partei sich immer tiefer und weiter im Volke verzweigte und nusbreitete, während die jndenfeindlichen Prinzipien im nichtjüdischen Volkskörper sich immer tiefer und tiefer einnisteten und das gesamte soziale Leben in allen Beziehungen erfaßte, standen wir tat- und ratlos gegenüber, — im besten Sinne bewiesen wir ihnen, daß Ernst Schneider den Jernfchalmi doch nicht gründlich versteht, daß wirtrotz aller Rirnalmordprozesfe keine Kannibalen und Menschenfresser sind. Die Antisemiten haben den Schnlchanaruchantisemitismns längst zum alten Eisen geworfen, man kann sagen, sie schämen sich heute dessen, und wir wiederholen jahraus jahrein immer dasselbe, rennen offene Türen ein und kämpfen in Don Quixotischer Heldenhaftigkeit gegen leblose Schatten, indessen der Feind desto sicherer vorrückt, uns immer näher einschließt, die Verproviantierung abschneidet und durch Aushungerung, so zu lesen, wie geschrieben, bezwingen will. Dort' Plan, Strategie, Technik, bei uns im besten Falle ein paar Freischärler, die vielleicht mehr verderben, als nützen. Freischärler. Von Peter von Amiens dis Garibaldi und der lebendigen georgianischen Totenlegivn hat man mit dieser Kategorie meist ungünstige Erfahrungen gemacht.. Der Freischärler ist eine Vereinigung von Enthusiasten und sozusagen psychischem Freibeutertnm, besser Abentenerer, die für eine Idee sofort ins Feuer geraten, sich und die unwissenden Massen in die gefährlichsten Lagen bringen, um bevor die reguläre Armee ins Feld rückt, zu ermatten, und diese Ermattilng und Enttäuschung der ganzen Armee mitznteilen. Plötzlich, wie in einem Zaubergarten, befanden wir uns im allgemeinen Wahlrecht und da begann das Kreuz. Der Westen, der staatsrechtliche und Berwaltungsfrageu versteht, kannte und kümmerte sich blutwenig um den Osten, im Osten hingegen wo die nationale Empfindung zu Hanse ist, disputierte man über den Bart des Prooheien. Ich habe seiner Zeit an anderer Stelle in einer Serie von Artikeln ans dieses wüste Treiben ansmerksam gemacht. Ich habe vor der Ueberhitznng des Volksbewnßtseius gewarnt. Ich machte ans die Verwirrung der Führer in Bezug ans spezifisch jüdische Fragen aufmerksam, ich versuchte den Nachweis zu erbringen, daß das Schlagwort, nationale Autonomie, sogar als Maximalprogramm unausführbar ist. daß man damit nur mutwillige Hoffnungen erweckt, deren Nichtersüllbarkeit sich furchtbar rächen muß. Ich versuchte die Grundrisse einer jüdischen Partei und ihrer Forderungen zu zeichnen. Ich verlangte, das Volk solle sich seine Kandidaten selbst ausstellen und sich dieselben nicht von oben herab dekretieren lassen. Ich verwies ans den Mangel an politischer Schulung des Ostens usw. Leider wurde auch meine schwache Stimme in dem Wahlvorbereitungstohnwabohu überhört. Der Ausgang mit allen seinen Folgen ist bekannt. Das Volk wurde in einen rasenden Wahlkamps hineingehetzt, mit Phrasen vom stolzen selbstbewußten Juden vollgestopft, Versprechungen wurden gemacht, Existenzen ruiniert — und jetzt? Als matt die Stürmer fragte: Was vermögen 4, sogar 10 Abgeordnete gegen eines der an der Zahl größten Weltparlamente, da wurde erwidert: ..Sternberg ist nur ein Mann und erzwang sich die Achtung", und als man entgegnete: „Wir Juden können uns Sternbergiaden nicht leisten, zumindest verfügen wir in unseren glitbürgerlicheit nationalen Reihen gar nicht über Sternbergnaturen", da sagte man uns: „Wir haben nichts zu verlieren, tlusere Abgeordneten werden von der Parlamentstribüne zwanzighnndert Jahre verhaltenen Groll und Schmerz in die Welt hinaus rufen, mit einem Ton und mit einer Furchtlosigkeit, daß sie Negierung und Parlament ewig in die Ohren gellen wird"! Wie diese Versprechen gehalten wurden, darüber brauche ich mich nicht ausznlassen, man befrage nur die Poale-Zionisten und ihre Organe. Die Entschuldigung von Glombinski ist noch in jedermanns Gedächtnis, das Beitragen zur Zweidrittelmajorität unter Beck kennt man. Wir haben hier nur aus gut Glück Allbekanntes herausgerissen. Das übrige höre man, wie gesagt, am besten bei den einzig konsequenten Nationaldemokraten, ich meine die Poale Zion aller Schattierungen. Vom ganzen „jüdischen Klub" ist nur der Name geblieben, so kampfbereit und sicher es begonnen, so kläglich neigt er sich seinem Ende zu. Es war sicher nicht nötig, ein ganzes Volk bis zum Wahnsinn zu erhitzen, um dann für dasselbe beim Polenklub Gnade zu erwinseln. Hintertür- und Moschkepolitik verstehen die Horowitz und Löwenstein besser, als die nationalen Fürchtenichts-Helden. Znm Bauchrutschen und Katzenbuckeln brauchen wir keine Führer. „Nationalismus", hat man uns bis zur Taubheit iu die Ohren geschrien, „heißt: stolzes, aufrechtes, steifnackiges, rückgratfestes Judentum, Mannesstolz vor Fürstenthronen"; wir fordern dies zumindest vor und von der Parlamentstribüne. Kein Lailt ertönt, keine Silbe wird gehört, kein Jota von all den schönen Versprechungen gehalten, sang- und klanglos fristet der „Jüd. Klub" sein kümmerliches Dasein. Was gehcks die Herren, an, daß das Volk in Galizien nahe der Verzweiflung ist. daß schon wie die Landtagswahlen zeigten, die nationale Idee beim Gefrierpunkt angelangt ist. Die Herren in Wien und Czernowitz hüllen sich in den Mantel der hohen Diplomatie, der dem jüdischen Klub so gut sitzt, wie dem kleinen Montenegro. Das alte „Schtadlanuth" ist tot, es lebe das neue unbewußte und unerkennbare. Ein trauriger Rückblick, ein trostloser Ausblick. Das Volk geschlagen und zerstreut, die Führer hinter die Regiernngsbank verkrochen. Wohin steuern wir, was steht uns bevor, wer soll uns führen, ein Gort mag es wissen. Dr. I. S i n n r e i ch. Die Kabbala. Ein Dialog. A. Hast du in „Blochs österr. Wochenschrift" den Artikel „die praktische Bedentnng der Kabbala und der Sabbatheilignng von einem christlichen Gelehrten" gelesen? B. Praktische Kabbala? Das gibt es ja nicht, das ist eine contradictio in adjecto. Gelesen Hab ichs nicht, was mir übrigens nicht leid tut, denn ich habe für meine Zeit eine praktischere Verwendung. A. Du mit deinem ewigen Wirklichkeitssinn! Ich sage dir, höchst interessant! B. Du machst mich neugierig, erzähle. A. Der christliche Gelehrte rühmt sich, tief in die Kabbala eingedrnngen zu sein, bedauert, daß die Inden sich von ihr abgewendet und empfiehlt ihnen, sich neuerlich mit ihr zu befassen. Er behauptet allen Ernstes, daß sich die Inden vermittelst kabbalistischer Studien nicht nur materielle Güter verschaffen, sondern auch die Gabe erringen könnten, iu die Zukunft zu blicken und die politische Konstellation zu beeinflussen; auf diese Weise würden sie sich die verlorene Achtung der Völker Europas znrückgewinnen. Er ist überzeugt davon, daß die Wnnderwirknngen gewisser Rabbiner, ^nf deren ganz besondere Sabbatheiligung zurückzuführen sei, welche die Sabbate ihren Jüngern zur Pflicht mache, und weist daraus hin, daß die Zahlen der Buchstaben des Wortes Sabbat, die bedeutungsvolle Zahl 702 ergeben. Er sei bereit allen jenen, die sich durch Vermittlltng der Redaktion an ihn wenden, erschöpfende Ausknnst zu erteilen und hoffe, über das Thema in diesem Blatte oder anderwärts sich noch des weiteren zu ergehen.

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