Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 13. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitnng Seite 11. Uolnisch-Smgen in der modernen Synagoge. Bon kaiserl. Rat Josef Singer, Wien. (Schluß.) In dem vorigen Aufsätze versuchten wir es, aus die unheimlich klaffenden Wunden aufmerksam zu machen, die Leichtsinn und Unwissenheit dem modernen Synagogengesang beigebracht, und erachten es nun als überaus notwendig, ans die Mittel hinzndenten, durch welche die oben erwähnten Schäden geheilt werden könnten. Wie allbekannt, besteht der moderne Synagogengesang aus den beiden Abteilungen. Cbvrgesang und kantoraler Vortrag, wobei der kantorale Vortrag als leitende Prämisse gilt, weil der jüdische Kantor als alleiniger Träger des Gottesdienstes erachtet werden muß. Wenn wir trotzdem den Chorgesang m erster Reihe ansührten, so geschah dies in Berücksichtigung des Umstandes, das; der Synagogenchorgesang quantitativ bereits eine anerkennenswert beträchtliche Literatur besitzt, während für die künstlerische Aufführungs-Qualität allgemein gütige Regelrt beigezogen werden dürfen; für den kantoralen Vortrag. insbesondere für das kantorale Rezitativ besitzen wir jedoch bis nun eigentlich noch gar keine Unterrichtsmittels, und dennoch muß allgemein anerkannt werden, daß der rezitativische Vortrag die Hauptleistung eines jüdischen Kantors in sich schließt. Schon unsere Altvorderen legten bei Beikrreilnng der chasanischen Synagogenleistnng mehr Werk ans das „Sagen" als aus das „Singen". Der kantorale Vorrrag zerfällt überdies in zwei Unterabteilungen. u. zw. in den sogenannten festgefügten Traditionsgesang nurn und das freie kantorale Rezitativ. Und hier tritt uns der gähnende Abgrund entgegen, ans welchen wir allen Ernstes aufmerksam machen müssen. Anstatt nämlich die seit Jahrhunderten von den Vätern ererbten, festgefügten Tvnverbindungen des nwi in ihrer keusch-abgeschlossenen Form unangetastet zu erhalten und unangetastet an die Nachwelt zu überliefern, geht man mit philiströser Behaglichkeit leichtfertig daran, diese, gewissermaßen heiligen Klänge mit frivolem Hange an persönlichen Gesangsgelüsten zu verunglimpfen und gerade umgekehrt — beim freien Rezitativ, wo die eigene Phantasie des Vortragenden in der Gesangsiünstration des Wortes zum Ausdrucke gelangt, das vorzutragende Wort mit dem Gepräge der eigenen Empfindung und der eigenen Innerlichkeit anszngestalten wäre — läßt man Andere. Begabtere diese Rezitative für sich ansarbeiten und trägt dieselben mit stolzer Zuversicht vor. mit vollständig beruhigtem Gewissen, als Angenblicksprodnkt der eigenen Phantasie, beklatscht von den Mameltrügern und Gesinnungsgenossen — geschützt von der Behörde. — Behörde? Ach gäbe es nur für diesen künstlerischen Frevel eine Polizei — wie reinigend könnte dieselbe wirken. —*) Man dürfte hiebei einwenden, daß ja aus verwandtem Knnstgebiete, dem Opern- und Oraioriengesange. das vorzntragende Gesamtmaterial ebenfalls vom Komponisten vorgezeichnet sei und die ausübenden Sänger lediglich die Ausgabe haben, diese Kompositionen sormrichtig vorzntragen. Um diesem Einwande erschöpfend zu begegnen, müßten wir zuvörderst eine Geschichte der Rezitative schreiben, wofür selbstredend an dieser Stelle der Raum mangelt, doch weisen wir darauf hin, daß in der Bor-Händelschen Mnsikepoche die Rezitative auch nicht dnrchkomponiert wurden, sondern.der Künstlersckast des Vortragenden überlassen blieben, bis man — ebenfalls durch die Leichtfertigkeit der damaligen Sänger gezwungen — sich veranlaßt fand, nicht nur die Arien, sondern auch die Rezitativ-Noten zu verzeichnen. Was jedoch das synagogale Rezitativ betrifft, haben wir Kantoren der Gegenwart lediglich in die Fnßtapfen unserer Altvorderen zu treten, um das Richtige zu betätigen. Die Kunst der alten Chasanim bestand nicht allein in harmonisch-richtigem Zusammensingen mit den Meschorerim, ausschließlich nur d e rv) Die rezitativischen Werke von Friedmann (Berlin), Lachman (Hürden), Rosenhaupt (Nürnberg), Wodak(Wien) u. a. erfüllen hauptsächlich als Sammelwerke, weniger in meritorisch-didaktlscher Richtung ihren Zweck. a) An dieser Stelle fühlen wir uns veranlaßt, auf einige, ganz treffliche Rezirative dieser Art aus der Feder des Herrn Podolsky, Soloüaffist im Leopoldstädter-Tempel, hinzuweisen. jenige stand in hohem Ansehen, der „Ivoil zu sagen", das heißt künstlerisch zu rezitieren verstand. Und in welch umfassendster, feinfühligster Weise haben unsere Altvordereu für uns durch die Institution des rrmn und der Steiger vorgesorgt. Wir Kinder der Gegenwart haben ja mit dem Aufgebote unseres ganzen Könnens und Wollens die von den Altvorderen in frommseelischer Begeisterung, aber auch mit echt künstlerischem Zielbewußtsein geschaffenen und zurückgelasfenen Schätze des nuirr und der „Steiger" aus dem tiefen Schachte der Verborgenheit hervorgeholt, dieselben von langjährigem Staube liebevoll blank gescheuert und der Kllnstanforderuug der Gegenwart näher gebracht. Wir glauben nicht Allznkühnes zu verlangen, wenn wir bei den Jüngern des jüdischen Kantorates das nötige Musikverständnis und hinlänglich wissenschaftlichen Intellekt voraussetzen, welcher sie befähigt, das von den Vätern ererbte riirrn unverändert und unangetastet zu erhalten, dafür aber durch die Vertrautheit mit der musikalischen Eigenart der Steiger, durch rationelle Hebung und Vertiefung endlich jene Sicherheit in der Musikillustration des vorzntragenden Wortes zu erlangen, daß man auch von ihnen ruhmvoll behaupten könnte, sie „sagen" (rezitieren) zwar im Geiste der Alren und doch unter der Botmäßigkeit der musikalisch-modern gefügten Steiger, dann werden auch sie zum Heile unseres Dienstes allmälrg von der Bahn der Alltäglichkeit ablenken, idealere Gefilde anfsnchen und einer gemeinen, wiewohl sicheren Wirkung — oder Wirksamkeit — aus dem Wege zu gehen.v * * * * x) Man dürfte uns entgegenrnfen: „Das sind Ideale und der Idealismus hat heutzutage gar zu geringen Absatz". Diesen Rufern entgegnen wir: Jawohl, jeder Idealismus hat feine Leidensgeschichte und das dürfte sich nicht ändern bis in der Zeiten Ende; denn alles Hohe, Schöne und Edle hat ja anfangs stets nur einer Minorität angehört, und diese Minorität Hai für die heilige Mission zu kämpfen mit ganzem Herzen und ganzer Seele und ganzem Vermögen, bis der Gedanke durchgeführt und Gemeingut geworden, dann wird die Nachwelt auch der ehrlichen Wirksamkeit dieser Minorität segnend gedenken, die es unternommen, in sorgenschwerer Zeit etwas Ueberliefertes. Uraltes durch Intelligenz und Rastlosigkeit dem modernen Geiste zugänglich zu machen und für unsere Kunstgeschichte zu erhalten. Erscheint der Gegenstand endgiltig geordnet, dann wird man es nicht mehr nötig haben, unter dem Deckmantel „phrygesch" alle denkbaren mit) undenkbaren Steiger- und modernen Tonarten ziellos nnd unbewußt untereinander zu mengen, daß mau schließlich überhaupt nicht mehr weiß. wohin man geraten und zur Bestimmung der Ursprungstonart nur noch die liebe Stimmgabel als letzten Rettungsanker hinzuziehen muß; dann wird alsbald die Epoche der falschen Virtuosität, die ja auf synagogalgesanglichen Boden überhaupt nichts zu suchen hat, in den letzten Zügen liegen, dann werden die jüdischen Kantoren nicht mehr nötig haben, zu Ausflüchten Zuflucht nehmen zu müssen, sondern, ausgerüstet mit der Machtvollkommenheit künstlerischer Gesetzmäßigkeit, mit Stolz bekennen, daß man in den jüdischen Gotteshäusern auch jüdisch (polnisch) singt. *) Diese von dem Autor gezeichnete Entwicklungsstufe des Kantorates kann nur durch eine Kantorenschule erreicht werden. Die Redaktion. KONKURS. Mit Beginn des Schuljahres 1909/10 gelangt die Stelle eines israelitischen Religionslehrers für die hiesigen Mittelschnlen — Sraatsgymnasium, Oberrealschule und Mädchen-Lyzeum — zur Besetzung. Bewerber um diesen Posten müssen akademische und rabbinische Bildung, sowie die Lehrbefähigung besitzen. Gehalt nach Uebereinkominen. Gesuche mit Zeugnisabschriften, Angaben über Alter und Familienstand, sowie etwaige frühere Verwendung wollen bis 30. April a. c. an den gefertigten Vorstand gerichtet Israel. Kultusgemeinde I g 1 a u (Mähren), am 22. März 1909. Der Vorstand: Adolf Lieblich.