Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Die Wahrheit Seite 9. angenommen hat, wird das Freitag vormittags 10 Uhr stattfindende Leichenbegängnis von der Bndapester Waren- und Effektenbörse aus vor l'ich gehen. Auch seitens der Bndapester Kultusgememde wird sür den Verstorbenen, der ein guter und überzeugungstreuer Jude war und an der Verwaltung der Gemeinde lebhaften Anteil genommen hat, eine Trauerjundgebung veranstaltet werden. Konstantinopel. (Empfang des Chacham Baschi beim S u l t a n.) Am 19. März 1909, um 12 Uhr mittags, suhren drei kaiserliche Hofwagen vor dem Hanse des Chacham Baschi in Psra vor, um ihn nach dem Jildis-Palais abzuholen, wo der Empfang unmittelbar nach dem Selamlik stattfinden sollte. Der Chacham Baschi wurde vom Zeremonienmeister Talaat Bej und von dem ersten Kapukehaja abgeholt. Der letztere überreichte um 1 Uhr dem Chacham Baschi eine schriftliche Einladung des Sultans, woraufhin der Chacham Baschi sich sofort auf den Weg über Galata nach dem Jildis begab. Im ersten Galawagen nahmen der Ehacham Baschi und Talaat Bej und ihnen gegenüber der erste Kapukehaja Platz. Im zweiten Wagen saßen die beiden Vizepräsidenten des religiösen Rates und im dritten Wagen der Präsident und Vizepräsident des Nationalen Rates. Die Wagen wurden begleitet. Im Palais wurde der -Chacham Baschi vom Oberzeremonienmeister Ghalib Pascha und vom Äammerherrn Nury Pascha empfangen, die ihn zum Sultan führten. Die Sonderaudienz dauerte eine Bieterlstunde,- dabei äußerte sich der Sultan wörtlich folgendermaßen: „Ich bin bereits über Ihre Gelehrsamkeit und Klugheit unterrichtet, deshalb freue ich mich, Sie jetzt mit eigenen Augen zu sehen., Ich freue mich weiter, aus Ihrem Munde von der Treue und Ergebenheit meiner jüdischen Untertanen Mitteilung zu erhalten. Mit Vergnügen höre ich, daß Sie sehr gut türkisch sprechen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie viele Jahre gesund und glücklich den Posten, aus den Sie jetzt gestellt sind, verwalten." Mit einem kurzen Danke des Chacham Baschi auf diese Worte des Sultans war die Audienz beendet und die Heimkehr fand in derselben Weise statt, wie die Hinfahrt, nur daß die Rückkehr über Psra erfolgte. Kiteratnr. Amor Dei. Ein Spinoza-Roman von E. G. K o l b e n h e y e r. München. Georg Müller. 1909. In diesem in kristallklarem Deutsch geschriebenen Romane kommt -es dem Verfasser nicht so sehr ans die scharfnmrisseue Darstellung von Spinozas Leben und Wirken an. sondern hauptsächlich aus die Schaffung eines wahrheitsgetreuen Kulrurbildes des freien Holland ans dem 17. Jahrhunderte. Wie lebhaft werden uns die Handels- und Künstlerkreise vorgesührt, wie in einem magischen Li'chte erscheint die überragende Gestalt R e m b r a n d t s. Auch die beiden Brüder de Witt, welche erst durch Wilhelm III. von Oranien verdrängt wurden, treten plastisch vor unser -Auge. Ein Wort Baruch Spinozas, das dessen Lebensanschauung bezeichnen soll, sei angeführt: „Er strebte den Gott zu schauen, der in allen Wesen lebt, ob sie ihn gleichwohl nicht erkennen, der aber lebt wie eine wortlose Religion, wie ein unbewußter Glaube ohne Furcht und Hoffnung, den kein Ritus bindet und kein Gebet sucht, der aber dennoch die Wahrheit ist in Allein." Die Philosophen Descar tes, Giordano Bruno und der aus der Amsterdamer Synagoge ausgestoßene Uriel da C o st a geben der Rahmenerzählung derartig lebendigen Hintergrund, daß dieses Werk als ganz unabhängig von Berthold Auerbachs und Otto Hausers Spinoza-Romanen einen selbständigen und dauernden Kulturwert als poesiedurchtränktes Sirtengemälde mit Recht beanspruchen darf. Berühmte Kaufleute. Erlebnisse und Entwicklungsgänge der namhaftesten und verdienstvollsten Kaufleure aller Zeiten und Völker. Von Dr. Adolf K o h n r. Hamburg. Gebrüder Paustian. Mk. 120. Die hervorragendsten kaufmännischen Erscheinungen, die es wohl mehr zu materiellen Gütern brachten, als der Autor dieses Buches, werden uns in charakteristischen Zügen vorgeführt. An unseren Augen ziehen vorüber die Augsburger Patrizier W elfe r und Fugger, der unternehmende Berater Friedrich des Großen Johann G o tz k o w s k i, die Weltdeherrscher Rothschild, die Breslauer Großkaufleute Theodor und Leo M o l i n a r i, der Gründer der Berliner Diskontgesellichafr Hanse m a n u u. v. a. Auch die hanseatischen Großkaufleute Albert B a l l i n, Geo P l a r e. Heinrich W i e g a n d und Adolf W o e r m a n n, die Bankiers Hirsch und Bleichr ö d e r werden in charakteristischen Lebensabrissen nühergebracht. Mögen auch die dargestellteu amerikanischen Multimillionäre Girard, Peabody, besonders aber V a n d e r b i l t, A st o r, Carnegie. R o ck e f e l l e r und Morgan-ein gewisses mit Neid gepaartes Interesse erregen, so sei besonders des ausführlich geschilderten österreichischen Großkaufmannes Alois N e u m a n n gedacht, der als Präsident der Reichenberger Handels¬ und Gewerbekammer und als Mitglied des österreichischen Herrenhauses besondere Beachtung und Geltung verdient. Das mit charakteristischen Anekdoten gewürzte Büchlein kann jungen strebsamen Kauflenten zur Nachahmung und Lektüre warm empsohleic werden. Kirche und Staat, unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Oesterreich von Ernst Viktor Zenker. K 4. Der Verfasser tritt für die Trennung von Kirche und Staat ein. Zur Begründung dieser Forderung gibt er in gedrängter Kürze eine erschöpfende Uebersicht über das Verhältnis von Kirche und Scaar seit den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, legt namentlich in beredten Worten die Gesetzwidrigkeiten dar, welche die österreichische Regierung ans Rücksicht ans die katholische Kirche begeht, und kommt zum Schluß, daß es im Jntereffe nicht nur des Staates, sondern auch wahrer Religiosität sei, wenn die vollständige Trennung von Kirche und Staat durchgesührt würde. - Man kann zwar m vieler Beziehung anderer Meinung sein, aber das Werk bietet soviel Belehrung und Aufklärung über seinen Gegenstand, daß es jedermann wärmstens empfohlen werden kann. Dr. Kahan. Znaim. Erez Israel (Das jüdische Land), von I. H. K a n n, Köln, Jüdischer Verlag. Ein Prachtwerk nach Inhalt, Form und Ausstattung! In anziehender, lebendiger Weise schildert Kann Land und Leute des jüdischen Palästina, die er auf einer längeren Reise kennen gelernt. Zahlreiche Abbildungen, sowie zwei schöne Karten von Kleinasien und Palästina mit den jüdischen Kolonien unterstützen die lebendige Schilderung seiner Erlebnisse, die der Leser so gleichsam miterlebr. Jedem gebildeten Inden wird dieses prächtige Werk höchst willkommen sein. Dr. Kahan, Znaim. Kine gebildete Irau. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Alich der Handwerker- und Gewerbestand, die Stützen und der Kern des Bürgertums, hatte der Lockung nicht widerstanden, den Nimmersatten Moloch ..Börse" Summen zu opfern, welche besser dem eigenen, soliden Unternehmen zugewendet worden wären. Freilich war, mit wenigen Ausnahmen, in diesen Kreisen, der Sturz kein so jäher, Existenz und Leben vernichtender, aber gar mancher sonst behäbig und ruhig dreiulebender Wiener Bürger fühlte die ihm sonst unbekannte Sorge und den ihm sonst fernstehenden Kampf um die Existenz an sich heranschleichen und den ruhigen Schlaf verscheuchen. In dem nennten Bezirk der Stadt, dem Alsergrunde, wohnte der ehemalige Tischlermeister, nunmehrige Möbelfabrikanl Anton Barta. Sein Lebenslauf war derselbe, wie der von Hunderten jetzt wohlhabender Bürger, welche einmal als arme Lehrburschen nach Wien gekommen und daselbst Karriere gemacht haben. Seine Wiege war an den grünen Ufern der Lureik gestanden. In seinem Heimatsdorfe hatte er die vier Volksschulklassen schlecht und recht absolviert, war dann in der nahen Stadt zu einem Tischler in die Lehre getreten, und als er seine dreijährige Lehrzeit durchgemacht, schnürte er sein Bünde! uiib wanderte der Kaiserstadt zu, dem Mekka aller böhmischen Handwerksburschen. Hier hatte er Glück. Er fand in einer bedeutenden Werkstätte Beschäftigung, wurde mit der Zeit-Obergeselle, und als sein Meister von einem Herzschläge gerührt wurde, Leiter des Geschäftes und später Gatte der jungen Witwe, und, zu seiner Ehre seis gesagt, ein guter, ja zärtlicher Vater von deren dreijährigem Knaben. Sein Fleiß und seine Tüchtigkeit hatten das Geschäft zu nie geahnter Höhe gebracht, so daß er sich stolz Fabrikant nennen durfte. Auch er war der Lockung, auf mühelose Weise schnell reich zu werden, nicht widerstanden. Gewissenlose, redegewandte Agenten hatten ihm einige tausend Stück reichlichen Gewinn verheißende Aktien eines erwiesen soliden Unternehmens aufgeschwatzt und dann war der Krach gekommen und Meister Barta hatte nicht nur sein aufgewendetes Geld verloren, sondern auch Differenzen in nie geahnter Höhe zu zahlen. In aller Stille erledigte er dies und erwarb sich dadurch das Recht, sich abends beim Wein in seiner Stammkneipe über die dummen Kerle lustig zu machen, die ihr gutes Geld an der Börse verspielen, es den Bankjuden in den Schnabel gestopft haben, wie der Wiener Volksausdrnck lautet. Gut ließ es sich da in Gegenwart seiner andächtig lauschenden Zuhörer raisounieren und politisieren, denn was der Herr Barta sagte, das hatte Händ' und Füß', und alle waren es überzeugt, daß dieser keiner von den Gimpeln sei, die so leicht auf den Leim zu führen sind. Aber zu Haufe, in nüchternem Zustande, sah es doch anders in seinem Gemüte aus. Da war er sich bewußt, daß er unverantwortlich leichtsinnig gewesen sei, und mußte sich eingestehen, daß er ein größeres Kapital aus seinem Unternehmen gezogen, als dasselbe ohne bedenkliche Gefährdung vertragen konnte. Um jeden Preis mitßte er sich eine größere Geldsumme zu verschaffen suchen, um diesen Schaden in aller Stille gut zu mache«. Doch woher nehmen, und nicht stehlen? Wo anklopfen, zu einer Zeit, wo bares Geld so rar war und das Vertrauen geschwunden? Seine Frau verfügte wohl über ein ziemliches Privatvermögen; doch der Angstschweiß trat ihm auf die Stirne, wenn er nur daran dachte, sie um Herausgabe eines Teiles davon anzugehen. Nicht etwa, daß der Meister ein sogenanntes Simandl gewesen wäre, beileibe nicht, aber seine Frau halte so