Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit •’t 13etwas an sich, das ihm vor einer Erklärung, wie sie in einem solchen Falle nötig gewesen wäre, znrückbeben ließ. Als ihm vor mehreren Jahren die unerwartete Erbschaft in den Schoß gefallen war, hatte die bedächtige Frau Margaret dringend geraten, das Geld nicht anzufassen, sondern als Aushilfe anzulegeu, für Zeiten des Bedarfes, die kommen könnten. Auch Muhme Gnndel hatte feiner Frau beigestimmt, als er mit ihr den Nachlaß des gemeinsamen, in der Fremde gestorbenen und verdorbenen Vetters geteilt hatte, dessen einzige, wenn auch weitläusige Verwandte sie beide waren. Aber er hatte seine Frau eine dumme Gretl und feine Muhme eine unpraktische, verschrobene Lehrerin geheißen, und die ganze Erbschaft in die vier Mauern seiner neuerbauten Fabrik gesteckt. Jetzt hatte er die Fabrik stehen, aber auch das Geschäft stand still. Die Wiener Bevölkerung war durch den Börsenkrach außer Rand und Band geraten und dachte au nichts weniger, als an Einkauf von Möbeln, besonders, da bei den zahlreichen Exekntivverkätlfen. die tagtäglich stattfanden, das Möblement ganzer fürstlich eingerichteter Wohnungen zu einem Spottpreis abgegeben wurde. Poldi, Bartas Stiefsohn, verbrachte wohl den ganzen Tag in der Ausstellung, wo er eine kunstvoll ausgeführte Kollektion feiner Arbeit ausgestellt hatte, doch war es ihm bisher nicht geglückt, Aufträge zu erhallen, oder gar neue Geschäftsverbindungen auzukuüpsen, so anerkennend sich auch die Besucher sowohl. als die Jury darüber aussprachen, — und mit der goldenen Medaille, die Barta erwartete, konnte er seine Zahlungen nicht decken, fein Geschäft nicht weiter führen. Was wohl Gnndel mit ihrer Hälfte der Erbschaft angefangen? fragte sich öfter Barta im stillen. Verzehrt hatte sie dieselbe wohl nicht, sie war immer sparsam gewesen, die Gnndel, uur, daß sie früher nichts von ihrer Sparsamkeit gehabt hatte, alles hatte sie in den Lumpen, den Hiller gesteckt, dann hat der sie am Ende sitzen lassen. Jetzt wird sie wohl vorsichtiger gewesen sein, und die paar Tausend gut aufgehoben haben. Geheiratet hat das arme Tschapperl nicht, das weiß ich sicher, sie hält' mir's ja auch geschrieben. Wenn ich nur mit ihr reden könnte, sie war immer ein so gnt's Ding, das Mädel, und mich hat's immer gerne gehabt, die möcht' mir schon die paar Gulden borgen, was ich brauch', aber wie nur zu ihr kommen, daß sie nicht abgeschreckt wird, sie ist halt so viel gescheut Ich hab's, ich hab's, unterbrach er mit einem Aufschrei fein stilles Selbstgespräch. Ich lad' sie ein zur Ausstellung, sie kommt — und ich Hab' sie in der Hand. Die Margaret wird nix dagegen haben und der Poldi gewiß nit. Voraus brauchen's auch nix z'wissen, als bis ich a Brief von ihr krieg', daß sie kommt, dann is Zeit genug, daß ich's ihnen sag'. Aber dererst muß ich ihr fein und gescheidt schreiben. Die ganze folgende Nacht fann der wackere Meister über den wichtigen „Schreibbrief" nach, den er seiner Muhme senden wollte, bis er ihn im Geiste fertiggestellt hatte lind gleich anderen Tages Folgendes schrieb: Herzliebe Muhme Kunigunde! Einen schönen Gruß von Deinem getreuen Vetter Anton Barta, Möbelfabrikant in Wien, und von meiner lieben Frau, der Margaret! Ich hoffe, daß Dich, liebe Muhme, diese Zeilen bei der besten Gesundheit antreffen mögen und zeige Dir an, daß wir alle gesund und wohlauf sind. Sonsten geht es uns ganz gut, nur haben wir jetzt in der Fabrik große Arbeit von wegen der Weltausstellung, weil so viele Millionen Leut' von der ganzen Welt hierher kommen, und man kaum imstande ist, alle Aufträge fertig zu machen, was man kriegt. Der Poldi, mein Sohn, oder eigentlich der von meiner Frau, aber das ist alles eins, der ist den ganzen Tag draußen in der Weltausstellung und verkauft den fremden Herrschaften, den Kaisern und Königen und -Herzogen, was alle da hinkommen, unsere Möbel. Das Eine tut mich nur verdrießen, daß keiner von uns zu Hause das sehen tut, was aus dem Barta Toni geworden ist, was für eine große, schöne Fabrik er sich aufgebaut hat. Und auch von meiner ganzen Freundschaft war noch keiner bei mir in der schönen Wienerstadt. Darum tu' ich mir erlauben, Dich einzuladen, Du sollst einmal auch aus Deinem Nest dort herauskommen und in den Ferien, wo alle Lehrer frei haben, her nach der Kaiserstadt fahren, und Dir sie ein bissel anschaun, und auch die Weltausstellung, was draußen im Prater aufgebaut ist und die Augen anfmachen und gucken, und wirst viele Jahr^ lang daheim zu erzählen haben. So was kriegt man bei uns in Böhmen sein Lebtag nit zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Verband der Sabbathsreunde „Schomre-Schabbos" Wien. II., Kleine Schiffgasse 10. Mitgliedsbeitrag: Jährlich L 6.—, (für Arbeitnehmer K 4.—). P. T. Aufruf! Wien int Nissan 5696 ^ieu' im März 1909 Ernste jüdische -Männer haben den Verein der Sabbathsreunde gebildet und dem gefertigten Vorstande das Vertrauen ihrer Wahl geschenkt. Wir stehen am Beginne unserer Tätigkeit nnd fordern alle jüdisch gesetzestreuen Elemente auf, sich um die Fahne der Sabbathsreunde zu scharen. Wir-rufen alle Gemeinden, alle Glaubensstarken und alle diejenigen, die, im jüdischen Boden wurzelnd, sich noch eineii Rest jüdischer Gesinnung bewahrten, zum Beitritt, zur Uliterstützung, zur werktätigen Mithilfe, zur Arbeit für unsere gute und heilige Sache. Unser Ziel ist die Verbreitung der Sabbathidee; ihre praktische Verwirk l i ch u n g hoffen wir im Wege der Stellenvermittlung und durch die Sicherung selbständiger Existenzen zu fördern. Wir wollen unseren ruhelos ringenden und kämpfenden, sabbathentfremdeten Stammesgenoffen ihren Freund wiedergeben, wir wollen den Schabbos, der ans unserem häuslichen Leben und ans unserem Familienkreise gebannt, dem jüdischen Vater, der jüdischen Mutter als treuen, altbewährten Mitgehilfen in dem schweren Geschäfte der Kindererziehung wiederbringen, wir wollen den Sabbathschatz dem nachwachsenden Geschlechte für sein einstiges eigenes, selbständiges Leben sichern. Wir sind uns der Schwere unserer Aufgabe bewußt, doch wir hoffen^ auf die tatkräftige Unterstützung unserer gleichgesinnten Brüder und Schwestern. Wir stecken uns große Ziele, doch lvir werden uns g l ü ck l i ch s ch ä tz e n, a u ch n u r einer F a m i l i e, e i n e r H ü t t e, einer jüdischen Seele den Sabbath aus den Strö-- mun g e u der Zeit u n v e r s e h r tg e r e t t e t zu haben. Der Vorstand des Verbandes der Sabbathsreunde: Gustav Austerlitz David Bischofswerder Moritz Felsenburg, Obmann Wolf Pappenheim Sigmund Bondi, I. Obm.-Stellv. Nathan Pollak Moritz Nasch, I. Schriftführer Michael Sternfeld Max Hofbauer, Kassier. Samuel Weißberg Aus der Gruppe der Angestellten: Isidor Löwy, II. Obmann-Stellvertreter, Leopold Hirschler, II. Schriftführer. Rudolf Eiland. Julius Steinfeld, Moritz Stern. Notiz. Erster Mädchenausstattungs-Berein als Genossenschaft^ Kindernnd Lebensversicherungs-Anstalt. Unter dem Vorsitze des Präsidenten Armin Schwarz hat bei zahlreicher Beteiligung der Genossenschaftsmitglieder am 14. d. M. die 46. ordentliche Generalversammlung dieser Anstalt stattgefunden. Zur Authentikation des Protokolles wurden entsendet die Herren Dr. Wilhelm Grauer und Markus Birö. Die Bilanz und der Generalbericht wurden vorgelegt, aus welchem zu entnehmen ist, daß auch das Verwaltungsjahr 1906, trotz der schwierigen Verhältnisse auf geschäftlichem und volkswirtschaftlichem Gebiete, zufolge Anspannung erhöhter Kräfte, ein günstiges war. Nach Verlesung des Berichtes des Aufsichtsrates wurde der Direktion und dem Aufsichtsrate das Absolntorium einstimmig erteilt. Der Generalbericht hebt hervor,' daß im Jahre 1908 au Fälligkeiten der verschiedensten Art K 1,542.933-38, um K 315.519-51 mehr als im Jahre 1907, an die Mitglieder ausbezahlt wurden. Die Prämienreserve beträgt bilanzmäßig K 14,892.514-43. Die Neuacquisitiouen des Jahres 1908 betragen K 17,113.000-—, der Versicherungsstock aber beträgt, nach Entlastung durch geschehene Aufzahlungen und nach Klarstellung der bestehenden Versicherungen. K 66,069.973-14. Die Gesamteingänge von K 4,097.660-20 weisen eine Steigerung vou K 279.469-55 auf, und bei der Schlußziffer der Bilanz ist eine Steigerung von K 1,167.650-45 eingetreten, so daß selbe K 16,309.227-59 erreicht, welche Sumnie in pupillarsichern Effekten, in Spareinlagen, in drei Budapests Zinshäusern, in Barkassa rc. ihre Bedeckung findet. Als moralischen Erfolg des abgelaufenen Verwaltungsjahres bezeichnet der Bericht mit Recht, die erlangte Konzession durch die hohe österr. Regierung zum Geschäftsbetriebe in Oesterreich und die Eröffnung eines Bureaus in Wien, I., Dominikanerbastei 6. Nach einstimmiger Wiederwahl der bisherigen Aufsichtsräte wird über Antrag des Genoffenschaftsmilgliedes Herrn Alfred Erwin Röser dem greisen Präsidenten Armin Schwarz, der Gesamtdirektion, dem Aufsichtsrate nnd dem Ausschüsse, sowie dem leitenden Direktor Arnold Kohir und dem Direktor Isidor Friedländer Dank und Anerkennung votiert.