Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hielte 8. Die Wahrheu Nr. 13. Wien. Der Verein zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleid en der auf dem Lande, Wien L, üßeuto rgaffe 20, Tür 6. welcher arme Lungenkranke im Alter von 16—50 Jahre zur unentgeltlichen Kur nach R o z u a it in Mähren sendet, nimmt Aufnahmsgesuche noch bis längstens 15. April a. c. entgegen. Gesuchsformularien sind im Vereinsbureau, sowie in der Kanzlei des isr. Spitales, XV2L, Gürtel 97, erhältlich. ' Wien. Die 12. Generalversammlung des Humanitären Vereines „Tiferes Bacliuriin* fand Sonntag Abend im Turnsaale der Bereinsschule, Talmud Thora bei mäßiger Beteiligung der Mitglieder statt. Der Obmann. Herr Rnd. Langer begrüßte die Erschienenen auf das herzlichste und verwies auf die löbliche Tendenz des Vereines, das Thorastudium zu fördern, dem entsprechend das Präsidium im vergangenen Jahre K 533 verausgabte, u. zw. zu ausschließlicher Unterstützung solcher Talmudbeflissenen, die in ungarischen Jeschiboth studieren und zur Erlangung weltlichen Wiffens nicht eine andere öffentliche Anstalt frequentieren. Der Obmann-Stellvertreter I. R o s n e r hob lobend hervor, daß die Verwaltungskosten dieses Vereines sich aus ein Minimum beschränken, um nur mehr für den eigentlichen Zweck erübrigen zu können, und appelliert zugleich an die Ovferwilligkeit und den Eifer der anwesenden Mitglieder und Gäste, für den Verein Propaganda zu machen. Nach Verlesung des Rechenschaftsberichtes durch den Schriftführer I. L e i t n e r, wurde dem Präsidium das Absolurorium erteilt und zum Schluffe hielten Rabbiner Schenk von der Talmud-Thora und Rabb.-Kand. Fischer aus Preßburg kräftige Ansprachen, denen reiche Anerkennung zu Teil wurde. Wie». Dieser Tage wurde hier ein neuer Verein gegründet u. zw. benennt er sich: „Jüd. Mädchen klub", der es sich zur Aufgabe stellt, armen Mädchen die Mittel zur Auswanderung zu verschaffen, falls sie Aussicht haben, im Auslande sich eine Existenz zu gründen. Diese löbliche Tendenz verdient allseitige Förderung. Wien. Am jüngsten Sabbat feierte der in weiten Kreisen durch seine literarische Tätigkeit aus dem Gebiete hebr. Poesie bestbekannte Gelehrte R. Markus W e i ß m a n u Chajes in aller Stille seinen 79. Geburtstag und dürfte es wohl von Interesse sein zu erfahren, daß dessen Werk Vtfö bereits in zweiter Auslage erschien. Wien. Der humanitäre Geselligkeirsverein „Die Szeniczer in Wien", veranstaltet Samstag, den 27. d. M. im Festsaal des Hotel Guth, 2.» Stefaniestraße, einen Vortragsabend mit darauffolgendem Kränzchen. Wien. Am 5. März l. I. starb hier in seiner Wohnnng 2., Casiellezgaffe 3, Herr Hermann Löwy. Der Verstorbene war eine in ganz Wien, namentlich in seinem Wohnbezirke eine allgemein bekannte und hochgeachtete Persönlichkeit. Die große hagere Gestalt mit den schneeweißen Kopfhaare wid Bollbarte. dem feingeformten Gesichte und den blitzenden Augen fiel allseits auf, so er durch die Straßen und Gaffen wandelte. Löwy wurde vor 85 Jahren in Mährisch-Auffee geboren, woselbst er die deutsche und hebräische Schule, wie sie damals allgemein in Mähren bestanden, besuchte und sich daselbst eine gründliche Vorbildung aneignete. Sein frühzeitiger Fleiß und Wiffensdraitg trieben ihn zum Talmudstudium, den er auch vollkommen beherrschte. Zu seiner höheren und weiteren Ausbildung begab er sich nach Prag, woselbst er durch einige Jahre die dortige Universitär besuchte. Rabbiner K e m p f stellte ihm ein glänzendes Zeugnis über sein hebräisches Wiffeu aus. Mit reichem pädagogischen Wissen und gediegenen humanistischen Kenntniffen ausgerüstet, gründete er Ende der 50iger und Anfangs der 60iger Jahre in Olmütz eine Privatfchule, verbunden mit einem Pensionat, welche von zahlreichen Söhnen der besten und reichsten Familien ans Mähren und anderen Kronländern besucht worden war. Viele seiner ehemaligen Zöglinge, die sich gegenwärtig in verschiedenen Lebensstellungen befinden, verdanken ihm die feste Grundlage ihres heutigen Wiffens. Nach Wien übersiedelt, hatte er das hohe seltene Glück, au der Seite seines hervorragenden und herzensguten Sohnes, sowie seiner liebevollen zärtlichen Töchter, die mit aller Liebe an ihm hingen und ihn mit Sorgfalt und Hingebung pflegten, viele vergnügte und freudenvolle Jahre zu verleben. Der Verblichene war durch und durch Jude und hing mit allen Fasern seines Herzens am Judentum. Es tat ihm in der Seele sehr wehe, so er hörte, daß jemand vom jüdischen Glauben abgefallen sei, weil er die Motive, die demselben zugrunde gelegen, als verachtenswert und zu niedrig hielt. Fast nie fehlte er am Freitag-Abend oder Samstag, ja selbst an Wochentagen beim Gottesdienste. Mit großem Jntereffe lauschte er den Borträgen aus der Bibel und dem Talmud und anderen Disziplinen im Bet-hamidrasch und versäumte dieselben äußerst selten. Sein bekannter wohltätiger Sinn und sein echt-jüdisches und warmfühlendes Herz waren stets bereit, Wohltaten zu üben und Gutes zu stiften. Selten ging ein Bitrsteller unbefriedigt von ihm weg; denn er war. so er nur konnte, gern bereit, zu helfen. Schreiber dieses, welcher häufig mit dem Verblichenen in freundschaftlicher Weise verkehrte, könnte zahlreiche Beispiele von den edlen Taten und menschenfreundlichen Wirken, die Hermann Löwy mit der kräftigsten Unterstützung seines vornehmen Sohnes vollsührte, ansühren; allein es möge dies hier allgemein erwähnt werden. Wenn der Verstorbene Hörle, daß jemand in großer Notlage sei, delogiert werden sollte, ein kranker Jude der momentanen Hilfe uiid Unterstützung bedurfte, so war ihm keine Tageszeit ungeeignet, kein Wetter zu schlecht uud kein Weg zu weit, um zu den Betreffenden hinzueilen und nach Möglichkeit zu helfen und Unterstützungen zu verleihen. Nicht allein, daß er so in eigener Person handelte, verstand er es, im großen Kreise seiner zahlreichen Bekannten die Herzen für fromme und wohltätige Zwecke zu wecken und empfänglich zu machen, was ihm auch vielfach mit seiner Persönlichkeit und'Redekunst gelang. Zahlreiche Arme beklagen in dem Heimgegangenen ihren Wohltäter und Helfer. Die imposante Beteiligung an dem am 7. März l. I. stattgefundene Leichenbegängnisse, bei welchem sich so viele Trauergäste einfanden, daß sie in der Leichenhalle nicht genug Raum hatten, sowie die ihm zugedachten Kränze, deren Ablösung eine Summe von 676 Kronen ergab, sprechen ganz laut und deutlich, welch großer und aufrichtigen Sympathien und hoher Achtung sich der Heimgegangene allseits erfreut hat. Oberkantor Bela Gutmann trug das „Hazir tunim“ itnrfungsöoll, iii ergreifender Weise vor. Rabbiner Dr. Schmiedl hielt dem Verstorbenen, den er als seinen guten Freund bezeichnete, einen warm empfundenen, gedankenreichen Nachrus, dessen Worte ihren Weg zum Herzen fanden. Herr Wasservogel, welcher in Bertrernng der Kultusgemeinde anwesend war, widmete dem Verblichenen einige Worte des Gedenkens. Oberlehrer S. Friedl. Wien. Sanistag, den 20. d. M. ist nach kurzem Leiden der Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde und langjährige Obmann des Tempeivereines im X. Bezirke, Herr Carl Selig mann, gestorben. Mit ihm ist eine in der Wiener jüdischen Gesellschaft vielgeachtete Persönlichkeit aus dem Leben geschieden, die sich um die Förderung kultueller und humanitärer Institutionen hervorragende Verdienste erworben hat, welche durch die vor einigen Monaten erfolgte Wahl in den Kultusvorstand allgemeine Anerkennung fanden. Besonders unvergeßlich wird das Wirken des Verstorbenen im X. Bezirke sein, und mit seinem Namen verknüpft bleibt der Kaiser Franz Josess-Jubiläumstempel daselbst, für dessen Errichtung er sich mit der ganzen Glur seines warmen jüdischen Herzens einsetzte. Das am Montag, den 22. d. M., ^11 Uhr vorm, am Zentralfriedhofe stattgehabte Leichenbegängnis zeigte eine ungewöhnlich große Beteiligung der offiziellen Kreise des Wiener Judentums. Nach ergreifendem Vorrrage der Tranergesänge durch Oberkantor Jos. Schlesinger unter Assistenz des Kantors W e i ß m a u n und des Chores, hielt Rabbiner Dr. M a n d l eine auf die Trauergemeinde erschütternd wirkende Trauerrede, in welcher er die großen Verdienste und hohen Tugenden des Verblichenen schilderte, sowie den tiefen Schmerz, die seine Familie und die große Schaar seiner Freunde ob sein Hmscheiden erfüllt. Hierauf sprachen der Präsident der Kultnsgemeinde, .Herr Dr. Alfred Stern im Namen der Kultusgemeinde, der Obmann-Stellvertreter und langjährige Freund und Mitarbeiter des Verstorbenen Herr Jakob S t r a ß b e r g im Namen des Tempelvereines im X. Bezirk, Herr Emanuel S ch i d r o w i tz naniens des isr. Humanitätsvereines X., Herr Moritz F a l t i t s ch e k im Namen des jüdischen Schulvereines X., Herr Dr. Klemperer im Namen des Vorstandes des „Unentgeltlichen Arbeitsnachweises" nnd Herr Professor K ö n i g st e i n namens der Bßiai Brilh Loge. Unter den wehmütigen Klängen der rituellen Gesänge wurden hierauf die irdischen Reste Carl S el i g ma nns zurewigen Ruhe gebettet. Er ruhe in Frieden! Drohobicz. Herr Jakob Z n p n i k, Sohn nnd Gesellschafter des Herrn A. H. Zupuik, k. u. k. Hoflieferant, Buchdruckereibesitzer und Redakteur in Drohobicz, Galizien, har sich mit Fräulein Sylvia M o s c o v i c i, Tochter des Herrn Isidor Moscowici, Bankier inFolticeni. Rumänien, verlobte Innsbruck. Am 19. d. feierte Herr Wilhelm Dann Hauser im- Familienkreise seinen 70. Geburtstag und war aus diesem Anlasse Gegenstand verschiedener Ovationen seitens der jüdischen Bürgerschaft fast ganz Tirols. Der Jubilar, einer alten Innsbrucker Familie entstammend, die zu den wenigen autochtonen Familiengilden Tirols zählt, wirkte längere Zeit in der Innsbrucker Oeffentlichkeit in hervorragendem Maße, so als Gemelnderat der Stadt Innsbruck während 24 Jahre, als Obmann des Turnvereines, als Mitglied der Handelskammer rc., bis der deutschnationale Geist diese Körperschaften erfaßte und überflutete und diesen selbstlosen fleißigen Bürger, der seine dem Geschäftsleben abgerungenen Mußestunden, dem Aufschwünge dieser schönen verkehrsreichen deutschen Stadt widmete, aus seiner stillen, aber fruchtbringenden Tätigkeit hinausdrängte, aus dem einzigen Grunde, weil er die Charakterfestigkeit und Menschenwürde besaß, seiner Glaubensüberzeugung treu zu bleiben. Ein krasses Beispiel deutscher Treue und Assimilationsfrüchte. Budapest, Mittwoch, den 24. d. M. ist die hervorragendste Persönlichkeit der ungarischen Finanzwelt, der Präsident der Budapester Börse, Magnatenhausmitglied Baron Siegmund Kornfeld, gestorben. Wie hoch die Verdienste des Verstorbenen waren, der erst vor kurzem von Sr. Majestät mit der Baronie ausgezeichnet wurde, und wie hoch das Ansehen, das er in den weitesten Kreisen genoß, das kam zu vollem Aus- - druck in einer Sitzung, die anläßlich seines Ablebens der Börsenrat der Budapester Waren- und Effektenbörse unter Vorsitz des Vizepräsidenten Jacques Simon hielt, an welcher in Vertretung des Handelsministerums Staatssekretär Josef Szterenyi teilnahm. Der Vizepräsident gedachte der großen Verdienste, die sich der verstorbene Präsident um die Börse erwarb. Staatssekretär Szterenyi ergriff hierauf das Wort, um im Namen der Regierung dem Beileid über das Ableben Kornfelds Ausdruck zu verleihen. Er sprach die Hoffnung aus, daß der Börsenrat in Zukunft die Institution den Prinzipien des Verstorbenen gemäß weiterleiten werde, nnd erklärte gleichzeitig, daß der Tod Kornfelds auch für die Regierung einen großen Verlust bedeute, da der Verstorbene einer der gewichtigsten Berater der Regierung war. Sodann wurden die Anträge des Präsidiums hinsichtlich der Trauerkundgebung der Börse einstimmig angenommen. Der Börsenrat beschloß, das Andenken Kornfelds protokollarisch zu verewigen und diesen Beschluß der trauernden Familie mitznteilen. Während einer Woche werden Trauerflaggen am Börseugebände angebracht sein. Der Börseurat beteiligt sich korporativ an dem Leichenbegängnis und richtete an die Familie die Bitte, daß es vom Palais der Börse aus stattfinden solle. Zum Zeichen der Trauer wird vom 24. d., nachmittags halb 2 Uhr, bis zum 26. d., mittags 12 Uhr, die Börse geschloffen. Ferner ivird eine Marmorstatue aufgestellt nnd sein Porträt für den Beratungssaal angefertigt werden. Eine der nächsten Generalversammlungen des Börseurates wird ausschließlich dem Andenken des Präsidenten gewidmet ein. Da die Familie des Verstorbenen den Antrag des Börsenrates, die Bestattungsfeierlichkeiten von der Börse aus zu veranstalten.